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Viele schlossen sich seiner Forderung an. Aber es kam anders. Die USA wollten sich so kurz vor der Welthandelskonferenz in Katar, wo die
Pharma-Patente ein wichtiger Tagesordnungspunkt waren, nicht den Vorwürfen aussetzen, die neoliberalen Markt-Gesetze immer dann auszuhebeln, wenn es den eigenen Interessen nützt. Nicht zuletzt dem Einfluss der
beiden ehemaligen Pharma-Manager in der Bush- Administration, Verteidigungsminister Rumsfeld und Management- und Budgetdirektor Mitch Daniels, ist das Zustandekommen des Kompromisses mit BAYER schließlich zu
“verdanken”. Der Leverkusener Chemie-Multi verpflichtete sich in der Vereinbarung, den USA 100 Mio. Tabletten zu einem Stückpreis von 0.95$ zu liefern und - falls nötig - die zweiten 100 Millionen Pillen für
0.85$ und die dritten für 0,75$ abzugeben. Die weitere Versorgung sollte dann mit Antibiotika anderer Hersteller gesichert werden. Dieser Deal brachte dem Konzern 95 Mio. Dollar ein - ein zweiter Großauftrag von der
Bundesregierung flatterte ihm unmittelbar danach ins Haus. Den Apotheken-Preis in den USA beließ das Unternehmen hingegen bei 4,67$. Trotzdem spielte sich der Chemie-Multi in einer Anzeigen-Kampagne, in welcher er
der US-Bevölkerung versicherte, alles Nötige zu ihrem Schutz zu tun, als großer Rettungsengel auf, um von dem Totengräber-Image infolge des LIPOBAY-Skandals loszukommen.
Die Auseinandersetzungen um die Patent-Regelungen und die Zwangslizenzen haben wieder einmal in aller Deutlichkeit gezeigt, welche absurden
Preisgestaltungsmöglichkeiten der so genannte Schutz des geistigen Eigentums BAYER & Co. einräumt. Kaum ein/e US-AmerikanerIn konnte verstehen, warum eine Pille, deren Herstellungspreis bei 20 Cent liegt, in den
USA 4,67$, in Neuseeland 1,29$, in Großbritannien 2,03$, in Polen 1,51$ und in Indien 0,03$ kosten soll. Die zweite Unwägbarkeit, die Abhängigkeit von nur einem Hersteller, die schon nach dem Produktionsstopp des
BAYER- Blutplasmaprodukts KOGENATE für Panik unter den Bluter-Patienten sorgte, hat der Leverkusener Chemie-Multi diesmal ganz bewusst herbeigeführt. Rund 200 Mio. Dollar zahlte er an die Konkurrenten BARR, HOECHST
und RUGBY, damit sie vor Ablauf des CIPROBAY- Patentes keine Nachahmer-Präparate entwickeln. Allein dies hätte die Handhabe geboten, BAYER das CIPROBAY-Patent abzuerkennen; gegenwärtig beschäftigt sich die
Aufsichtsbehörde FTC mit dem Fall. Aber es hätte auch so kassiert werden können. Die im TRIPS- Abkommen festgelegten Vereinbarungen zum Schutz des geistigen Eigentums bieten nämlich die Möglichkeit, den Patentschutz
aufzuheben, wenn eine medizinische Notfall-Situation vorliegt.
Noch dazu ist CIPROBAY gar nicht das einzige Mittel gegen Milzbrand. MedizinerInnen bescheinigen Antibiotika auf Doxycycline-Basis bei geringeren
Kosten und weniger Nebenwirkungen eine gleich hohe Wirksamkeit. “...bay”-typisch lesen sich die CIPROBAY-Gegenanzeigen wie ein Horror-Katalog: Depressionen, Atemnot, Krampfanfälle, anaphylaktischer Schock ...
Aber nicht nur deshalb warnen ÄrztInnen vor einer übereilten Einnahme des ohnehin nicht vorbeugend einsetzbaren Präparates. Sie befürchten durch
den massenhaften Konsum eine nochmals verstärkte Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen, wodurch das Risiko steigt, Infektionskrank- heiten nicht mehr behandeln zu können.
Inzwischen hat sich die verständliche Anthrax-Panik und damit auch der Wirbel um CIPROBAY ein wenig gelegt. Am 7. November gab die US-Regierung
vorerst Entwarnung. Einschätzungen wie die der ExpertInnen des Paul-Ehrlich-Institutes, Milzbrand-Bakterien seien zwar leicht herzustellen, aber nur schwer zu verbreiten und deshalb auch nicht als
Massenvernichtungswaffe geeignet, sondern “nur” dazu, Panik auszulösen, scheinen sich zu bewahrheiten.
Nichtsdestotrotz wird CIPROBAY in Zukunft ins verteidigungspolitischer Kalkül aller Staaten einbezogen werden und BAYERs Profite in die Höhe
treiben. In diese privilegierte Situation gelangte das Medikament, weil US-MilitärforscherInnen es erfolgreich an mit Milzbrand infizierten Affen testeten. Die Rheinische Post schreibt sogar, die Militärs hätten den Chemie-Multi die Versuche selber durchführen lassen. Das hieße, der Konzern würde über eigene Milzbrand-Kulturen verfügen oder zumindest über das Know-how, damit umzugehen. Dann wäre auch die Weigerung von BAYER und anderen Chemie-Unternehmen, UN-KontrolleurInnen den Zugang zu den Labors zu gestatten (Ticker 3/00), nur allzu verständlich. Wie dem auch sei, der Pharma-Riese kooperiert in Sachen “biologische Kriegsführung” seit Jahren mit dem US-Militär. Schon im Golfkrieg gehörte CIPROBAY zum Marschgepäck der Soldaten. Über die Verwendung als reine Abwehr-Maßnahme gegen Bakterien- Attacken sollte man sich dabei nicht täuschen lassen. Auch dadurch nimmt BAYER am Rüstungswettlauf teil, der irgendwo auf der Welt ForscherInnen mit Sicherheit jetzt schon darüber brüten lässt, Anthrax-Erreger gentechnologisch CIPROBAY-resistent zu machen.
“Defensiv” war auch die Biowaffen-Forschung im Dritten Reich lange angelegt. Hitler hatte sich gegen den biologischen Krieg ausgesprochen, aber
“äußerste Bemühungen um Abwehrmittel und Abwehrmaßnahmen gegen etwaige Feindangriffe mit Bakterien” gefordert, wie Friedrich Hansen in seinem Buch “Biologische Kriegsführung im Dritten Reich” aus einem
Generalsstabsschreiben zitiert. Hitler gab damit, so Hansen, “den entscheidenden Anstoß für die grausamen Menschenversuche, die von deutschen Ärzten in den Konzentrationslagern durchgeführt wurden”. Und an diesen
Versuchen war BAYER maßgeblich beteiligt, besonders intensiv an Test-Reihen zur Gewinnung eines Impfstoffes gegen das Fleckfieber.
Aber auch als die Biowaffen-Forschung nach Stalingrad ein zunehmend offensiven Charakter annahm, war BAYER bzw. der von BAYER mitgegründete
Mörder-Konzern IG FARBEN wieder mit von der Partie. Als der Biowaffen-Experte Heinrich Kliewe 1943 mit POSTONAL einen Nährboden zur Kultivierung von Milzbrand- und anderen Bakterien entwickelte, ging der Auftrag zur
industriellen Fertigung an die IG FARBEN. Dieses POSTONAL stuften die Allierten nach dem Krieg als bedeutensten Forschungsertrag des Dritten Reiches auf dem Gebiet der offensiven biologischen Kriegsführung ein. Zur
Rechenschaft gezogen wurde dafür niemand. Die USA stellten dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal die entsprechenden Unterlagen nicht zur Verfügung. Stattdessen ließen sie die bedeutensten NS-Forscher für sich
arbeiten. Wenn es stimmt, dass die in den Briefen verwendeten Anthrax-Bakterien aus US-Labors stammen, dann könnte auch dieser Tod - zumindest mittelbar - wieder ein Meister aus Deutschland sein.
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