SWB 04/02 - Ticker

KAPITAL & ARBEIT

Pharma-Ausverkauf auf Raten
BAYER hat angekündigt, bei der Suche nach einem Partner im Pharma- Geschäft nicht mehr auf einem Führungsanspruch zu bestehen und sich stattdessen auch mit einer Minderheitsbeteiligung zufrieden geben zu wollen. Dem Vorstandsvorsitzenden Werner Wenning zufolge führt der Konzern auf der Basis dieser neuen Strategie derzeit gute und konstruk-
tive Gespräche. Einen totalen Rückzug aus dem Pillen-Geschäft schloss er aus: „Wir haben nicht die Absicht, diese Aktivitäten komplett abzugeben.“ Genau das aber vermuten BeobachterInnen. Die Richtungs-
änderung wäre ein „Einstieg in den Ausstieg“ kommentiert etwa die Faz. Durch die Trennung auf Raten von ASPIRIN & Co. vernichtet der Leverkusener Chemie-Multi Zehntausende von Arbeitsplätzen innerhalb des Konzerns, eine Fusion mit einem anderen Unternehmen wird Tausenden den Job kosten. Genau aus diesem Grund stiegen die BAYER-Aktien nach der Veröffentlichung der Nachricht auch blitzartig um sieben Prozent. Die „Botschaft von Konzern-Chef Werner Wenning wirkte an der Börse wie ein Befreiungsschlag“, berichtete die Rheinische Post.

BAYER VITAL gliedert E-Business aus
Die Sparte des Leverkusener Pharma-Riesen für rezeptfreie Arneien und Medizin-Produkte, BAYER VITAL, hat den Server- und Netzbetrieb des E-Business-Bereichs ausgegliedert und dem Dienstleister CYBERNET übertragen. Der Anbieter betreut das Portal, verwaltet die Datenbanken und installiert die Sicherheitssoftware. Zusätzlich zu den Jobs, welche die Digitalisierung der Geschäftsabläufe eh schon kostet, vernichtet das Outsourcing also auch noch Computer-Arbeitsplätze bei BAYER selber.

Zentralisierung der Diagnostika-Sparte
BAYER plant, bestimmte Aufgaben der Diagnostika-Sparte, die bisher in den einzelnen europäischen Ländern wahrgenommen wurden, nur noch zentral von der - wahrscheinlich aus steuerlichen Gründen - in Dublin neu gegründeten BAYER DIAGNOSTICS EUROPE LIMITED durchführen zu lassen. Als Motiv führt der Chemie-Multi an, „Geschäfts-
abläufe rationalisieren“ zu wollen, also ist Arbeitsplatzvernichtung zu erwarten.

Wieder nur 1.000 Lehrlinge
Um mehr als ein Drittel ist die Zahl der Ausbildungsplätze bei BAYER in den letzten zwölf Jahren zurückgegangen. Gab es 1990 in den Werken noch 1.600 Lehrstellen, so strich der Konzern sie bis zum Herbst 2002 auf rund 1.000 zusammen. Zudem übernimmt der Chemie-Multi in der Regel nur die Hälfte der Ausgebildeten. Noch einmal über die Hälfte von ihnen muss dann auch noch auf einen festen Arbeitsplatz innerhalb des Unternehmens verzichten. Diesen BerufsanfängerInnen steht eine frustrierende Karriere als flexibel einsetzbare SpringerInnen im Ausgebildeten-Pool bevor.

Flaute bei H. C. STARCK
Mit der Lieferung von Rohmaterialien an die Elektronik-Industrie wie z. B. Tantal (siehe auch ERSTE & DRITTE WELT) oder Metalloxide hat die BAYER-Tochter H. C. STARCK in der Vergangenheit vor allem vom Handy-Boom profitiert. Nachdem dieser Markt eingebrochen ist, kam es laut BAYER-Chef Werner Wenning bei der Konzern-Gesellschaft zu einem „massiven Ergebnis-Rückgang“. Arbeitsplatz-Vernichtung könnte die Folge sein.

DURCHSCHAUBARER tritt zurück
Peter Pütz, Betriebsrat im Leverkusener BAYER-Werk, hat im September seinen Rücktritt bekannt gegeben. Pütz saß als Freigestellter acht Jahre lang für die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine Gruppe alternativer GewerkschaftlerInnen im Leverkusener BAYER-Werk, in dem Gremium. Er gab in einem Abschiedsbrief, den die DURCHSCHAUBAREN in ihrem Oktober-Info veröffentlichten, als Grund für diesen Schritt die „unkollegiale Stimmung im Betriebsrat“ an, für die er die mangelnde Kooperationsbereitschaft der VertreterInnen der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE verantwortlich macht. „Die meisten Mitglieder des Betriebsrates kümmern sich nur noch um Machterhalt und Posten-Sicherung“, schreibt er. Auch an der Konzern-Politik und den puren Lippen-Bekenntnissen zu mehr Transparenz übt Pütz Kritik:
„Das Einzige, was immer transparenter wird, ist das rücksichtslose Gewinn-Streben, hinter dem jegliche Arbeitnehmer-Interessen zurückzutreten haben. Mit freundlichem Lächeln werden Entscheidungen verkündet, die nichts als pure Menschenverachtung wiederspiegeln.“
Vor ihm hatte bereits die DURCHSCHAUBARE Heike Bär ihr Betriebsratsamt aufgegeben.

Schließt BAYER Berufsschule?
Der Chemie-Multi stellt an seinen Standorten nach und nach alle Aktivitäten ein, die nicht „unmittelbar zum Kern-Geschäft gehören“, wie es immer so unschön heißt. Nach der Schließung des Carl-Duisberg- Bades in Leverkusen (siehe AKTION & KRITIK) erwägt das Unternehmen nun auch, die konzern-eigene Berufsschule dicht zu machen. „Aufgrund der wirtschaftlichen Situation steht bei uns alles auf dem Prüfstand“, erklärte eine BAYER-Sprecherin.

Schließt BAYER Bibliothek?
Von werksfremden BenutzerInnen der BAYER-Bibliothek verlangt der Chemie-Multi ab 2003 eine saftige Jahresgebühr. Mit 60 Euro liegt sie um 50 Euro über dem Betrag, den die städtische Bücherei in Rechnung stellt. Da der Konzern überdies unlängst die Verwaltung der Werks-
bibliothek stark „verschlankt“ und die Kinder- und Jugend-Bibliothek bereits 1999 „abgewickelt“ hat, sehen viele BeobachterInnen den Bestand einer weiteren sozialen Einrichtung des Pharma-Riesen gefährdet.

BAYER-E-Business für alle
Der E-Commerce eröffnet BAYER große Einspar-Möglichkeiten. Allein in der Material-Beschaffung sind die Abwicklungskosten um eine Milliarde Euro gesunken. Einen nicht geringen Anteil an dem Rationalisierungseffekt dürften die durch Arbeitsplatzvernichtung dezimierten MitarbeiterInnen-Entgelte haben. Jetzt plant der Leverkusener Chemie-Multi sogar, die Logistik-Lösung auch extern zu vermarkten.