SWB 04/01

CBG-Aktionen zur IG FARBEN-HV

Gespenstisch-braunes Treiben

Die IG FARBEN hat ihre Auflösung angekündigt. Allerdings ist auch das lediglich ein taktischer Winkelzug, um öffentlichen Protesten den Wind aus den Segeln zu nehmen. Auf der Hauptversammlung im September wehte derselbe Geist wie eh und je: Es war ein gespenstisch-braunes Treiben.

Von Leon Maran

In den frühen achtziger Jahren entdeckte die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG), dass genau die Aktien-Gesellschaft, die als Zusammenschluss von BAYER, HOECHST, BASF und anderen deutschen Chemie-Konzernen sich zur Zeit des Hitler-Faschismus schrecklichster Verbrechen schuldig gemacht hatte, noch immer existiert. Die verantwortlichen Manager der IG FARBEN mussten sich 1948 vor einem internationalen Gericht verantworten: Beteiligung an Vorbereitung und Durchführung eines Angriffskriegs, Sklaverei, Raub, Plünderung. Die Gesellschaft finanzierte und ermöglichte den Aufstieg Hitlers, organisierte und sicherte den industriell betriebenen Holocaust, war in Vorbereitung und Realisierung des Weltkrieges involviert, führte grausame Menschenversuche durch und mordete Hunderttausende in eigenen KZs. Die IG FARBEN ließ im Interesse ihrer Profite kein Verbrechen aus.

Im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess wurde die Gesellschaft zur Auflösung verurteilt. Doch noch heute, fast sechzig Jahre nach Ende des Hitler-Faschismus, werden die Aktien der IG FARBEN in Hitler- Reichsmark an der Börse gehandelt; mittlerweile mit offiziellem Wechselkurs zum Euro. Ein Skandal, der nur möglich ist aufgrund der bis heute andauernden Kontinuität kapitalistischer Wirtschaftsstrukturen, speziell des Im Verborgenen nach wie vor wirkmächtigen IG FARBEN- Verbundes BAYER, HOECHST und BASF sowie des politischen Überlebens der Nazi-Eliten in der Bundesrepublik und des zunehmenden Rechtsextremismus.

1984 demonstrierte die CBG erstmals anlässlich der Hauptversammlung der IG FARBEN, seither regelmäßig jedes Jahr. Mittlerweile unterstützt längst ein breites Bündnis vom INTERNATIONALEN AUSCHWITZ- KOMITEE über antifaschistische Gruppen, Betroffenen-Organisationen wie VVN und andere bis hin zu Parteien wie den Grünen, der PDS und der DKP die jährlichen Demonstrationen zur unsäglichen Hauptversammlung. Längst sind dank der vielfältigen Aktionen des IG FARBEN-Widerstands die Forderungen nach sofortiger Auflösung der Gesellschaft, nach Entschädigung der Opfer und nach Öffnung der Archive Bestandteil regelmäßiger Berichterstattung in den Medien im In- und Ausland.

Im Jahr 1995 hielt der deutsche Bundespräsident eine weltweit Aufsehen errregende Rede in Auschwitz. Obwohl er praktisch in Sichtweite des KZ der IG FARBEN sprach, kam die Verantwortung der Industrie für Krieg, Nazi-Verbrechen und KZs nicht mit einem Wort zur Spreche. Anlass für die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN, zur Gründung der Kampagne NIE WIEDER! aufzurufen, welche die Verantwortung deutscher Konzerne und Banken für Nazi-Verbrechen und Krieg zum Schwerpunkt ihrer Arbeit machte. Mehr als 5.000 Organisationen und Personen aus 13 Ländern haben mittlerweile die Erklärung der Kampagne unterzeichnet und so ein deutliches Zeichen des internationalen Protestes gegen die IG FARBEN gesetzt.

Auch in diesem Jahr mobilisierten die Kampagne NIE WIEDER!, die CBG und viele andere Organisation zu Protesten anlässlich der Hauptversammlung der IG FARBEN am 17. September in Frankfurt. Bei strömendem Regen versammelten sich ab 8 Uhr die DemonstrantInnenen vor der Stadthalle in Bergen-Enkheim in Frankfurt. Unter ihnen die Überlebende des KZ Auschwitz, Esther Bejarano, der Antifaschist Peter Gingold, der seine Familie in Auschwitz verloren hat, Henry Mathews, der Sprecher des DACHVERBANDES DER KRITISCHEN AKTIONÄRINNEN, Hubert Ostendorf vom Vorstand der CBG sowie Axel Köhler- Schnura, Sprecher der Kampagne NIE WIEDER! und ebenfalls im Vorstand der CBG.

Der Antifaschist Peter Gingold protestiert vor der IG Farben-HV

Bereits im Vorfeld der HV gab es Proteste und Auseinandersetzungen. Erstmals folgte die Stadt Frankfurt den langjährigen Forderungen aus dem In- und Ausland und verweigerte der IG FARBEN den Versammlungsraum in Bergen-Enkheim. Allerdings zog die IG FARBEN vor Gericht und gewann. Die Stadt musste die Halle zur Verfügung stellen.

Vor dem Saal ein großes Polizei-Aufgebot, im Saal ein privater Sicherheitsdienst. Die Versammlung selbst irreal und erschreckend wie immer. Vorstand, Aufsichtsrat und AktionärInnen zeigten unverhohlen ihre rechte Gesinnung, einer zog durch die Halle und machte Geschäfte mit dem Verkauf von Original IG FARBEN-Aktien. Der “Aufsichtsrat” Krienke, brüstete sich damit, seit mehr als 20 Jahren der Kritik an der IG FARBEN zu trotzen, beschimpfte mit herabwürdigenden Worten Medien, KritikerInnen und DemonstrantInnen und ließ direkt zu Beginn der HV eine Gruppe von 20 Antifa-DemonstrantInnen gewaltsam aus dem Saal prügeln. “Liquidator” Pollehn (quasi der Vorstand) verstieg sich sogar dazu, die DemonstrantInnen in die Nähe der Terroristen von New York zu rücken. Die kritischen Gegenanträge der CBG, des Dachverbandes und anderer wurden samt und sonders mit großer Mehrheit (bei ca. 26 Prozent anwesendem Kapital) abgelehnt. Übelstes rechtsradikales Schmierentheater!

Doch die Rechten konnten sich nicht feiern. Auch diese HV stand ganz im Zeichen der Forderungen nach sofortiger Auflösung und Entschädigung der Opfer. Vor der Halle die Demonstration, direkt zu Beginn die Entrollung von trotz gründlicher Leibesvisitationen eingeschmuggelten Transparenten, bis zum Ende der Versammlung immer wieder lautstarke Proteste, Immer wieder vom Mikrofon der Hauptversammlung aus die Forderung nach sofortiger Auflösung.

Neu diesmal auch, dass die CBG, ausgestattet mit einem entsprechend großen Aktienpaket im Nennwert von 1 Mio. Reichsmark, erstmals in der Geschichte dieser skandalösen Hauptversammlungen die Auflösung der IG FARBEN offiziell auf die Tagesordnung zwang. Das Ergebnis der Abstimmung spricht für sich: abgelehnt von der überwältigenden Mehrheit der AktionärInnen!

Um so großartiger, dass das CBG-Vorstandsmitglied Axel Köhler- Schnura die unverbesserlichen Reaktionäre der IG FARBEN - ebenfalls erstmals in der Geschichte dieser Verbrecher-Gesellschaft - zwingen konnte, sich von den Plätzen zu erheben und der Opfer ihrer hundertausendfachen Mordanschläge gedenken. Der Widerwillen stand den “Liquidatoren”, Aufsichtsräten und AktionärInnen überdeutlich im Gesicht geschrieben. Von Reue und Sühne keine Spur.

Die Gesellschaft versuchte sich mit Finten der öffentlichen Medienkritik zu entziehen. Doch die Einrichtung der seit Jahren angekündigten Stiftung der IG FARBEN konnte als das entlarvt werden, was sie ist, eine Scheinstiftung, ein windiger Versuch, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen. Die IG FARBEN weigert sich bis zum heutigen Tag, in die Stiftung zur Entschädigung der ZwangsarbeiterInnen einzuzahlen, hat wenige Tage vor der HV schnell eine eigene Stiftung gegründet, in deren Satzung die Entschädigung der Opfer keine Rolle spielt. Zudem hat sie die Stiftung mit einem lächerlichen Betrag von lediglich 500.000 DM ausgestattet, deren Rendite nicht einmal die laufenden Kosten der Stiftung tragen kann. Zum Vergleich: Die “Liquidatoren” verdienen jährlich 600.000 DM, mehr als das gesamte Stiftungsvermögen ausmacht.

Auch die Ankündigung, die Gesellschaft würde aufgelöst, entpuppte sich als pures Geschwätz, um den Medien und der Öffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen. Weder wurde ein Beschluss zur Auflösung gefasst, noch ein verbindlicher Termin genannt. Im Gegenteil, der auf die Tagesordnung gezwungene Antrag der CBG zur Auflösung wurde per Abstimmung abgelehnt.

Für die IG FARBEN wird es keine Ruhe geben. Die Aktien dieser Gesellschaft sind getränkt mit dem Blut von Millionen ermordeter Jüdinnen und Juden, mit dem Blut der vielen Millionen Kriegsopfer, mit dem Blut der gemeuchelten KZ-Häftlinge, mit dem Blut der gequälten Opfer der Menschenversuche. Diese Mordgesellschaft muss aufgelöst werden, das Vermögen muss den Opfern oder ihren Hinterbliebenen zur Verfügung gestellt werden. Die Existenz dieser Gesellschaft ist eine Schande wie es auch eine Schande ist, dass mit dem Rechtsanwalt Pollehn ein CDU-Bundestagsabgeordneter als “Liquidator” der IG FARBEN die Fortexistenz der Gesellschaft mit aller Kraft betreiben und sich ungestraft als rechtsradikaler Gesinnungsfreund gerieren kann. Ihm ist es auch zu verdanken, dass die IG FARBEN die protestierenden AntifaschistInnen angezeigt hat und für deren Bestrafung eintritt. Wir fordern Einstellung aller Verfahren und rufen auf zur Solidarität.

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Bernd Malle
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