SWB 01/2002

Test-Schlappen für BAYERs Gen-Therapeutikum

Handelsgeheimnis Gen-GAU

Von Jan Pehrke

BAYERs Forschungskooperation mit AVIGEN zur Entwicklung eines Gen-Therapeutikums für Bluter erfüllt die Erwartungen nicht. Erst brach das kalifornische Biotech-Unternehmen klinische Tests mit dem Versuch ab, Blutern den Gerinnungsfaktor IX produzierende Gene in die Muskelzellen einzubringen, dann stoppte die US-Gesundheitsbehörde FDA einen neuerlichen Anlauf mit Leberzellen als avisierte Faktor IX-Brutstätten: Bei einem Probanden fanden sich Sequenzen der zum Gen-Transport benutzten Erkältungsviren in der Samenflüssigkeit.

Einen "wichtigen medizinischen Durchbruch" bei der Entwicklung eines Gen-Medikaments für Bluter, deren Körper den Blutgerinnungsfaktor IX nicht produzieren können, vermeldete das Unternehmen AVIGEN vor zwei Jahren in einer Presse-Mitteilung. Dieselbe Formulierung tauchte kurz darauf in unzähligen Zeitungsartikeln auf. - der Aktien-Kurs der Biotec-Firma stieg, und potenzielle Investoren wurden angelockt, was wohl auch der Sinn der Übung gewesen war. Im November 2000 biss schließlich BAYER an. Der Leverkusener Chemie-Multi beteiligte sich mit 15 Mio. Dollar an AVIGEN und sicherte die Finanzierung der kostspieligen dritten und letzten Test-Phase vor der Zulassung des Mittels zu. Insgesamt 60 Mio. Dollar war dem Konzern die Aussicht auf ein Gen-Mittel für Hämophilie B-Kranke wert, das mittels Erkältungsviren, so genannten Adeno-Viren, Faktor IX-produzierende Gene in Muskelzellen schleust und so die Anzahl der von den Blutern benötigten Transfusionen bedeutend senkt.

Es gab sogar schon einen Namen für das Pharmazeutikum:
COAGULIN B. Mit der Sache selber allerdings haperte es. Der die Erprobung für AVIGEN an der Stanford University leitende Dr. Mark Kay musste die Versuche mit dem "medizinischen Durchbruch" abbrechen. So lärmend der Auftakt der Erfolgsstory war, so klammheimlich ging ihr klägliches Ende über die Bühne. Lediglich einem Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung war ein Hinweis auf die Schlappe zu entnehmen. Kay ließ sich jedoch den sprichwörtlichen Branchen- Optimismus nicht austreiben und berichtete dem FAZ-Journalisten von ermutigenden Resultaten beim neuerlichen COAGULIN-Anlauf mit Leberzellen als Faktor IX-Produktionsort: "Bisher sind keine bedeutsamen Nebenwirkungen aufgetreten."

Das sollte sich bald ändern. Mitte Dezember letzten Jahres meldete das Wissenschaftsjournal nature, in der Samenflüssigkeit eines Test- Teilnehmers hätten sich Gen-Sequenzen der Adeno-Viren gefunden.
Da damit die Gefahr gegeben war, dass über die Fortpflanzung fremdes Erbmaterial in das Genom von Neugeborenen gelangt, unterbrach die US-Gesundheitsbehörde FDA die Versuchsreihe. Das Risiko eines Gen-Transfers war der Behörde nicht unbekannt. Sie hatte es bereits zur Auflage gemacht, Gen-Therapien ausschließlich an unfruchtbaren Männern zu erproben und lediglich bei lebensgefährlich Erkrankten ohne Therapie-Alternative Ausnahmen gestattet. Zudem hatten sich die COAGULIN B-Tester verpflichtet, über die Dauer der Erprobung beim Geschlechtsverkehr Kondome zu gebrauchen. Da sich die Viren-Spuren nicht direkt im Sperma, sondern "nur" in den anderen Bestandteilen der Samenflüssigkeit fanden, meinte Mark Kay im Gespräch mit nature abwiegeln zu können: "Wenn Sie sich die Bandbreite der anderen Risikien vergegenwärtigen, die Probanden in Arznei-Tests auf sich nehmen, dann ist dieses hier relativ klein." Die dem National Institute of Health (NIH) angegliederte Ethik-Kommission war derselben Auffassung. Sie sprach sich - bei etwas schärferen Kontroll- Bedingungen - für eine Fortsetzung des gefährlichen Gentherapie- Experiments aus. Der FDA blieb keine Wahl, als das Votum zu akzeptieren. Kurz vor Weihnachten 2001 gab sie grünes Licht für eine erneute Runde im Trial and Error-Spiel mit COAGULIN B.

Die beiden COAGULIN B-Desaster erweiterten die für den Bereich "Gen-Therapie" geführte, umfangreiche Unfall-Statistik um zwei weitere Einträge. Der Öffentlichkeit zugänglich ist sie nicht. Selbst das NIH informierte die FDA bloß über sechs Prozent der Zwischenfälle. Die von der Industrie finanzierten Gen-Experimente fallen nämlich unter das Handelsgeheimnis. Deshalb erhielt das NIH nicht eher Einblick in die Unterlagen über alle 652 bis zum Januar 2000 die Unterbrechung von Tests erfordernden Nebenwirkungen, als die Katastrophe eintrat: der Tod eines Menschen.

Am 17. September 1999 starb der 18-Jährige Jesse Gelsinger im Verlauf einer Gen-Therapie. Genau wie den COAGULIN B-Probanden wollten die Gen-MedizinerInnen ihm per Adeno-Viren Gene in die Leberzellen befördern. Dort sollten sie die Produktion eines fehlenden Immunabwehr-Enzyms anregen. 43 Milliarden Viren benutzten die ForscherInnen dazu - die größte bis dahin von der FDA genehmigte Menge. Zeitweise befanden sich im Blutkreislauf mehr Viren als rote Blutkörperchen. Diesem Ansturm war der Organismus nicht gewachsen. Das Immun-System wusste nicht mehr zwischen fremden und körper-eigenen Zellen zu unterscheiden und lief Amok. Multiples Organ-Versagen war die tödliche Folge.

Die nachfolgende Untersuchung förderte eine ganze Reihe von Unterlassungen zu Tage. Die Gen-TherapeutInnen hatten Angaben über starke Immun-Reaktion schon bei niedrigeren Virus-Dosen unter einem Wulst von Daten-Material verborgen und den Tod eines Versuchtieres verschwiegen. Zudem hatten sie den Beginn des klinischen Tests trotz erhöhter Ammoniak-Werte im Blut Gelsingers nicht verschoben. Wirtschaftliches Denken hatte über das medizinische gesiegt und Sicherheitsbedenken zurückstehen lassen: Der verantwortliche Arzt James Wilson hoffte über seine Biotech-Firma GENOVO aus den Studien-Eergebnissen Kapital zu schlagen. Ähnliche Unregelmäßig-
keiten deckte eine Untersuchungskommission des US-Senats auch bei anderen Gen-Therapien auf. Von einem katastrophalen Zustand des Kontrollsystems in der Forschung am Menschen sprach der Ausschuss- Vorsitzende Bill Frist laut Gen-ethischer Informationsdienst (GID) 138.

So kam der Tod Jesse Gelsingers alles andere als überraschend.
Er war lediglich der GAU in der an größeren und kleineren Debakeln nicht eben armen Geschichte dieses Zweiges der Gen-Medizin. Angetreten mit dem simplen, viele Erwartungen weckenden Therapie- Modell, bei Erbkrankheiten das kranke Gen passgenau durch das gesunde ersetzen zu können, mussten die Bio-MedizinerInnen schon bald Abstriche machen. Sowohl mit der Zielgenauigkeit als auch mit der Gen-Produktion der exakt benötigten Dosis haperte es. Deshalb blieben den ForscherInnen nur solche Krankheiten übrig, bei denen der Gen- Defekt nicht spezifisch reguliert zu werden brauchte, wie Sigrid Graumann im GID 141 schreibt. Aber selbst auf dem nun sehr beschränkten Arbeitsgebiet gab es keine Fortschritte. Der 1995 veröffentlichte Bericht einer US-Kommission spürte bis zum Ende des Untersuchungszeitraums keine einzige erfolgreiche Gen-Therapie auf! Konsequenterweise riet sie dazu, zur Grundlagen-Forschung zurückzukehren.

Hätten BAYER & Co. sich daran gehalten, könnte Jesse Gelsinger noch leben. Die Gen-Firmen hatten jedoch nicht die Absicht, ihre Investitionen so einfach abzuschreiben. Nicht einmal der Tod Gelsingers bewog sie zur Umkehr. Stattdessen zauberten die Gen-Firmen wieder einmal einen "Durchbruch" aus dem Hut. Jetzt sollte es die Verwendung nicht mehr ganzer Viren, sondern nur noch ihrer Hüllen als "Gen-Taxis" richten. Dieser neuerliche "Durchbruch" verursachte bei einer Test-Person über 40° Fieber, eine Leber-Entzündung sowie eine Absenkung der Anzahl der für die Blut-Gerinnung wichtigen Blutplättchen. Erst nach 19 Tagen stabilisierte sich der Gesundheitszustand der Test-Person wieder. Natürlich erfuhr die breite Öffentlichkeit davon nichts. Natürlich ließ die FDA den Versuch unter der Vorgabe, die Virus-Zahl abzusenken, nach einer Unterbrechung weiterlaufen. Und natürlich setzte sich die Pannen-Geschichte der Gen-Therapie im Herbst letztes Jahres mit dem BAYER-Kapitel "Adeno-Viren in der Samenflüssigkeit von COAGULIN B-Probanden" fort. Es dürfte nicht das letzte gewesen sein.