SWB 04/01

Kapital & Krieg im Kongo

Schwarzbuch BAYER

Von Jan Pehrke

 â€œDie Top Drei unserer ‘Hitliste des Bösen’ sind BAYER, TOTAL-
FINA-ELF und MCDONALD’S”, schreiben die “Schwarzbuch Markenfirmen”-Autoren Klaus Werner und Hans Weiss.  “Die Liste der VorwĂŒrfe gegen den deutschen Chemie- und Pharma-Konzern (‘ASPIRIN’ u. a.) ist schier endlos,” eröffnen sie das SĂŒndenregister, “BAYER nimmt durch unethische Medikamenten-Versuche bewusst schwere GesundheitsschĂ€den von Patienten in Kauf, BAYER bringt gefĂ€hrliche Gifte in Umlauf, BAYER kĂ€mpft gegen billige AIDS- Medikamente in den Ă€rmsten LĂ€ndern der Welt und BAYER ist letztendlich einer der wichtigsten Geldgeber fĂŒr den Handel mit Rohstoffen im bĂŒrgerkriegsgeschĂŒttelten Kongo.” Den zum Schluss genannten Vorwurf streitet die 100-prozentige BAYER-Tochter H. C. STARCK vehement ab. Klaus Werner musste den Nachweis deshalb in Wallraff-Manier erbringen.

Der Handy-Boom ließ die Preise fĂŒr das vor allem in elektronischen Bauteilen Verwendung findende Metall Tantalit in astronomische Höhen steigen. Deshalb stieg der Umsatz der 100-prozentigen BAYER-Tochter H. C. STARCK als weltgrĂ¶ĂŸtem Tantalit-Verarbeiter im Jahr 2000 um 53 Prozent auf 665 Mio. Euro. Eines der grĂ¶ĂŸten Reservoirs des kostbaren grauen Sandes liegt im Kongo. Unter völlig unzureichenden Sicherheits-
bedingungen wird es dort von den Einheimischen - viele noch nicht einmal 14 Jahre alt - fĂŒr Hungerlöhne abgebaut. Erst im MĂ€rz diesen Jahres kostete ein GrubenunglĂŒck nordwestlich von Goma fast 100 Menschen das Leben. Noch weit mehr Opfer hat der seit 1998 tobende BĂŒrgerkrieg im Kongo, der sich laut einem UN-Bericht “hauptsĂ€chlich um die Kontrolle und den Handel mit mineralischen Ressourcen dreht”, bis jetzt gefordert: ca. 2,5 Millionen. Aber das seltene Metall ist nicht nur ein Kriegsziel, es ist auch ein Schmiermittel der blutigen Auseinander-
setzungen. Antonov-Flugzeuge aus russischer Herstellung liefern den Groß-Abnehmern das Roh-Tantalit nach Europa und bringen auf dem RĂŒckflug Waffen mit. “Die Verbindung zwischen der Fortsetzung des Konflikts und der Ausbeutung der natĂŒrlichen Ressourcen wĂ€re nicht möglich gewesen”, heißt es dazu in dem Report der “Vereinten Nationen”, “wenn nicht einige, die nicht zu den Konflikt-Parteien zĂ€hlen, eine SchlĂŒsselrolle gespielt hĂ€tten, willentlich oder nicht.” Gemeint sind H. C. STARCK, CABOT INC. und NINGXIA sowie ihre GeschĂ€ftspartner vor Ort.

Diese Rolle will H. C. STARCK nie gespielt haben. Unternehmenssprecher Manfred BĂŒtefisch verweigerte Klaus Werner mit Verweis auf “interne Daten” jegliche Auskunft. Ob die Firma das wertvolle Pulver auch aus dem Kongo bezieht, gab BĂŒtefisch auch nach beharrlichem Insistieren nicht preis: “Ich werde weder das eine noch das andere sagen.”

Um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, sah sich der “Schwarzbuch”- Autor deshalb gezwungen, die Wallraff-Methode anzuwenden.
Er schlĂŒpfte in die Haut eines Tantalit-HĂ€ndlers aus dem Kongo - allerdings nur in die digitale. Er legte sich die Internet-IdentitĂ€t “Robert Mbaye Leman, Wohnort: Arusha, Tansania, Beruf: RohstoffhĂ€ndler” zu und mailte H. C. STARCK ein Angebot. Die Antwort kam postwendend: “Wir sind generell interessiert am Kauf allen Tantalit-Rohmaterials. Lassen sie uns bitte eine Analyse, eine Probe und ihre Preis-Vorstellung zukommen. Nachdem wir diese Informationen bekommen haben, werden sie schnell unsere Antwort erhalten.”

Die schmutzige Quelle “Kongo” schmĂ€lerte das Interesse an dem Tantalit ebenso wenig wie das Bekenntnis Lemans/Werners, er beziehe die Ware ĂŒber die SOMIGL. Diese Firma wurde von der Rebellen- Organisation “Kongolesische Sammlung fĂŒr Demokratie” (RCD) gegrĂŒndet und handelt nicht nur mit BodenschĂ€tzen, sondern auch mit Waffen und nimmt es dabei mit den Zoll-Bestimmungen nicht immer genau. “GeschĂ€ft ist GeschĂ€ft” - darauf können sich eben alle Beteiligten an der Kriegswirtschaft jederzeit einigen. Was das Interesse hingegen erlahmen ließ, war der Preis. Der Quer-Einsteiger Werner hatte einen Fehler begangen und ihn zu niedrig angesetzt, was der BAYER-Tochter spanisch vorkam.

Auch ĂŒber einen eingeschalteten ZwischenhĂ€ndler sollte der “Schwarzbuch”-Autor mit H. C. STARCK zunĂ€chst nicht zu einem Abschluss kommen. Inzwischen hatte nĂ€mlich die taz ĂŒber Kapital und Krieg im Kongo berichtet und das Unternehmen fĂŒrchtete, ein Image- Problem zu bekommen, “da das Bild der SOMIGL in der deutschen Presse ein wenig unerfreulich sei”, wie Werners Kontakt-Mann berichtete. Aber das heimische Image-Problem erwies sich schließlich doch als lösbar, es trat einfach H. C. STARCK/Thailand als Kauf- Interessent auf - wozu ist man schließlich ein Welt-Konzern!

Damit war fĂŒr Klaus Werner die BeweisfĂŒhrung abgeschlossen. Er hĂ€tte es allerdings auch einfacher haben können, wie er nach seiner RĂŒckkehr in die Bundesrepublik feststellte. Er nahm Kontakt zu Karl-Heinz Albers auf, dem GeschĂ€ftsfĂŒhrer der kongolesischen Minen-Gesellschaft SOMIKIVU, die auf ein Handelsvolumen von 100 -150 Tonnen Konzentrat pro Monat kommt. “Den Großteil davon liefern wir an H. C. STARCK”, gestand der skrupellose GeschĂ€ftsmann zur völligen Überraschung Werners bereitwillig.

Woher diese guten GeschĂ€ftsbeziehungen rĂŒhren, erzĂ€hlte Albers ein wenig spĂ€ter dem Journalisten Nikolaus Förster. Der ging der im “Schwarzbuch” beschriebenen Tantalit-Connection in der Financial Times Deutschland noch eimmal nach und sprach ebenfalls mit dem SOMIKIVU-Chef. Karl-Heinz Albers erzĂ€hlte ihm, dass viele jetzige H. C. STARCK-MitarbeiterInnen vorher bei der NĂŒrnberger “Gesellschaft fĂŒr Elektrometallurgie” beschĂ€ftigt waren, die 70 Prozent der Anteile an der SOMIKIVU besitzt. “In der Branche kennt man sich gut”, plauderte Albers aus dem NĂ€hkĂ€stchen.

Davon und von allem anderen wollte H. C. STARCK auch nach der Veröffentlichung des “Schwarzbuch Markenfirmen” nichts wissen. “Wir sind erst durch den Bericht der Vereinten Nationen Mitte April auf die besondere Situation in dieser Region aufmerksam geworden”, bekundete die Firma. Zudem lasse sich das Unternehmen die Seriösitat ihrer GeschĂ€ftspartner durch das AuswĂ€rtige Amt bestĂ€tigen. Eine dreiste LĂŒge mehr. Auf eine Nachfrage Försters wies das Amt darauf hin, dass es grundsĂ€tzlich keine amtlichen Stellungnahmen pauschaler Art ĂŒber die SeriösitĂ€t einzelner auslĂ€ndischer Firmen abgebe.