SWB 01/2002 -Ticker

CHEMIE & GIFTE

Geringste Chemie-Dosen schaden
Nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen können auch Chemikalien in bislang als ungefährlich erachteten Größenordnungen eine schädigende Wirkung entfalten. Das schreibt der Chemiker Dr. Klaus-
Dietrich Sturm, Referatsleiter im schleswig-holsteinischen Umwelt-
ministerium, in der Zeitschrift punkt.um 9/01. “Schon geringste Konzentrationen naturfremder, evolutionsunerprobter Stoffe wie bestimmte Pflanzenschutzmittel, Wuchs-Stoffe, Konservierungsstoffe, Farb- und Aroma-Stoffe sowie Pharmazeutika (Cytostatika) - Pharma-Gift, das die Teilung bestimmter Zellen verhindert, vor allem in der Tumor-Behandlung eingesetzt, Anm. SWB - werden mit ausgesprochen negativen Wirkungen in Verbindung gebracht, heißt es in dem Aufsatz über die auch von BAYER in rauhen Menge produzierten Chemikalien.

Interventionen gegen EU-Weißbuch
Das EU-Weißbuch (s. SWB 2/01) mahnt die Risiko-Bewertung von 30.000 nie untersuchten Chemikalien an. BAYER-Vorstand Attila Molnar hält das gepante Vorschriften-Paket für unsinnig, da sich doch die Industrie eigenverantwortlich in vorbildlicher Weise um diese Dinge kümmere. “Kein mehr an Bürokratie”, warnt er Brüssel. Die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE macht ebenfalls gegen diese Maßnahme der EU-Umweltpolitik mobil. Die Gewerkschaft sieht wegen der den Unternehmen dadurch entstehenden Kosten sowie durch eventuelle Produktionsstopps für Chemie-Gifte tausende Arbeitsplätze gefährdet. Dabei operiert sie mit Berechnungen (1 Mrd. Euro), die selbst dem BAYER-Konzern so aus der Luft gegriffen erscheinen, dass er sie nicht kommentieren möchte. NRW-Standort-Politik betreibt auch die EU-Parlamentarierin Ruth Hieronymi (CDU). Warum die Europäische Union gesundheitsgefährdende Substanzen vom Markt nehmen will, mag sie gar nicht verstehen. “Benzin ist gefährlich, aber wir tanken täglich”, meint sie zu dem Problem-Komplex. Für den sachsen-anhaltinischen EU-Abgeordneten Horst Schnellhardt (CDU) ist das Weißbuch gar das “Tor zu einer Zerstörung” der Chemischen Industrie. Aus diesem Bundesland reisten Anfang März VertreterInnen von BAYER & Co. im Tross des Wirtschaftsstaatssekretär Manfred Maas zu mehrtägigen Gesprächen mit der EU-Kommission nach Brüssel. Einen ersten Erfolg können diese und andere Lobby-Aktivitäten schon verbuchen. Die EU scheint die Worte Molnars erhört zu haben, die Stoff-Prüfungen würden BAYER & Co. bei der “Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit nicht weiterhelfen” und gibt erstmal eine Studie über die wirtschaftlichen Folgen der Chemikalien-Risikobewertung in Auftrag. Damit verzögert sich die Umsetzung nicht nur beträchtlich, es ist auch eine erhebliche Verwässerung der Weißbuch-Forderungen zu befürchten.