SWB 04/2002

Mitangeklagt in weltgrößtem Produkthaftungsprozess

Asbest-Kranke vs. BAYER

Von Jan Pehrke

Der Prozess vor dem Gericht im nordamerikanischen Bundesstaat West Virginia gilt als das bisher größte Produkthaftungsverfahren in der Justiz- Geschichte. Mehr als 8.000 Asbest-Geschädigte reichten eine Sammel-
klage gegen 259 Unternehmen ein. Mit auf der Anklage-Bank: BAYER. Für den Leverkusener Chemie-Multi war es nicht die erste juristische Auseinandersetzung mit Asbest-Opfern und wird vermutlich auch nicht die letzte gewesen sein. Mit ”Respiratory Care” - Atemschutz -, einer Verballhornung von BAYERs Umweltschutz-Slogan ”Responsible Care”, war in den USA deshalb ein Artikel über die vielen Prozesse in Sachen Asbest überschrieben.

Ein Mann im Rollstuhl mit Schläuchen in der Nase zur künstlichen Beatmung, ein Ex-Bauarbeiter mit Atem-Gerät in der Hand vor einem Korb voller Medikamente, ein in seinem Krankenbett mit weit aufgerissenem Mund nach Luft schnappender ehemaliger Zement- Werker - drei von über 600.000 Asbest-Kranken allein in den USA, deren Fotos die Zeitschrift Multinational Monitor vor zwei Jahren veröffentlichte. Joe Durbant, Paris Jenkins, Tom Bowlby und ihre Leidensgenossen haben überwiegend in der Bau-Wirtschaft, bei Reifen- Herstellern oder bei Chemie-Unternehmen gearbeitet. Dort sind sie mit den gefährlichen Asbest-Partikeln in Berührung gekommen. Schon ein Luftzug genügte, und aus den Fasern des Minerals lösten sich feinste Stäube. Eingeatmet, konnten sie sich in den Atem-Organen festsetzen und schwerste Gesundheitsschädigungen auslösen. Einer gab der Stoff sogar einen eigenen Namen: Asbestose, eine Form der Staublungen- Krankheit. Aber auch Lungen- und Brustfell-Krebs vermag die Substanz hervorzurufen. Zwischen dem Kontakt mit Asbest und dem Ausbruch von Krankheiten liegen oft Jahrzehnte. Diese schleichende Wirkung des Gifts unterstreicht eindringlich die Notwendigkeit von Langzeit- Untersuchung zur Risiko-Abschätzung nicht nur im Chemie-Bereich, sondern auch bei neuen Entwicklungen wie etwa der Gentechnik.

So tauchen Joe Durbant, Paris Jenkins, Tom Bowlby und die anderen Opfer erst jetzt in den Statistiken von BAYER & Co. zu Berufskrankheiten auf. Die Berufsgenossenschaft Chemie beziffert die Zahl der 2001 gestellten Anträge auf Anerkennung einer asbest-bedingten Krankheit auf 768; 135 Menschen erlagen in dem Berichtszeitraum ihrer Asbest- Erkrankung. BAYER führt im neuesten ”Sustainable Development”- Bericht für das Jahr 2000 130 ”anerkannte” Berufskrankheiten auf.
”Als Krankheitsauslöser waren bei uns vor allem Expositionen gegen Asbest und Lärm relevant”, heißt es dort - genauer will der Konzern dabei nicht werden. Nicht nur die mit zwei Fällen für Afrika, drei für Asien/Australien und sieben für Lateinamerika gegenüber Europa (86) und Nordamerika (32) äußerst niedrigen Zahlen legen eine hohe Dunkelziffer nahe. Auch die restriktive Anerkennungspraxis der Berufsgenossenschaften, was Berufskrankheiten angeht, lässt auf weit mehr berufsbedingte Asbest-Erkrankungen schließen. Trotz der vielen Krankheitsfälle ist das Chemie-Unternehmen bisher nicht dem Beispiel RWEs gefolgt und hat ein nachsorgendes Vorsorge-Programm aufgelegt, das den betroffenen Personen-Kreis erfasst und den Asbest- Kranken medizinische Betreuung anbietet.

Nach BAYER-Angaben gehen die meisten Asbest-Erkrankungen innerhalb des Konzerns auf verbaute Platten aus Asbest-Zement und auf asbest-haltige Wärme-Isolierungen zurück. Damit nennt das Unter-
nehmen aber längst nicht alle Gefahren-Quellen. Bei der Errichtung von Chemie-Anlagen diente Asbest zur Abdichtung zwischen unterschied-
lichen Material-Kombinationen. Besonders bei thermisch hoch belasteten Reaktionsabläufen kam es zum Einsatz. Desweiteren umhüllte die Substanz säure- und laugen-führende Leitungen. Auch Filter, Lacke, Beiz-Wannen, Lager-Behälter und Reaktionsbehältnisse enthielten den Stoff.

Nur in der Bau-Industrie war Asbest verbreiteter. 1978, in der Hochzeit des ”Wunderstoffes”, entfielen von ca. 1,5 Millionen Tonnen asbest-
haltiger Produkte 1.075.000 Tonnen auf die Bau-Wirtschaft und 311.000 Tonnen auf die Chemie-Industrie. Dann folgt erst die Branche der Fußboden-Verleger mit 50.000 Tonnen. Die ”Zentrale Erfassungsstelle asbeststaub-gefährdeter Arbeitnehmer” (ZAS) stufte noch 1989 von 28.550 bundesdeutschen Chemie-WerkerInnen 6.283 als Risiko- KandidatInnen ein.

Von diesem Risiko wussten BAYER & Co. bereits lange. Mit Sklaven, die Asbest zu Tüchern verarbeiteten, tauchten die ersten Opfer der Feinstäube bereits vor 2000 Jahren in historischen Quellen auf. 1918 weigerten sich Versicherungen in den USA wegen der zahlreichen Fälle von Berufskrankheiten im Zusammenhang mit dem Mineral bereits, Asbest-Arbeitern Policen zu verkaufen. 1964 räumte dann eine groß angelegte, im Journal of the American Medical Association veröffentliche Untersuchung letzte Zweifel an den krankmachenden Effekten aus. Trotzdem erfolgte das Asbest-Verbot in der Bundes-
republik erst 1989. Durch gekaufte GutachterInnen und Wissen-
schaftlerInnen sowie Zuwendungen an das dem damaligen Bundes-
gesundheitsamt angegliederte ”Institut für Wasser-, Boden- und Luft-Hygiene” für verharmlosende Expertisen gelang es den interessierten Kreisen 25 Jahre lang, die fälligen gerichtlichen Schritte hinauszuzögern. 25 Jahre, welche die Todes- und Krankheitslisten ein immenses Ausmaß annehmen ließ. Von 1950 bis 1989 starben in der Bundesrepublik offiziell 1.417 Arbeiter durch Asbest-Exposition, 3.557 erkrankten. Der Diplom-Chemiker Gerd Albracht schätzt den volkswirt-
schaftlichen Schaden, den Asbest-induzierte Berufskrankheiten verursachten, auf ca. 3,75 Milliarden Euro.

Büßen mussten BAYER & Co. dafür nur in den USA. Über 600.000 Geschädigte haben dort gegen mehr als 6.000 Unternehmen Prozesse geführt und ca. 57 Milliarden Dollar an Schadensersatz-Zahlungen erstritten. Die Konzerne und ihre SachwalterInnen sehen deshalb schon das Ende des kapitalistischen Abendlandes nahen. Nach Ansicht von David Austern, einer der Treuhand-Verwalter der Industrie für Asbest-Klagen, bedrohen die Ansprüche der Erkrankten die US-Ökonomie mehr als die spektakulären Pleiten der Bilanz-Fälscher ENRON und WORLDCOM. Die Tageszeitung FAZ stimmt ebenfalls apokalyptische Töne an. ”Asbest-Klagen in Amerika nehmen dramatische Ausmaße an”, überschrieb das kapital-freundliche Blatt einen Artikel zum Thema. Dieser Zweck-Pessimismus hat Methode.
Er soll die RichterInnen aus volkswirtschaftlichen Erwägungen heraus zu milden Urteilen gegen die beschuldigten Firmen veranlassen und die Opfer so um ihre berechtigten Forderungen bringen.

Einen anderen erfolgreichen Versuch zur Schadensbegrenzungen startete die Asbest-Company GAF. Sie pflegte die politische Landschaft mit Spenden in Höhe von 7,1 Millionen Dollar, damit der Kongress das juristische Eigengewächs der Industrie, den ”Fairness in Asbestos and Compensation Act”, erblühen ließ. Dieses Gesetz schließt durch eine äußerst strenge Definition von asbest-induzierten Krankheiten sehr viele Anspruchsberechtigte aus und bürdet überdies den Opfern die Beweislast auf. Wie die Betroffenen-Organisation WHITE LUNG ASSOCIATION und andere Verbände kritisieren, sparen die Multis auf diese Weise Milliarden Dollar.

Auch im Vorfeld des mit über 8.000 KlägerInnen und 259 angeklagten Unternehmen größten Produkthaftungsverfahrens in der Geschichte der Justiz vor dem Bundesgericht in West Virginia arbeiteten die Rechts-
strategInnen von BAYER & Co. auf Hochtouren. Mit der fadenscheinigen Begründung, die Geschworenen wären dem Mammut-Prozess nicht gewachsen, beantragten die Juristen eine Verschiebung. Sie wollten auf Zeit spielen und die Opfer so mürbe machen, um sie dann mit einem Almosen abspeisen zu können. Aber die RichterInnen durchschauten das Manöver und setzten den 23. September als ersten Verhandlungs-
termin an. Da kapitulierten die Beschuldigten. Einem Prozess mit ungewissem Ausgang zogen sie eine außergerichtliche Einigung vor und zahlten den Opfern einen Betrag von drei Milliarden Dollar. Für BAYER war es nicht die erste juristische Auseinandersetzung in Sachen Asbest. Bereits 1996 saß der Leverkusenser Chemie-Multi auf der Anklagebank. Und es dürfte nicht die letzte gewesen sein. Angesichts von jährlich 2.500 Neu-Erkrankungen sieht David Austern den Höhepunkt der Rechtsstreitigkeiten erst noch kommen. Ad acta gelegt wird das leidige Thema auch in 20, 30 Jahren nicht sein. Selbst heutzutage müssen sich ArbeiterInnen nämlich noch Asbest aussetzen. Die Vereinigten Staaten erlauben Verarbeitungen in Bremsbelägen und Dichtungen, Japan gestattet ebenfalls einige Anwendungen. Von Kanada aus erreichen Jahr für Jahr große Asbest-Mengen die Weltmärkte. Das Land wollte Frankreich mit einer Klage vor der Welthandelsorganisation sogar dazu zwingen, das Import-Verbot für das Mineral aufzuheben, was aber nicht gelang. Der französische Multi SAINT-GOBAIN unterhält nach wie vor Asbest-Minen in Brasilien. Die Menschen der so genannten Dritten Welt sind dem gefährlichen Stoff denn jetzt auch im größten Maße ausgeliefert. Vornehmlich um ihre Gesundheit zu schützen, erhob die Internationale Chemie-Gewerkschaft ICEM gemeinsam mit anderen ArbeiterInnen-Organisationen im Jahr 2000 die Forderung nach einem weltweiten Asbest-Verbot.