SWB 02/2002 - Ticker

KAPITAL & ARBEIT

3,3 Prozent mehr Lohn
Der neue, zwischen Chemie-Unternehmern und der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE ausgehandelte Tarif-Vertrag sieht eine Anhebung des Entgelts um 3,3 Prozent vor. Das ist allerdings eine relative Größe, denn die Tarif-Partner einigten sich darauf, die Höhe des 13. Monats-
gehaltes künftig von der Ertragsentwicklung abhängig zu machen. Weil bei BAYER „schon bei knapp einer Milliarde Brutto-Gewinn gesagt (wird), dass es dem Unternehmen schlecht geht“, wie Ulrich Franz vom CHEMIE-KREIS in einem Interview mit der Jungen Welt betonte, sind seiner Meinung nach „erhebliche Abstriche beim 13. Monatsgehalt möglich“. Der CHEMIE-KREIS ist ein Zusammenschluss gewerk-
schaftskritischer Beschäftigter.

Arbeitsplatzvernichtung bei AGFA
Die ehemalige BAYER-Tochter AGFA, an welcher der Leverkusener Chemie-Multi immer noch 30 Prozent des Aktien-Kapitals hält, plant die Vernichtung von 4.000 Arbeitsplätzen. Im Rahmen des Kostensen-
kungsprogramms „Horizon“ streicht der Konzern allein im Leverkusener Werk 300 von 1.700 Stellen. Am Standort Wiesbaden baut er 180 von 650 Arbeitsplätzen ab.

Mehr „bedarfsgerechte Einsätze“
Der „Standort-Sicherungsvertrag“ schließt betriebsbedingte Kündi-
gungen bei BAYER aus. Wenn der Konzern im Leverkusener Werk ein Job streicht, wird der/die Beschäftigte deshalb ein Fall für die Abteilung „bedarfsgerechte Einsätze“. Diese versucht, den/die MitarbeiterIn irgendwo anders unterzubringen - nicht nur innerhalb des Unternehmens, sondern auch bei anderen Firmen der Branche. Ein Vermittlung nach außerhalb kostet das Belegschaftsmitglied allerdings Geld, denn es bezieht nur sein Grundgehalt weiter, nicht aber die Sonderleistungen.
Im Zuge der Umstrukturierungen wächst die Vermittlungskartei massiv an. Waren bislang 60 Job-Suchende registriert, so kamen ab April 70 - vor allem aus den Bereichen „Chemie“ und „Kunststoff“ - hinzu.

Immer weniger MitarbeiterInnen
Mit immer weniger Belegschaftsangehörigen macht BAYER immer mehr Profit. Allein im ersten Quartal 2002 vernichtete der Chemie-Multi 900 Arbeitsplätze. 111.100 Menschen sind jetzt noch bei dem Konzern beschäftigt; 1992 waren es noch 156.400 gewesen.

Weniger Jobs bei „Spezial-Produkte“
Wie die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAU-
BARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine oppositionelle Gewerkschafts-
gruppe im Leverkusener BAYER-Werk, in ihrem März-Flugblatt melden, will BAYER im Konzern-Bereich „Spezial-Produkte“ (SP) bis 2004 136 Arbeitsplätze vernichten. Weitere Jobs dürfte das Vorhaben kosten, die SP-Forschungsaktivitäten mit denen anderer Sparten zu verknüpfen. 

Job-Abbau im Kunststoff-Bereich
BAYERs Kunststoff-Bereich machte im Geschäftsjahr 2001 mit 284 Millionen Euro über 70 Prozent weniger Gewinn als im Vorjahr.
Als Grund gibt der Konzern die schlechte Konjunktur, Preis-Druck wg. Überkapazitäten sowie gestiegene Rohstoff-Kosten an. Der Chemie- Multi reagierte auf den Ertragsverlust mit einem Kostensenkungs-
programm im Umfang von 300 Millionen Euro. Laut Chemische Rundschau plant der Konzern sogar, ganze Anlagen stillzulegen. BAYER-Vorstand Werner Spinner kündigte an, in dieser Geschäfts-
sparte weltweit zehn Prozent der vorhandenen Arbeitsplätze vernichten zu wollen.

Job-Abbau im Forschungsbereich
Nach Angaben des März-Flugblatts der KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATS-
ARBEIT, einer oppositionellen Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, plant BAYER eine Arbeitsplatzvernichtung im Bereich „Zentrale Forschung“. Dort Beschäftigte werden zum Teil in die Service-Sparten versetzt, was zu Entgelt-Einbußen führen kann.
Auf einer Abteilungsversammlung wollte BAYER nicht ausschließen, dass für diese MitarbeiterInnen künftig nur noch der Chemie- Dienstleistungstarifvertrag gilt.

Lack-Rohstoffe: Weniger Jobs
Der BAYER-Konzern will im Bereich „Lack-Rohstoffe“ 778 Arbeitsplätze vernichten. Er begründet diesen Schritt mit dem Rückgang der Erträge. Diese sind allerdings nur auf dem Papier zurückgegangen, durch eine andere Art der Betriebskosten-Berechnung. Die Umsätze sind keinesfalls eingebrochen. Wie die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine oppositionelle Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, in ihrem Flugblatt schreiben, sollen die Stellen-Streichungen die Umsatz-Rendite in der Sparte von zehn auf 18 Prozent erhöhen.

1.300 Pharma-Jobs weg
Auf dem Höhepunkt der LIPOBAY-Krise hatte BAYER die Vernichtung von 1.250 Arbeitsplätzen im Pharma-Bereich bekannt gegeben. Ende Mai 2002 strich der Konzern nochmals 1.300 Stellen in der Sparte.
Es fallen vor allem Arbeitsplätze in der Produktion weg. Im US-amerika-
nischen New Haven will der Chemie-Multi sogar eine ganze Anlage stilllegen. Unmittelbar nach der Ankündigung des Job-Abbaus stieg die BAYER-Aktie. Ein Chemie-Analyst von WESTLB PANMURE kommentierte, er sei jetzt „zuversichtlicher, dass BAYER unsere Erwartungen für den Pharma-Bereich erfüllen wird.“

Kostensenkungsplan für Pharma
Ende Mai wurden erste Einzelheiten des Kostensenkungsplans für den Pharma-Bereich bekannt, der dem BAYER-Vorstand bis Ende Juni vorlegen soll. Demnach will der Konzern vor allem die jährlichen Aufwändungen von 1,2 Milliarden Euro für Forschung & Entwicklung reduzieren und sich deshalb auf weniger Arzneimittel-Kandidaten als früher beschränken. Der Verkauf von noch in der Entwicklung befindlichen Pharmazeutika wie der eines potenziellen Osteoporose- Mittels an GLAXO SMITH-KLINE (siehe IMPERIUM & WELTMARKT) wird also zunehmen - und damit verbunden die Vernichtung von Arbeitsplätzen.

Werksschließung in New York
BAYER hat ein kleines Werk im Staat New York, in dem 35 Mitarbei-
terInnen angestellt waren, dichtgemacht. Zahlreiche Beschäftigten gehörten der Gewerkschaft an. Die US-Gewerkschaftsaktivistin Trudy Manderfield sieht darin einen erneuten Beleg dafür, dass der Leverkusener Chemie-Multi vor allem Niederlassungen stilllegt, in denen es viele gewerkschaftlich Organisierte gibt.

Leitende unter Druck
BAYER schwört die Leitenden Angestellten darauf ein, ihren Unter-
gebenen ein positives Bild von der Umstrukturierung des Konzerns zu einer Holding zu vermitteln. Sie sollen die Chancen des neuen Unternehmens „kommunizieren“, Akzeptanz für die Veränderungen schaffen und Produktivitätsverluste durch unnötiges Gerede über die Zerschlagung des Unternehmens vermeiden, mussten sich die Pharma-Chefs bei einem Vortrag anhören. Da durch die Umwandlung des Chemie-Multis in selbstständige Einheiten auch Arbeitsplätze in Führungspositionen bedroht sind, wird es den „Leitenden“ nicht leicht fallen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBS-
RATSARBEIT raten ihnen in ihrem Flugblatt: „Lassen Sie sich nicht vor den Karren ihres Managements spannen, das nur noch den Profit im Auge hat. Es wird Ihnen nicht gedankt werden!“

BAYER will keine Renten zahlen
Beim Verkauf von SPECIALTYCHEM (siehe auch IMPERIUM & WELTMARKT) hat BAYER sich um die Rechte der Beschäftigten keinen Deut geschert. Hatte der Leverkusener Chemie-Multi dem Neu-Besitzer CHESTNUT noch zugesichert, alle Verbindlichkeiten der US-amerikanischen Tochter-Gesellschaft zu übernehmen, weigerte sich der Konzern dann jedoch, die Arbeitsunfähigkeitsrente von elf ehemaligen MitarbeiterInnen weiter zu tragen. Erst vor Gericht bekamen die Betroffenen ihr Recht: Ein Richter verurteilte den Konzern zu einer Zahlung von 3,8 Millionen Dollar (siehe auch SWB 2/02).

Neue Holding-Tarifverträge?
„Unter Beibehaltung der alten Tarifbindung“ werde sich die BAYER- Umstrukturierung in vier selbstständige AGs vollziehen, versicherten Vorstand und die Aufsichtsratsvertreter der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) unisono. Trotzdem sind Veränderungen bei den Entgelt-Zahlungen nicht ausgeschlossen. Die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATS-
ARBEIT, eine oppositionelle Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, machen in ihrem März-Flugblatt nämlich auf den Unterschied zwischen dem für die BAYER AG gültigen Tarifvertrag und dem Begriff „Tarifbindung“ aufmerksam. „‚Tarifbindung‘ bedeutet nur, dass es zwischen den neuen Service-Firmen und der IG BCE einen Tarifvertrag geben wird. Das kann auch ein Dienstleistungstarifvertrag mit erheblich niedrigeren Entgelten sein“, schreiben die DURCH-
SCHAUBAREN. Als Beispiel führen sie die Praxis bei der ausgeglie-
derten BAYER-Tochter CHEMION an. Diese schließt mit neuen MitarbeiterInnen nämlich schon Verträge ab, die von denen im Stamm-Werk geltenden abweichen.

Schneider kassierte ab
Der ehemalige BAYER-Chef Manfred Schneider gehörte zu den bestverdienensten ManagerInnen in der Bundesrepublik. Während die Chemie-ArbeiterInnen sich mit Lohn-Erhöhungen von um die drei Prozent zufrieden geben müssen, stieg sein Gehalt im Jahr 2000 um 26 Prozent: von 1,44 Millionen Euro auf 1,83 Millionen Euro. Kein Wunder, dass die Bosse so gut verdienen: Die „Lohn-Findung“ liegt nämlich in der Verantwortung des Aufsichtsrats. Und da dort die Kollegen Konzern-Bosse drinsitzen, weiß man natürlich, was man seinesgleichen schuldig ist.

Wieder nur 1.000 Lehrlinge
Um mehr als ein Drittel ist die Zahl der Ausbildungsplätze bei BAYER in den letzten elf Jahren zurückgegangen. Gab es 1990 in den Werken noch 1.600 Lehrstellen, so strich der Konzern sie bis zum Herbst 2001 auf rund 1.000 zusammen. Zudem übernimmt der Chemie-Multi in der Regel nur die Hälfte der Ausgebildeten. Noch einmal über die Hälfte von ihnen muss dann auch noch auf einen festen Arbeitsplatz innerhalb des Unternehmens verzichten. Diesen Berufsanfängern steht eine frustierende Karriere als flexibel einsetzbare SpringerInnen im Ausgebildeten-Pool bevor. Zudem trägt der Konzern die Ausbildung der Jugendlichen nicht allein. Von den 800 Berufsanfängern im Leverkusener Werk werden z. B. 125 im Auftrag der „Gesellschaft zur Förderung der beruflichen Bildung“ ausgebildet.

Profitables Vorschlagswesen
Die Verbesserungsvorschläge von MitarbeiterInnen rechneten sich für BAYER weit mehr als für die Ideen-GeberInnen selber. Während die neuen Verfahren dem Leverkusener Chemie-Multi allein im ersten Jahr ihrer Realisierung einen Rationalisierungsgewinn von 17,6 Millionen Euro einbrachten, zahlte er den Beschäftigten für den Zugriff auf ihr geistiges Eigentum insgesamt nur 4,8 Millionen Euro.

E-Business im Lack-Bereich
BAYER verlegt den Handel mit Lack-Rohstoffen, den so genannten Coatings & Colorants, zunehmend ins Internet. Über das „BAYER Coatings-Portal“ haben sich schon über 500 Kunden registrieren lassen. Das Rationalisierungspotenzial der E-Lösung ist beträchtlich. „Eingespart wird in erster Linie wertvolle Arbeitszeit, wobei sich gleichzeitig die Service-Qualität für den Kunden deutlich erhöhte. Routine-Fragen nach Preisen, Lieferbarkeit, Liefer-Zeiten, Muster- Lieferungen, Datenblättern usw. wurden früher telefonisch beantwortet, was etliche tausend Arbeitsstunden im Monat beanspruchte“, heißt es bei BAYER. Eingespart werden also in erster Linie Arbeitsplätze.

Wenning verheißt nichts Gutes
Die programmatischen Erklärungen des neuen BAYER-Chefs Werner Wenning, die Kommentare führender Konzern-MitarbeiterInnen dazu und die Reaktionen der Kapital-Fraktion lassen eine ungewisse Zukunft für die Belegschaft befürchten. „Wir wollen die Unternehmenskultur bei BAYER verändern“, kündigt der „gläubige Katholik“ (Capital) an.
Darum meint ein Manager des Chemie-Multis: „Was keine Rendite bringt, wird Wenning leichter abstoßen als Schneider.“ Der Hamburger Wirtschaftsprofessor Siegfried Schoppe sieht das genauso. „Die Zeit der idyllischen BAYER-Familie mit großzügigen Quer-Subventionen ist vorbei“, freut er sich und stellt fest: „Jetzt regiert endlich das Rendite- Denken.“

Chemie-Vorstand Zaby geht
Der bislang bei BAYER für das Arbeitsgebiet „Chemie“ zuständige Gerhard Zaby verlässt den Konzern vorzeitig. Seine Ansicht über die Zukunft der Chemie-Sparte war nicht mit der des neuen Vorstands-
vorsitzenden Werner Wenning vereinbar. Diese Personalie ist ein sicheres Indiz dafür, dass der Chemie-Bereich bei BAYER keine Zukunft mehr hat, was der Leverkusener Multi allerdings dementiert.

Betriebsratswahlen 2002
Die Betriebsratswahlen 2002 brachten für die oppositionellen Gewerkschaftsgruppen unterschiedliche Ergebnisse. Die KOLLE-
GINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT konnten im Leverkusener BAYER-Werk ihren Stimm-Anteil steigern. Sie kamen auf 23,13 Prozent gegenüber 21,29 Prozent im Jahr 1998. Die IG BERGBAU CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) erzielte 67,12 Prozent (1998: 64,33 Prozent). Die im Wuppertaler Werk aktive BELEGSCHAFTSLISTE verlor dagegen Stimmen. Hatte sie 1998 noch das Rekord-Ergebnis von 45,08 Prozent erzielt, erreichte sie vier Jahre später „nur“ noch 35,2 Prozent der Beschäftigten-Voten.
Die IG BCE verbesserte dagegen ihr Resultat um 5,5 Prozent auf 47,9 Prozent. Die Wahlbeteiligung betrug in Wuppertal 67 Prozent und lag damit deutlich über der Leverkusener von 51 Prozent.