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KAPITAL & ARBEIT
Belegschaft erwirtschaftet Milliarden Die BAYER-Sparten “Chemie” und
“Pharma” gehören zu denjenigen Industrie-Zweigen, in denen die Beschäftigten die höchsten Werte schaffen. Bei der so genannten Nettowertschöpfung pro MitarbeiterIn liegt die Chemie-Branche bundesweit auf Platz 1 und
der Pharma-Bereich auf Platz 2.
BAYER & Co. gegen Teilzeit-Gesetz BAYER & Co. sind nur für
Flexiblisierung, wenn es ihren Profit-Interessen nützt. Beschäftigten dagegen wollen sie eine freie Entscheidung über die Länge ihrer Arbeitszeit nicht einräumen. Deshalb bekämpften sie das neue Teilzeit-
Förderungsgesetz vehement, das Betriebsangehörigen einen rechtlichen Anspruch auf Berücksichtigung ihrer Arbeitszeit-Wünsche zugesteht.
Gipperich kritisiert Finanz-Analysten Im Herbst 2000 äußerte sich der
BAYER-Betriebsratsvorsitzende Erhard Gipperich zufrieden über die Halbjahres-Bilanz des Konzerns. Nur dass die Finanz-AnalystInnen der großen Aktien-Fonds zu einer anderen Einschätzung kamen, und der Kurs des
BAYER-Papiers aus diesem Grund keinen Höhenflug unternahm, “macht uns Betriebsräten Sorge”, so Gipperich. Deshalb polterte er los: “Wir sollten nicht durch Spekulationen jedweder Art in unserer Stärke und unseren
Kompetenzen eingeschränkt werden!” Auf diese Weise übt er sich im Schulterschluss mit der Vorstandsetage, identifiziert sich mit ihren Zielen und auch mit ihren Feindbildern. Das Hass-Objekt “Finanz-AnalystIn” hat
zudem dem Vorteil, nicht greifbar zu sein und dem Betriebsrat keine politischen Interventionen abzuverlangen, wie es ein konfrontativeres Verhältnis zu Schneider & Co. täte.
BAYERs Aufhebungsverträge Mit niederträchtigen Methoden zwingt der
BAYER-Konzern ältere MitarbeiterInnen dazu, für sie nachteilige und für das Unternehmen lukrative Aufhebungsverträge zu unterschreiben. In einem konkreten, der COORDINATION GEGEN BAYER- GEFAHREN (CBG) bekannt
gewordenen Fall bat der Konzern einen schon 33 Jahre im Betrieb tätigen Beschäftigten zu einem Mitarbeiter-Gespräch. Dort wurde ihm mitgeteilt, dass seine Leistungen auf einigen Gebieten leider ungenügend seien und
sein Gehalt deshalb gekürzt werden müsste. Gleichzeitig machte ihm der Mitarbeiter der Personalabteilung den Aufhebungsvertrag schmackhaft. Dem BAYER- Beschäftigten entstand wegen der dadurch geringer ausfallenden
Renten-Zahlungen ein Verlust von 200.000 Mark, während der Chemie-Multi sich die Abfindungs- zahlungen von der “Bundesanstalt für Arbeit” mit 73.000 Mark bezuschussen lassen konnte.
Schmoldt gegen Konfrontationskurs Hubertus Schmoldt, Vorsitzender der IG
BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) und BAYER-Aufsichtsrat, macht sich das UnternehmerInnen-Denken immer mehr zu Eigen. Es sei nicht zu sehen, dass die Wettbewerbsfähigkeit des Landes erhalten werden kann, wenn an die
Stelle des Konsenses der Konflikt träte, sagte er in einem Gespräch mit der Faz, in dem er eine positive Bilanz der “Bündnis für Arbeit”- Gespräche zog. Dass der von ihm verantwortete Schmusekurs der
Gewerkschaft bei BAYER und anderen Chemie-Unternehmen zu einem Abbau finanzieller und sozialer Errungenschaften geführt hat, verschwieg Schmoldt natürlich.
Konzernchef-Gehälter: + 20 % Von 1998 bis 1999 haben sich die Bezüge der
bundesdeutschen Unternehmenschefs im statistischen Mittel um 20 Prozent erhöht. Das Gehalt von BAYER-Boss Manfred Schneider liegt bei 3,5 Mio. Mark und damit noch um 100.000 Mark über dem Durchschnittssalär von
Vorstandsvorsitzenden. Die acht Vorstandsmitglieder des Chemie-Multis erhalten je zwei Millionen Mark. Damit nehmen sie auf der Liste der top-verdienenden Top-Manager den 13. Rang ein. Die wirklichen Bezüge der
Vorständler liegen durch Aktien-Optionen und andere Gratifikationen noch höher.
Nur ca. 1.000 neue Lehrlinge Um mehr als ein Drittel ist die Zahl der
Ausbildungsplätze bei BAYER in den letzten zehn Jahren zurückgegangen. Waren es 1990 noch 1.600 Lehrstellen, so strich der Konzern sie bis zum Herbst 2000 auf rund 1.000 zusammen. Übernommen wird dann nur die Hälfte
der Ausgebildeten. Noch einmal über die Hälfte von ihnen muss dann auch noch auf einen festen Arbeitsplatz innerhalb des Unternehmens verzichten. Diesen Berufsanfängern steht eine frustierende Karriere als flexibel
einsetzbare SpringerInnen im Ausgebildeten-Pool bevor.
MitarbeiterInnen-Ideen ausgebeutet BAYER verdient nicht schlecht am
betrieblichen Vorschlagswesen. Die anno 2000 realisierten Optimierungsideen von Belegschaftsmitgliedern eröffneten dem Unternehmen bis Jahresschluss ein Einspar-Potenzial von rund 14 Mio. Euro und werden ihm in den
nächsten Dekaden noch viel mehr Geld einbringen. An Prämien schüttete der Chemie-Multi aber nur Einmal-Zahlungen in Höhe von ca. 4,6 Mio. Euro aus.
Arbeitsplatzvernichter E-Business Der E-Commerce eröffnet BAYER große
Einspar-Möglichkeiten. Allein in der Material-Beschaffung sind die Abwicklungskosten nach Angaben des Unternehmens um 60-80 Prozent gesunken. Über “Chemplorer”, den digitalen Marktplatz der bundesdeutschen
Chemie-Industrie, geben die BAYER-EinkäuferInnen pro Woche schon ca. 10.000 Bestellungen auf. Für den Verkauf über das Internet hat der Konzern bisher sieben Kunden-Portale eingerichtet. Im Jahr 2000 betrug der
Umsatz im Geschäft per Mausklick 250 Mio. Euro; bis zum Jahr 2004 rechnet der Konzern mit einer Steigerung auf 5 Mrd. Euro. “Die bestellenden Unternehmen können selber entscheiden, ob noch ein Mitarbeiter einen
Knopf zur Freigabe einer Bestellung drücken muss. Technisch sei das jedoch nicht mehr notwendig”, so gibt die Zeitschrift businessUser.de die Worte des BAYER-Unternehmenssprechers Roland Ellmann wieder. Deshalb ahnt der BAYER-Betriebsratsvorsitzende Erhard Gipperich Schlimmes. “Die Möglichkeiten des E-Commerce und was damit zusammenhängt, dies beunruhigt mich. Da hängen viele hundert Arbeitsplätze dran”, sagte in einem Interview mit der Rheinischen Post.
Wenn die Installation der Betriebssoftware SAP im Jahr 2004 abgeschlossen ist, wird der Transfer von Daten quer über den Globus möglich. Gipperich befürchtet dann z. B., dass der Konzern Lohnabrechnungen künftig
zentral in dem neuen Barceloner “Service-Center” für Dienstleistungen (siehe Ticker 1/01) bearbeiten lässt. “Wir müssen mit einer Konzentration der Arbeit rechnen, die alle europäischen Länder betreffen wird”, so der Betriebsratsvorsitzende.
Rationalisierungstestfall Singapur Die Rationalisierungsoffensive in der
Verwaltung des BAYER-Konzerns, für die in Europa mit der Schaffung von zwei Zentren für das Rechnungswesen erste Weichen gestellt werden (Ticker 1/01), nimmt in der Südostasien/Pazifik-Region schon konkretere Formen an. BAYER plant, die Informatik, andere Service-Funktionen und vielleicht auch das Controlling sämtlicher dortigen Standorte in Singapur zu konzentrieren. Das hat natürlich Arbeitsplatzvernichtung in großem Stil zur Folge.
Fünf-Schicht-Betrieb in Wuppertal Das letzten Herbst im Beisein von
Kanzler Schröder eingeweihte Wuppertaler Pharma-Technikum von BAYER ist mit modernster Technologie ausgestattet. Die Arbeitsbedingungen muten allerdings eher antiquiert an. Der Fünf-Schicht-Betrieb verlangt der
Belegschaft nämlich sowohl Wochenend- als auch Abend- und Nachtarbeit ab. Die Westdeutsche Zeitung machte bei BAYER Punkte und pries die Tretmühle euphorisch als “ein Novum, das seinesgleichen sucht”.
Kritik an Standortvereinbarungs-Umsetzung Die im Jahr 2000 mit dem
Betriebsrat geschlossene Standortvereinbarung brachte BAYER nur Vorteile. Der Konzern konnte unter anderem flexiblere Arbeitszeiten, die Streichung von Urlaubstagen für WechselschichtlerInnen und Ausgliederungen von
Unternehmensteilen durchsetzen. Lediglich einige Trostpflaster gestand der Multi den MitarbeiterInnen zu. Aber nicht einmal in den Genuss dieser sind die Beschäftigten bis heute gekommen. Petra Kronen, die
Betriebsratsvorsitzende des Uerdinger BAYER-Werks, kritisierte zudem, dass der Chemie-Riese einzig die für ihn günstigen Regelungen in die Tat umsetzt, die im Vertrag vereinbarten Qualifizierungsmaßnahmen und
besseren Möglichkeiten zur Teilzeitarbeit bislang jedoch nicht anbietet.
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