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Tierversuche: Alibi für den Ökozid
Von Lisa-Maria Schütt (Vorsitzende der Tierversuchsgegner Bundesrepublik Deutschland e.V.)
Es ist wieder einmal so weit. Nach Inkrafttreten des
Umweltchemikaliengesetzes 1981, der Vergabe einer Studie zur "Erforschung" der krebserzeugenden Wirkung von Chrom- und Cobalt-Verbindungen durch den damaligen Bundesarbeitsminister Norbert Blüm 1990 oder
Angela Merkels Ozon-Spektakel von 1997 will uns jetzt die EU weiß machen, Tierversuche dienten dem Verbraucher- schutz: Die Gefährlichkeit der von BAYER & Co. produzierten gebräuch-
lichsten Chemikalien soll anhand von Tierversuchen untersucht werden.
In zweierlei Hinsicht unverständlich erscheint es uns Tierversuchsgeg- nerInnen, wenn sich VertreterInnen renommierter
Umweltorganisationen wie AKN (Aktionskonferenz Nordsee), BUND, GREENPEACE oder WWF, noch dazu im Schulterschluß mit Jürgen Trittin ("Das ist ein Schritt nach vorn") für eine deutliche Verschärfung des
EU-Chemikalien- gesetzes durch den Einsatz von Tierversuchen stark machen. Wissen sie wirklich nicht, wofür sie da eintreten? Zum einen dürfte man doch von Leuten, die zu Recht um das ökologische Gleichgewicht
bangen, erwarten, dass sie sich nicht nur für den Schutz von Arten einsetzen, sondern auch das Einzellebewesen respektieren. Wenn diese aber millionenfache Tierversuche verlangen bzw. billigend in Kauf nehmen und
damit eine gnadenlose Selektion betreiben, dann machen sie sich als "SchützerInnen" zutiefst unglaubwürdig. Zum anderen ist kaum vorstellbar, dass ökologisch engagierten Mitmenschen nichts über die
wissenschaftliche Kritik an Tierversuchen, gerade auch auf methodolo- gischer Ebene, auf der eindeutig die Nichtübertragbarkeit der Tierversuche bewiesen wird, bekannt sein sollte.
Umweltgefährdungen lassen sich nicht durch Experimente an Tieren vorhersagen. Ganz im Gegenteil: Die heutige Zerstörung der Natur wurde erst möglich, weil
sich die Industrie durch Tierversuche das Alibi für die hemmungslose Produktion angeblich unschädlicher Stoffe verschafft, die danach unsere Lebensräume und die der Tiere zerstören. Die Tierexperimente, die für
Chemikalien und Arzneimittel allein von der Industrie durchgeführt wurden, sind Legion, kein Wunder also, dass sich die Zahl der umweltkranken bzw. medikamentengeschädigten Menschen drastisch erhöht hat. Aus diesem
Grunde teilen wir die Bedenken von GREENPEACE, die Industrie solle die Substanzen selbst prüfen. Aber deren Forderung nach einer Bewertung "durch die Behörden oder unabhängige Institutionen" erscheint dann
doch sehr naiv. Unabhängige GutachterInnen gibt es so gut wie keine, denn wenn sie ihren Arbeitsplatz
behalten wollen, müssen sie stets die Meinung ihres Geldgebers aus den Reihen von Industrie, Parteien oder Lobbys vertreten. Andernfalls erfolgt massiver Druck durch Entlassungs- drohungen, Anzeigen, gezielte
Lügenkampagnen oder Rufmord sogar auf internationaler Ebene. So wurde einem Toxikologen die finanzielle Förderung gestrichen, weil er Pestizide im Blut nachgewiesen hat.
Einer der "Angepassten" ist Prof. Dr. med. Helmuth Greim als Vorsitzender der "Deutschen Gesellschaft für Pharmakologie", der
"Kommission für Maximale Arbeitsplatz-Konzentration" (MAK) und Berater der Bundesregierung in Umweltfragen. Greim wird von der Industrie gern als Gutachter beauftragt, wenn es um die Unbedenk- lichkeit
von Müllverbrennungsanlagen und Dioxin geht. (1) Natürlich hält er Tierexperimente für unabdingbar, nicht zuletzt sicherlich wegen ihrer enormen Manipulationsmöglichkeiten. Gern propagiert er den Slogan: "So
viele wie nötig, so wenig wie möglich". Sein Name taucht u.a. in einem Berichtsentwurf des Länderausschusses für Immissionsschutz, zusammen mit dem des Leiters des damaligen Bundesgesundheits-
amtes, Prof. Dr. Karl Überla, auf. Doch darin entdeckt der/die aufmerk- same LeserIn zu seiner/ihrer Verblüffung folgendes: "Aus toxikologischer Sicht ist die lineare Extrapolation der in Tierversuchen mit
hohen Konzentrationen ermittelten, ohnehin meist unscharfen Dosis-Wirkungs- beziehungen, auf die erheblich niedrigeren Konzentrationen in der Umwelt des Menschen abzulehnen."
Oder im gleichen Entwurf: "Tierversuche sind grundsätzlich nicht übertragbar auf den Menschen." Wie gefährlich der Umgang mit angeblich im Tierexperiment auf ihre Harmlosigkeit geprüften Arzneimittel sein kann, geht u. a. aus dem Handbuch Umweltmedizin, 3. Erg.Lfg. 1/94 hervor: "Die chronische Zufuhr von Aluminium durch kontaminierte Dialyselösungen und die Einnahme von aluminiumhaltigen Phosphatbindern kann bei Dialyse-
patientInnen schwere Intoxikationen verursachen". Eine dazugehörige Tabelle zählt so verschiedene Befunde wie akute Vergiftung, Enzephalopathie und Anstieg von Aluminium im Plasma auf, die sogar zum Tod des
Nierenkranken führen können Mit Oesteopathie (Knochenerkrankung) und Hepatopathie (Degeneration der Leber und der Gallenwege) werden auch die Gesundheitsstörungen von parenteral, also künstlich ernährten Kindern in
dieser Rubrik aufgeführt.
"Druck" bekommen haben soll auch Prof. Dr. L. Horst Grimme, Universität Bremen, wegen seiner kritischen Studie "Projekt Herbizide: Die
Problematik von Wirkungsschwellenwerten in Pharmakologie und Toxikologie" - ein Muss für jeden Tierversuchsgegner. Zitat: "Die willkürliche Festlegung von Sicherheitsfaktoren ist reine Spekulation, die
jeder wissenschaftlichen Absicherung entbehrt und mit biologischer Realität nichts zu tun hat. Sie erfolgt aus rein zweckorientierten Gesichts- punkten, damit das Risiko für den Verbraucher in (dehnbaren) Grenzen
gehalten wird, der Industrie aber gleichzeitig der Absatz ihrer Produkte ermöglicht wird. Die biologische Variabilität läßt es nicht zu, handhab- bare Schwellenwerte für bestimmte Effekte im Sinne der
toxikologischen Praxis (Risikoquantifizierung, Übertragbarkeit) zu definieren." In dieser Arbeit werden Tierexperimente zur Bewertung von Wirkungen und Verträglichkeiten bestimmter Substanzen für den Menschen
mit wissenschaftlicher Akribie ad absurdum geführt.
In zahllosen Werken der BegutachterInnen im Dienste von Wirtschaft und Politik stößt man immer wieder auf Feststellungen, die unsere Methodenkritik an
Tierversuchen voll bestätigen, was gewiss ungewollt geschieht. So befindet sich unter den Mitgliedern der Kommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe neben Vertretern der Firmen BAYER, HOECHST, BASF
und besagtem Helmuth Greim auch Prof. Dr. H. Frohberg von Merck. Seine Schrift "Zur Übertragbarkeit toxikologischer Versuche auf den Menschen" enthält diverse Aussagen über die verschiedenen
Empfindsamkeiten der biologischen Systeme: "Aufgrund der unterschiedlichen Versuchsergebnisse bei Mäusen und Ratten erhebt sich die Frage, welche Spezies für den Menschen relevanter ist... Aus diesem
Grund sind die mit Phenobarbital an Mäusen erhobenen hepatocancerogenen Effekte nicht auf den Menschen übertragbar... Bei Affen erzeugte Clioquinol nur nach lang- dauernder Applikation extrem hoher Dosen
geringgradige pathologische Veränderungen in den peripheren Nerven und im Rückenmark. Die große orale Tagesdosis von 2000 mg/kg ist 60 bis 100 mal größer als die zur Erzeugung der SMON-Erkrankung beim Menschen
geschätzten erforderlichen Tagesdosen von 20 bis 30 mg/kg..."
Wer nun aber daraus ableitet, dass die strikte Ablehnung von Tierver- suchen aus methodologischen Gründen die Bejahung von "Menschen-
versuchen" bedeutet, irrt. Jedenfalls, wenn unter diesem Begriff dieselben Experimente wie die an den Versuchtieren verstanden werden: Mit Gewalt künstlich krank gemachte Lebewesen, die einer auf die
Naturwissenschaft reduzierten Industrie-Medizin als Messinstrumente dienen. Hinter dieser Art von "Forschung" steckt lediglich der Zweck, symptom-unterdrückende Apothekenrenner zu vermarkten, die mit ihren
"Neben"wirkungen immer neue Leiden schaffen. Wir wollen eine intelligente, einfühlsame, auf den Menschen bezogene ganzheitliche Medizin und demzufolge ÄrztInnen, die nicht nur die dafür notwendige
fachliche, sondern ebenfalls moralische Qualifikation besitzen. Beides sprechen wir tierexperimentell arbeitenden Humanmedizinern mit aller Entschiedenheit ab, denn diese sind es, die nicht selten im Auftrag der
chemisch-pharmazeutischen Konzerne "Kopfgeldhonorare" für Arznei- mitteltests an ahnungslosen menschlichen Patienten kassieren.(2)
Fazit: Wer also eine "Verschärfung" des Chemikaliengesetzes durch eine "Prüfung" von Stoffen auf ihre Unschädlichkeit im Tierexperiment
verlangt, spielt in Wahrheit den Giftstoffherstellern in die Hände. Scheingefechte auf dieser Basis hat es schon etliche gegeben, ganz im Sinne derjenigen, die sich an solchen Produkten als einzige gesund-
stoßen. Es ist ja bekannt, dass von den "Global Playern" ganz bewusst halbseidene "Protest"gruppen ins Leben gerufen werden, damit die breite Masse den Eindruck gewinnt, in einem freiheitlich
demokratischen Rechtsstaat zu leben.
Die ökologische Bewegung - die Tierversuchsgegner betrachten sich als ein Teil von ihr - kann nur Erfolg haben, wenn sie von Menschen mit einer radikalen
Lebensauffassung getragen wird. Faule Kompromisse führen zu nichts. Wir müssen die Probleme bei der Wurzel packen, und das funktioniert nur nach den Prinzipien einer unteilbaren Ethik. Solange wir jedoch mit größter
Selbstverständlichkeit Millionen von leidensfähigen Mitgeschöpfen zu unserem tatsächlichen oder nur vermeintlichen Schutz als Messinstrumente missbrauchen, in engen Käfigen durch Bewegungsentzug drangsalieren, sie
vergiften und qualvoll sterben lassen, wird die Zivilisation der Ausbeutung und des Tötens, auch innerhalb unserer eigenen Spezies, bestehen bleiben.
Quellen: (1) Käufliche Wissenschaft - Experten im
Dienst von Industrie und Politik, 1994 (2) arznei-telegramm
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