SWB 04/01 - Ticker

DRUGS & PILLS

Mehr Geld, weniger neue Pillen
Die Ausgaben der großen Pharma-Firmen für Forschung & Entwicklung stiegen von fünf Milliarden Dollar anno 1985 auf über 40 Milliarden im Jahr 2000. Den höchsten Anteil an diesen Kosten - 50 bis 70 Prozent - haben dabei die Arznei-Tests mit menschlichen Versuchskaninchen. Gebracht haben diese Investitionen allerdings wenig: Im gleichen Zeitraum sank die Zahl neu herausgebrachter Medikamente von 60 auf 38.

Zeitschriften gegen Pharma-Einfluss
Die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit von Arzneimittel-Studien steht immer mehr in Frage. Untersuchungsergebnisse werden geschönt, missliebige Expertisen von der Pharma-Industrie nicht zur Veröffentlichung freigegeben. Zum Beispiel wollte BAYER einen Wissenschaftler, der vorhatte, zu Antibiotika-Resistenzbildungen zu forschen, per Vertrag dazu zwingen, die Ergebnisse nur mit Zustimmung des Konzern zu veröffentlichen (SWB 2/01). Zudem gehen immer mehr Konzerne dazu über, private Unternehmen mit der Durchführung von Studien zu beauftragen, die den Job „für weniger Geld und mit weniger Ärger machen“ als staatliche Institutionen. Darum haben die bekanntesten Medizin-Zeitschriften zur Wahrung ihres Renommés beschlossen, die Notbremse zu ziehen. In einer gemeinsamen Erklärung verpflichteten sie sich, den etwaien Verflechtungen zwischen MedizinerInnen und der Pharma-Industrie vor der Veröffentlichung der Texte genau nachzuspüren. Damit sollen künftig Lapsusse wie der vermieden werden, einen den Zusammenhang zwischen der östrogen- artigen Wirkung von Chemikalien und Brustkrebs bestreitenden Artikel zu publizieren, dessen AutorInnen - wie sich später herausstellt - von der auch BAYER zu seinen Mitgliedern zählenden „Chemical Manufacturers Association“ 150.000 Dollar für ihre Arbeit erhielten.

ASPIRIN-Tote
Todesfälle nach der Einnahme von Medikamenten sind für die Pharma- Industrie kein Skandal, sondern Alltag. Nach dem Motto „Was hilft, hat auch Nebenwirkungen“ versuchen sie das Problem durch seine Verallgemeinerung zu verharmlosen. So gab ein BAYER-Mann dann auch frank und frei zu, dass bei dem Unternehmen Fälle von PatientInnen dokumentiert sind, die den ASPIRIN-Konsum nicht überlebt haben. Allerdings bewege sich die Zahl der Opfer „nicht im Bereich von Hunderten“, so der Konzern-Sprecher in einer beruhigend gemeinten Stellungnahme.

ASPIRIN-Imagetransfer
BAYER setzt bei der Gestaltung von Medikamenten-Packungen auf optische Täuschungen, um vom Bekanntheitsgrad des „Tausendsassas“ ASPIRIN zu profitieren. In Spanien bietet der Konzern ein Mittel in grün-weißer Packung an, das gegen Beschwerden helfen soll, die „zwar zum Marken-Image von ASPIRIN, aber nicht zum Wirkspektrum der ASS (Acetylsalicylsäure, Anm. SWB) gehören, bzw. technisch oder wirtschaftlich nicht machbar sind“, heißt es in BAYERs Health Care Letter. Bei der Salbe gegen Rheuma-Schmerzen handelt es sich also um eine Mogelpackung. Den angeblich „bewährten Wirkstoff Etofenamat“ beurteilt der „Arzneiverordnungsreport ‘97“ auch kritischer. Dort heißt es über Etofenamat und andere Rheumasalben-Inhaltsstoffe: „Die therapeutischen Effekte sind im Ausmaß uneinheitlich und im Mechanismus unklar.“

ASPIRIN gegen Alzheimer
ASPIRIN hilft jetzt auch gegen Alzheimer - diese Meldung wird man in ein paar Jahren sicherlich in den Zeitungen lesen können. BAYER und andere Pharma-Multi finanzieren nämlich eine Studie, die untersuchen soll, ob ASPIRIN und andere entzündungshemmende Schmerzmittel vorbeugend gegen Alzheimer wirken. Der Leiter der Untersuchung,
Dr. John Breitner von der „Johns Hopkins School of Hygiene and Public Health“, weiß denn auch schon vor Start der Unternehmung, was seine Auftraggeber wünschen: „Wir verfügen über eine Fülle von Daten über Patienten, die regelmäßig Antiphlogistika (Entzündungshemmer, Anm. SWB) einnehmen. Im Vergleich zu Patienten, die solche Präparate nicht nehmen, scheinen sie weniger von Alzheimer betroffen zu sein.“  

Mahnung wg. CIPROXIN-Tests
Auf Einladung der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) berichtete der britische Arzt Dr. Steven Karran auf der diesjährigen BAYER-Hauptversammlung am 27. April über skandalöse Vorgänge bei Arzneimittel-Tests mit dem BAYER-Antibiotikum CIPROXIN (Produktname in der Bundesrepublik: CIPROBAY) in englischen Krankenhäusern und reichte noch am selben Tag eine Klage gegen den Leverkusener Chemie-Multi ein. Von England aus setzte er seine Aktivitäten fort. Dr. Karran gab mehrere Interviews und sprach mit der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA über die CIPROXIN- Tests. Das blieb nicht ohne Wirkung: Die britische Aufsichtsbehörde überprüfte den Fall erneut und forderte den Leverkusener Chemie-Multi anschließend auf, seine Arznei-Tests in Zukunft sorgfältiger durchzuführen.

BAYER hatte Arzneimittel-Tests durchführen lassen, um für CIPROXIN eine Zulassungserweiterung zu erhalten. Es sollte vor schweren Operationen nicht mehr nur intravenös, sondern auch oral verabreicht werden können. Die Tests fielen aber negativ aus. Oral eingenommen, vermochte CIPROXIN die PatientInnen nach überstandener OP nicht mehr vor Infektionskrankheiten zu schützen. Die Hälfte der ca. 300 Test-Personen erlitt Infektionen; es kam sogar zu Todesfällen. Der Konzern verschwieg diese Ergebnisse der zuständigen Ethik- Kommission und machte vor der „Medicine Control Agency“ bewusst falsche Angaben.

Nutzlose Pillen
15 Prozent aller von BAYER & Co. hergestellten und von den ÄrztInnen verschriebenen Medikamente haben keine pharmazeutische Wirkung. Zu diesem Ergebnis kam eine im Auftrag der Gmünder Ersatzkasse (GEK) durchgeführte Untersuchung des zur Bremer Universität gehörigen „Zentrums für Sozialpolitik“.

Zweifelhafte ADALAT-Studie
„Wenn ich jetzt böswillig wäre, was ich nicht bin, könnte ich ausrechnen, dass über 200.000 Menschen im Laufe der letzten 20 Jahre, dass wir die umgebracht haben mit Kalzium-Antagonisten (...)“, sagte Dr. Peter Sawicki von der Klinik für Stoffwechselkrankheiten an der Universität Düsseldorf vor zwei Jahren im ARD-Magazin Fakt (Ticker 1/99) über ADALAT und andere Arzneien aus dieser Medikamenten-Gruppe. BAYER ficht das alles nicht an. Der Konzern versucht sogar noch, das bisher auf „Bluthochdruck“ beschränkte Anwendungsgebiet zu erweitern und findet auch WissenschaftlerInnen, die bereit sind, entsprechende Expertisen zu verfertigen. Im Juni präsentierte der Chemie-Multi auf der Tagung der „European Society of Hypertension“ in Mailand eine INSIGHT-Studie. „Das Strategische Marketing wählte diesen wichtigen Kongress als die internationale Top-Veranstaltung des Jahres 2001 für ADALAT“ heißt es dazu in BAYERs Health Care Letter. Die Unter-
suchung bescheinigt dem Medikament u. a., die Sterblichkeitsraten um 50 Prozent zu reduzieren und auch bei Arteriosklerose einsetzbar zu sein. Was von solchen Expertisen zu halten ist, zeigte unlängst eine Gruppe von WissenschaftlerInnen, die 70 Studien zur Sicherheit von Kalzium-Antagonisten wie BAYERs Adalat mit dem Wirkstoff Nifedipin auswertete und die Resultate im angesehenen New England Journal of Medicine publizierte. Demnach bestanden bei einer positiven Bewertung der Kalzium-Antagonisten in 96 Prozent aller Fälle Beziehungen zur Pharma-Industrie, bei einer negativen Bewertung hingegen waren nur 37 Prozent der WissenschaftlerInnen mit der Pharma-Industrie verbandelt.