SWB 04/01 - Ticker

GENE & KLONE

Forcierung der „grünen Gentechnik“
Im Winter letzten Jahres plante Bundeskanzler Schröder gemeinsam mit BAYER & Co. eine Offensive in Sachen „grüner Gentechnik“. Ein regierungsamtlicher Freisetzungs-Großversuch mit wissenschaftlicher Begleitung sollte nach erfolgreichem Abschluss endlich ein für alle Mal den Einstieg in die Risiko-Technologie ermöglichen. Doch dann kam die BSE-Krise dazwischen, und der ebenfalls einflussreiche Lobby-Club der Ernährungsindustrie setzte sich bei Schröder mit dem Anliegen durch, die VerbraucherInnen in dieser schwierigen Zeit doch bitte nicht noch mehr zu verunsichern. Inzwischen hat sich die Aufregung wieder gelegt, und die Pläne, das Freisetzungsprojekt zu realisieren, nehmen konkretere Züge an.

Mehr Geld für Stammzell-Forschung
Im Frühjahr hat der Präsident der „Deutschen Forschungsgemeinschaft“ (DFG) und BAYER-Aufsichtsrat Ernst-Ludwig Winnacker den Kurswechsel der Institution verkündet und sich erstmals für Forschungen an bei der künstlichen Befruchtung „übrig bleibenden“ embryonalen Stammzellen ausgesprochen. Kaum ein halbes Jahr später macht die DFG schon Nägel mit Köpfen. Ende August kündigte sie an, ihr Förder-Programm für Stammzellen-Projekte merklich auszubauen.

DFG für Gen-Pflanzen
Unter der Ägide ihres Präsidenten Ernst-Ludwig Winnacker, der im BAYER-Aufsichtsrat sitzt, spielt die „Deutsche Forschungsgemeinschaft“ immer mehr den Eisbrecher für die Industrie in Sachen Gentechnik. Jetzt hat sich die Organisation auch für den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen ausgesprochen, nicht zufällig parallel zum Drängen der auch BAYER zu seinen Mitgliedern zählenden „Deutschen Industrie- Vereinigung Biotechnologie“ (DIB) auf die Bundesregierung, endlich grünes Licht für die grüne Gentechnik zu geben. Dabei entblöden sich die „WissenschaftlerInnen“ auch nicht, das Standard-Propaganda- Argument, die Gentechnik würde das Welthunger-Problem lösen, in Anschlag zu bringen. Dass Hunger kein Problem fehlender Lebensmittel, sondern ungerechter Verteilung und ungerechter Handelshemmnisse ist, verschweigen die DFGler wohlweislich.

„Grüne Gentechnik“ ohne Nutzen
Dieter Wißler, der Vorsitzende der „Deutschen Industrie-Vereinigung Biotechnologie“ (DIB), der auch BAYER angehört, hat zugegeben, dass die „grüne Gentechnik“ vor allem eine Rationalisierungstechnologie ist, die der Effizienz-Steigerung der agro-industriellen Produktion dient, für den/die VerbraucherIn aber keine erkennbaren Vorteile hat. Das soll sich nach seinen Vorstellungen durch noch mehr Gentechnik ändern. Einen Akzeptanz-Schub für die umstrittene Risiko-Technologie verspricht er sich von den „Produkten der zweiten Generation“, die angeblich mittels gentechnischer Eingriffe wie der „Herausoperation“ von Gluten beim Getreide verträglicher als herkömmliche werden. An solchem, von Gen-KritikerInnen Frankenstein-Food genannten, „Functional Food“ arbeiten auch die Gen-WerkerInnen von BAYER fieberhaft. 

Alter Wein in neuen Schläuchen
80 Gentech-Medikamente sind in der Bundesrepublik mittlerweile zugelassen, verkündet Marc Rath als Sprecher des von BAYER gegründeten „Verbandes der Forschenden Arzneimittel-Hersteller“ stolz. Bei den profitträchtigen Gen-Azneien (Gesamt-Umsatz: 37,7 Mrd. Mark) handelt es sich aber nur um alten Wein in neuen Schläuchen. Bislang unbekannte Wirkstoffe haben die Gen-MedizinerInnen nämlich noch nicht entdeckt. Das „Innovative“ beschränkt sich auf das Verfahren: Die bitteren Pillen werden nunmehr kostengünstig von Mikroorganismen oder Zellkulturen produziert.

Vier weitere Jahre mit MORPHOSYS
BAYER hat den Vertrag mit dem bundesdeutschen Biotech-Unter-
nehmen MORPHOSYS um vier Jahre verlängert. MORPHOSYS betreibt im Auftrag des Leverkusener Chemie-Multis Genom-Analysen und forscht nach Diagnostik-Methoden auf Gentech-Basis. Der Schwerpunkt der Zusammenarbeit liegt aber im Bereich der Suche nach Antikörper- Proteinen gegen Krebszellen. Einen solchen Antikörper wollen die BiotechnologInnen bereits gefunden haben. Der Einsatz von Antikörpern in der Krebs-Therapie ist umstritten. In der Vergangenheit scheiterte bereits ein Versuch BAYERs, in Kooperation mit CELLTECH ein Antikörper-Medikament gegen den septischen Schock zu entwickeln: In klinischen Tests konnte ein therapeutischer Nutzen des Mittels nicht nachgewiesen werden.

LION findet Arznei-Wirkorte
1999 hat BAYER mit dem Heidelberger Bioinformatik-Unternehmen LION BIOSCIENCE einen 100 Millionen Dollar schweren Kooperationsvertrag geschlossen. Darin verpflichtete sich die Biotech-Firma, für BAYER angeblich krankheitsrelevante Gene aufzuspüren, die potenziell als Wirkorte für neue Medikamente in Frage kommen. 250 dieser so genannten Targets hat LION bis jetzt gefunden. Laut Handelsblatt gibt es inzwischen schon ein Überangebot solcher Ziel-Eiweiße, so dass die Preise dafür stark gefallen sind. Nur gen-analytisch umfassend aufbereitete Gene versprechen noch gute Einnahmen. Um sich in dem enger werdenden Markt zu behaupten, greift LION verstärkt auch auf chemische Verfahren zurück. So experimentiert das Unternehmen mit der Synthese von Wirk-Molekülen für die Ziel-Gene.

Bamelis im EVOTEC-Vorstand
Nicht nur durch zahlreiche Kooperationsverträge ist BAYER mit jungen Gentech-Unternehmen liiert. Der Leverkusener Chemie-Multi sichert sich auch anderweitig Einfluss auf sie. So bekleidet mit Dr. Pol Bamelis der Forschungschef des Konzerns einen Aufsichtsratsposten bei EVOTEC BIOSYSTEMS AG.

Kennzeichnung für Zusatzstoffe
Nach einem neuen Entwurf der EU-Kommission zur Kennzeichnung gentechnologisch veränderter Lebensmittel unterliegen zukünftig auch Zusatzstoffe der Deklarationspflicht. Die Gentech-Aromen und -Zusatzstoffe der BAYER-Tochter HAARMANN & REIMER müssen also bald auf den Nahrungsmittel-Packungen ausgewiesen werden.

Neues BAYER-Patent
Das Europäische Patentamt (EPA) in München hat Anfang Februar einen Patent-Antrag von AVENTIS auf genetisch veränderte Pflanzen genehmigt. Nach dem Kauf von AVENTIS CROP SCIENCE im September ist nun BAYER Inhaber der Rechte an der gentechnisch gegen das Herbizid BASTA resistent gemachten Nutzpflanze. GREENPEACE kritisierte die Entscheidung, da das betreffende Gen in der Natur vorkomme, mittels bekannter Methoden isoliert worden sei und somit nicht von einer „Erfindung“ gesprochen werden könne. Zudem verwies die Organisation darauf, dass es nach dem europäischen Patent-Übereinkommen verboten sei, Patente auf Pflanzen-Sorten auszustellen.