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Tankerunglück bei BAYER-Uerdingen
Katastrophe wirft Fragen zum Krisenmanagement bei BAYER und der Landesregierung auf.
Harald Gülzow (Verein zum Schutze des Rheins und seiner Nebenflüsse)
Am 21. November letzten Jahres sank ein mit Salpetersäure geladener Tanker während des Entladens am Anleger des BAYER-Werkes in Krefeld Uerdingen. Obwohl
man erwarten sollte, dass die "Spezialisten" von BAYER mit so einem kleinen Problem fertig werden, wurde man eines besseren belehrt.
Wie konnte es eigentlich zum Sinken des Tankers kommen? Es war doch eigentlich kein großer Unfall passiert. Durch eine undichte Leitung liefen nach Angaben
von BAYER gerade mal 16 t Salpetersäure der gesamten Fracht von 1800 t zwischen die Tank- und Bordwand. Hierdurch wurden im Schiff liegende Taue und andere brennbare Materialien entzündet. Zusätzlich verursachte die
aggressive Säure ein Leck in der Außenwand des Schiffes, das daraufhin sank. Wieso gab es an Bord kein Warnsystem, das frühzeitig diesen unkontrollierten Säureverlust hätte feststellen können? Warum konnte die
auslaufende Säure nicht neutralisiert werden? Wenn schon so ein kleines Leck im Inneren des Tankschiffes eine derartige Katastrophe verursachen kann, was wäre passiert, wenn der Tanker mit einem anderen Schiff
kollidiert wäre? Dann wären nicht nur 16 t, sondern wahrscheinlich sehr viel mehr Säure ausgelaufen. Dass Zusammenstöße auch auf dem Rhein passieren, zeigte die Kollision zwischen einem Schubverband und einem
Gastanker auf dem Rhein bei Millingen einen Tag früher. Es stellt sich für uns die brennende Frage, war das Schiff überhaupt sicherheitstechnisch so weit ausgestattet, dass es eine Kollision ohne größeren Verlust an
Säure überstanden hätte.
Wegen des seit einigen Tagen durch Regenfälle im Oberlauf des Rheins steigenden Wasserstandes drang weiteres Wasser in das auf dem Grunde liegenden Schiff
ein. Durch die erhöhte Fließgeschwindigkeit des Rheins an der BAYER-Reede soll sich das Schiff auch schon auf dem Grund bewegt haben. Glaubwürdig ist diese Aussage, da die Ladestelle des BAYER-Konzerns direkt am
Prallufer des Rheins bei Uerdingen liegt. Jedes Schiff das dort anlegt hat mit der Strömung zu kämpfen.
Nach Angaben der Feuerwehr sollte jetzt das Risiko bestehen, dass Verbindungen der einzelnen Tanks brechen und die noch im Schiff befindende Säure
unkontrolliert austritt. Um diese Gefahr zu bannen, wurde die Ladung in den Rhein gepumpt. Hätte BAYER wie BASF am Oberrhein für die Be- und Entladung dieser sehr gefährlichen Stoffe ein vom Rhein getrenntes Becken,
so wäre auch diese Gefahr gebannt. Man könnte im stehendem und nicht wie in diesem Fall im stark strömenden Wasser die Bergungsarbeiten durchführen - aber eine Ladestelle im Strom ist halt wesentlich billiger,
dafür aber gefährlicher.
Katastrophales Krisenmanagement dokumentierte das ständige hin und her bei den Entscheidungen in Uerdingen. Nachdem weder BAYER noch die auf
Gefahrguttransporte spezialisierte Reederei innerhalb von vier Tagen in der Lage waren, die noch im Schiffsrumpf verbliebende Säure aus dem havarierten Schiff abzupumpen, wurden andere Lösungen gesucht. Man
entschied sich die Ladung kontinuierlich in den Rhein zu pumpen. Nachdem die Aktion am Nachmittag des 26. November begann, brach man sie nach Stunden wieder ab. Die Entsorgung des an der BAYER-Reede in Uerdingen
gesunkenen Salpetersäure-Tankers hatte jetzt BAYER auf den Plan gerufen. Ein Ansaugstutzen des BAYER-Werkes liegt in direkter Nähe der Unglücksstelle. Sinkt der pH-Wert hier zu stark ab, so wird kein Wasser mehr
eingezogen und die Bayer-Produktion liegt lahm. Nicht Gedanken zur Schädigung der Tiere und Pflanzen riefen eine Änderung der Planungen hervor, nein die Anforderungen der Industrie an die Wasserqualität mußten
erfüllt werden, erst dann konnte man weiter die giftige, hochaggressive Säure in den Rhein gießen. Nachdem eine über 80 m lange Leitung verlegt worden war, konnte die Salpetersäure weiter abgepumpt werden. Damit
verschwandt die Säure nun doch noch in den Fluten. Die gefüllten Tanks sind scheinbar für unsere hochtechnisierte Industrie ein großes Problem. Sie ist nicht in der Lage die Tanks eines Schiffes ohne Gefahren für
die Umwelt leerzupumpen! Noch dazu lag das Schiff nicht irgendwo auf Grund, sondern direkt unterhalb der Pumpanlagen der BAYER-Betriebes in Uerdingen - keine achtzig Meter entfernt!
Die Salpetersäure, die sich nun in den Rhein ergoß gehört zu den stärksten anorganischen Säuren, die wir kennen. Sie wird sich dann, da sie schwerer als
Wasser ist zuerst am Boden des Rheins sammeln und mit der Strömung flußabwärts treiben. Auf ihrem Weg über die Sedimente tötet sie sämtliches Leben dort ab. Nach längerer Zeit wird das turbulente Wasser sie soweit
verdünnen und verteilen, dass die akute toxische Wirkung nachläßt. Auf ihrem todbringenden Weg durch die Sedimente mobilisiert sie auch die dort angelagerten Schwermetalle und belastet damit den Rhein zusätzlich.
Wenn die Salpetersäure weit genug verdünnt ist, werden ihre Reaktionsprodukte wie Nitrat zum Problem. Dieses kann mit dem steigendem Wasser zusammen mit den mobilisierten Schwermetallen durch die
grundwasserführenden Schichten im Uferbereich in die flußnahen Brunnen eindringen und zusätzliche Belastungen bei der Trinkwassergewinnung hervorrufen.
Die Meßergebnisse der rheinabwärts in Bimmen liegenden Meßstation zeigten, dass sich die Salpetersäure nicht wie von amtlicher Seite behauptet im Rhein sehr
schnell verdünnt hatte. Die Nitratwerte stiegen nicht wie erwartet an, sondern bewegten sich auf normalen Niveau weiter - so als würde in Krefeld keine zusätzliche Einleitung geschehen. Wo sind die Nitrate dann
geblieben? Wahrscheinlich drang die Salpetersäure so tief in die Sedimente ein, dass sie nicht so zügig vom Rheinwasser mit in Richtung Nordsee transportiert werden konnte wie man erwartete. Ihre Wirkung am
Untergrund wird verheerend gewesen sein.
Zu dieser Erkenntnis scheint das Umweltschutzministerium in Düsseldorf dann doch auch noch gekommen zu sein. Durch den steigenden Wasserstand im Rhein konnte
der letzte Tank nicht wie geplant vollständig leergepumpt werden. Die Aktion mußte vorzeitig abgebrochen werden. Als nun der Wasserstand nach Tagen wieder so weit gefallen war, dass man sich wieder mit der Bergung
des Schiffes beschäftigen konnte, verbot man das Einleiten der restlichen, stark verdünnten Säure. Sie mußte von einem anderen Tanker abgepumpt werden. Die Proteste der Umweltschützer hatten dann doch noch
Erfolg.
Kosteneinsparung bei der Sicherheitsausstattung des Schiffes führte zum Sinken und Kosteneinsparung bei der Anlage des Hafens führte zur Gefahr des
Auseinanderbrechens. Wir müssen endlich erkennen, dass die Sicherheit beim Transport auf unseren Flüssen erhöht werden muß. Mit der Genehmigung solche ungeeigneten Hafenanlagen bei BAYER in Uerdingen und derart
ungeeignete Schiffe für den Transport dieser hochbrisanten Ladungen zu verwenden, werden bei größeren Unfällen viele kostenintensive Erfolge im Umweltschutz wieder aufgehoben.
Es ist dringend notwendig die entsprechende Investitionen zu tätigen, um die Risiken durch die Gefahrguttransporte zu verringern.
Verein zum Schutze des Rheins und seiner Nebenflüsse e.V. Egmondstr. 5, 47608 Geldern Tel. 02831 980281
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