SWB 03/01

Kauf von AVENTIS CROPSCIENCE

BAYER wird die Nr. 2 im Agro-Business

Von Jan Pehrke

Es war der bislang größte Deal in der Unternehmensgeschichte:
Nach Schätzungen von ExpertInnen kostet die AVENTIS CROP- SCIENCE den Leverkusener Chemie-Multi rund 6 Mrd. Euro. Durch den Zukauf verfügt BAYERs Geschäftsbereich "Landwirtschaft" nun von Produkten der "grünen Gentechnik" über Saatgut bis zu Pestiziden über ein komplettes Sortiment und steigt zur Nr. 2 im internationalen Agro-Business auf. Die Verlierer der Transaktion stehen auch schon fest, denn die in solchen Fällen viel beschworenen Synergie-Effekte werden sich zu Lasten der Beschäftigten auswirken.

In den letzten Jahren sind immer mehr Chemie-Unternehmen vom Life-Science-Konzept abgerückt. Die vielfältigen (Gen-)Forschungs-
aktivitäten haben wider Erwarten keine sowohl für den Pharma- als auch für den Landwirtschaftsbereich verwertbaren Ergebnisse erbracht.
Da zudem der Markt für Pestizide, Saatgut etc. seit geraumer Zeit nur noch sehr langsam wächst, trennten sich immer mehr Multis von den entsprechenden Unternehmensteilen. Die Branche hat in den zurückliegenden Jahrzehnten einen rasanten Umstruktierungs- und Konzentrationsprozess durchgemacht. Gab es Ende der 60er Jahre noch 40 große Hersteller, so schrumpfte ihre Anzahl bis Anfang der 90er Jahre auf ein Dutzend zusammen. 1999 dann beherrschten gerade noch sieben Konzerne 90 Prozent des Geschäfts. Dieses Oligopol konnte das geringe Wachstum des Marktes durch hohe Endpreise wieder wettmachen. So ist BAYERs Landwirtschaftsabteilung, die nach Aussagen des Vorstandsvorsitzenden Manfred Schneider immer selbständig und nicht in eine Life-Science-Strategie eingebunden war, mit einer Umsatz-Rendite von 16,2 Prozent die profitabelste Sparte des ganzen Konzerns. Deshalb versuchte der Chemie-Riese stets, den Geschäftsbereich zu erweitern. Im Frühjahr 2000 gehörte er zu den Interessenten beim Verkauf von CYANAMID, schreckte aber vor dem Kaufpreis zurück. Knapp anderthalb Jahre später stach BAYER dann die Mitbieter um AVENTIS CROPSCIENCE aus.

Mit diesem Erwerb ergänzt der Multi sein Sortiment um Produkte der "grünen Gentechnik" und Saatgut, stärkt seinen Herbizid-Bereich und steigt so hinter SYNGENTA zum zweitgrößten Agro-Konzern der Welt auf.

AVENTIS CROPSCIENCE war an zwei Herstellern von - auch gentechnisch manipuliertem - Saatgut beteiligt, der KLEINWANZ-
LEBENER SAATGUT AG und LIMAGRAIN. Was die Pflanzen-
Gentechnik betrifft, so war der Konzern vor allem in der Sparte der Nutz-Pflanzen aktiv. Seine ForscherInnen bauten in die Ackerfrüchte ein Gen des für Insekten-Larven tödlichen Bazillus thuringiensis ein und/oder veränderten sie durch Eingriffe in ihr Erbgut so, dass sie Resistenzen gegen die firmen-eigenen Herbizide BASTA bzw. LIBERTYLINK entwickelten. Der Gen-Mais macht schon die Felder US-amerikanischer Farmer unsicher. Gentechnisch veränderte Pflanzen wie Raps, Reis, Luzerne und Zuckerrüben durchlaufen Zulassungsverfahren oder werden schon in Freisetzungsversuchen, seit 1994 auch in der Bundesrepublik, getestet. Dabei strebte AVENTIS jeweils eine Sorten-Zulassung an, die Patentschutz gewährleistet. Landwirte dürften die Pflanzen dann nicht mehr selbst wieder anbauen und müssten sie im Paket mit den Herbiziden kaufen.

Auf die unterschiedlichsten Verfahren zur "Produktion" von Gentech-Pflanzen hält AVENTIS CROPSCIENCE 55 Patente. Dazu kommen noch 22 auf Gen-Manipulationen mit dem Bazillus thuringiensis, kurz Bt, berühmt-berüchtigt durch MONSANTOS Bt-Mais. In den Zukunftsmarkt "Functional Food" drängte der Multi ebenfalls. Er beansprucht "geistiges Eigentum" auf 17 gentechnische Prozeduren zur Erhöhung des Stärke-Gehaltes von Kartoffeln. Sogar an Projekten, Pflanzen durch Eingriffe in ihr Erbgut zu Rohstoff-Produzenten zu machen, arbeiteten die AVENTIS-ForscherInnen.
 

Hypotheken

Die "Zukunftstechnologie" brachte AVENTIS in der unmittelbaren Gegenwart allerdings auch jede Menge Ärger ein. Der Skandal um den Gentech-Mais STARLINK gab sogar den letzten Anstoß für den Verkauf der Sparte. In den USA hatten GenkritikerInnen der Gruppe "Genetically Engineered Food Alert" (GEFA) Spuren des nur als Futtermittel zugelassenen AVENTIS-Produkts in TACO-Chips entdeckt. Detailliertere Untersuchungen wiesen Reste der gentechnisch manipulierten Getreide-Art in 297 Nahrungsmitteln nach. Da allergische Reaktionen zu befürchten waren, musste allein der Lebensmittel-Konzern KRAFT 2,5 Mio. Packungen Maismehl-Chips zurückrufen.
Die Verunsicherung war so groß, dass die Mais-Exporte der USA rapide sanken. AVENTIS war schließlich gezwungen, die gesamte Ernte aufzukaufen. Darüber hinaus sieht sich der Konzern mit Schadensersatz-
Ansprüchen in Höhe von bis zu 300 Mio. Dollar konfrontiert (In den Verkaufsverhandlungen weigerte sich BAYER, diese mitzuübernehmen).

Dieser erste Super-GAU der "grünen Gentechnik" hat gezeigt, wie wenig die Zulassungsverfahren "Produktsicherheit" garantieren können und wie wenig Aussaat und Verarbeitung der Gen-Pflanzen zu kontrollieren sind. AVENTIS aber ging unverdrossen in die Offensive und beantragte eine Zulassung von STARLINK auch als Lebensmittel-Rohstoff - die US-amerikanische "Food and Drug Administration" (FDA) lehnte dankend ab. Viele FarmerInnen in den Vereinigten Staaten zogen aus der STARLINK-Affäre schließlich die Konsequenz, wieder auf "konventionellen" Mais umzusteigen.

Vielen potenziellen Nachfolge-Produkten blieb der Zugang zu den Äckern sogar testweise verwehrt. Frankreich beispielsweise untersagte die Freisetzung gen-manipulierten Rapses, weil die Ackerfrucht natürliche Kreuzungspartner hat und eine Bestäubung dieser mit Pollen des Gen-Getreides möglicherweise nicht wieder rückholbare Folgen für das Ökosystem hätte. In Kanada hat eine solche Übertragung schon stattgefunden. Dort haben ForscherInnen wilden Raps entdeckt, der unter anderem gegenüber dem AVENTIS-Herbizid LIBERTY resistent ist. Nicht nur wegen dieser Gefahr, sondern auch weil der Gen-Raps mit einem Antibiotika-Resistenz-Gen ausgestattet ist, verhängte Griechenland ein Import-Verbot. Eine Übertragung der Resistenz auf den menschlichen Organismus per Nahrungsaufnahme würde Antibiotika wirkungslos und Infektionskrankheiten wieder zu einer tödlichen Bedrohung machen, fürchteten ExpertInnen. Der AVENTIS-Konzern löste die Schwierigkeiten mit der kommerziellen Verwertung des Raps auf seine Weise: Auf dem australischen Mark tauchte der nur für wissenschaftliche Experimente zugelassene Gen-Raps des Unternehmens über dunkle Kanäle auf dem Schwarzmarkt auf.

In Brasilien musste AVENTIS einen schon begonnenen Freisetzungsversuch mit Gen-Reis abbrechen, weil der Agrar-Multi gegen Sicherheitsbestimmungen verstoßen hatte. Einen weiteren ließen die Behörden des südamerikanischen Landes dann gar nicht erst mehr zu. Die eingereichten Unterlagen hätten keine ausreichende Gewähr für die Unbedenklichkeit geboten, lautete die Begründung.

Nicht nur die mittels Gentechnik Herbizid-resistent gemachten Getreide-Arten, auch die in Kombination mit diesen vermarkteten Anti-Unkrautmittel BASTA bzw. das baugleiche LIBERTY stehen in der Kritik - worüber AVENTIS wider besseren Wissens hinwegtäuschte. Während die BBA die beiden Herbizide als schädigend für drei zu den Nutzinsekten zählenden Spinnen-Arten einstuft, führte der Agro-Multi die Mittel in seinen Produkt-Informationen nicht als spinnen-giftig, schreibt der Biologe Hartmut Meyer im "Gen-ethischen Informationsdienst" (GID), Nr. 133. Da die Richtlinien des BBA überdies vorschreiben, BASTA und LIBERTY mit dem Kürzel Xn für "gesundheitsschädlich" zu versehen, griff AVENTIS zu einem Trick. In den Unterlagen ist immer nur von dem Wirkstoff, nicht aber von dem ganzen Produkt mit seiner Gift- Gemengelage Wirkstoff, Lösemittel und Benetzungsmittel die Rede. Meyer hält überdies die Versicherung, die Kombi-Lösung "Herbizid-resistente Pflanze + Herbizid" würde zu einer Verringerung der verwendeten Ackergift-Mengen führen, für eine PR-Lüge.
 

Arbeitsplatzvernichtung

Wie BAYER mit STARLINK und den anderen AVENTIS-Hypotheken umgehen wird, dürfte sich in den kommenden Monaten herausstellen. Schon jetzt präzise voraussagen lässt sich allerdings eine massive Arbeitsplatzvernichtung. Sowohl der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE-Gewerkschaftler Peter Antoszewski als auch sein Kollege Werner Bischoff erwarten einen "Synergie-Effekt" solcher Art.
Die MitarbeiterInnen von AVENTIS CROPSCIENCE können in dieser Hinsicht schon auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückblicken.
Sie sind die Übriggebliebenen einer Odyssee durch die Fährnisse der Globalisierung, in deren Verlauf immer mehr Belegschaftsangehörige über Bord gingen. Seinen Ausgang nahm sie mit der Zerschlagung von HOECHST. Ihre Fortsetzung fand die unfreiwillige Reise im Zusammenschluss mit SCHERINGs Landwirtschaftssparte zu AGREVO. Weiter ging sie nach der Fusion AVENTIS/RHONE-POULENC mit der Umstruktierung zu AVENTIS CROPSCIENCE; im Juli dieses Jahres folgte schließlich der Verkauf an BAYER. Und ob die Rest-Besatzung damit einen neuen Heimathafen gefunden hat, steht noch längst nicht fest. Da der Leverkusener Chemie-Multi im Segment "Insektizide" bereits jetzt die Spitzen-Position auf dem Weltmarkt inne hat, könnte die Zustimmung der EU-Kartell-Behörden zu dem Deal nämlich an die Auflage gebunden sein, die Sparte weiterzuverkaufen. Die BASF und andere Agro-Riesen haben vorsorglich schon einmal Interesse signalisiert.

Würde es sich bei der Fusion der beiden Landwirtschaftsabteilungen nur um eine Addition nach dem simplen Muster "1 + 1 = 2" handeln, ginge die Rechnung für BAYER nicht auf. Der Konzern meint nur auf seine Kosten zu kommen, wenn er bei der Zusammenführung der parallelen Strukturen einen Haufen Stellen "wegkürzt". Deshalb ist eine Arbeitsplatzvernichtung die komplette Wertschöpfungskette entlang zu erwarten, von der Forschung & Entwicklung und Produktion über die Verwaltung bis hin zur Werbung und zum Vertrieb. Überall dort, wo das AVENTIS CROPSCIENCE-Sortiment nicht Lücken im BAYER-Angebot füllt, wird es zu so genannten Produkt-Bereinigungen kommen. "Warum 10 + 10 Antipilz-Mittel herstellen und vertreiben, wenn sich mit den BAYER-eigenen zehn genau derselbe Umsatz erzielen lässt, oder sogar noch mehr, da die Konkurrenz durch die AVENTIS-Fungizide ja wegfällt" - so denken die Konzern-StrategInnen.

Dieser Kalkulation könnten ganze Produktionsstandorte zum Opfer fallen. Die kostspieligste Aquisitation in der ganzen Geschichte des Unternehmens zahlt auch BAYER nicht aus der Porto-Kasse. Zudem wird der Zukauf die Geschäftsergebnisse zunächst einmal belasten. Nach Aussage des Vorstandsvorsitzenden Manfred Schneider dauert es mindestens drei Jahre, bis der Chemie-Multi den großen Brocken verdaut hat und die Landwirtschaftssparte wieder ihre alte Traum-Rendite erreichen kann. Ungemütliche drei Jahre stehen der gesamten Konzern-Belegschaft also ins Haus. Zur Beschaffung der finanziellen Mittel für den Zukauf hat Schneider schon den Verkauf des Chemiefaser-Geschäfts angekündigt. Auch von der 30-prozentigen Beteiligung an AGFA will er sich früher als erwartet trennen. Es dürfte aber noch zu weiteren Verkäufen,Ausgliederungen und Rationalisie-
rungsmaßnahmen kommen.