SWB 03/01 - Ticker

PROPAGANDA & MEDIEN

Ein Pharma-Drücker packt aus
In einem Interview mit der Fachzeitschrift textintern plaudert der Leiter von BAYERs Abteilung für internationale Pharma-Werbung, Rainer Seher, aus dem Nähkästchen. Ohne Hemmungen legt er dar, wie der Chemie-Multi ÄrztInnen dazu veranlasst, Produkte des Konzerns zu verschreiben. Die wichtigste Rolle spielt immer noch das Aufsuchen der MedizinerInnen in den Arzt-Praxen. Man kann aber auch ein "wissenschaftliches Symposium inszenieren" und dort "mit typischen Kundenbindungsprogrammen auftreten". Eine zunehmende Bedeutung misst der PR-Profi dem "Event-Marketing" bei. Es bietet nach Auffassung Sehers nämlich die Möglichkeit, aus der alltäglichen Präsentationssituation in der Arzt-Praxis herauszukommen und eine privatere Atmosphäre mit der Firma als Gastgeber zu erleben.
"Indem man gleichzeitig auf Events setzt, können dann Verordnungs-
entscheidungen des Arztes zugunsten des entsprechenden Produkts getroffen werden", führt Seher aus. Wohlbemerkt: BAYER trifft die Verordnungsentscheidung des Arztes. Womit die fehlerhafte Grammatik des Satzes eine höhere Wahrheit zum Ausdruck bringt.

1 Mrd. für Werbung
Die Pharma-Branche gehört mit zu den Industrie-Zweigen, die am meisten Geld für Reklame ausgeben. 1 Mrd. Mark investieren BAYER & Co. jährlich in Anzeigen-Kampagnen und TV-Spots. Bei den Werbe-Ausgaben für Schmerzmittel nimmt BAYER unangefochten den Spitzenplatz ein. 38 Mio. Mark lässt der Chemie-Multi sich die Erhöhung des Bekanntheitsgrades von ASPIRIN und AKTREN kosten.

BAYER umwirbt ApothekerInnen
In der Werbe-Strategie des Leverkusener Chemie-Multis für ASPIRIN und AKTREN (siehe oben) kommt den ApothekerInnen eine besondere Bedeutung zu. Der Konzern ließ von der Kommunikationsagentur NESSBACH UND LUX ein Konzept entwickeln, mit dem PharmazeutikerInnen motiviert werden sollen, ihren KundInnen verstärkt zu den beiden BAYER-Produkten zu raten. Wenn Sie also Schmerzen haben, fragen Sie lieber nicht ihren Apotheker, er könnte der verlängerte Arm der Verkaufsabteilung des Chemie-Multis sein!

LandwirtInnen den Gen-Segen gepriesen
In einem Vortrag pries der BAYER-Biochemiker Dr. Jürgen Tomzik LandwirtInnen aus der Gegend von Georgsmarienhütte die Segnungen der Gentechnik. Als Partner der Landwirtschaft, deren Aufschwung nicht aufzuhalten sei, charakterisierte er die umstrittene Risiko-Technologie. Auf Gegnerschaften zur "grünen Gentechnik" ging der Forscher laut Osnabrücker Zeitung nur einmal ein, als er Farbdias von Autos zeigte, die während eines Treffens von Agrar- und Pharma-LobbyistInnen in Göttingen angeblich von ProtestlerInnen beschädigt worden waren.

AnalystInnen zeichnen BAYER aus
Wenn Finanz-AnalystInnen und Industrie-VertreterInnen ein Unternehmen positiv beurteilen, verheißt das nichts Gutes, was die Sicherheit von Arbeitsplätzen, die Qualität der Produkte und die Umweltschutz- Praktiken angeht. So ist es für den Leverkusener Chemie-Multi auch eine äußerst zweifelhafte Auszeichnung, in einer vom US-Wirtschafts-
magazin Fortune unter 10.000 AnalystInnen und ManagerInnen durchgeführten Umfrage zu "America's Most Admired Companies" in der Sparte "Chemie" den dritten Platz belegt zu haben.

Gen-Mobil rollt wieder
Das mit einem Labor ausgestattete und eine Ausstellung beherbergende Gen-Mobil macht auch in diesem Jahr wieder die Straßen Nordrhein-Westfalens unsicher (siehe auch SWB 2/99). Anfang April - kurz bevor es aufgrund einer Aktion von Gentech-KritikerInnen ausbrannte - stoppte das Propaganda-Gefährt für zwei Tage am Leverkusener BAYER-Werk. Schließlich musste es sich ja mal bei einem seiner Hauptsponsoren sehen lassen und ihm bei der "wissenschaftlichen Nachwuchs-Förderung" behilflich sein, indem es den Leistungskurs Biologie des Lise-Meitner-Gymnasiums für einen halben Tag unter seine Fittiche nahm. Von Aufklärung über die umstrittene Risiko-Technologie spricht von den Initiatoren, zu denen auch das "Bundesministerium für Bildung und Forschung" gehört, schon gar keiner mehr. Das Agitprop-Gefährt "soll Schulklassen die Welt der Biotechnologie und der Gentechnik näher bringen" heißt es in bemerkenswerter Offenheit.

VCI-Kampagne zum EU-Weißbuch
In einer großflächigen Anzeige, die in allen großen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht wurde, begrüßt der "Verband der Chemischen Industrie" (VCI) die neue Chemie-Politik der EU - zum Schein (siehe auch POLITIK & EINFLUSS). Unter der Überschrift "Systematische Stoff-Bewertung statt bürokratischer Hürden" spricht der Lobby-Club sich für eine Registrierung und Bewertung der Stoffe aus, aber gegen Zulassungsverfahren für bestimmte Substanz-Gruppen, offensichtlich weil BAYER & Co. befürchten, einige ihrer Produkte würden die Genehmigungsprozedur nicht überstehen.