SWB 04/02

Die meisten LIPOBAY-Opfer lassen sich nicht abfinden

“Ein Butterbrot für Leid und Tod”

BAYER hat die ersten “Entschädigungen” im LIPOBAY-Skandal gezahlt - “ohne Schuld-Anerkenntnis”, wie es heißt. Doch die Strategie der außergerichtlichen Einigung geht nicht auf.
Eine gigantische Klagewelle rollt auf BAYER zu, der Wert der Aktie sinkt immer mehr.

Von Hubert Ostendorf

BAYER-Chef Werner Wenning muss gegenüber der Financial Times Deutschland die bittere Wahrheit eingestehen: Schon über 3.500 Klagen wegen schwerster Nebenwirkungen durch LIPOBAY seien in Vorbereitung, die meisten in den USA. Wie berichtet (SWB 3/02), sind weltweit unzählige PatientInnen Opfer einer einseitig auf Profit ausgerichteten Vermarktung des Blutfettsenkers geworden, über 100 sind sogar gestorben. Dabei hätte der Skandal vermieden werden können: BAYER hatte rechtzeitig vor der Markteinführung von den tödlichen Risiken gewusst.

Wie immer in solchen Fällen ist Schadensbegrenzung angesagt. Oberstes Ziel dabei: Den Kurs der Aktie nicht zu gefährden. Doch diese Strategie geht nicht auf. Nach Bekanntwerden der Todesfälle stürzte das BAYER-Papier in einem nie da gewesen Ausmaß ab und steht nun, nach zwischenzeitlicher Erholung, erneut unter Druck. Denn: Die meisten Geschädigten wollen sich nicht außergerichtlich mit BAYER “einigen”. “Wir lassen uns nicht mit einem Butterbrot für Leid und Tod abspeisen”, so ein US-amerikanisches Opfer. Entsprechend niedrig ist die Zahl derer, die “Entschädigungszahlungen” akzeptieren. Nur etwa 100 Betroffene haben die durchschnittlich angebotenen 200.000 Dollar angenommen. Kein Wunder, denn der Betrag ist geradezu lächerlich im Vergleich zu den angestrengten Millionen-Klagen. Er ersetzt nicht einmal die Kosten, die durch Verdienst-Ausfall nach Berufsunfähigkeit entstehen. Und: Die Opfer müssen eine Erklärung unterschreiben, die ihnen Stillschweigen und Verzicht auf gerichtliche Schritte abfordert.
Wer sich auf einen derart miesen Deal einlasse, handele aus purer Not. Etwa, weil er befürchte, das Ende eines langjährigen Gerichtsverfahrens nicht mehr zu erleben, erklärte ein US-Anwalt

BAYER setzt wie so oft, zuletzt im Skandal um AIDS-verseuchte Bluter-
Präparate, auf die biologische Lösung. Diesem Ziel dient auch die strikte, skrupellose Weigerung, auch nur ein Quäntchen von Schuld anzuerkennen. “Wir sind überzeugt, dass wir stets dem jeweiligen Erkenntnisstand entsprechend verantwortlich gehandelt haben”, so der BAYER-Vorstandsvorsitzende Wenning. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob der Konzern den Skandal mit dieser zynischen Gangart und ohne Einsatz von Eigenmitteln übersteht. Der Unternehmenschef glaubt zweckoptimistisch, dass “keine Rückstellung erforderlich” ist, da der Konzern “gegen Produkthaftungsrisiken in üblicher Höhe versichert” sei. Pharma-Analyst Ulrich Huwald rechnet jedoch vor, dass allein die außergerichtliche Entschädigung von 2.000 Opfern “etwa eine Milliarde Dollar” kosten würde. Sollte dieser Betrag in die Konzern-Bilanz eingebucht werden, so Huwald, “dürfte dies das Ergebnis erheblich belasten”. Wenn dann noch die Opfer vor Gericht erfolgreich sind, könnte die BAYER-Aktie - von April diesen Jahres bis Redaktionsschluss ohnehin schon von etwa vierzig auf zwanzig Euro gesunken - ins Bodenlose abstürzen.

Forderungen
Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN fordert:

  • Umfassende Entschädigung aller Pharma-Opfer
  • Beweislast-Umkehr: Nicht die Opfer müssen ihre Schädigung nachweisen, sondern BAYER, dass ggf. keine Schädigung vorliegt
  • Die Entwicklung von neuen Arzneien muss nach medizinische Bedürfnissen entsprechend den Anforderungen der Weltgesund-
    heitsorganisation (WHO) erfolgen und nicht nach Profit-Interessen
  • Die Gesundheitssysteme müssen demokratisch kontrolliert und verwaltet und den kommerziellen Interessen der Pharmakonzerne und ÄrztInnen-Organisationen entzogen werden.