SWB 03/01 - Ticker

UNFÄLLE & KATASTROPHEN

Tödliches LIPOBAY
31 Todesfälle in Zusammenhang mit der Einnahme von BAYERs Cholesterin-Senker LIPOBAY (US-Name BAYCOL) meldeten MedizinerInnen bis zum Juli der US-amerikanischen Gesundheits-
behörde FDA. Der Leverkusener Chemie-Multi musste das Mittel daraufhin "freiwillig" vom Markt nehmen und löste damit einen der größten Pharma-Skandale der jüngeren Geschichte aus (siehe SWB 3/01).

Spätfolgen bei HOECHST
Bei der Explosion im Wuppertaler BAYER-Technikum am 8. Juni 1999 traten 2,7 Tonnen hochgiftiger Chemikalien aus; über 100 Menschen waren verletzt worden. Welche Spätfolgen solch ein Beinahe- Katastrophe haben kann, zeigte jetzt eine Untersuchung des "Bremer Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin" (BIPS) am Beispiel des Störfalles bei HOECHST, der sich am 22.2.93 ereignete. Ebenso wie bei BAYER löste damals die Umsetzung von Chlornitrobenzol mit alkalischen Substanzen den großen Knall aus. Die Spätfolgen sind in dem Gebiet heute noch spürbar. Frauen erkranken vermehrt an Krebs, erleiden häufiger Fehlgeburten, bringen öfter Kinder mit Behinderungen auf die Welt oder klagen in größerer Zahl über Zysten- bzw. Myom- Bildungen. Kinder haben überdurchschnittlich oft Asthma, Neurodermitis oder Erkältungskrankheiten. Ein Feuerwehr-Mann, der dem ausgetretenem Gift bei den langwierigen Löscharbeiten 80 Stunden lang ausgesetzt war, ist inzwischen zu 50 Prozent schwerbehindert. Er hat alle Symptome einer Chemikalien-Vergiftung: Kopf-, Magen- und Nervenschmerzen, Blutungen, Hautrisse, angegriffene Lungenflügel. Gäbe es nicht so engagierte Institute wie das BIPS, so wären diese Befunde nie ans Tageslicht gekommen.

Chemikalie vergiftet Arbeiter
Als ein Arbeiter einer Fremdfirma am 25.5.01 im Pumpen-Werk des Leverkusener Chemikalien-Betriebs Isolier-Material von Rohrleitungen löste, trat die Grundchemikalie Para-Chloranilin aus. Der 33-Jährige Mann atmete den Stoff ein und zog sich eine schwere Vergiftung zu. Nach der Notarzt-Behandlung wurde er ins Klinikum Leverkusen verlegt. Eine Lebensgefahr bestehe nicht, teilte der Konzern kurz darauf mit.

Unfall bei Kampfstoff-Bergung
Bei der Bergung von Chemie-Waffen aus dem Ersten Weltkrieg kam es in Köln zu einem Zwischenfall. Es trat Giftgas aus. Die Bauarbeiter, die die Granate ausgegraben hatten, wurden zur Beobachtung in ein Krankenhaus eingeliefert. ExpertInnen in Schutzanzügen und mit Atem-Masken ausgestattet mussten das ins Erdreich eingesickerte Nervengas abtragen. Nach ersten Messungen könnte es sich um den Kampfstoff LOST (Senfgas) handeln, der von BAYER im Ersten Weltkrieg entwickelt wurde. Tonnen dieser Chemie-Gifte schlummern noch im Erdreich oder auf dem Grund der Meere. Bei der Aushebung eines ganzen Depots in Frankreich Mitte April musste aus Sicherheitsgründen ein ganzes Dorf mit 13.000 EinwohnerInnen evakuiert werden (siehe Ticker 2/01).

Brand in Chemie-"Park"
Welches Gefährdungspotenzial von dem Leverkusener Chemie-"Park" der BAYER AG ausgeht, wo unterschiedlichste Firmen in enger Nachbarschaft teilweise hochgiftige und explosive Stoffe herstellen, zeigte sich am 20. März 2001. An diesem Tag brach im Dachstuhl einer Titandioxid-Produktionsanlage von KRONOS TITAN ein Feuer aus, das kilometerweit sichtbar war. Bei den Löscharbeiten trugen zwei Feuerwehr-Männer Verletzungen davon. Da in dem Werk unmittelbar vor dem Brand noch Schweißarbeiten ausgeführt worden waren, warnte KRONOS sogar vor einer Explosion. Wäre es zu dem großen Knall gekommen, oder hätte das Feuer auf die Schwefelsäure-Tanks in unmittelbarer Nähe des Gebäudes übergegriffen, hätte leicht eine den ganzen Chemie-"Park" heimsuchende Kettenreaktion entstehen können.

Container-Brand in Wuppertal
Bei Abbruch-Arbeiten auf dem Gelände des Wuppertaler BAYER-Werks kam es zu einem Funken-Flug, der auf einem Container niederging und diesen in Brand setzte. Wie immer in solchen Fällen verkündete der Chemie-Multi, für Mensch und Umwelt habe zu keiner Zeit Gefahr bestanden.

Chemikalie trat aus
Am 6.8.01 trat durch ein Leck in einer Leverkusener BAYER-Anlage ein übel riechender Stoff aus. Bei Reinigungsarbeiten unmittelbar nach dem Zwischenfall kam es erneut zur Freisetzung des Zwischenprodukts, das unter anderem zur Herstellung von Harzen Verwendung findet.

Leverkusen: neue Sicherheitszentrale
Nicht nur die Störfälle selbst, sondern auch das jeweilige Störfall- Management haben sich bei BAYER oftmals als katastrophal erwiesen. Dem will der Chemie-Multi in Leverkusen jetzt mit der Einrichtung einer Sicherheitszentrale begegnen. In der neuen Leitstelle sind die bisher getrennt operierenden Bereiche "Werkschutz", "Brandschutz" und "Umweltschutz" zusammengefasst. Sie ist mit Video-Monitoren ausgestattet und ermöglicht den Zugriff auf gespeicherte Daten von gefährlichen Stoffen. Auch soll es nicht mehr so lange wie in der Vergangenheit dauern, bis Einsatzkräfte, Öffentlichkeit, Behörden und LokalpolitikerInnen informiert sind. Aber ob diese Maßnahmen reichen werden, im Ernstfall angemessen zu reagieren, ist mehr als fraglich, da der Konzern durch die Fusion von Werkschutz und Feuerwehr 125 Arbeitsplätze im Sicherheitsbereich vernichtet. Zudem gibt er noch immer keine Katastrophenpläne für die Bevölkerung heraus und bezieht die MedizinerInnen der Umgebung nicht in seine "worst case scenarios" ein. Darüber hinaus wird das Unternehmen im Katastrophen-Fall auch weiterhin alles tun, um zu verharmlosen und die Menschen über das Ausmaß der Gefahr im Unklaren zu lassen.