SWB 03/00

Keine Angst vor Autorität

Axel Köhler-Schnura erhält Preis der Solbach-Freise Stiftung für Zivilcourage

Dass es ein Staatsoberhaupt war, das den Begriff "Zivilcourage" prägte, wird dem diesjährigen Preisträger der Solbach-Freise Stiftung für Zivilcourage wohl kaum behagen. Dass es sich bei dem Politiker ausgerechnet um den ehemaligen Reichskanzler Otto von Bismarck handelt, vermutlich noch weniger. Vielleicht aber teilt Axel Köhler-Schnura dessen Kritik an mangelndem couragierten Handeln zu Friedenszeiten, die zu der Wortschöpfung führten. Bismarck registrierte nämlich unter den Seinen, die sich todesmutig in jedes Schlachtengetümmel zu werfen bereit waren, eine auffallende Zurückhaltung, wenn es darauf ankam, Alltagssituationen tapfer zu bestehen.

Der 51jährige Axel Köhler-Schnura, der den zum fünften Mal vergebenen und mit 5.000 DM dotierten Preis heute entgegen nimmt, entwickelte diesen Mut schon früh. In der Schule ergriff er konsequent für schwächere Mitschüler Partei, spielte eine wesentliche Rolle bei der antiautoritären Reformierung des Schulwesens und wurde sogar vom damaligen bayrischen Ministerpräsidenten Goppel ausgezeichnet - für ein Schülerforum zur Kritik an der Institution Schule.

Wurden Köhler-Schnuras vielfältige Aktivitäten schon früh mit dem Verdikt "Kommunist" belegt, ohne dass der Junge etwas mit dem Wort anfangen konnte, so wurde er während des Betriebswirtschaftsstudiums in Regensburg zum ersten Mal konkret mit den Lehren von Karl Marx konfrontiert. Und er fand in dessen Werken die Ursachen für Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Machtmissbrauch auf den Punkt gebracht. Axel Köhler-Schnura wurde tatsächlich Kommunist und trat in die DKP ein.

Köhler-Schnura studierte BWL und Soziologie, lernte Französisch, Italienisch und slavische Sprachen, besuchte Mathematik- und Informatik-Vorlesungen. Zugleich behielt er ein waches Auge für die Zwänge innerhalb des Lernbetriebs. Er übernahm eine führende Rolle in der bayrischen Studentenbewegung, kämpfte gegen Hochschulgesetze und demokratische Rechte inner- und außerhalb der Universität.

Nach dem Studium zog er nach Wuppertal, um in die Geschäftsleitung eines Betriebs der DKP einzutreten, der Betriebs- und Stadtteil- Zeitungen publizierte. Und sein Leben nahm in Wuppertal auch eine politische Wendung: Ein Großunfall in einem Chemiewerk des Unternehmens Bayer, ganz in der Nähe seiner Wohnung, stieß ihn auf das Thema Ökologie und Einfluss der Konzerne. Ein weiteres Thema, dem Köhler-Schnura viel Energie widmet, ist die Aufarbeitung der Rolle deutscher Unternehmen im Dritten Reich und die Entschädigung überlebender Zwangsarbeiter. Er initiierte eine Bürgerinitiative, aus der im Laufe der Zeit das international arbeitende Netzwerk Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V. (CBG) entstand. Nicht zuletzt seinem Engagement ist es zu verdanken, dass diese Gruppe 1999 ihr 20-Jähriges Bestehen feiern konnte. Auch das heute überreichte Preisgeld wird er für die konzernkritische Arbeit verwenden.

Er versuchte, ökologische Gedanken auch in die Partei und in den Betrieb hineinzutragen, was nur unzureichend gelang. Köhler-Schnura, der sich auch innerhalb der DKP stets seine Unabhängigkeit bewahrt hat und mit den Gremien bereits bei Auseinandersetzungen um die Stalin-Ära in Konflikt geraten war, zog daraus die Konsequenz, seinen Posten im Parteibetrieb aufzugeben.

Zivilcourage - das bedeutet stets auch, bereit zu sein, die Konsequenzen des nicht opportunen Handelns zu tragen. Und die hat Axel Köhler- Schnura reichlich zu spüren bekommen. Als Schüler wurde er wegen seiner langen Haare dem Psychologen vorgeführt, einem Schulverweis entging der Aufsässige mehrfach nur knapp, und an der Universität, an der er parallel zu seinem Studium für die Deutsche Forschungsgemein-
schaft arbeitete, war er wegen seines politischen Engagements ständig von Berufsverbot bedroht. In den Jahren 1986 bis 1992 wurde er vom Bayer-Konzern mit Prozessen überzogen, die sein ganzes persönliches Vermögen kostete - obwohl er und die Coordination gegen BAYER- Gefahren vor dem Bundesverfassungsgericht einen Sieg gegen den übermächtigen Gegner davontrugen.

Am schwersten zu verkraften waren jene Restriktionen, die den privaten Bereich trafen. So wurden dem Ausgezeichneten und seiner Frau aufgrund ihrer politischen Einstellung die Adoption von Kindern verweigert. Der Verfassungsschutz und der Werkschutz von Bayer bespitzelten ihn und seine Familie und drangen sogar widerrechtlich in die Wohnung ein.

Die Frage, ob sich das Engagement gelohnt oder ob es nicht doch zuviel gekostet hat, stellt sich für Axel Köhler-Schnura jedoch nicht. Es war für ihn stets selbstverständlich so handeln, wie er gehandelt hat. Als entscheidene Prägung nennt Köhler-Schnura seine Mutter, deren tiefer Humanismus und Gerechtigkeitssinn seinem Leben die entscheidende Richtung gaben. Diese "Mitgift" ließ sein Engagement bis heute nicht erlahmen und prägt das Lebensmotto von Axel Köhler-Schnura: "Lieber ein unbequemes Leben führen, als nur einen Tag in Mitverantwortung für Ungerechtigkeit leben."