SWB 02/2002

Tierversuche von BAYER & Co.:

Überflüssig, grausam und gefährlich

Von Elke Noerenberg (ÄRZTE GEGEN TIERVERSUCHE)

Tierversuche werden in der Forschung, in der Lehre und insbesondere von BAYER und anderen Pillen-Produzenten im Verlauf der Medikamenten-Entwicklung durchgeführt.
In jedem dieser Bereiche sind sie überflüssig und sogar gefährlich für die PatientInnen-Sicherheit.

Die pharmazeutische Industrie führt tagtäglich unzählige Tierversuche durch. Begründen tun dies BAYER & Co. mit der Notwendigkeit der Forschung nach neuen Medikamenten und zum anderen mit den behördlich vorgeschriebenen Sicherheitsprüfungen. Doch die nicht gegebene Übertragbarkeit tier- experimenteller Ergebnisse auf den Menschen sowie die immer wieder eintretende Notwendigkeit der Marktrücknahme verschiedener Medikamente wegen unvorhergesehener Nebenwirkungen demonstrieren die Untauglichkeit dieses Verfahrens. Dass für diese unsinnigen Experimente zahllose Tiere entsetzliche Qualen erdulden müssen, macht das Eintreten für die Abschaffung von Tierversuchen um so wichtiger.

So ist beispielsweise einer Veröffentlichung der BAYER AG* zu entnehmen, dass Rückschlüsse über pharmakologische Wirkungen am Menschen aufgrund von Ergebnissen am Tier nur Zufallstreffer sind.
Die so genannte Pharma-Kokinetik (Weg eines Medikaments durch den Körper) eines Antibiotikums, MOXIFLOXACIN, testeten die BAYER-Pharmazeu-
tInnen an verschiedenen Tierarten und am Menschen. Dazu verabreichten sie Mäusen, Ratten, Rhesus- Affen, Beagle-Hunden, Göttinger Mini-Schweinen und gesunden menschlichen Freiwilligen dieses Medika-
ment oral und intravenös. Nun untersuchten die WissenschaftlerInnen, wie die Substanz vom Körper aufgenommen, verarbeitet und wieder ausgeschieden wird. Die AutorInnen weisen in ihrem Artikel deutlich darauf hin, dass die ermittelten Werte zwischen den einzelnen Tierarten sowie zwischen Mensch und Tier erhebliche Unterschiede aufweisen. Abschließend kamen die ForscherInnen zu dem Schluss, dass die Situation beim Hund derjenigen beim Menschen am nächsten kommt.

Dieses Beispiel verdeutlicht, dass Tierversuche keine Voraussagen von Medikamenten-Wirkungen und -Nebenwirkungen beim Menschen zulassen. Erst nach Erhebung von Daten an Menschen kann rückwirkend

festgestellt werden, welche Tierart dem Menschen in einigen wenigen Aspekten vergleichbar erscheint.

Die jüngste Vergangenheit hat am Beispiel des Wirkstoffs Cerivastatin (bekannt unter dem Produkt-Namen LIPOBAY) deutlich gemacht, dass schwerwiegende Nebenwirkungen durch Tier-Experimente eben nicht vorhersehbar sind. Trotz der vom Hersteller nach zahlreichen Tierver-
suchen vorhergesagten "ausgezeichneten Gesamtverträglichkeit" kam es bei zahlreichen PatientInnen zu Muskelzerfall mit Todesfolge. Auch hier kann man einer Veröffentlichung des Herstellers** entnehmen, wie viele Tiere für die ausgiebige Sicherheitstestung dieser Substanz "verbraucht" wurden: Ratten, Mäuse, Kaninchen, Hunde, Mini-Schweine und Affen mussten das neue Präparat über Schlundsonde, als Kapsel oder als Futter-Beimischung einnehmen. Ratten und Mäusen verab-
reichten die BAYER-ForscherInnen es außerdem intravenös. Doch diese ausgiebigen Experimente konnten scheinbar trotz des hohen Tier- "Verbrauchs" die katastrophalen Folgen für den Menschen nicht einmal erahnen lassen, so dass der Leverkusener Chemie-Multi es nach dem Bekanntwerden von 31 Todesfällen im September 2001 vom Markt nehmen musste; mittlerweile hat sich die Zahl der Opfer auf über 100 erhöht.

Um auch im Bereich der Tiergesundheit Profite zu machen, müssen zunächst einmal andere Tiere während der pharmakologischen Forschung leiden. So testeten Veterinär-MedizinerInnen von BAYER beispielsweise ein neues Wurmmittel an Ratten, Hunden, Schafen und Rindern, nachdem diese mit Würmern infiziert wurden. Doch nicht alle Tiere erhielten das Anti-Parasitenmittel verabreicht. Die Gruppe der "Kontroll-Tiere" blieb unbehandelt und erlitt deshalb stärkste Qualen: Die Lungen der Kreaturen waren voller Würmer, Schleim und Eiter, so dass die Tiere unter erheblicher Luftnot litten***.

Die genannten Beispiele verdeutlichen den Unsinn tier-experimenteller Forschung. Zudem existieren alternative Methoden. Zahlreiche so genannte Reagenzglas-Verfahren bieten die Möglichkeit, mit schmerzfreier Materie, Zell-Kulturen und Computer-Modellen zuverlässige Aussagen zu treffen. So besteht beispielsweise die Möglichkeit, am Computer anhand der Molekül-Struktur abzuschätzen, wie sich eine Substanz verhalten wird. In Zell-Kulturen können dann die Auswirkungen auf verschiedene Gewebe beobachtet und näher untersucht werden. Einen guten, allgemeinverständlichen Überblick dieser Reagenzglas-Verfahren gibt die "Datenbank Tierversuche" im Internet****

Vielfach nimmt die wissenschaftliche Welt den Tierversuch als notwen-
diges Übel hin und sieht ihn als unverzichtbar an. Diese Einstellung wird an vielen Hochschulen bereits während des Medizinstudiums geprägt, wenn z. B. die StudentInnen während des Physiologie-Praktikums Experimente mit Fröschen durchführen, um die Nerven-Funktionen zu studieren. Dass diese Demonstration mit entsprechenden Mess- Geräten an StudentInnen viel eindrucksvoller und praxis-näher möglich ist, bleibt vollkommen unberücksichtigt. Das Festhalten am Tier- Experiment ist in diesem Bereich vielfach einfach nur Routine und Gewohnheit.

Diese Haltung setzt sich dann in der Forschung weiter fort. Da bereits seit vielen Jahren Tier-Versuche durchgeführt werden, hält man an diesem System ebenfalls aus Gewohnheit und Bequemlichkeit fest. Doch mit etwas Abstand zu dieser Routine und unter Berücksichtigung der oben genannten Beispiele sind mittlerweile viele MedizinerInnen und andere WissenschaftlerInnen zu dem Schluss gekommen, dass Tier- Experimente nicht aussagekräftig und u. U. sogar gefährlich für die PatientInnen sind. Deshalb wird an den so genannten Reagenzglas- Verfahren weiter geforscht, ständig entwickeln die beteiligten WissenschaftlerInnen neue Methoden. Nur dies kann der Weg in eine wissenschaftlich fundierte Pharma-Forschung sein. Medizinischer Fortschritt ist wichtig, Tierversuche sind der falsche Weg.
 

* Siefert HM, Domdey-Bette A, Henninger K, Hucke F, Kohlsdorfer C, Stass H (Bayer AG, Pharma Research Center, Wuppertal; 1999) Pharmacokinetics of the 8-methoxyquinolone, moxifloxacine: a comparison in humans and other mammalian species. Journal of Antimicrobial Chemotherapy 43 (Suppl B): 69-76

** von Keutz E, Schlüter G (Institut für Toxikologie, PH-Produktentwicklung, Bayer AG, Wuppertal; 1998) Preclinical safety evaluation of Cerivastatin, a novel HMG-CoA reductase inhibitor. American Journal of Cardiology 82: 11J-17J

*** von Samson-Himmelstjerna G, Harder A, Schnieder Th, Kalbe J, Mencke N (BAYER AG, Geschäftsgruppe Tiergesundheit, Landwirtschaftliches Zentrum Monheim, Leverkusen; Institut für Parasitologie, Tierärztliche Hochschule Hannover; 2000) In vivo activities of the new anthelmintic depsipeptide PF 1022A. Parasitology Research 86: 194-199

**** ("
http://www.datenbank-tierversuche.de ". Zudem sind hier rund 2800 Tierversuche verständlich beschrieben, die an deutschen Universitäten und Forschungsinstituten durchgeführt werden.
 

Weitere Informationen zum Thema "Tierversuche" bietet die Homepage der Vereinigung ÄRZTE GEGEN TIERVERSUCHE e.V. http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de . Diese Vereinigung besteht aus rund 300 Human- und Veterinär-MedizinerInnen, Naturwissen-
schaftlerInnen und PsychologInnen, die Tierversuche aus medizinischen, methodischen und moralischen Gründen ablehnen.