SWB 04/2002

Spitze im Spitzeln:

BAYER erhält BigBrotherAward

Der “Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs e.V. (FoeBuD) verleiht seit 1998 den BigBrotherAward an Firmen, Organisationen und Personen, die in besonderer Weise und nachhaltig die Privatsphäre von Menschen beeinträchtigen oder persönliche Daten Dritten zugänglich machen. Im Jahr 2002 zeichnete der Verein BAYER aus, weil der Leverkusener Chemie-Multi bei BewerbInnen obligatorisch ein Drogentest durchführt. SWB dokumentiert die “Laudatio”

Von Rena Tangens (FoeBuD)

Der BigBrotherAward der Kategorie “Arbeitswelt” geht an die BAYER AG, Leverkusen, da sie Bewerberinnen und Bewerber, die im Unternehmen eine Ausbildung machen wollen, zu einem Drogentest zwingt. Dafür müssen die Betroffenen eine Urin-Probe abgeben. Formal haben sie die Wahl und können den Drogentest auch ablehnen - faktisch kann hier von “freiwilliger Zustimmung” keine Rede sein. Denn allen ist klar: Wer den Drogentest verweigert, hat schlechte Karten bei der Vergabe der Ausbildungsplätze.

Die Schweigepflicht der - wohlgemerkt - “Werks-  oder Betriebsärzte” ist zwar offiziell gewährleistet, denn die Details der Test-Ergebnisse dürfen der Firmenleitung nicht mitgeteilt werden. Aber es gibt den Vermerk “Bewerber/in geeignet” oder “nicht geeignet”. Ein Etikett mit weit reichenden Folgen auf wackeliger Grundlage.

Als Begründung für die Drogentests wird die Arbeitssicherheit angeführt - auch wenn es bislang noch keine Studien über die Folgen von illegalem Drogenkonsum am Arbeitsplatz gibt. Nach Angaben der “Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren e.V.” geht jeder dritte bis vierte Arbeitsunfall auf die legale Droge “Alkohol” zurück - der Alkohol-Konsum wird aber bei diesen Tests gar nicht untersucht.

Fest steht: Die Urintests dienen der Selektion im Vorfeld. Damit zeugen die Tests  von einem grundsätzlichen Mißtrauen einer Unternehmens-
leitung  gegenüber den potentiellen MitarbeiterInnen. Generalverdacht statt Unschuldsvermutung, wie sie im Rechtsstaat eigentlich üblich ist. Und: Kontrolle statt Beratung. Urintests sind entwürdigend.
In Gegenwart eines  möglichen zukünftigen Kollegen oder einer Kollegin eine Pinkelprobe abgeben zu müssen, ist eine Demütigung. Mit einem solchen Drogentest muss man auch sein Privatleben und seine Freizeit-Gewohnheiten dem Konzern gegenüber offen legen - und das im immer häufiger schon im Vorfeld, noch bevor man bei einem Unternehmen in Lohn und Brot steht.

So haben Urintests den Nebeneffekt, neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzuschüchtern und ihnen die Macht des Unternehmens zu demonstrieren, indem sie sprichwörtlich am eigenen Leibe erfahren, dass Menschenwürde und  Privatsphäre  hinter  den Fabriktüren nur noch eingeschränkt Gültigkeit  haben. Barbara Ehrenreich schreibt in ihrem Buch “Arbeit poor”, für das sie im Selbstversuch   Erfahrungen   mit  Einstellungstests  bei US-amerikanischen Unternehmen gesammelt hat: “Ich bin mir sicher, dass der eigentliche Sinn dieser Tests darin besteht, nicht etwa dem Arbeitgeber, sondern dem potentiellen Angestellten bestimmte Iformationen zu übermitteln. Und die wichtigste Information lautet stets: Du wirst keine Geheimnisse vor uns haben.”

Bei all diesen “Nebenwirkungen” sind die Urintests zudem fachlich auch noch ausgesprochen unzuverlässig. Die Fehler-Quellen sind vielfältig: Genuss von Mohnkuchen z.B. kann tatsächlich zu einem positivem Opiat-Ergebnis führen. PassivraucherInnen oder Müsli-EsserInnen können sich plötzlich und unerwartet mit einem positiven Cannabis-Wert konfrontiert sehen.  Grenzwerte, wieviel einer Substanz im Urin gefunden werden darf, existieren auch nicht.

Und die Nachweis-Zeiten der verschiedenen Substanzen sind äußerst unterschiedlich: Gefährliche Drogen wie Heroin, Kokain, Extasy und Speed sind nur 1 - 4 Tage nachweisbar, während Marihuana, das vergleichsweise harmlos und mittlerweile gesellschaftlich weithin akzeptiert ist, mehrere Wochen lang im Urin zu finden ist. Das bedeutet: Im Urin sind die Stoffe auch dann noch nachweisbar, wenn der Rausch längst verflogen und die betreffende Person voll arbeitsfähig ist.

Die BAYER AG ist hier exemplarisch nominiert - Drogentests werden in den letzten Jahren bei immer mehr Unternehmen in Deutschland zur gängigen Praxis bei der BewerberInnen-Auswahl, insbesondere bei der Chemischen Industrie, z.B. bei BASF und AVENTIS, aber auch bei DAIMLERCHRYSLER in Sindelfingen und Untertürkheim, bei der DEUTSCHEN BAHN, bei BOSCH, den HEIDELBERGER DRUCK-
MASCHINEN, den Kieler Stadtwerken oder der VOLKSWAGEN AG Wolfsburg. Damit setzen sie unversehens neue Standards, denn  es wird suggeriert, dass Unternehmen, die nicht testen, nun die ganzen Drogenk-KonsumentInnen als BewerberInnen bekämen.

In den USA führen inzwischen über 80 % der umsatzstärksten Unter-
nehmen “drogenscreenings” durch. Entsprechend blüht in den USA der Markt mit Medikamenten zum Ausschwemmen der nachweisbaren Substanzen. Sogar Proben von garantiert drogenfreiem Fremd-Urin (à 69 Dollar) kann man dort erwerben. So wird der amerikanische Drogen-
test eher zum Kosten-Faktor und Intelligenz-Test: Wie manage ich es, eine einwandfreie Probe zu bekommen? Die Arbeitsicherheit ist durch diese Tests übrigens nicht nachweisbar verbessert worden. Sie dienen mehr der Gängelung der ArbeitnehmerInnen. Bezeichnenderweise werden Drogen-Screenings vor allem bei den unteren Lohnklassen durchgeführt - IngenieurInnen, ProgrammiererInnen und ManagerInnen wird diese Prozedur nicht zugemutet.

Ganz nebenbei sind dem Missbrauch im Unternehmen Tür und Tor geöffnet: Nicht zuletzt kann das für einen Drogentest abgegebene Urin einer  Bewerberin oder eines Bewerbers auch auf eine etwa bestehende Schwangerschaft hin examiniert werden. Das ist illegal. Aber  wer überprüft, ob das Verbot auch eingehalten wird? Und wer weiß, wie lange das Verbot noch gilt?

GewerkschaftsvertreterInnen befürchten, dass auch genetische Tests für BewerberInnen bald hoffähig werden, wenn Urintests stillschweigend akzeptiert werden. BAYER macht es vor beim Drogenscreening für Auszubildende: Mit Mehrheitsbeschluss des Betriebsrates zur so genannten Regel-Absprache - natürlich völlig freiwillig. Und mit Zustimmung der Betroffenen ist alles möglich. Herzlichen Glückwunsch, BAYER AG!