SWB 03/01

Über 40 Todesfälle durch BAYER-Arznei

Der LIPOBAY-Skandal

Von Jan Pehrke

Es war die bislang umfangreichste Rückruf-Aktion in der Geschichte der Pharma-Industrie: BAYER musste den weltweit von sechs Millionen Menschen eingenommenen Cholesterin-Senker LIPOBAY in den USA und in Europa vom Markt zurückziehen, da MedizinerInnen der US-Gesundheitsbehörde FDA 31 Todesfälle unter LIPOBAY-
PatientInnen gemeldet hatten.

"Ich nehme seit zwei Jahren das Medikament LIPOBAY. Und genau so lange habe ich starke Muskel-Beschwerden in den Beinen, bin unsicher im Gang - ein richtiges Pinocchio-Gefühl. Da bin ich jetzt natürlich hellhörig geworden." So beschreibt mit Joachim Hermanski ein Betroffener der Düsseldorfer Rheinischen Post seine Reaktion auf den Pharma-GAU. Die von ihm erwähnten Muskel-Probleme haben bei 31 US-AmerikanerInnen zu Muskel-Zerfall (Rhabdomyolyse) und nachfolgend zu einem tödlichen Nierenversagen geführt. Besonders die parallele Einnahme von Präparaten mit dem ebenfalls cholesterin- senkenden Wirkstoff Gemfibrozil erwies sich als verhängnisvoll.
Die US-Gesundheitsbehörde FDA zog die Notbremse und bewog BAYER zu einem "dringenden freiwilligen Rückzug", wie der offizielle Sprachgebrauch in solchen Fällen immer lautet.

Die muskel-schädigende Wirkung von Cholesterin-Senkern aus der Wirkstoff-Gruppe der Statine ist schon seit längerem bekannt und auch in dem weit verbreitenden MedizinerInnen-Kompendium "Pschyrembel" nachlesbar. Nach der Verordnung von LIPOBAY kam es jedoch nach FDA-Angaben "signifikant öfter" zu dieser Gegen-Anzeige. Auch das in der Bundesrepublik für die Arzneimittel-Sicherheit zuständige "Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizin-Produkte" (BfArM) wusste davon, bewertete aber den Nutzen höher als das Risiko. Bereits 1998 starb der erste LIPOBAY-Patient. Als dann bis Juni bei der Behörde 90 Meldungen über Komplikationen nach der Gabe des Medikaments eingingen, beschlossen die GesundheitsbürokratInnen, ein bisschen was zu unternehmen. Auf dem Kleinen Dienstweg hielten sie BAYER dazu an, so genannte Rote-Hand-Briefe an ApothekerInnen und ÄrztInnen zu versenden. Sie enthielten einen Hinweis auf mögliche Nebenwirkungen bei einem gleichzeitigen Verschreiben von gemfibrozil-haltigen Arzneien. Dabei blieb es dann auch, und beim BAYER-Vertrieb galt die Devise "Business as usual". Noch nach der Warn-Aktion, klagt der Arzt Thomas Nasse an, ist noch eine Pharma-Referentin "zu mir in die Praxis gekommen und hat das Medikament angepriesen". In der Vergangenheit hat der Pharma-Multi MedizinerInnen sogar mit Orient-Express-Reisen zum Verordnen von LIPOBAY (Packungspreis 278,95 DM !) anhalten wollen.

Der Pharma-GAU ist die logische Konsequenz einer Entwicklung, in deren Folge der VerbraucherInnenschutz immer mehr zu Gunsten der Pharma-Industrie vernachlässigt wurde. Während in den Vereinigten Staaten binnen der letzten Monate PFIZER, ROCHE, GLAXO-
WELLCOME und JOHNSON & JOHNSON auf Veranlassung der Behörden Medikamente zurückrufen mussten, werden BAYER & Co. vom BfArM nicht weiter behelligt. Auf EU-Ebene haben die PolitikerInnen die Pharma-Aufsicht praktischerweise gleich bei der Wirtschafts-
förderung angegliedert. Die hatte dann begreiflicherweise nichts Besseres zu tun, als eine Verkürzung der Zulassungsprüfungen für Pharmazeutika vorzubereiten. Kein Wunder, dass weder bei den konzern-internen Forschungen & Entwicklungen noch bei den Arznei-Prüfungen oder den nach der Freigabe erfolgenden Kontrollen irgendjemandem irgendwelche Ungereimtheiten auffallen. Die erschütternde Folge: Nach Schätzungen des ehemaligen Leiters des "Bremer Institutes für Klinische Pharmakologie", Peter Schönhöfer, sterben in der Bundesrepublik jährlich 16.000 Menschen an Arznei- Nebenwirkungen.

Der LIPOBAY-Skandal hat die BAYER-Aktie abstürzen lassen. Darüber hinaus sieht sich der Konzern mit Sammelklagen von Geschädigten konfrontiert. Deshalb konzentriert sich der Pharma-Multi in seinem Krisen-Management auch nicht etwa darauf, verunsicherte PatientInnen zu informieren, sondern darauf, verunsicherte Investoren zu beruhigen. Finanz-Chef Werner Wenning erledigt diesen "dirty job". Und für den sind die Nebenwirkungen des BAYER-Präparats nur Peanuts. Bei innovativen Medikamenten können diese eben auch zum Tode führen, sagte Wenning achselzuckend vor laufenden TV-Kameras. "Innovation Tod" - das Allerneueste aus dem Hause BAYER.

Einmal mehr gehen Konzern-Manager für den Profit über Leichen. Auszubaden haben das andere, neben den LIPOBAY-Opfern vor allem die Belegschaft. Der Multi hat drastische Kosteneinspar-Programme angekündigt. In der Kunststoff-Sparte sollen 1.800 Arbeitsplätze vernichtet werden und im Gesundheitsbereich 2.400 - die möglichen Konsequenzen des LIPOBAY-Produktionsstopps noch nicht einmal eingerechnet. Nach er erzwungenen Unterbrechung der Herstellung des Gentech-Blutprodukts KOGENATE wg. bakterieller Verunreinigung der Anlagen und der Einstellung der klinischen Erprobung eines gentechnisch erzeugten Asthma-Präparats könnte dieser dritte Arznei-GAU innerhalb eines Jahres sogar die gesamte Pharma-Sparte zur Disposition stellen.