SWB 04/2002

Kein Heilmittel:

DIURON auf Rezept

Kaum ein Ackergift verunreinigt die Gewässer so sehr wie das BAYER-Produkt DIURON. Darum soll es jetzt nur noch auf Rezept erhältlich sein. Aber die Risiken und Nebenwirkungen bleiben.

Von Susanne Smolka (PESTIZID-AKTIONS-NETZWERK)

Das Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL) plant, die weit verbreitete illegale Anwendung DIURON-haltiger Unkrautvernichtungsmittel durch die Einführung einer Abgabebeschränkung bzw. einer Rezeptpflicht zu stoppen. Keine der Anwendungsbeschränkungen, bis hin zu den seit 1997 bestehenden Anwendungsverboten für Gleisanlagen und anderer abschwemmungs-
gefährdeter Flächen, konnten die Gewässer-Belastungen mit dem Totalherbizid “im ausreichendem Maße” verringern, räumt das BMVEL in seinem Entwurf zur Änderung der Pflanzenschutz-Anwendungsverord-
nung vom 29. Juli 2002 ein. Die Abgabe-Beschränkung soll nach dem Entwurf dann gelten, wenn eine Anwendung auf sog. Nichtkulturflächen, wie z. B. auf Plätzen, Wegen oder Betriebsflächen, vorgesehen ist.
Der Einsatz von Pestiziden auf diesen “nicht landwirtschaftlich, forstwirt-
schaftlich oder gärtnerisch genutzten Freilandflächen” ist ohnehin durch das Pflanzenschutzgesetz untersagt, es sei denn der/die AnwenderIn besitzt eine behördliche Ausnahme-Genehmigung (gem. § 6 Abs. 2 und 3 PflSchG). Da weder die Verkaufsberatung noch die Verbotshinweise mit Androhung hoher Geldstrafen in den Gebrauchsanweisungen ausreichend zu sein scheinen, soll nun über die Rezept-Pflicht der missbräuchlichen Anwendung, die im Wesentlichen im privaten und kommunalen Bereich stattfindet, ein Riegel vorgeschoben werden.
Die Ausnahme-Genehmigung soll zukünftig als Rezept fungieren und dem/der VerkäuferIn beim Erwerb eines DIURON-haltigen Mittels vorgelegt werden müssen. Obgleich das neue gesetzliche Instrumenta-
rium der Abgabe-Beschränkung grundsätzlich zu begrüßen ist, bezwei-
felt das PESTIZID AKTIONS-NETZWERK in seiner Stellungnahme zum Änderungsentwurf, dass eine effektive Missbrauchsbekämpfung für DIURON über diesen Weg möglich ist. Das wesentliche Problem liegt in der Begrenzung der Abgabe-Beschränkung auf die vorgesehene Anwendung auf Nichtkulturflächen. Beim DIURON können alle der acht für diese Indikation zugelassenen Mittel gleichermaßen auch im gärtnerischen oder landwirtschaftlichen Bereich (Zierpflanzenanbau, Kernobst, Weinrebe), d.h. nach dem Pflanzenschutzgesetz legal und ohne Ausnahmegenehmigung eingesetzt werden. In der Folge wäre ein und dasselbe Präparat je nach der vorgesehenen Anwendung sowohl freiverkäuflich als auch mit Rezept abzugeben. Die Entscheidung trifft letztlich der/die VerkäuferIn aus dem Verkaufsgespräch mit dem/der KundIn. Hinzu kommen die unzureichenden Definitionen von Nichtkultur-
land und gärtnerisch genutzter Fläche. Ihre Abgrenzung zueinander kann in der Praxis unter Umständen nur wenige Zentimeter betragen, z. B. zwischen einem Garten oder einer Grünanlage und einer angrenzenden Böschung. Da dies aus den Informationen der Gebrauchsanweisung nicht ersichtlich wird, muss von einer häufig unbeabsichtigten Fehlan-
wendung, aber auch von einer fehlerhaften Beratung ausgegangen werden. Demgegenüber steht das hohe Gefährdungspotential von DIURON. Es ist einer der bedeutendsten Pestizid-Kontaminanten von Grundwasser und Oberflächengewässern und verursacht erhebliche Kosten bei der Trinkwasseraufbereitung. DIURON zählt zu den 33 bedenklichsten Stoffen der Europäischen Wasserrahmen-Richtlinie.
Ob er auf die Liste der prioritär gefährlichen Stoffe kommt, wird derzeit geprüft. Zudem besteht nach der Bewertung des Umweltbundesamtes ein begründeter Verdacht, dass DIURON auf das Hormonsystem von Menschen und Tieren einwirkt. Um dem Geist der Wasserrahmen- Richtlinie und dem Vorsorge-Prinzip gerecht zu werden, sind dringend Maßnahmen notwendig, die Umweltbelastungen deutlich zu reduzieren bzw. zu eliminieren. Da eine Vielzahl nicht-chemischer Alternativen zur Unkraut-Bekämpfung zur Verfügung stehen, sollte ein vollständiges Anwendungsverbot für diesen “Dinosaurier” unter den Pestiziden ausgesprochen werden.