SWB 04/00 - Ticker

KAPITAL & ARBEIT

Ausgliederung von 2.300 Beschäftigten
BAYER gliedert 2.300 Belegschaftsangehörige der Bereiche "Logistik" und "Wirtschaftsbetriebe" in konzern-eigene GmbHs aus. Damit braucht der Konzern sie nicht mehr mehr nach den Chemie-Tarifen zu bezahlen. Für die Betroffenen bedeutet das Lohn-Abschläge von bis zu 40 %. Ermöglicht wurde ein solches Vorgehen, das sich bald auch auf andere Unternehmensteile wie etwa den Werkschutz erstrecken könnte, durch einen Passus im geltenden Tarif-Vertrag (siehe auch AKTION & KRITIK).

Ausgliederung des Rechenzentrums
Der BAYER-Konzern hat sein Rechenzentrum mit ca. 110 MitarbeiterInnen ausgegliedert. An der neu geschaffenen GmbH SCALEON ist das Hamburger Software-Unternehmen SYSTEMATICS zu 25 % beteiligt. Für die Beschäftigten gilt nach wie vor der Chemie-Tarifvertrag. Es gelang dem Betriebsrat aber nicht, BAYER zu veranlassen, die weitere Gewährung von Zusatzleistungen in einem Überleitungsvertrag festzuschreiben. Die SCALEON-Belegschaft wird also mit Lohn-Einbußen zu rechnen haben.

Gipperich zum Verkauf von Betriebsteilen
Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der BAYER AG, Erhard Gipperich, betrachtet das Vorgehen des Konzerns, sich von allen nicht zum "Kerngeschäft" gehörenden Unternehmenssparten zu trennen, teils mit hilfloser Sorge, teils aber auch wohlwollend. Und das deshalb, "weil solche Aktivitäten auch nach unserer Einschätzung der vernünftigste Weg zur Sicherung der Standorte und der Arbeitsplätze sein können". "Arbeitsplätze vernichten, um Arbeitsplätze zu erhalten" - sollte die Gewerkschaft sich diese BAYER-Logik zu eigen machen, so beraubte sie sich wichtiger politischer Handlungsmöglichkeiten.

Kritik an Standort-Verhandlungen
Im Herbst haben zwischen den Betriebsräten und der Geschäftsführung Verhandlungen über eine neue Standortsicherungsvereinbarung begonnen. DIE KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine alternative Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, haben sich in einem Sonderblatt gegen einen nochmaligen Abschluss ausgesprochen. Der letzte Standort-Vertrag habe für die Beschäftigten nur Nachteile gehabt, argumentieren sie: Vernichtung von 4.500 Arbeitsplätzen, Ausgliederungen, Streichung von Zulagen, Senkung des Übertarifs und Arbeitsverdichtung. Der Forderungskatalog, den BAYER kurz vor Beginn der zweiten Gesprächsrunde veröffentlicht hat, gibt den DURCHSCHAUBAREN in ihrer ablehnenden Haltung Recht. Er enthält Punkte wie "Samstagsarbeit als Regelarbeitszeit", "flexible Arbeitszeiten", "Wegfall der Nachtschichtszuschläge" und "Nutzung der Öffnungsklausel zur Ausgliederung verschiedener Unternehmensteile". Der Betriebsrat hat diese Vorstellungen zwar als "völlig überzogen" kritisiert, ist aber in puncto Ausgliederung der Service-Bereiche schon eingeknickt. "Fakt ist", so der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Erhard Gipperich, "dass deren Angebot in gleichwertiger Qualität auf dem externen Markt preiswerter angeboten wird, weil dort die Tarifentgelte niedriger sind als unsere."

Vorstandsgehälter: + 42,8 %
Während die Tarif-Erhöhungen für Chemie-Beschäftigte in den letzten drei Jahren jeweils nur 2,5 bis 3 % betrugen, stiegen die Gehälter der BAYER-Vorstände von 1997 bis 1999 um sage und schreibe 42,8 %. Lag das Durchschnittseinkommen der Vorstandsmitglieder 1997 noch bei "nur" 1,9 Mio. Mark, so konnten sie 1999 schon 2,5 Mio. Mark einstreichen. Nur die DEUTSCHE BANK, DAIMLERCHRYSLER, VW und MANNESMANN statteten ihre Chef-Etagen mit noch höheren Bezügen als der Leverkusener Chemie-Multi aus.

Schmoldt für 50-Stunden-Woche
Hubertus Schmoldt, Vorsitzender der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE), tat sich in der Öffentlichkeit wieder einmal mit äußerst Unternehmer-freundlichen Aussagen hervor. Er plädierte für die Einführung der 50-Stunden-Woche, sollte die betriebliche Situation Mehrarbeit erforderlich machen. Zudem trat Schmoldt für Entgelt- Zahlungen ein, die an den Geschäftsablauf gekoppelt sind - natürlich ohne die Beschäftigten in angemessener Form an den Profiten zu beteiligen. Im Gegensatz zur IG METALL hält der IG BCE-Vorsitzende auch nichts davon, im "Bündnis für Arbeit" über Tarifpolitik zu diskutieren. Stattdessen sollte sich die Runde "Fragen der Wettbewerbsfähigkeit" zuwenden. Das wird BAYER-Chef Schneider wieder gern gehört haben.

Pharma-Umsatz steigt um 27 %
Im ersten Quartal 2000 hat BAYERs Umsatz mit Pharmazeutika im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 27 % zugelegt. Aber das reicht dem neuen Pharma-Chef David Ebsworth noch nicht. Mit einer Reihe von Maßnahmen will er die Profite weiter steigern. Das Programm "Redirecting Medical" soll die BAYER-ForscherInnen anhalten, mehr medizinisch relevante Substanzen zu entdecken, die Entwicklungs-
phasen zu beschleunigen und gleichzeitig noch jährlich 60 Mio. Euro einzusparen. Das Marketing wird künftig via USA als eigenständiges Ressort betrieben. Ebsworth hat auch vor, die Bereiche "Regulatory Affairs" und "Global Head of Medical Development" aus Wuppertal in die Vereinigten Staaten zu verlegen. Zudem plant der Manager, Teile der klinischen Arznei-Prüfungen auszulagern. Aber nicht nur das wird Arbeitsplätze vernichten. Diese Aussicht steht den Mitarbeitern auch bevor, sollte BAYER sich von zwei bis drei Pharma-Produktionsstätten trennen, was David Ebsworth als möglich bezeichnete. Zuvor hatte der Chemie-Multi bereits das Kölner TROPON-Werk, die Beteiligung an SCHEIN und das Geschäft mit Arzneien gegen Allergien abgestoßen.

Durchschaubare zur Rente
DIE KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAU-BARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine alternative Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, wenden sich in ihrem Flugblatt vom Februar gegen die verschiedenen Modelle zur privaten Vorsorge als zweite oder dritte Säule der Alterssicherung. Da die Altersvorsorge Betreibenden bei Lebensversicherungen oder privaten Rentenversicherungen allein für die Beiträge aufkommen müssen, sehen die DURCHSCHAUBAREN in diesen Angeboten keine Alternative zu einer solidarisch finanzierten Rente. Auch die BAYER-Betriebsrente erscheint den linken GewerkschaftlerInnen nicht als ein geeignetes Mittel, da nicht davon gesprochen werden könne, "dass der Arbeitgeber sie überdurchschnittlich bezuschusst". Das Unternehmen beteiligt sich nämlich lediglich mit einem jährlichen Betrag von 264 Mark an der zusätzlichen Altersvorsorge seiner MitarbeiterInnen. Deshalb gingen eine Woche vor Zeichnungsschluss auch nur 8 % der Beschäftigten auf das Angebot des Konzerns ein; nach einem erneuten Werbefeldzug für die betriebliche Altersversorgung waren es dann 16,4 %. Die DURCHSCHAUBAREN plädieren stattdessen dafür, die gesetzliche Rentenversicherung zu stärken, etwa durch eine Erweiterung des Kreises der BeitragszahlerInnen oder durch eine von den Unternehmen erhobenene Wertschöpfungsabgabe. Damit würde statt der Zahl der Beschäftigten die jeweilige Wirtschaftskraft des Unternehmens zur Bemessungsgrundlage. Arbeitsplatzvernichtungen hätten dann nicht mehr den Effekt, den Konzernen niedrigere Sozial-Beiträge zu bescheren.

IG BCE contra DURCHSCHAUBARE
Seit einiger Zeit verstärkt die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) ihre Bestrebungen, die Arbeit der Betriebsräte von den DURCHSCHAUBAREN, einer alternativen Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, zu hintertreiben. "Je mehr sich die Gerüchte um eine Umorganisation der BAYER AG verdichten, um so mehr steigern sich die Aktivitäten, unseren Einfluss zu beschneiden", schreiben DIE KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT in ihrem Flugblatt vom März dieses Jahres. Obwohl den Gewerkschaftslinken gemäß des Betriebsratswahlergebnisses eine bestimmte Anzahl von Ausschuss- Mandaten sowie Freistellungen zustehen, entzog die IG BCE zwei DURCHSCHAUBAREN eine Bereichsleitung. Gegen einen anderen startete die Chemie-Gewerkschaft sogar eine Unterschriften-Kampagne, um ihn aus dem Wirtschaftsbetriebe-Ausschuss zu drängen.

Arbeitsplatzvernichtungen in Wuppertal
Der BAYER-Konzern plant, in der Wuppertaler Toxikologie-Abteilung Arbeitsplätze zu vernichten. Dies berichtet die BELEGSCHAFTSLISTE, eine alternative Gewerkschaftsgruppe im Wuppertaler BAYER-Werk, in ihrem Belegschaftsinfo vom März des Jahres. "Wer bearbeitet die neuen Wirkstoffe, deren Anzahl von der Forschung jährlich gesteigert werden soll? Wie will die chemische Industrie ihre Zusage erfüllen, Tausende von 'Altstoffen' zu untersuchen?, fragt das Blatt der BELEGSCHAFTSLISTE und kritisiert nicht nur diese Maßnahme, sondern auch das Konzern- Vorhaben, künftig wieder 25 % der Forschungsarbeiten an Fremdfirmen zu vergeben.

Arbeitsplatzvernichtungen in Walsrode?
4 Prozent Rendite erwirtschaftete die 100-prozentige BAYER-Tochter WOLFF WALSRODE im Geschäftsjahr 1999. Da das dem Leverkusener Chemie-Multi nicht reichte, drängte er auf eine Umstrukturierung. Im Juli sind erste Einzelheiten der Pläne bekannt geworden. So soll die AG in neun selbstständige Unternehmen aufgespalten werden. Ein Verkauf einzelner dieser neu entstandenen Firmen ist dann zu erwarten - und wohl auch Arbeitsplatzvernichtungen.

Arbeitsplatzvernichtungen bei AGFA
Die AGFA AG, an der BAYER noch zu 30 % beteiligt ist, will sich mehr auf digitale Graphische Systeme für die Druckindustrie und digitale Technische Bildsysteme, z.B. für Anwendungen im Medizin-Bereich, konzentrieren. "Wir denken also nicht mehr so sehr in Silberchemie, sondern in Bits und Bytes", bekundete Vorstandschef Klaus Seeger in einem FAZ-Interview. Weil der Konzern in diesen Bereichen mehr Rendite erwirtschaftet als in der Sparte "Consumer Imaging" mit den Kleinbild-Filmen für den Hobby-Fotograf, plant AGFA in diesem Unternehmensteil 450 Arbeitsplätze zu vernichten. Darüber hinaus kündigte Seeger für das laufende Jahr und 2001 die Zusammenlegung von Produktionsstätten und Lägern an, was ebenfalls zu Rausschmissen führen wird. In der Vergangenheit hatte AGFA bereits Niederlassungen in Italien, Spanien und der Bundesrepublik dicht gemacht.

Schikanen bei Arztbesuch
Die tariflichen Bestimmen sehen vor, den Arztbesuch eines Belegschaftsmitgliedes mit einer Zeitgutschrift zu verrechnen. Ein Abteilungsleiter des Wuppertaler BAYER-Werkes verweigerte einem Mitarbeiter das jedoch. Darüber hinaus forderte er den Betreffenden auch noch auf, ein Attest vorzulegen, das die Notwendigkeit der medizinischen Untersuchung bescheinigt. Von diesen unwürdigen Schikanen berichtet das Belegschaftsinfo 4/00. Es wird von der BELEGSCHAFTSLISTE, einer alternativen Gewerkschaftsgruppe im Wuppertaler BAYER-Werk, herausgegeben.

Digitalisierung von Betriebsabläufen
Die Verknüpfung von Betriebsabläufen durch computerisierte Netzwerk-Lösungen schreitet bei BAYER unaufhaltsam voran. Das Kölner Dienstleistungsunternehmen INFORM AG entwickelt für den Chemie-Multi eine Software, die alle Posteingänge elektronisch erfasst. Zudem verknüpft es die so aufbereiteten Dokumente mit dem Außendienst-Informationssystem ADIS, so dass Außendienst- MitarbeiterInnen von ihren externen Büros aus jederzeit auf bestimmte Informationen zugreifen können. In einem weiteren Arbeitsschritt soll diese Archiv-Funktion mit BAYERs Betriebssoftware SAP kompatibel gemacht werden. Diese Rationalisierungstechnologie dürfte zur Vernichtung von Arbeitsplätzen führen, besonders in der Registratur- Abteilung des Konzerns.

Dienstreisen-Management mit SAP TM
BAYER hat mit den Unternehmen SAP und AMADEUS einen Kaufvertrag über eine spezielle Software zur Abwicklung von Dienstreisen abgeschlossen. Der Konzern erwartet von der Möglichkeit, Flüge, Zug-Tickets, Mietwagen und Hotels in einem einzigen Arbeitsschritt online zu buchen, Zeit- und Kosten-Ersparnisse. Diese Rationalisierungsmaßnahme könnte in den BAYER-Büros zu Arbeitsplatzvernichtung führen.

Nur 1.034 neue Lehrlinge
Um mehr als ein Drittel ist die Zahl der Ausbildungsplätze bei BAYER in den letzten zehn Jahren zurückgegangen. Waren es 1990 noch 1.600 Lehrstellen, so strich der Konzern sie bis zum Jahr 2000 auf 1.034 zusammen. Darüber hinaus muss ein  großer Teil der Lehrlinge, die das Unternehmen übernommen hat, auf einen festen Arbeitsplatz verzichten. 266 der 491 Ausgelernten steckte der Chemie-Multi in den so genannten Ausgebildeten-Pool. Ihnen steht eine frustierende Karriere als SpringerInnen bevor, die je nach Bedarf flexibel eingesetzt werden können.

Mehr Profite, weniger Beschäftigte
Die Chemie-Konjunktur brummt. BAYER-Chef Manfred Schneider stellte in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des "Verbandes der Chemischen Industrie" (VCI) im August den neuen Lagebericht vor, nach dem die Branche für das Jahr 2000 Produktionssteigerungen von 4,5 % erwartet. Trotz dieser Entwicklung ging die Vernichtung von Arbeitsplätzen unaufhaltsam weiter. Die Zahl der Stellen sank im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um 1,4 % auf 469.200. Zu zwei Dritteln waren ArbeiterInnen, zu einem Drittel Angestellte von den Rausschmissen betroffen. Der VCI wollte diesen Widerspruch mit der Notwendigkeit erklären, den "Standort Deutschland" zu sichern und verwickelte sich so noch mehr in Widersprüche. Denn "Arbeitsplätze vernichten, um Arbeitsplätze zu erhalten" - diese Logik versteht keine/r.

Arbeitsmediziner: Mehr Stress bei BAYER
BAYERs ärztliche Dienste feierten in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Ob die Einrichtung noch ein weiteres Betriebsjubiläum feiern kann, steht in Frage. Die ArbeitsmedizinerInnen fürchten nämlich, ausgegliedert zu werden. In der Vergangenheit haben die ÄrztInnen die Beschäftigten hauptsächlich wegen der gesundheitsschädlichen Auswirkungen der Chemikalien behandelt. Bei rund einem Prozent der PatientInnen nahmen diese ein solches Ausmaß an, dass die MedizinerInnen ihnen zu einem Berufswechsel raten mussten. Heutzutage sieht der ehemalige Leiter des Ärztlichen Dienstes, Dr. Manfred Albrod, vor allem den zunehmenden Stress, der durch mehr Überwachungsaufgaben, wechselnde Arbeitsplätze, stärkere Konkurrenz und längere Arbeitszeiten entsteht, als Hauptbelastungsfaktor für die Gesundheit der BAYER-MitarbeiterInnen an.