SWB 02/2002

Embryonenforschung für die Industrie

In der öffentlichen Diskussion um die verbrauchende Embryo-
nenforschung vertraten die Befürworter der nun beschlos-
senen Gesetzesänderungen eine "Ethik des Heilens", über die ökonomischen Interessen wollten sie nicht so gerne reden. Tatsächlich aber wurde die Neuausrichtung der deutschen Gentechnik-Politik von Vertre-
tern der Industrie vorbereitet.

Von Philipp Mimkes

das Objekt der GentechnikerInnen-Begierde: die Stammzelle

Mit dem Abschluß der Debatte um das Stammzellen-Gesetz kommt die Neuausrichtung der deutschen Gentechnik-Politik zu einem vorläufigen Höhepunkt. Eingeleitet wurde die Wende Ende des Jahres 2000 mit einem Aufsatz von Bundeskanzler Gerhard Schröder in der Zeitschrift Die Woche, in dem sich dieser gegen "ideologische Scheuklappen und grundsätzliche Verbote" aussprach - weite Teile des Plädoyers übernahm der Kanzler dabei aus einem Manuskript von Ernst-Ludwig Winnacker, der neben seinem Amt als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) auch im Bayer-Aufsichtsrat sitzt.
Nach dem Aufsatz folgten der Rücktritt der Gentechnik-Kritikerin Andrea Fischer als Gesundheitsministerin und die Bildung des Nationalen Ethikrates, mit dem der Kanzler den BedenkenträgerInnen in der Bundestags-Enquetekommission Recht und Ethik der modernen Medizin ein neues Gremium entgegen setzte. Schließlich bewilligte die DFG noch am Tag der Entscheidung über das neue Stammzellen- Gesetz im Bundestag erstmals die Förderung eines Projekts, für das menschliche embryonale Stammzellen "verbraucht" werden.
 

Winnacker als Wende-Biopolitiker

Der Multifunktionär Winnacker hat sich in der Öffentlichkeit sukzessive den Posten des obersten Gentech-Experten erobert. In der Zeit, der BILD-Zeitung oder bei Sabine Christiansen tritt er als Repräsentant des Nationalen Ethikrats auf und erklärt dem Publikum die vorgeblichen Chancen der neuen Forschungsfelder. Bei Winnacker laufen alle Fäden zusammen. Er ist nicht nur DFG-Präsident, sitzt im Ethikrat sowie im Bayer-Aufsichtsrat und spielt eine wichtige Rolle als Berater des Kanzlers. Dazu ist er noch Gründer des Unternehmens MediGene, sitzt im Aufsichtsrat der Firmen EleGene AG und Nascacell, ist Vorstands-
mitglied der TVM Techno Venture Management (die zahlreichen Biotech-Firmen Startkapital zur Verfügung stellt), Wissenschaftlichen Beirat des Bayerischen Ministerpräsidenten und Beirat der Firma Switch Biotech.

Bei der DFG, die jährlich rund 1 Milliarde Euro Forschungsgelder verteilt, hat Winnacker innerhalb von zwei Jahren einen grundlegenden Wandel durchgesetzt. Während die DFG noch 1999 die verbrauchende Embryonenforschung ablehnte, veröffentlichte Winnacker nur ein Jahr später unter dem Titel "Stammzellen - Verheißung für die Biomedizin" ein Plädoyer für diese Forschungi. In dem Artikel stellte er das Lebens-
recht eines Embryos mit dem Recht auf Forschungsfreiheit auf eine Ebene. Im selben Jahr wurden die DFG-Statuten geändert, so dass nach der Entscheidung des Bundestags die ersten Gelder bewilligt werden konnten.

Doch nicht nur bei der Vergabe öffentlicher Mittel zieht Winnacker die Fäden. Als Stiftungsrat der Quandt Stiftung, Kurator der Gottlieb- Daimler- und Karl-Benz-Stiftung, Vizepräsident der Alexander von Humboldt-Stiftung, Kuratoriumsmitglied der Aventis Foundation, Stiftungsrat der Burda-Stiftung, Kurator der Evangelischen Akademie Tutzing und Stiftungsrat der Arthur-Burckhardt-Stiftung spielt er auch bei der Ausschüttung privater Forschungsgelder eine zentrale Rolle.

Noch vor ein paar Jahren lehnte Winacker eine Lockerung des Import- Verbotes für embryonale Stammzellen ab und warnte vor übertriebenen Hoffnungen: "Bislang fehlt der Nachweis, dass therapeutisches Klonen im Tierversuch funktioniert."(ii) Nachweise fehlen bis heute auch für weitere Aspekte: Entwickeln sich die mit Hilfe embryonaler Stammzellen hergestellten Gewebe-Arten und Organe nach der Übertragung im Körper normal? Ist ein beschleunigter Alterungsprozess ausgeschlossen?

Auch besteht bei aus Stammzellen gewonnenem Gewebe und Organen nach wie vor ein Abstoßungsrisiko, da sich in den Zellen Mitochondrien mit eigenen Erbanlagen befinden. Früh schon haben MedizinerInnen vor einem Krebsrisiko gewarnt. Bei einem Versuch der Medizinischen Hochschule Hannover hat es dafür erstmals eine Bestätigung gegeben: Gentechnisch veränderte Stammzellen lösten bei Mäusen Blutkrebs aus.
 

Wachstumsmarkt für die Pharmaindustrie

Auch wenn die Befürworter der Forschung an embryonalen Zellen ihre ökonomische Interessen nicht gerne zugeben: Letztlich geht es um die Erschließung neuer Märkte für die Pharmaindustrie. In den USA fallen jährlich Kosten in Höhe von 400 Milliarden Dollar durch Organ- und Gewebeschäden an, zehn Millionen Menschen leben mit künstlichen Implantaten. In Deutschland leiden drei Millionen Personen an chronischen Hautschäden, mehr als 100.000 Prothesen werden jährlich eingesetzt. In all diesen Bereichen sollen künftig Stammzellen zum Einsatz kommen. Analysten erwarten bereits für das Jahr 2010 ein Marktvolumen von 10 Mrd. US Dollar (iii).

So verwundert es nicht, dass der Leverkusener Bayer-Konzern auf die neue Technik setzt. Das Unternehmen ist nach dem Erwerb der Aventis Cropscience AG in Europas Nummer Eins im Bereich "grüne Gentechnik". Im medizinischen Bereich dagegen ist das Unternehmen dringend auf neue Einsatzfelder angewiesen. Erst Anfang des Jahres mußte Bayer den Verkauf des Cholesterin-Senkers Lipobay stoppen; außerdem ist der Patentschutz für das Antibiotikum Ciprobay und das Blutdruckmittel Adalat ausgelaufen.

"Die Möglichkeiten sind grenzenlos", schwärmt denn auch Bayer- Pharmaforschungsleiter Wolfgang Hartwig, "vor allem bei Erbkrank-
heiten, bei denen es noch keine konventionellen Therapien gibt, ist das Markt-Potential groß."(iv) Bayer forscht in den USA bereits an Stammzellen aus dem Gewebe Erwachsener und will nach eigener Aussage embryonale Zellen einsetzen, sobald dies erlaubt ist.

Zudem ist der Konzern mit fast allen deutschen Firmen, die Stamm-
zellenforschung betreiben, verbandelt. Im Management der Biotechno-
logie-Firmen Peptor GmbH und der Cardion AG sitzt Joachim Bender, ein langjähriger Bayer-Mitarbeiter. Der Bayer-Kontakt zu fast allen anderen Biotech-Firmen läuft über das Aufsichtsratsmitglied Winnacker. Für Start-up-Unternehmen stellte der Konzern allein im Raum Köln rund 10 Millionen Euro Risikokapital bereit. Auch zum Vorreiter des neuen Forschungszweigs mit Embryonen, dem Bonner Hirnforscher Oliver Brüstle, unterhält der Konzern enge Verbindungen.
 

Der Eisbrecher Oliver Brüstle

Stolz verkündete die Universität Bonn im vergangenen Jahr, dass der "Mediziner Oliver Brüstle die neu eingerichtete Professur für "Rekonstruktive Neurobiologie" an der Universität Bonn angenommen hat. Grund für Brüstle, die Stelle anzunehmen, sei die "Chance, den völlig neuen Forschungsbereich der rekonstruktiven Neurobiologie aufzubauen, der Biologie der Stammzellen ihre Geheimnisse zu entlocken und damit langfristig neue Perspektiven für die Forschung, aber auch für die Behandlung von Krankheiten zu eröffnen."

Brüstle ist neben Winnacker der zweite prominente "Eisbrecher", der in der öffentlichen Diskussion die Beschränkungen der Forschung beständig attackiert. Als prominenten Fürsprecher gewann er den nordrhein-westfälischen Ministerpräsident Wolfgang Clement. Gemeinsam besuchten sie die Gentechnik-Labors im Weizman Institut in Haifa, von wo Brüstle die ersten Stammzellen ordern wollte. Auf Brüstle gehen weitestgehend auch die "Empfehlungen zur Forschung mit menschlichen Stammzellen" zurück, auf deren Basis die Überarbeitung der DFG-Satzung vorgenommen wurde. So fiel es der DFG nicht schwer, seinem Antrag auf Import dieses Zell-Typs zuzustimmen.

Schon 1999 erregte Brüstle Aufsehen, als er mit seinem Instituts-Chef Otmar Wiestler aus embryonalen Stammzellen von Mäusen Gehirnzellen entwickelte und diese Ratten eingepflanzte. Mehrere Patente auf die Arbeit mit embryonalen Stammzellen sicherte sich Brüstle privat.

Diese Patente auf Leben symbolisieren denn auch den Paradigmen- Wechsel in der Medizin. Sie stehen für eine privatwirtschaftliche Aneignung der Vielfalt des Lebens zu Profit-Zwecken und für die Einführung des "Betriebsgeheimnisses" in die Welt der Forschung.
Die absehbare Folge davon ist eine Behinderung des wissenschaft-
lichen Fortschritts.
 

Life & Brain sichert kommerzielle Verwertung

Institutsleiter Otmar Wiestler legte im Sommer 2001 ein Konzept zur Ausgliederung der biotechnologischen Forschungsbereiche an der Universität Bonn in eine GmbH vor. Mit der Biotechnologie-Firma Life & Brain soll "akademische Forschung mit industriellem Know How unter einem Dach" verknüpft werden und "die Kooperation zwischen Wirtschaft und Wissenschaft eine neue Dimension" verliehen bekommen. Das Konzeptpapier, das mittlerweile offizieller Teil des Strukturkonzepts der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn ist, beschwört die "Möglichkeit gewinnträchtiger Firmenkooperationen und -beteiligungen" und erwähnt ein bereits vorliegendes Patent im Bereich neuraler Stammzellen "mit großem Verwertungspotential".

Vier Professore, darunter Oliver Brüstle, sollen - neben ihrer Tätigkeit für die Universität Bonn - für ein Monatsgehalt von 10.000 Euro Abteilungs-
leiter von Life & Brain werden. Es ist abzusehen, dass mittelfristig die Forschung an der Universität zurückgefahren wird und öffentlich geförderte Forschungsergebnisse ausschließlich privatwirtschaftlich genutzt werden - ohne lästige Kontrollen durch Gremien der Universität oder des Wissenschaftsministeriums. Auch bei Patienten und Studenten wird gespart, bereits jetzt findet an den Bonner Uni-Kliniken eine Umverteilung der Gelder aus den Bereichen Lehre und Krankheits-
versorgung zu Gunsten von Life & Brain statt.

Die jährlichen Kosten der Firma werden mit knapp 8 Millionen Euro pro Jahr angegeben, die Erstausstattung mit 35 Millionen. Die laufenden Kosten sollen langfristig etwa zu 70 Prozent von Universität, dem Land Nordrhein-Westfalen und der DFG, und zu rund 30 Prozent von Industrie-Partnern übernommen werden. Mittel- und langfristig sollen "Überschüsse zugunsten der Gesellschafter von Life & Brain erzielt" werden.
 

Bayer und Uni Bonn: Enge Verbindung mit Tradition

Nach Meinung der Autoren des Konzeptpapiers ist "die schnelle Realisierung von Life & Brain sowohl für den Wissenschaftsstandort als auch für den Wirtschaftsstandort NRW von entscheidender Bedeutung. Längerfristig kann im Umfeld von Life & Brain ein neurowissenschaftlich ausgerichteter Biotechnologie-Park entstehen." Erst am Ende des 30seitigen Entwurfs wird dann die Katze aus dem Sack gelassen:
"Ein Großunternehmen der pharmazeutichen Industrie aus Nordrhein- Westfalen hat bereits ein konkretes Interesse signalisiert, sich als Partner und Mitgesellschafter an dieser Modellinstitution zu beteiligen." Der Verdacht liegt nahe, dass es sich bei dem Partner aus der Industrie um den Leverkusener Bayer-Konzern handelt - einem alten Freund der Universität Bonn. Vertreter von Life & Brain wollten die Kooperation mit Bayer wegen "laufender Verhandlungen" nicht bestätigen.

Zwischen der Universität Bonn und Bayer handelt es sich um eine enge Verbindung mit Tradition. Die Firma Bayer unterhält seit über 80 Jahren enge Verbindungen zur Universität Bonn: Ein Vorstandsmitglied des Konzerns befindet sich stets im Aufsichtsrat der Universität, zur Zeit ist es der Forschungsleiter Pol Bamelis). Die Gesellschaft der Freunde und Förderer der Universität Bonn (GEFFRUB), die Forschungsvorhaben an der Uni und Stipendien finanziert, wird seit 1917 stets von einem Bayer-Vorstandsmitglied geleitet - erster Vorsitzender der GEFFRUB war der damalige Bayer-Generaldirektor Carl Duisberg, der im 1. Weltkrieg den Einsatz von Giftgas und Zwangsarbeitern forcierte und in den 20er Jahren die IG Farben schuf.

Schon 1963 lobte der damalige Direktor der Universität, Prof. H. Welzel die enge Verbindung zum BAYER-Konzern, die bis heute fortbesteht: "War Carl Duisberg der Begründer unserer Fördergesellschaft, so wird man Ulrich Haberland [Vorstandsvorsitzender von BAYER] mit gutem Grunde als ihren Neubegründer nach der Katastrophe von 1945 aussprechen können. Dass nun wieder ein leitender Mann aus dem Verbande der BAYER-Werke den Vorsitz unserer Gesellschaft übernommen hat, das erfüllt uns mit großer Genugtuung und mit der Hoffnung, dass die enge Verbindung zwischen den BAYER-Werken und der Universität Bonn auch im zweiten Jahrhundert des Bestehens der BAYER-Werke erhalten bleibt und zur Tradition erstarken möge." Aktuell werden auch der Ehrenvorsitzende des Verbands und der Beisitzer von dem Unternehmen gestellt - bis vor wenigen Jahren befand sich gar das Sekretariat der GEFFRUB direkt im Leverkusener Bayer-Werk.
 

Ungedeckte Schecks auf die Zukunft

Die Befürworter embryonaler Stammzellenforschung haben in den zahlreichen Diskussionen zum Thema stets eine "Ethik des Heilens" vertreten. Das von allen Seiten eingestandene moralische Problem, menschliches Leben für Forschungszwecke zu opfern, müsse demnach zugunsten verbesserter Heilungschancen für Millionen Kranke zurücktreten. Während diese Versprechen ungedeckte Schecks auf die Zukunft sind, ist das "Verbrauchen" von Embryonen zu Forschungs-
zwecken schon erschreckend real. Ebenso real wie die Ökonomisierung der Forschung und die Beschränkung des Zugangs zum Wissen durch die Patent-Regelungen.

Privatwirtschaftliche ökonomische Interessen als Motor der neuen Forschungszweige wurden von den Befürwortern der Gesetzesänderung scharf zurückgewiesen. Die engen Verflechtungen von Pharmaindustrie, Politik und öffentlichen Forschungseinrichtungen wurden in dem vorgeblich "offenen" Diskurs nicht thematisiert. Eine mögliche Beteiligung der Bayer AG an der nun geplanten Life & Brain GmbH diskutierten die Initiatoren des Projekts nicht in der Öffentlichkeit, sondern sie wurde erst durch eine Indiskretion bekannt.

Der Öffentlichkeit wurden damit wesentliche Hintergründe, die zu der Entscheidung über das Stammzell-Gesetz führten - und die sicherlich nicht den Schlusspunkt der Entwicklung darstellt - vorenthalten. Es fragt sich, warum die Befürworter der Aufhebung des Embryonenschutzes - von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Universität Bonn bis hin zu Ministerpräsident Clement und Bundeskanzler Schröder nur indirekt mit wirtschaftlichen Interessen im Sinne einer Standortdebatte argumentiert haben. Vielleicht weil man weiß, dass konkrete Profitinteressen der Industrie die Einschränkungen des Schutzes menschlichen Lebens nicht rechtfertigen?
 

Das Konzeptpapier zur Gründung von Life & Brain sowie die Chronik der GEFFRUB kann über CBGnetwork@aol.com gegen eine Kosten- erstattung bestellt werden.

(i) FAZ, 29. März 2001
(ii) Der Spiegel 19/2001. S. 240-241
(iii) Interview des WDR mit Olaf Stuhldreier,
Biotechnologie Analyst der Performaxx AG,
http://www.wdr.de/online/stammzellen/standpunkte/stichwort_performaxx.html
(iv) Interview mit Börse Online