SWB 02/01

BAYER-Tochter kauft im Kongo Edelmetalle

Kriegsgewinnler HC STARCK

Von Philipp Mimkes

Die Hügel um die Stadt Mumba im Osten des Kongo sind mit Stollen und kleinen Bergwerken übersäht. Beim Untergang der Sonne klettern Minenarbeiter aus den schlecht befestigten Gräben, einige umklammern Plastiktüten mit schwarzem Sand. Die Arbeit ist hart und gefährlich. Niemand kontrolliert die Sicherheit, und viele Bergleute schürfen auf eigene Faust. Erst am letzten Wochenende wurden 70 Arbeiter in einem einstürzenden Stollen begraben. Zweimal wöchentlich kommen schwer bewaffnete Soldaten in die Region 50 km nordwestlich von Goma und kaufen den bröckeligen Sand für 20 Dollar pro Kilo an - ein Vermögen in diesem Teil der Welt. Keiner der Minenarbeiter kennt den Grund für das große Interesse an dem Mineral, nach dem sie suchen. "Wir wissen nicht, warum Coltan so teuer ist" sagt Martin Nkibatereza, "wofür kann man es gebrauchen?"

Coltan - Abkürzung von Colombo-Tantalit - enthält das seltene Metall Tantal, eines der zur Zeit begehrtesten Elemente überhaupt. Das extrem hitze- und säureresistente und einfach zu verarbeitende Edelmetall wird für die Produktion von Handys, Flugzeugmotoren, Airbags, Nachtsicht-
geräten und hochmodernen Kondensatoren verwendet. Das Pentagon stuft Tantal als strategischen Rohstoff ein, die wichtigsten Reserven liegen in Australien, Brasilien und Kongo. Als das Rohmineral Coltan im letzten Jahr knapp wurde, stieg der Preis und verdoppelte sich in kurzer Zeit mehrmals. Die Rebellengruppe RCD (Rassemblement Congolais pour la Démocratie), die den Osten des Kongos beherrscht, nahm das zum Anlass, ein Exportmonopol zu beanspruchen. "Wir befinden uns schließlich im Krieg", erklärt Adolphe Onusumba, Präsident der von Ruanda unterstützten RCD: "Wir müssen unsere Soldaten ausrüsten und bezahlen". Bis zu einer Million Dollar bringt der Handel in einem guten Monat, fünf Mal soviel wie das Diamanen-Geschäft.

Etwa die Hälfte des kongolesischen Tantalits wird nach Recherchen der Washington Post von der deutschen Firma H.C. STARCK, einer Tochter des Leverkusener Bayer-Konzerns, weiter verarbeitet. H.C. STARCK gehört weltweit zu den wichtigsten Käufern dieses Sondermetalls, das weiterverarbeitet zu Tantal astronomische Gewinne abwirft. "Wir haben beispielsweise auf dem Gebiet der Tantal-Kondensatoren unseren Umsatz verdreifacht, in Europa die Marktführerschaft erreicht und unsere Weltmarktposition von sieben auf fünf verbessert", zitiert die Taz vom 4.4.01 aus dem H.C. STARCK-Geschäftsbericht.

Fragen nach der Herkunft ihrer Produkte beantwortet die Firma nicht. Ein Brief der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN, der sich nach dem Vertriebsweg der importierten Rohstoffe, der Höhe der Aufwendun-
gen und den Partnern vor Ort erkundigte, blieb unbeantwortet - vorgeblich aus "Wettbewerbsgründen". Auch dem Taz-Journalisten Dominic Johnson gegenüber zeigte sich das Unternehmen nicht wesentlich auskunftsfreudiger. Nach längerem Insistieren erhielt er aber doch eine Auskunft über die Beschaffungswege. "Zentralafrika gehört mit dazu", räumte der Firmen-Sprecher ein, verharmloste aber im gleichen Atemzug: "Wir beziehen direkt aus Zentralafrika gar kein Material". Nur indirekt, denn dass die Händler, über die sich das Unternehmen in der Bundesrepublik mit Tantal versorgt, in Afrika einkaufen, kann der HC STARCK-Mann natürlich "nicht ausschließen". Aber die HC STARCK-Hände scheinen doch nicht nur halb, sondern ganz verschmutzt zu sein: Bei Johnsons Recherchen im Kongo nannten Händler dem Taz-Journalisten die BAYER-Tochter unter den bundesdeutschen Aufkäufern an erster Stelle.