SWB 01/2002

Nachhaltigkeit bei BAYER unterentwickelt

Von Prof. Dr. Jürgen Rochlitz

Der sogenannte "Nachhaltigkeitsbericht" der BAYER AG für 2001 liegt vor. Die Broschüre dokumentiert - trotz aller Anstrengungen der Verschleierung - die Dominanz der Ökonomie und eine darauf abgestimmte Definition von Nachhaltigkeit. Vollständig negiert wird die Arbeitsplatz-
frage, damit reduziert sich Nachhaltigkeit für BAYER auf den sogenannten Einklang von Ökonomie und Ökologie. Die soziale Dimension der Nachhaltigkeit gerät vollends zur Arabeske.

Stichwort Treibhauseffekt

Obwohl im Jahr 2001 der aktuelle IPCC-Bericht für die internationalen Klimakonferenzen publiziert wurde, der den neuesten Stand des Wissens zum Zusammenhang zwischen Treibhausgasen, dem von diesen verursachten Klimawandel und den möglichen Folgen zusammen-
getragen hat, bleibt die BAYER AG dabei, lediglich von einem "Verdacht" der weltweiten Veränderung des Klimas auszugehen. Angesichts der im IPCC-Bericht dargestellten Fakten hätte die BAYER AG jede weitere Mitarbeit in der "Anti Global Warming Petition", die es erreicht hat, dass die USA das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnet, aufkündigen müssen.

Solange BAYER nicht gewillt ist, den Ernst der Lage zu realisieren, werden die Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgase halbherzig bleiben. So errechnet der Konzern zwar eine 35-prozentige Senkung der CO2- Äquivalente seit 1990 - allerdings nur wenn eine beachtliche rechnerische Reduktion der Emissionen von Lachgas und Tetrafluorethan angenommen wird. Für das energie-relevante CO2 wurde dagegen nur eine Verminderung von 9 % angegeben. Dies ist nicht verwunderlich, da der Energieeinsatz in dem Jahrzehnt von 1990 bis 2000 um 7% ansteigt.

Die Steigerung der Energie-Effizienz ist an sich begrüßenswert. Doch sie allein ist nicht entscheidend, eine zusätzliche massive absolute Reduktion des Energieeinsatzes müsste damit einhergehen - z.B. durch produktions- und produktintegrierte Vermeidung energiereicher Stoffe. Zu diesen zählen die Produktlinien, die vom energiereichen und alles andere als nachhaltigen Chlor ausgehen. Von der Zusicherung der Chemie- Industrie anlässlich der Berliner Klimakonferenz 1995, bis 2005 eine CO2-Reduktion von 25% gegenüber 1990 zu erzielen, ist BAYER daher noch weit entfernt. - diese Zielvereinbarung mit der Kohl- Regierung wird dementsprechend auch nicht mehr erwähnt.

Der Hochglanzbericht von BAYER hat mit der Realität wenig zu tun

Chlororganika Emission weiter hoch

Aber auch andere Emissionen müssen kritisch unter die Lupe genommen werden:

  • Bei den vielen Möglichkeiten,Salze zurückzuhalten,ist die ungeheure Salzfracht von zuletzt 2 Mio t im Abwasser des Konzerns überhaupt nicht zu verstehen.
  • Die Einleitung von organischen Chlorverbindungen mit 73 t in das Abwasser ist als zu hoch anzusehen, wenn deren Reduktions-
    potentiale beachtet werden.
  • Das gleiche gilt auch für die Luftemissionen von Chlororganika. Einige müßten ebenso wie z.B. Benzol und 1,3-Butadien gänzlich von der Umgebungsluft ferngehalten werden, weil sie krebserre-
    gend sind.
  • Auch beim Abfallmanagement bleiben Fragen offen. Aus den vorgelegten Daten geht nicht hervor, in welchem Umfang das Abfallaufkommen durch Stillegungen und Veräußerungen reduziert wurde und inwiefern produktionsintegrierte Maßnahmen oder Produktionsumstellungen zur Reduktion geführt haben. Unverständlich bleibt in diesem Kontext, dass der Anteil stofflich verwerteter Abfälle seit vier Jahren konstant geblieben ist.
     

Insgesamt gesehen ist  BAYER noch ein Stück weit entfernt von dem viel beschworenen Einklang von Ökonomie und Ökologie. Und es ist wieder klar geworden: Ernst genommen wird immer nur diejenige ökologische Verbesserung die sich rechnet. Schutz des Klimas und der Umwelt um ihrer selbst willen zu Gunsten nachfolgender Generationen bleibt auf der Strecke.
 

Gutachter empfehlen mehr Informationen zu Störfällen

Auch die Gutachter des Berichts (die Firma A.D. Little) kommen zum Ergebnis, dass z.B. Informationen zu Schadensereignissen in den Werken und beim Transport bisher fehlen und wichtig wären für die - angebliche - Unternehmensphilosophie des offenen Dialogs und der Offenlegung von Fakten.

Wie schon beim letzten Bericht müssen wir wieder scharf kritisieren, dass mit keinem Wort Stör- und Schadensfälle erwähnt werden.
Die Nachbarschaft, die gesamte Öffentlichkeit interessiert aber, wie größere Störfälle ausgelöst wurden, wie z.B. 1999 in Wuppertal - trotz einer hochorganisierten Verfahrens- und Anlagensicherheit, trotz bestens ausgerüsteter technischer Überwachung und eines versammelten Fachwissens in Sicherheitsfragen. Die Öffentlichkeit ist auch daran interessiert, wie wesentliche Sicherheitsschritte bei Produktionsabläufen, die von einem erfahrenen Sicherheitsmanagement betreut werden, ausgelassen werden können (wie z.B. 1999 in Wuppertal).
 

Freiwilligkeit fehlt

Sätze wie "dass Stoffe mit unkalkulierbarem Risiko aus dem Verkehr gezogen werden, ist natürlich in unserem Interesse" (BAYER- Vorstandsmitglied Attila Molnar) klingen zwar gut, doch meist hat es des öffentlichen Drucks bedurft, bis solche Schritte eingeleitet wurden (z.B. beim Pentachlorphenol, das von der BAYER-Tochter DESOWAG als Holzschutzmittel eingesetzt wurde, bei der von Molnar erwähnten Dünnsäureverklappung, und jetzt wieder bei Lipobay).

Die Produktionseinstellung von PCB, 1983 "aus Eigenverantwortung" erfolgt, ist keine Ruhmestat, waren doch schon Jahrzehnte vorher Ereignisse bekannt geworden, die auf die gefährlichen Eigenschaften des PCBs hinwiesen (siehe dazu den Artikel in diesem Heft).

Ein Trauerspiel der Chemiepolitik ist zudem, dass erst 25 Jahre nach der Katastrophe von Seveso 12 altbekannte, hochgefährliche Polychlorverbindungen global verboten worden sind, darunter der Komplex der Dioxine und Furane. Zu diesem Stockholmer Beschluß zu "stehen", sollte so selbstverständlich sein, dass es keiner Erwähnung bedürfte. Von gesellschaftlicher Verantwortung hätte es aber gezeugt, wenn BAYER als früherer Verbreiter des Holzschutzmittels Pentachlorphenol (PCP) auch für dessen Ächtung als 13. schmutzigster Giftstoff eingetreten wäre. Damit hätte man einen Stoff einbezogen, der zum Haupteintragspfad für die polychlorierten Dioxine und Furane in die Umwelt geworden ist, und der immer noch produziert und verwendet wird.
 

Umweltpolitik attackiert

Das leider noch nicht verabschiedete Weißbuch zur EU-Chemikalien-
politik wird von Molnar heftig kritisiert, seine Sicherheitsphilosophie führe zu hohen Kosten und Wettbewerbsnachteilen. Doch diese Sicherheits-
philosophie - nämlich die Umkehrung der Beweislast: die Chemische Industrie muß die Ungefährlichkeit der eingesetzten und verwendeten Stoffe beweisen -  hätte die Probleme mit Chemikalien wie Pentachlorphenol, Dioxin, PCB in der Vergangenheit gar nicht entstehen lassen. Eine solche vermehrte Sicherheit sollte allen, auch den Verursachern der Probleme, etwas wert sein.

Genau diese Sicherheitsphilosophie fehlt auch auf dem Arzneimittel- Sektor. Statt die Sicherheit in die Hände einer überforderten EU-Bürokratie zu legen, müssten nationale Institutionen von der Pharma-Industrie vorzulegende Umkehrbeweise überprüfen. Hätte BAYER z.B. die völlige Unbedenklichkeit von Lipobay nachweisen müssen, wären 50 klinische Studien mit nur 2500 Patienten keineswegs ausreichend gewesen. Es würde dann oft deutlich länger dauern, bis ein Präparat für die medizinische Verabreichung zugelassen wäre - aber zu unser aller Vorteil.
 

Wo bleiben die MitarbeiterInnen?

Bezeichnend für die eigenartige Definition von Nachhaltigkeit oder Sustainable Development durch BAYER ist der Vorrang von Ökonomie, die mit Ökologie in einen sogenannten Einklang zu bringen ist. Die soziale Dimension erschöpft sich für BAYER im punktuellen sozialen Engagement weltweit. In der Tat werden einige Beispiele begrüßens-
werter sozialer Engagements beschrieben (z.B. gegen Kinderarbeit, gegen Fremdenfeindlichkeit, etc.) - aber mit keinem Wort, mit keiner Zahl werden die durch Rationalisierung, Effizienzsteigerung, Globalisierung und Unternehmensumstrukturierung abgebauten Arbeitsplätze genannt. Mit keinem Wort wird auf die Folgen der Bildung von sogenannten Chemieparks an vier deutschen Werksstandorten für die dortigen Arbeitsplätze eingegangen, ebenso wenig auf die Folgen der schon erfolgten und bevorstehenden Ausgründungen von Firmen und ehemaligen BAYER-Aktivitäten. Es gibt noch nicht einmal ein eigenes Kapitel, das sich allein mit den Mitarbeitern, ihren Arbeitsplätzen, ihrer Zukunft beschäftigt. Im Kapitel "Wir bauen auf verantwortlich handelnde Mitarbeiter" ist nur vom Management für Gesundheit, Sicherheit und Umweltschutz die Rede.

Es ist eine Schande, dass einer der weltweit größten Chemie-Konzerne, der seit 1990 zehntausende Arbeitsplätze abgebaut hat, die Arbeitsplätze seiner Mitarbeiter, ihre Entwicklung seit 1990, ihre Sicherheit oder ihren weiteren Abbau bis - sagen wir - 2010 in seinem ersten Nachhaltigkeitsbericht für nicht erwähnenswert hält. Nur wer Nachhaltigkeit im wesentlichen als nachhaltigen Gewinn versteht, ist in der Lage, die soziale Dimension der Nachhaltigkeit so zu missachten!

Mit dieser Haltung und mit weitergehendem Arbeitsplatzabbau haben Sie sich, Herr Schneider, anders entschieden, als es Ihr Gastautor Kofi A. Annan in seinem Beitrag von Ihnen erwartete: Sie haben sich entschieden für den Weltmarkt mit kurzfristigem Gewinnstreben statt für einen mit menschlichem Antlitz, für einen egoistischen Individualismus, in dem das Schicksal der Benachteiligten nicht interessiert - statt für die Wahrnehmung Ihrer sozialen Verantwortung.
 

BAYER schmückt sich mit angeblichen Kritikern

Zwar wird schon  im Vorwort des Vorstandsvorsitzenden Schneider eine neue Tonlage angestimmt: "Der offene Dialog mit unseren Mitarbeitern, mit den Nachbarn unserer Werke in aller Welt (...) ist (...) uns besonders wichtig. Und auch mit Kritikern. Wir sind nicht mit allem einverstanden, was sie von uns fordern oder erwarten. Aber wir lassen sie zu Wort kommen und setzen uns mit ihren Anregungen auseinander."

Das letztere ist offensichtlich auch mit unserer Kritik am Bericht von 1999 geschehen. Die damaligen plumpen Zweifel am anthropogen verursachten Treibhauseffekt werden immerhin nicht wiederholt.
Dafür bleibt der Rest der zitierten Aussagen reine Propaganda.
Vor allem der Hinweis, der vorgelegte Bericht sei "Beleg für unsere Dialogbereitschaft", weil in ihm "Vertreter verschiedenster gesellschaftlicher Gruppierungen (...) äußern (...), was sie von unserem Unternehmen erwarten."

In diesem Bericht hat keine einzige "andere gesellschaftliche Gruppierung" Stellung beziehen können! Kein Gewerkschafter zum Arbeitsplatzabbau, kein Vertreter von Greenpeace zum weiteren Ausbau der Chlorchemie, kein kritischer Kirchenmann zur Uferlosigkeit der Gentechnik oder zu deren Anschlag auf die Schöpfung, kein kritischer Aktionär zum Begriff des nachhaltigen Gewinns, schon gar kein Vertreter der Coordination gegen BAYER-Gefahren. Die von BAYER gewonnenen zusätzlichen Autoren, der UN-Generalsekretär Kofi A. Annan, der ehemalige Präsident des Wuppertal-Instituts und SPD-Bundestagsabgeordnete Ernst Ulrich von Weizsäcker und der thailändische Generaldirektor der dortigen Umweltentwicklungsbehörden würden sich bedanken für die Kategorie "Kritiker" oder "Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen".

Als solche wollen sie sicher nicht verstanden werden und sind sie auch nicht zu verstehen. Nein - Herr Schneider - Sie wollten doch nur mit deren Prominenz ihrem Bericht einen die Öffentlichkeit und die Aktionäre beeindruckenden Glanz verleihen. Die von Annan und Weizsäcker genannten Ziele werden Sie nicht mit Ihren BAYER-Zielen zur Deckung bringen wollen. Aber Sie sollten wirklich mal Kritiker zu Wort kommen lassen, z. B. in der Hauptversammlung, ohne - wie in der Vergangenheit oft geschehen - deren Rederecht formal oder gar mit Hilfe des Werkschutzes zu beschränken. Dann hätten Sie ein weiteres Stück Nachhaltigkeit verwirklicht. Aber auch eine öffentliche Diskussion über Ihre Definition der Nachhaltigkeit - im Gegensatz zu deren weltweit wissenschaftlich beschriebenen und akzeptierten Bedingungen würde dem BAYER - Konzern nicht schlecht stehen. Für die Öffentlichkeit wie auch für die Politik wäre es interessant, zu wissen, wie weit der BAYER-Konzern eine Aussage des Umweltbundesamts von 1997 ("Nachhaltiges Deutschland") akzeptieren könnte: "Alles Wirtschaften und auch die Wohlfahrt im klassischen Sinne stehen unter dem Vorbehalt der ökologischen Nachhaltigkeit. Nur in dem Maße, in dem die Natur als Lebensgrundlage nicht gefährdet wird, ist Entwicklung und damit auch die Wohlfahrt möglich...Wenn die Politik Nachhaltigkeit gezielt gestalten will, dann muß sie die Tragekapazität der Umwelt als letzte, unüberwindliche Schranke für alle menschlichen Aktivitäten zur Kenntnis nehmen (...). Zwar ist im Begriff der Nachhaltigkeit immer auch Entwicklung mitgedacht, aber eben nicht im Sinne eines auf immer Mehr, Weiter, Höher gerichteten Fortschritts, sondern im Sinne einer Orientierung auf ein neues, qualitativ andersartiges Zielbündel."

Und zu diesem Zielbündel gehört auch ökologische und soziale Gerechtigkeit innerhalb der jetzt lebenden Generationen, kombiniert mit derjenigen zwischen den jetzt und den künftig lebenden. Wir sollten, als Europäer und damit als Reiche, weder auf Kosten der Armen in der Welt noch auf Kosten künftiger Generationen unser Leben gestalten.
Dazu könnte auch der BAYER-Konzern beitragen. Hochglanzbroschüren wie diese zur angeblichen Nachhaltigkeit kann er sich dagegen sparen.