|
GENE & KLONE
DFG für Stammzellen-Forschung Die “Deutsche Forschungsgemeinschaft”,
deren Präsident Ernst-Ludwig Winnacker im BAYER-Aufsichtsrat sitzt, sprach sich erstmals dafür aus, Forschungen an bei der künstlichen Befruchtung “übrig bleibenden”, embryonalen Stammzellen zu erlauben. Damit
vollzieht die Organisation eine radikale Kehrtwende. Noch 1999 hatte sie sich gegen solche gentechnische Experimente, bei dem der Embryo getötet werden muss, gewandt und statt dessen auf die Alternative “erwachsene
Stammzellen” verwiesen. Zur Begründung für diesen Schritt, der eine Änderung des Embryonen-Schutzgesetzes nötig machen würde, führte Winnacker an, durch den Fortschritt der Wissenschaft bestünden keine wirklichen
Entscheidungsmöglichkeiten bei Fragen der Embryonen- Forschung mehr. Zudem sei der bio-ethische Rubikon schon mit der künstlichen Befruchtung überschritten worden. Darüber hinaus besaß der Gen-Lobbyist auch noch die
Dreistigkeit, das Lebensrecht eines Embryos mit dem Recht auf Forschungsfreiheit auf eine Ebene zu stellen. “Ebenso wie das Recht auf Leben ist auch das Recht auf Freiheit der Forschung nicht nur ein von der
Verfassung geschütztes Recht, sondern auch ein ethischer Wert, dessen Rang sich aus der Subjektstellung des Menschen und der Funktion von Wissenschaft und Forschung für das Wohl von Individuen, Staat und
Gesellschaft ergibt”. In der Öffentlichkeit stieß diese Kapitulation vor dem Kapital der Gen-Multis auf scharfe Kritik. Als eine “Selbstabdankung der ethischen Verantwortung” bezeichnete der Bischof Wolfgang Huber
die DFG-Empfehlungen. Er vermutet, dass Wissenschaft und Wirtschaft damit versuchten, vollendete Tatsachen zu schaffen, bevor der Nationale Ethikrat (siehe auch POLITIK & EINFLUSS) seine Arbeit aufgenommen habe.
Grüne Gentech-Offensive BAYER kündigte an, gemeinsam mit
Biotechnologie-Unternehmen gentechnisch manipulierte Pflanzen zu entwickeln, die Moleküle von Arznei-, Duft-, Aroma- sowie anderen Chemie-Stoffen produzieren können. Der Chemie-Multi verspricht sich von dieser
Methode Kosten-Senkungen, womit wieder einmal der Beweis erbracht wäre, dass es sich bei der Gentechnik um eine reine Rationalisierungstechnologie ohne Innovationspotenzial handelt.
BAYER nimmt Proteine ins Visier Die Entschlüssung des menschlichen
Genoms bringt kaum Aufschluss über Krankheiten. Denn nicht Gene, sondern Proteine spielen eine Rolle bei Gesundheitsstörungen; und Gene enthalten nur den “Bauplan” für diese Eiweiß-Stoffe. Über Struktur, Funktion
und Wirkungsweise der Proteine ist bisher nur wenig bekannt. Deshalb haben sich Gentech-Pharmazeutika auf Protein-Basis wie Bay 12-9566, BAYERs Mittel gegen das Tumor-Wachstum,
in der Erprobungsphase auch als Flops erwiesen. Ein bis zwei Millionen Proteinen befinden sich im menschlichen Körper, in einer einzigen Zelle bis zu 50.000, und genauer bekannt sind erst 1.500 von ihnen. Deshalb konzentrieren die Pharma-Konzerne ihre Energie nach der Genom- Entschlüssung jetzt auf das menschliche Proteom. BAYER hat sich an einem entsprechenen Forschungsprojekt des Berliner Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin beteiligt. Konkurrenten des Chemie-Multis wie HOFMANN-LA ROCHE haben sich unterdessen mit internationalen ForscherInnen-Gruppen zur “Human Proteome Organisation” (HUPO) zusammengeschlossen.
Bundesrepublik Nr. 2 bei Gen-Pillen 1999 meldeten BAYER & Co. 176
Patente für gentechnologisch hergestellte Medikamente an. Mehr Patent-Anträge gab es in diesem Jahr nur in den USA. Der Umsatz mit Gentech-Präparaten belief sich auf 2,5 Mrd. Mark.
Kostensenker Gentests Die Diskussion um Gentests ist bestimmt von der
Befürchtung, dass diese den “Gläsernen Menschen” schaffen. BAYER sieht das alles eher von der praktischen Seite. Der Pharma-Forschungschef des Konzerns, Wolfgang Hartwig, verspricht sich von der
Gen-Karthographierung und der durch sie angeblich eröffneten Möglichkeit, für kleine PatientInnen-Gruppen passgenaue Medikamente zu entwickeln, Kosteneinsparungen bei Arznei-Tests. Während heutzutage für solche
Pharmazeutika- Prüfungen noch 1.000 bis 10.000 PatientInnen nötig sind, um zuverlässig Aussagen über die Wirksamkeit eines Pharma-Stoffes treffen zu können, bieten Gentests seiner Meinung nach die Chance, diesen
Aufwand zu reduzieren. “Die gleich hohe Aussagekraft wird mit deutlich weniger Patienten möglich sein, wenn etwa alle das gleiche krankheitsauslösende Gen tragen. Daher hoffen wir, dass die Entwicklungskosten für
einen Wirkstoff, die momentan bei ungefähr 600 Millionen Dollar liegen, deutlich sinken werden”, so Hartwig in einem Interview mit der WirtschaftsWoche.
Gentech-Krebstests zugelassen Vor ca. anderthalb Jahren hat BAYER die
Diagnostika-Sparte von OSI PHARMACEUTICALS INC. übernommen, in der hauptsächlich an Tests zur Krebserkennung auf gentechnologischer Basis gearbeitet wurde. Für eines dieser Verfahren hat die US-amerikanische
Gesundheitsbehörde FDA dem Chemie-Multi jetzt eine Genehmigung erteilt. Bei dem so genannten HER-2/neu-Serumtest handelt es sich um ein Diagnose-Prinzip, das angeblich ein im Verlaufe einer Brustkrebs- Erkrankung
gebildetes Protein nachweisen kann. Es soll deshalb bei Nachsorge- und Kontroll-Untersuchungen dieser PatientInnen-Gruppe zum Einsatz kommen. An dem BAYER-Test zeigt sich beispielhaft das ganze Dilemma der
Gen-Medizin. Scheinbare Erfolge hat sie nämlich nur in der Feststellung von Krankheiten aufzuweisen, nicht aber in der Therapie, weshalb dieses Wissen einzig Ohnmacht bedeutet und einem Bannspruch über das Leben
des/der betroffenen PatientIn gleichkommen kann.
|