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KAPITAL & ARBEIT
Über 9.000 Stellen weniger Der Leverkusener Chemie-Multi hat eine massive Arbeitsplatz-
vernichtung angekündigt. 1.250 Jobs kostet der LIPOBAY-Skandal. 4.000 Stellen will er wegen der „allgemein schlechten Konjunktur-Lage“ abbauen. Dem durch den Kauf der AVENTIS CROPSCIENCE erzielten
„Synergie-Effekt“ fallen schließlich noch einmal 4.000 Arbeitsplätze zum Opfer; das sind 15-18 Prozent der bisherigen Belegschaft. Die französische Gewerkschaft CGT protestiert scharf gegen dieses Vorhaben und
hat Stellen-Garantien gefordert. „Die konsequentere Bereinigung unseres Portfolios von Geschäften, die unseren Rendite- Anforderungen nicht gerecht werden können“ (Finanzvorstand Werner Wenning) dürfte das Aus für
5-7 Geschäftsfelder im Chemie- und/oder Kunststoff-Bereich bedeuten. Die Geschäftsführung erläuterte ihre Pläne auf einer Betriebsversammlung. 10.000 Beschäftigte - so viel wie noch nie - nahmen daran teil. Eine
Möglichkeit, die BAYER-Manager zur Rede zu stellen, bot sich ihnen dort allerdings nicht. Fragen und Wort-Beiträge waren schriftlich per Fax einzureichen. Beantwortet wurde nur ein Teil - natürlich der
unkritischste. Auf dem Podium demonstrierten Vorstand, Betriebsrat und Gewerkschaftsvertreter derweil Einigkeit. Die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine Gruppe kritischer
GewerkschaftlerInnen im Leverkusener BAYER-Werk, rufen in ihrem Flugblatt deshalb zu Protesten auf: „So darf es nicht weitergehen! Diskutieren Sie mit Ihren Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz über mögliche
Protest- Aktionen. (...) Fordern Sie die IG BCE auf, endlich die Interessen der Beschäftigten zu vertreten und Schluss zu machen mit der Kumpanei!“ Mit der Prophezeiung „Wenn die BAYER-Belegschaft sich noch lange
ruhig verhält, gibt es sie bald nicht mehr!“ endet der Appell schließlich.
Elefanten-Runde zu Brunsbüttel Verkauf der H-Säure-Produktion, die für
2003 angekündigte Verlagerung der DNT/TDA-Kunststoff-Herstellung nach Dormagen, Umstrukturierungen beim Werkschutz, drei nur in allerletzter Minute von Belegschaft und Betriebsrat verhinderte weitere Ausgliederungen
- das sind für die Belegschaftsangehörigen Anzeichen dafür, dass BAYER dem Standort keine große Zukunft mehr einräumt (siehe auch Ticker 3/01). Die Verunsicherung über die Perspektive Brunsbüttels als BAYER-Standort
führte im August zu einem Gespräch auf höchster Ebene. An dem Treffen in der Leverkusener Konzern-Zentrale nahmen u. a. der schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Bernd Rohwer, Brunsbüttels Bürgermeister
Wilfried Hansen, Werksleiter Klaus Starke und BAYER-Vorstand Attila Molnar teil. Dieser gab ein Lippenbekennt- nis zum Standort ab, stellte aber sogleich Forderungen an die Politik.
So dürfe sie keine weiteren Maßnahmen wie die Oberflächenwasser- Abgabe mehr beschließen und müsse für den zügigen Weiterbau der A20-Autobahn inklusive Elb-Querung in der Höhe von Glückstadt sorgen. Gegen
diese Straßenbau-Maßnahme protestieren UmweltschützInnen vehement. Unterdessen beschwerte sich der Betriebsratsvorsitzende Hans-Joachim Möller berechtigterweise darüber, keine Einladung zu der Elefanten-Runde
erhalten zu haben. Er blieb bei seiner pessimistischen Einschätzung und führte dafür die aufgeschobene Investition in eine Chlor-Anlage als neuerlichen Beleg an. Den von BAYER in einer Presse-Erklärung verbreiteten
Vorwurf, der Betriebsrat würde überreagieren, wies er scharf zurück.
Internet vernichtet Arbeitsplätze Die Nutzung des Internets für
Bestellungen und die anschließende Abwicklung des Zahlungsverkehrs vernichtet bei den Konzernen immens viele Arbeitsplätze. Die Zeitschrift Wirtschaftswoche listete am Beispiel des Frankfurter Flughafens minutiös
auf, welche Arbeitsschritte der Computer künftig unnötig macht: Bestell-Anforderung, Budget-Kontrolle, Anlagen-Buchhaltung, Freigabe der Bedarfsanforderung, Markt- Erkundung, Angebotsanalyse und
Rechnungseingangsprüfung. Dankenswerterweise rechnete das Blatt seiner ManagerInnen- Leserschaft auch gleich bis auf zwei Stellen hinter dem Komma aus, in welcher Höhe sich dadurch Personalkosten einsparen lassen.
In den Beschaffungsabteilungen der BAYER-Stammwerke erhöht sich durch den Einkauf per Maus-Klick der Automatisierungsgrad von 70 - 75 auf 80 - 85 Prozent. Bei den mit einer Quote von 40 - 45 Prozent noch nicht so
durchrationalisierten Konzern-Töchtern ergeben sich noch unerschöpflichere Digitalisierungsmöglichkeiten. Von den weltweit etwa 950 BAYER-EinkäuferInnen sind deshalb laut Konzern-Angaben „per saldo bis zu 15 Prozent
entbehrlich“. Mehr noch haben die BuchhalterInnen um ihren Arbeitsplatz zu fürchten: „Bei den Buchhaltern, die Rechungen checken und Überweisungen anordnen, sind die durch das Internet entstandenen
Einspar-Potenziale wohl am größten“, frohlockt BAYER-Manager Andreas Günther.
Das papierlose Büro Bei BAYER wird fieberhaft an der Realisierung des
papierlosen Büros gearbeitet. Das 1998 initiierte Projekt „Archivierung und Workflow KF Rechnungswesen“ steht kurz vor dem Abschluss. Bald ist die digitale Bearbeitung, Archivierung und Weiterleitung der bis zu
10.000 täglich beim Leverkusener Chemie-Multi eingehenden Rechnungen möglich. „Aber schon jetzt sind die erwarteten Verbesserungen im BAYER- Rechnungswesen bereits deutlich spürbar“, jubiliert das Fachblatt Chefbüro
über das auch in die SAP-Betriebssoftware des Konzerns integrierbare Programm und fährt fort: „Die Durchlauf- und Reaktionszeiten verkürzen sich, die Auskunftsfähigkeit wurde verbessert, Dokumente sind an jedem Ort
des Unternehmens verfügbar“. Wieviele Arbeitsplätze die Rationalisierungstechnologie vernichtet, verschweigt die Zeitschrift dagegen natürlich.
E-Business mit SIEBEL BAYER führt für den Online-Handel das
Computer-Programm „SIEBEL eBusiness Applications“ ein. Da der Chemie-Multi in einigen Bereichen bald schon 50 Prozent des Umsatzes per E-Business machen will, soll auch die Hälfte aller 119.000 Beschäftigten schon
bald damit arbeiten. Die SIEBEL-Software schafft für den Konzern den „gläsernen Kunden“, indem sie Zugriff auf alle den jeweiligen Geschäftspartner betreffenden Informationen in Echtzeit gewährt. So können die
Marketing-ExpertInnen des Unternehmens dann passgenau zugeschnittene Angebote unterbreiten. Zudem erlaubt es die Software nach Angaben der Internet-Publikation aktiencheck.de, „bestehende Aufträge optimal zu
steuern, umgehend auf Vertriebsmöglichkeiten zu reagieren und schneller zu Abschlüssen zu gelangen“. Und was so an Zeit gespart wird, spart BAYER aller Erfahrung nach auch bald an Personal ein.
11 Diagnostika-Lager weniger BAYERs Diagnostika-Sparte reduziert die
Anzahl der Vertriebszentren in Europa von 13 auf zwei. Diese Maßnahme sowie die Einführung eines SAP-Computerprogramms für Auftragsabwicklung und Kundenbetreu- ung wird zu einer massiven Arbeitsplatzvernichtung
in diesem Konzern- Bereich führen.
Chef-Gehälter: plus sieben Prozent Der letzte Tarif-Abschluss brachte
den BAYER-Beschäftigten eine Entgelt-Erhöhung von 2,67 Prozent ein. Berücksichtigt man die gestiegene Inflation, so bedeutet das einen Reallohn-Verlust. Die Gehälter von AbteilungsleiterInnen und anderen
hochrangigen Angestellten in der Pharma-Branche stiegen nach einer Untersuchung der Unternehmensberatung KIENBAUM im Jahr 2001 dagegen um rund sieben Prozent.
Geringer Arbeitskosten-Zuwachs Nirgendwo auf der Welt (mit Ausnahme
Italiens) sind anno 2000 die Arbeitskosten in der Chemie-Industrie geringer gestiegen als hierzulande. Der Chemie-Arbeitsgeberverband richtet wegen der „moderaten Entwicklung der westdeutschen Chemie-Arbeitskosten“
dann auch ein dickes Lob an die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE. Während die Aufwändungen für den Faktor Arbeit - vor allem aufgrund von Währungsschwankungen - in Japan um 23,1 Prozent, in den USA um 21 Prozent und in
Großbritannien um 12,2 Prozent zunahmen, sich in Frankreich um 5,8 Prozent und in den Niederlanden um 3,8 Prozent erhöhten, machte der Zuwachs in der Bundesrepublik nur 3,3 Prozent aus. Der Abstand zwischen den
hiesigen Arbeitskosten und denen in den Vergleichsländern schrumpfte von 1995 bis 2000 von gut 40 auf 32 Prozent. Aber durch die von BAYER & Co. massiv vorangetriebene Einführung des Euros sind auch der
Tarif-Politik in den europäischen Nachbarländern massive Fesseln angelegt. Das gemeinsame Geld macht es nämlich unmöglich, Entgelt-Erhöhungen wie bisher durch Währungsabwertungen zu kompensieren.
DYSTAR schließt Standorte DYSTAR, das Textilfarbstoff-Joint Venture von
BAYER, HOECHST und BASF, hat weltweit vier Standorte geschlossen, plant zwei Niederlassungen in der Bundesrepublik aufzugeben und vernichtet dadurch in großem Stil Arbeitsplätze (siehe auch STANDORTE &
PRODUKTION).
Werkswohnungsmieten steigen Der BAYER-Konzern hat immer behauptet, dass
trotz des zum 1.1.02 anstehenden Verkaufs der Werkswohnungsgesellschaft BAYWOGE für die MieterInnen alles beim Alten bleibe. Dies wird wohl kaum der Fall sein. Die Stadt Leverkusen hat nämlich angekündigt, den
11-prozentigen Nachlass auf den im Mietspiegel ausgewiesenen Durchschnittspreis, den der Chemie-Multi den BewohnerInnen gewährte, nicht länger steuerfrei zu stellen. Diese Vergünstigung wurde nur gewährt, weil in
den Häusern ausschließlich BAYER-MitarbeiterInnen wohnten, was sich nach dem Verkauf ändern werde, lautete die Begründung der Kommune. Der Konzern hat daraufhin sofort die „Gesamtbetriebsvereinbarung
Mietenregelung“ zum Ende des Jahres gekündigt, was Anhebungen erwarten lässt. Wäre der Konzern in der Vergangenheit auf die Forderung der KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine
Gruppe alternativer GewerkschaftlerInnen im Leverkusener BAYER-Werk, eingegangen, hätte dies verhindert werden können. Die DURCH- SCHAUBAREN hatten nämlich verlangt, die Mieten einzufrieren, statt sie den
allgemeinen Erhöhungen anzupassen und dann einen 11-prozentigen Nachlass zu gewähren. Aber der Pharma-Riese lehnte dies ab, da ihn das Abschlag-Modell steuerlich günstiger kam.
„Umgänglicher“ Betriebsrat Im internen Wettbewerb der einzelnen
BAYER-Standorte um Investitionen kann auch die Politik des Betriebsrates eine Rolle spielen, betonte der Betriebsratsvorsitzende der Dormagener BAYER- Niederlassung, Karl Josef Ellrich, in einem Interview mit der
Neuß-Grevenbroicher Zeitung. Wenn in Fragen der flexiblen Arbeitszeit und der Bereitschaft zur Weiterbildung „alle Werke etwa gleich liegen, wird auch nach der Umgänglichkeit und Flexibilität des Betriebsrates
gefragt. Da ist der Betriebsrat gefordert, sich einzubringen, so Ellrich untertänigst.
Spitze beim Sparen und Streichen Die Wirtschaftswoche machte eine
Umfrage unter den börsen-notierten Konzernen und fragte nach dem Volumen der geplanten Einspar- Programme sowie der Größenordnung der avisierten Arbeitsplatz- vernichtung. Beim Sparen belegte BAYER mit 1,5 Mrd.
Euro bis 2004 den vierten Rang und beim Stellen-Abbau mit 4.000 Arbeitsplätzen (ohne LIPOBAY-Effekt) gemeinsam mit der BASF den fünften Platz. Rechnet man die im Zusammenhang mit der AVENTIS CROPSCIENCE-Fusion
genannten 5.000 Stellen-Streichungen und die 1.250 Jobs, die LIPOBAY zum Opfer fielen, hinzu, so kommt der Chemie-Multi sogar auf Rang drei der Rausschmiss-Liga.
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