SWB 04/01

CIPROBAY als Defensiv-Waffe

BAYERs Bomben-Geschäft

Von Jan Pehrke

In diesem Herbst sollte ein Hausmittel BAYERs LIPOBAY-Beschwerden lindern: CIPROBAY.
Im Zuge der Anthrax-Attacken bescherte das Antibiotikum dem Konzern als einziges gegen Milzbrand zugelassenes Mittel enorme Umsatz- Zuwächse. In den Preis-Verhandlungen mit den Regierungen von Kanada und den USA pokerte der Leverkusener Chemie-Multi so hoch, dass er nur durch die Drohung einer Aufhebung des Patentes zur Gewährung ausreichender Rabatte veranlasst werden konnte. “Es gibt einen Namen für ein derartiges Verhalten: Kriegsprofitlertum”, erboste sich der bekannte VerbraucherInnen- Anwalt Ralph Nader.

“In CIPRO we trust”, dieses Glaubensbekenntnis legte der populäre US-amerikanische Nachrichten-Sprecher Tom Brokaw ab. Und so wie er zeigten Zehntausende von Nordamerika-
nerInnen nach den heimtückischen Anthrax- Versendungen Gottvertrauen in das BAYER- Antibiotikum. “Das wird dort wie eine Wunderpille gehandelt”, rieb sich ein Konzern-Manager die Hände. Die Zahl der ausgestellten Rezepte stieg um 27 Prozent, die Regale der Apotheken waren bald leer geräumt und der Chemie-Multi kam gar nicht mehr mit dem Liefern nach. Die Erfordernis, die gesamte Bevölkerung wirksam gegen den Bio-Terrorismus zu schützen, brachte die Bush-Regierung in dieselbe finanzielle Bedrängnis, in der sich Südafrika angesichts der AIDS-Krise befunden hatte. Hatte die US- Administration, souffliert von der mächtigen Pharma-Industrie, damals noch mächtigen Druck auf das Land ausgeübt, die Patent-Regelungen nicht zu verletzen, erwog die Regierung nun selber, die Bestimmungen zum “Geistigen Eigentum” außer Kraft zu setzen. Zumal BAYER in den Preis-Runden unverschämt pokerte. Gegenüber der hart verhandelnden kanadischen Regierung war der Pharma-Riese bereit, CIPROBAY für 1.30$ abzugeben, von den USA hingegen wollte er 1.80$ pro Pille haben. Noch dazu weigerte sich das Unternehmen “aus Wettbewerbsgründen”, die Preis- und Kosten-Strukturen offen zu legen. Nicht nur wegen des hohen Preises, sondern auch, weil er daran zweifelte, ob BAYER ausreichende Produktionskapazitäten besitzt, um die Versorgung sicher zu stellen, verlangte der demokratische Senator Charles E. Schumer eine Aufhebung des Patent-Schutzes, um anderen Pharma-Unternehmen die Möglichkeit zu geben, billigerer Nachahmer-Präparate herzustellen.

Anthrax-Erreger

Biowaffen-Experimente in den USA 1960

Viele schlossen sich seiner Forderung an. Aber es kam anders.
Die USA wollten sich so kurz vor der Welthandelskonferenz in Katar, wo die Pharma-Patente ein wichtiger Tagesordnungspunkt waren, nicht den Vorwürfen aussetzen, die neoliberalen Markt-Gesetze immer dann auszuhebeln, wenn es den eigenen Interessen nützt. Nicht zuletzt dem Einfluss der beiden ehemaligen Pharma-Manager in der Bush- Administration, Verteidigungsminister Rumsfeld und Management- und Budgetdirektor Mitch Daniels, ist das Zustandekommen des Kompromisses mit BAYER schließlich zu “verdanken”.
Der Leverkusener Chemie-Multi verpflichtete sich in der Vereinbarung, den USA 100 Mio. Tabletten zu einem Stückpreis von 0.95$ zu liefern und - falls nötig - die zweiten 100 Millionen Pillen für 0.85$ und die dritten für 0,75$ abzugeben. Die weitere Versorgung sollte dann mit Antibiotika anderer Hersteller gesichert werden. Dieser Deal brachte dem Konzern 95 Mio. Dollar ein - ein zweiter Großauftrag von der Bundesregierung flatterte ihm unmittelbar danach ins Haus. Den Apotheken-Preis in den USA beließ das Unternehmen hingegen bei 4,67$. Trotzdem spielte sich der Chemie-Multi in einer Anzeigen-Kampagne, in welcher er der US-Bevölkerung versicherte, alles Nötige zu ihrem Schutz zu tun, als großer Rettungsengel auf, um von dem Totengräber-Image infolge des LIPOBAY-Skandals loszukommen.

Die Auseinandersetzungen um die Patent-Regelungen und die Zwangslizenzen haben wieder einmal in aller Deutlichkeit gezeigt, welche absurden Preisgestaltungsmöglichkeiten der so genannte Schutz des geistigen Eigentums BAYER & Co. einräumt. Kaum ein/e US-AmerikanerIn konnte verstehen, warum eine Pille, deren Herstellungspreis bei 20 Cent liegt, in den USA 4,67$, in Neuseeland 1,29$, in Großbritannien 2,03$, in Polen 1,51$ und in Indien 0,03$ kosten soll. Die zweite Unwägbarkeit, die Abhängigkeit von nur einem Hersteller, die schon nach dem Produktionsstopp des BAYER- Blutplasmaprodukts KOGENATE für Panik unter den Bluter-Patienten sorgte, hat der Leverkusener Chemie-Multi diesmal ganz bewusst herbeigeführt. Rund 200 Mio. Dollar zahlte er an die Konkurrenten BARR, HOECHST und RUGBY, damit sie vor Ablauf des CIPROBAY- Patentes keine Nachahmer-Präparate entwickeln. Allein dies hätte die Handhabe geboten, BAYER das CIPROBAY-Patent abzuerkennen; gegenwärtig beschäftigt sich die Aufsichtsbehörde FTC mit dem Fall. Aber es hätte auch so kassiert werden können. Die im TRIPS- Abkommen festgelegten Vereinbarungen zum Schutz des geistigen Eigentums bieten nämlich die Möglichkeit, den Patentschutz aufzuheben, wenn eine medizinische Notfall-Situation vorliegt.

Noch dazu ist CIPROBAY gar nicht das einzige Mittel gegen Milzbrand. MedizinerInnen bescheinigen Antibiotika auf Doxycycline-Basis bei geringeren Kosten und weniger Nebenwirkungen eine gleich hohe Wirksamkeit. “...bay”-typisch lesen sich die CIPROBAY-Gegenanzeigen wie ein Horror-Katalog: Depressionen, Atemnot, Krampfanfälle, anaphylaktischer Schock ...

Aber nicht nur deshalb warnen ÄrztInnen vor einer übereilten Einnahme des ohnehin nicht vorbeugend einsetzbaren Präparates. Sie befürchten durch den massenhaften Konsum eine nochmals verstärkte Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen, wodurch das Risiko steigt, Infektionskrank-
heiten nicht mehr behandeln zu können.

Inzwischen hat sich die verständliche Anthrax-Panik und damit auch der Wirbel um CIPROBAY ein wenig gelegt. Am 7. November gab die US-Regierung vorerst Entwarnung. Einschätzungen wie die der ExpertInnen des Paul-Ehrlich-Institutes, Milzbrand-Bakterien seien zwar leicht herzustellen, aber nur schwer zu verbreiten und deshalb auch nicht als Massenvernichtungswaffe geeignet, sondern “nur” dazu, Panik auszulösen, scheinen sich zu bewahrheiten.

Nichtsdestotrotz wird CIPROBAY in Zukunft ins verteidigungspolitischer Kalkül aller Staaten einbezogen werden und BAYERs Profite in die Höhe treiben. In diese privilegierte Situation gelangte das Medikament, weil US-MilitärforscherInnen es erfolgreich an mit Milzbrand infizierten Affen testeten. Die Rheinische Post schreibt sogar, die Militärs hätten den Chemie-Multi die Versuche selber durchführen lassen. Das hieße, der Konzern würde über eigene Milzbrand-Kulturen verfügen oder zumindest über das Know-how, damit umzugehen. Dann wäre auch die Weigerung von BAYER und anderen Chemie-Unternehmen, UN-KontrolleurInnen den Zugang zu den Labors zu gestatten (Ticker 3/00), nur allzu verständlich. Wie dem auch sei, der Pharma-Riese kooperiert in Sachen “biologische Kriegsführung” seit Jahren mit dem US-Militär. Schon im Golfkrieg gehörte CIPROBAY zum Marschgepäck der Soldaten. Über die Verwendung als reine Abwehr-Maßnahme gegen Bakterien- Attacken sollte man sich dabei nicht täuschen lassen. Auch dadurch nimmt BAYER am Rüstungswettlauf teil, der irgendwo auf der Welt ForscherInnen mit Sicherheit jetzt schon darüber brüten lässt, Anthrax-Erreger gentechnologisch CIPROBAY-resistent zu machen.

“Defensiv” war auch die Biowaffen-Forschung im Dritten Reich lange angelegt. Hitler hatte sich gegen den biologischen Krieg ausgesprochen, aber “äußerste Bemühungen um Abwehrmittel und Abwehrmaßnahmen gegen etwaige Feindangriffe mit Bakterien” gefordert, wie Friedrich Hansen in seinem Buch “Biologische Kriegsführung im Dritten Reich” aus einem Generalsstabsschreiben zitiert. Hitler gab damit, so Hansen, “den entscheidenden Anstoß für die grausamen Menschenversuche, die von deutschen Ärzten in den Konzentrationslagern durchgeführt wurden”. Und an diesen Versuchen war BAYER maßgeblich beteiligt, besonders intensiv an Test-Reihen zur Gewinnung eines Impfstoffes gegen das Fleckfieber.

Aber auch als die Biowaffen-Forschung nach Stalingrad ein zunehmend offensiven Charakter annahm, war BAYER bzw. der von BAYER mitgegründete Mörder-Konzern IG FARBEN wieder mit von der Partie. Als der Biowaffen-Experte Heinrich Kliewe 1943 mit POSTONAL einen Nährboden zur Kultivierung von Milzbrand- und anderen Bakterien entwickelte, ging der Auftrag zur industriellen Fertigung an die IG FARBEN. Dieses POSTONAL stuften die Allierten nach dem Krieg als bedeutensten Forschungsertrag des Dritten Reiches auf dem Gebiet der offensiven biologischen Kriegsführung ein. Zur Rechenschaft gezogen wurde dafür niemand. Die USA stellten dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal die entsprechenden Unterlagen nicht zur Verfügung. Stattdessen ließen sie die bedeutensten NS-Forscher für sich arbeiten. Wenn es stimmt, dass die in den Briefen verwendeten Anthrax-Bakterien aus US-Labors stammen, dann könnte auch dieser Tod - zumindest mittelbar - wieder ein Meister aus Deutschland sein.