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Brasilianisches Werk in der Kritik von GREENPEACE
"Wenn es von BAYER ist, ist es Gift"
Von Jan Pehrke
BAYER betrachtet Brasilien mit seinen 170 Millionen EinwohnerInnen als den wichtigsten südamerikanischen Markt. Seit 1911 ist der Multi
in dem Land präsent. Die erste eigene Produktionsanlage nahm er 1921 in Betrieb. Während des Zweiten Weltkrieges konfiszierte der Staat die mittlerweile zum - von BAYER mitgegründeten - Mörder-Konzern IG FARBEN
gehörigen Fertigungsstätten. 1952 gelang es dem Chemie- Riesen dann, sie zurückzukaufen. Und schon bald darauf begann er mit den Planungen zu einem großem Werk in Belford Roxo nahe Rio de Janeiro. "Die
Produktions- und Ingenieurabteilungen entwarfen auf Basis bewährter Technik Anlagen, die unter den dortigen klimatischen Bedingungen mit Hilfe der im Lande verfügbaren Technik errichtet werden (...) konnten",
berichtet BAYERs Firmen-Chronik "Meilensteine" und resümiert: "Die BAYER-Technik war also ohne Zugeständnisse an Qualität und Sicherheit zu 'brasilianisieren'". Diese
"Brasilianisierung" des Werkes Belford Roxo, das unter anderem Pestizide, Kunststoffe, Gerbstoffe für die Leder-Industrie, Farbstoffe und diverse chemikalische Zwischenprodukte herstellt, führte offenbar
aber doch zu doppelten Standards bei den Umweltschutz-Vorrichtungen, wie die GREENPEACE-Expertise jetzt beweist.
Die ForscherInnen Labunska, Stringer und Brigden nahmen direkt an der Einleitungsstelle der BAYER-Abwässer in den Sarapui-Fluss sowie stromaufwärts und
stromabwärts jeweils Erd- und Wasserproben. Weitere Samples füllten sie in der Umgebung der ebenfalls zum Werk gehörenden Müllverbrennungsanlage und der Müll-Deponie ab. Überall stießen die WissenschaftlerInnen auf
extrem hohe Schadstoff-Werte.
Rund um das zentrale Werksabwasser-Rohr wiesen sie massive Schwermetall-Belastungen nach. Der Zink-Wert betrug 1884 mg/kg, der Mangan-Wert 1048 mg/kg und der
Kupfer-Wert 1115 mg/kg. Sie lagen damit um das 6fache, bzw. 20- und 30fache über der für diese Stoffe sonst üblichen Hintergrundbelastung. Der Wert für Quecksilber (22 mg/kg) überschritt sie sogar um das 800fache.
Für die ForscherInnen ließ das nur einen Schluss zu: "Die Resulate zeigen, dass das Schadstoff-Management des Werkes nicht effizient ist und eine Ursache der Verschmutzung des Sarapui-Flusses darstellt."
Noch höher fielen die Messdaten für Schwermetalle in der Nähe der Müll-Deponie aus. Quecksilber wurde in einer Konzentration von 244 mg/kg gemessen. Es übertraf damit die Hintergrundbelastung in der Spitze bis zu
12.000fach! Quecksilber baut sich in der Umwelt nur in äußerst langen Zeiträumen ab und wirkt als einziges Schwermetall "bioakkumulativ", d.h. über die Nahrung aufgenommenes Quecksilber erhöht den
Spiegel dieser Substanz im Körper kontinuierlich. Der Giftstoff kann das Gehirn und das Nervensystem schädigen und Nieren-Erkrankungen hervorrufen. Von den anderen in den BAYER-Proben festgestellten Schwermetallen
gehen ebenfalls massive Gesundheitsgefährdungen aus. Cadmium belastet die Nieren in ähnlicher Form wie das Quecksilber, schränkt die Enzym-Tätigkeit im Organismus ein und stört den Aminosäuren- Stoffwechsel. Chrom
zählt zu den krebserregenden Stoffen. Blei ist imstande, die Bildung des Blutfarbstoffes Hämoglobin zu hemmen und so Anämie (Blutarmut) auszulösen. Mangan hat es sogar zu der traurigen Berühmtheit einer eigenen
Krankheitsbezeichnung gebracht. Manganismus ist der Fachbegriff für eine Gesundheitsstörung, bei der infolge einer Vergiftung durch dieses Schwermetall das Nervensystem sowie die Gehirn-Funktion des/der betroffenen
PatientIn geschädigt sind.
Bei den anderen in den Proben nachgewiesenen Stoffen ist besonders der hohe Anteil von Chlorchemikalien Besorgnis erregend. 38 chlorhaltige Substanzen wie
DDT, HCH oder PCB fanden sich in den verschiedensten Zusammensetzungen an der Einleitungsstelle der BAYER-Abwässer. DDT, HCH und PCB schädigen das Zentrale Nervensystem. DDT kann in hohen Konzentrationen sogar
tödlich sein. Der unter dem Namen Lindan geläufige Pestizid-Wirkstoff HCH vermag zahlreiche Krebsarten auszulösen. Die unter anderem als Kühlmittel, Weichmacher und Isoliermaterial eingesetzte Industrie-Chemikalie
PCB stört den Vitamin-A-Stoffwechsel und wirkt Krebs fördernd. Wie gefähr- lich der "Holzschutz"- und Pilzbekämpfungsmittel-Inhaltsstoff HCB ist, der im Müll-Sample der BAYER-Deponie gemessen wurde,
zeigte ein tragisches Unglück in der Türkei. Zwischen 1955 und 1959 gelangte HCB-verseuchtes Getreide in die Brot-Produktion. Kurz darauf litten 600 Menschen an einer schweren Leberkrankheit. Von den Kindern, deren
Mütter dem Gift ausgesetzt gewesen waren, überlebte keines länger als ein Jahr.
Aufgrund dieses Horror-Kataloges zählen DDT, PCB, Lindan und HCB zum "dirty dozen", dem "dreckigen Dutzend" der 12 giftigsten Chemika-
lien der Welt. In der Bundesrepublik ist ihre Verwendung in der industriellen Chemie-Produktion seit langem untersagt. International unterlag ihre Herstellung strengen Auflagen des POP-Protokolls, ehe sich die an
diesem UN-Umweltschutzprogramm beteiligten Länder im Dezember 2000 auf der POP-Konferenz in Südafrika trotz der Lobby- Arbeit von BAYER & Co. auf ein absolutes Verbot einigten.
Einstweilen können die chemischen Keulen ihre giftige Wirkung aufgrund ihrer Langlebigkeit in Belford Roxo jedoch noch entfalten. Neben diesen historischen
Kontaminationen mit ihren fortwährenden umweltschäd- lichen Folgen gibt es im Falle eines "dirty dozen" Stoffes, dem PCB, aber auch noch aktuelle. Die Substanz entsteht nämlich bei der Müllver-
brennung unaufhörlich neu. Selbst flussabwärts des Sarapui stieß das GREENPEACE-Forscherteam auf diese Chlorchemikalie. Um das zu erklären, stellen sie die Vermutung an, die durch die Müllverbrennung entstehende
PCB-Belastung sei so hoch gewesen, dass der Wert die Auflagen für die noch zulässigen Luft-Emissionen überschritt und BAYER das PCB deshalb einfach auf dem Wasserwege "entsorgt" hat. Labunska, Stringer und
Brigden haben zwar nicht genügend Daten- Material zur Stützung dieser These, aber bisherige Erfahrungen legen diese Vermutung nahe. Es ist nämlich bei BAYER & Co. eine übliche Praxis, mit Schadstoffen wie auf
dem Verschiebe-Bahnhof zu verfahren und - wenn etwa der Entsorgungsweg Luft durch das Erreichen eines Grenzwerts verstopft ist - einfach den Entsorgungsweg Wasser oder Boden zu wählen. Um diesen Umtrieben Einhalt zu
gebieten, hat die Umweltgesetzgebung der EU jüngst ein ganzheitlicheres - nicht mehr nach Auflagen für Boden, Luft oder Wasser differenzierendes - Emissionsregelwerk auf den Weg gebracht, von dem Verbesserungen zu
erwarten sind - wenn es denn dem Lobby-Druck standhält.
Eine dritte hochgiftige, Krebs erregende und das Erbgut schädigende Stoffgruppe, die polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe, kurz PAKs, stellen im
Umfeld der BAYER-Mülldeponie die größte Belastung dar. Naphthaline, Anthracene, Pyrene und Phenanthrene bestimmten die WissenschaftlerInnen aber auch in den Erd- und Wasserproben strom-
aufwärts des Sarapui und an der Einleitungsstelle.
Einmal mehr weist die GREENPEACE-Studie nach, in welchem Umfang Global Player wie BAYER die niedrigeren Umwelt-Standards der ärmeren Länder als
Standort-Vorteil für sich nutzen und so Menschen, Tiere und die Umwelt gefährden. "Wenn es von BAYER ist, ist es Gift", müsste es deshalb sinnigerweise in Brasilien heißen.
Anm.: POPs: Persistent
Organic Pollutants = langlebige organische Gifte
Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) schließt sich den folgenden GREENPEACE-Forderungen an:
- Entwicklung eines Ausstiegskonzepts aus der Müllverbrennung - Modernisierung der Produktionsanlagen zur Verminderung von Emissionen
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