SWB 01/2003

Pharma-Teilverkauf angekündigt

“geeignet, das Gesicht von BAYER wesentlich zu verändern”

Im November 2002 hat BAYER-Chef Werner Wenning angekündigt, bei Verhandlungen mit eventuellen Partnern für das Pharma-Geschäft nicht mehr auf einer Mehrheitsbeteiligung zu bestehen. Nicht nur nach Meinung der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) bedeutet dies den Einstieg in den Ausstieg aus der Pillen-Produktion. Weil dieser Schritt Tausende von Arbeitsplätzen vernichten dürfte, wollen Gewerkschaftsvertre-
terInnen im Aufsichtsrat einem Unternehmenszusammenschluss unter solchen Bedingungen nicht zustimmen.

Von Udo Hörster

“Was keine Rendite bringt, wird Wenning leichter abstoßen als Schneider”, prophezeite ein BAYER-Manager, zu den etwaigen Veränderungen beim Leverkusener Chemie-Multi nach dem Führungs- wechsel im Jahr 2002 befragt. Er sollte mit seiner Einschätzung Recht behalten. Standesgemäß erfuhren die Finanz-AnalystInnen und Pensionsfonds-VerwalterInnen zuerst von der neuen Unternehmenskultur. Bei einer InvestorInnen-Konferenz im August eröffnete BAYER-Chef Werner Wenning ihnen, dass sich der Konzern bei einer Pharma-Fusion künftig auch mit einer Minderheitsbeteiligung zufrieden geben wolle und verblüffte damit sogar die eigene ManagerInnen-Riege. Pünktlich zur Bilanz-Pressekonferenz im November machte Wenning dann die Entscheidung, die geeignet sei “das Gesicht von BAYER wesentlich zu verändern”, öffentlich bekannt. “Eine Partnerschaft, in der BAYER die Mehrheit hält und die gleichzeitig unserem Geschäft weiterhilft, ist nicht mehr realistisch”, erklärte er. Unter den geänderten Voraussetzungen würde sich dagegen auch “Big Pharma” wieder für die einstige “Apotheke der Welt” aus Leverkusen interessieren, so das Kalkül.
Es schien aufzugehen. Man befinde sich derzeit “in sehr guten und sehr konstruktiven Gesprächen”, ließ der BAYER-Boss die Presse- VertreterInnen wissen. Noch am selben Tag stieg die Aktie des Chemie-Multis beträchtlich. Wenig später hatten die Zeitungen auch schon ausgemacht, mit wem sich das Unternehmen angeblich in so guten und konstruktiven Gesprächen befindet: GLAXO SMITH KLINE. Mit dem britischen Pharma-Riesen hat BAYER nämlich schon eine Vertriebspartnerschaft für das Potenzmittel LEVITRA vereinbart. Sogar die Kaufsumme nannten die Journalistinnen schon - acht Milliarden Euro sollten BAYERs verschreibungspflichtige Medikamente ( ASPIRIN, CANESTEN & Co. also ausgenommen) kosten.

Der Verzicht auf den Führungsanspruch bei einer Fusion bedeutet eine Abkehr von einer lange Jahre verfolgten Strategie. Bislang hat BAYER immer auf seiner Identität als ein integrierter Chemie-Konzern mit den Sparten “Landwirtschaft”, “Kunststoffe” “Chemie” und “Gesundheit” beharrt, während Konkurrenten wie HOECHST die Chemie- und Agro-Sparte und BASF das Pillen-Segment verkauften. Getreu der neuen Leitlinie “Konzentration auf das Kern-Geschäft” stießen die Konzerne diejenigen Unternehmensteile ab, die es unter den verschärften Bedingungen der Weltwirtschaft nicht zu einer Spitzen-Position im Markt brachten und den Aktien-HändlerInnen deshalb als Rendite-Blocker galten. BAYERs Beharrungsvermögen straften die Börsen dagegen mit dem so genannten Konglomerats- abschlag. Der konnte den Chemie-Multi aber ebenso wenig zu einer Korrektur veranlassen wie der LIPOBAY-Skandal. Der Vorstand schlug in dessen Verlauf Offerten von ROCHE und GLAXO SMITH KLINE ebenso aus wie Jahre zuvor schon die von HOECHST und gab bekannt, stattdessen intensiver einen Junior-Partner für den Pharma-Bereich suchen zu wollen.

Sicherheitshalber verpasste das Management dem Konzern aber schon einmal eine komplett andere Unternehmensstruktur. Es spaltete BAYER in eine Holding mit vier selbstständigen Einheiten auf, um Fusionen und Ausgliederungen in den einzelnen Bereichen zu erleichtern. Der Beleg-
schaft bürdete die Führungsriege überdies ein Kostensenkungspro-
gramm inklusive Arbeitsplatzvernichtung, Rationalisierungen und anderen Zumutungen auf. Nur so könne der Erhalt von Pharma gesichert werden, verkündeten sie in “Blut, Schweiß und Tränen”-Rhetorik. Aber einen Junior-Partner trieb Gesundheitschef Frank Morich nicht auf. BOEHRINGER INGELHEIM lehnte das BAYER-Angebot dankend ab. Deshalb entließ Wenning das Vorstandsmitglied und bereitete die Wende vor.

Die Beschäftigten, die für das geblutet hatten, was Wenning im November so leichtfertig zur Disposition stellte, reagierten empört. Sie befürchten nicht nur Rausschmisse, sondern auch - falls BAYER mit einem ausländischen Unternehmen fusionieren sollte - ein Ende der Mitbestimmung. “Seit die Pläne öffentlich bekannt sind, brennt am Pharma-Standort Wuppertal die Luft”, zitiert die Welt einen BAYER- Mitarbeiter. Der Betriebsratsvorsitzende des Leverkusener Werkes, Thomas de Win, nahm das Vorhaben zum Anlass, die ganze Unternehmenspolitik der letzten Jahre in Frage zu stellen. Er warf dem Management vor, nur Kosten-Senkung und Arbeitsplatz-Vernichtung betrieben  statt auf Innovationen und neue Märkte gesetzt zu haben.
Der IG BCE-Vorsitzende Hubertus Schmoldt wandte sich ebenfalls gegen die nun angestrebte Junior-Partnerschaft im Pharma-Geschäft: “Mit einer Minderheitsbeteiligung würde nach unserer Befürchtung ein Weg beschritten, der à la longue den Ausstieg für BAYER bedeutet.” Er und BAYERs Gesamtbetriebsratsvorsitzender Erhard Gipperich kündigten an, im Aufsichtsrat eine solche Lösung abzulehnen. Gipperich sah sogar Chancen für eine Koaltion mit Teilen der Kapital-Fraktion.

Eine nicht einmütig gefällte Aufsichtsratsentscheidung wäre ein Präzedenz-Fall in der Unternehmensgeschichte und somit ein eindeutiges Zeichen für einen nachhaltig gestörten sozialen Frieden. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, widersprach der Aufsichtsrats- vorsitzende Manfred Schneider den Gewerkschaftlern umgehend. Die jetzt aufkommenden Vorbehalte der Arbeitnehmer entsprächen nicht dem Ergebnis der Sitzung im September, so der Wenning-Vorgänger. Aber Gipperich blieb standhaft: “Wir haben damals einen allgemeinen Lage-Bericht zur Kenntnis genommen, in dem erwähnt wird, dass man einen Partner sucht. Konkret ist über Pharma im September nicht geredet worden.”

Wie lange er standhaft bleibt, wird die Zukunft zeigen. Einige BeobachterInnen vermuten, er pokere und wolle mit seiner Obstruktion nur den Preis für eine Zustimmung hochschrauben und BAYER im Ernstfall einen Verzicht auf Massen-Entlassungen abringen. Durchsetzen könnte sich die Gewerkschaftsposition im Aufsichtsrat ohnehin nicht. Bei einer Patt-Situation gäbe die Stimme Manfred Schneiders den Ausschlag. Aber Wirkung hat die IG BCE-Haltung schon entfaltet. Der zu erwartende Widerstand von Seiten der Belegschaft dürfte die Ausgangsbasis des Chemie-Multi bei Gesprächen mit etwaigen Interessenten nicht eben verbessern.

Ob dies der Grund für die noch immer nicht abgeschlossenen, doch angeblich schon im November so gut und konstruktiv verlaufenden Verhandlungen ist, bleibt vorerst unklar. BAYERs nicht eben mit Blockbustern gesegnete Produkt-Palette und die Aussicht, auf einen Minderheitsanteil Rücksicht nehmen zu müssen, scheint auch nicht eben verkaufsfördernd zu wirken. Dass sogar bereits als abgeschlossen geltende BAYER-Transaktionen im letzten Moment noch scheitern können, zeigte sich im Fall des RHEIN-CHEMIE-Verkaufs und des Blutprodukt-Joint Ventures mit BEHRING.

Die Financial Times Deutschland nährt derweil die Vermutung, Manfred Schneider würde hinter den Kulissen für den Erhalt der Pharma-Sparte kämpfen. Zumindest psychologisch hätte das einiges für sich. Der ehemalige BAYER-Chef hat das 4-Säulen-Modell nämlich immer mit seiner eigenen Person verbunden, weshalb eine Aufspaltung dem Eingeständnis eines Management-Fehlers gleichkäme. Aber nicht nur ein Gesichtsverlust wäre mit dem Verkauf verbunden, sondern auch ein ganz realer. Hätte der Leverkusner Chemie-Multi die Sparte nämlich eher abgestoßen, hätte er viel mehr erlöst, als es jetzt ein Verlegenheits- verkauf vermag.

Trotzdem sieht es wohl eher schlecht aus für die Pharma-Zukunft. Eine Korrektur der Kurs-Korrektur würde der Glaubwürdigkeit des Unternehmens in Finanz-Kreisen schaden. Klärung dürfte die Bilanz- Pressekonferenz Mitte März bringen. Nur eines ist klar. Skrupel sozialer Art beeinflussen BAYER-Chef Wenning bei seiner Entscheidung nicht. “Wir sind nicht angetreten, Sympathie-Kärtchen zu sammeln”, verkündete er unlängst.