SWB 01/01

Wirtschaftslobbyisten wollen Greenpeace kopieren

Bund der Deutschen Industrie:
NGOs mit eigenen Waffen schlagen

von Philipp Mimkes

Die im Bundesverband der Deutschen Industrie zusammengeschlos-
senen Firmen wollen offensiver auf die Kritik von Nichtregierungsorgani-
sationen (NGO) reagieren und verstärkt eigene Kampagnen durchführen. In dem der taz vorliegenden Diskussionspapier Nichtregierungsorgani-
sationen - Herausforderung für die Wirtschaftsverbände beklagt der BDI den großen Einfluss unabhängiger Organisationen auf die öffentliche Meinung und fordert eine verbesserte Außendarstellung der Unternehmensinteressen: "Ihre internationale Vernetzung schafft den NGOs einen Wissens- und Handlungsvorsprung. Organisationen wie amnesty international oder der WWF gelten in der breiten Öffentlichkeit als glaubwürdig und haben einen hohen Vertrauensvorschuss." Sorge bereitet den Industrielobbyisten, dass NGOs nicht nur die klassischen Problemfelder Umwelt und Menschenrechte beackern, sondern auch zu wirtschaftsrelevanten Themen wie Internationaler Handel, Produktions-
bedingungen oder Auslandsinvestitionen Stellung beziehen.

Der BDI hat daher eine Arbeitsgruppe gebildet, die Informationen über Mitgliedschaft, Finanzierung und innere Struktur der wichtigsten NGOs sammelt und Strategien im Umgang mit der unliebsamen Konkurrenz erstellt. In Zukunft wollen die Lobbyorganisationen verstärkt Techniken von NGOs kopieren und eigene Kampagnen durchführen - gerade zu strittigen Bereichen wie der Gentechnik oder den Auswirkungen der Globalisierung.

Um auf die Spezialisierung der Kritiker besser reagieren zu können, soll ein Expertennetzwerk mit Unternehmungsvertretern aufgebaut werden; dieses soll besonders auf europäischer Ebene aktiv werden und verstärkt das Gespräch mit Politikern und EU-Beamten suchen. Die interne Kommunikation soll mittels Email-Verteilern gewährleistet und somit ebenfalls den NGOs abgeschaut werden - die legendäre Battle of Seattle war fast vollständig über das Internet organisiert worden.

Im Konfliktfall unterscheiden die Experten des BDI drei verschiedene Handlungsmuster: Nichtbeachtung, Dialog und Konfrontation. Die Strategie der Nichtbeachtung, die auf eine Ignorierung jeglicher Kritik hinausläuft, wird nur bei unbekannten und machtlosen Gegnern empfohlen. Auch eine konfrontative Herangehensweise, bei der die Kritiker diskreditiert oder mit Prozessen bedroht werden, habe sich wegen des entstehenden Imageverlusts nicht bewährt. Empfohlen werden daher Dialogrunden mit NGOs, mit denen "Expertise abgeschöpft" und den Kritikern der Wind aus den Segeln genommen wird. So ließen sich "ohne Aufgabe des eigenen Standpunktes" das Potential der Gegner abschätzen und Konfliktsituationen vermeiden.

Um die Lösung realer Probleme geht es den Kommunikationsberatern dabei allerdings nicht - Ziele des Dialogs mit der Zivilgesellschaft seien "die Chance für verbesserte Interessendurchsetzung gegenüber der Politik und Imagegewinn in der Öffentlichkeit."