SWB 02/2003

Liebe Leserinnen und Leser,

ich stamme aus einem kleinen Ort am Golf von Mexiko. Wie mein Vater, Großvater und Ur-Großvater habe ich mein Leben lang nach Shrimps gefischt. Zur Umwelt-Aktivistin wurde ich erst als ich begriff, dass die ständig abnehmende Zahl von Fischen und die stetig zunehmende Zahl von Krebserkrankungen die selbe Ursache haben: die chemische Industrie.

Nirgendwo in den USA stehen so viele Chemiefabriken auf engstem Raum wie hier – DuPont, BP, Dow Chemicals und wie sie alle heißen. Der Bezirk, in dem ich lebe, hat traurige Berühmtheit erlangt: wir haben die höchste Krebsrate und den größten Schadstoffausstoß im ganzen Land.

Vor 14 Jahren erfuhr ich, dass die Firma Formosa Plastics in unserem Distrikt eine extrem gefährliche PVC-Produktion aufbauen wollte. Die Firma hatte in Taiwan wegen Umweltgefährdung ein Produktionsverbot erhalten – und wollte nun unter den selben miserablen Bedingungen bei uns PVC herstellen. Die Behörden von Texas kümmerten sich jedoch nicht um die Risiken für die Umwelt und die Anwohner und erteilten umstandslos eine Produktionsgenehmigung. Nicht einmal die bestehenden Gesetze wurden eingehalten.

Zunächst schrieb ich Petitionen an das Unternehmen, die Regierung und die Presse und wies auf die Probleme hin. Erst als ich merkte, dass meine Bedenken nicht ernstgenommen wurden und die staatlichen Behörden lediglich als Erfüllungsgehilfen der Konzerne auftraten, griff ich zu radikaleren Protestformen. Ich trat dreimal in Hungerstreik, organisierte Demonstrationen und kettete mich an den Schornstein einer Fabrik.

Hinter vorgehaltener Hand sagen mir selbst die Stadtverordneten, dass meine Kritik berechtigt ist – sie dürften dies jedoch nicht laut sagen,da sie keinen „politischen Selbstmord“ begehen wollten. Einmal erhielt ich sogar Material von den Inspektoren der Umweltbehörde, da sie die Ergebnisse ihrer Untersuchungen nicht veröffentlichen durften. Kaum jemand aber traut sich, offen zu mir zu halten, denn die Konzerne kontrollieren alles in unserer Gegend - von den Banken bis zu den Universitäten und den Medien.

Als ich erfuhr, dass Formosa Plastics die Genehmigung erhalten hatte, hochgiftige Abwässer in den Golf von Mexiko zu leiten, entschied ich mich zum äußersten: ich beschloss, mein Fischerboot über dem Abwasserrohr der Fabrik zu versenken. Dies war eine schmerzvolle Entscheidung, schließlich hatte ich jahrelang meinen Lebensunterhalt mit dem Boot verdient. Es war, wie wenn ein Landwirt seinen Hof anzündet. Aber da ich keine Dritten schädigen oder gefährden wollte, blieb mir nur diese ultimative Form des Protests, um meiner Forderung nach „Null-Emissionen“ Nachdruck zu verleihen. Und ich hatte Erfolg: meine Aktion wurde sogar in Houston diskutiert und tatsächlich erhielt Formosa die Auflage, die Emissionen drastisch zu senken.

Viele andere Auseinandersetzungen blieben ohne Erfolg und ich habe nun auch kein Fischerboot mehr. Aber ich weiß heute, dass man mit genügend Engagement auch gegen übermächtige Gegner etwas erreichen kann. In diesem Sinne gratuliere ich der Coordination gegen BAYER-Gefahren zu ihrem 25-jährigen Jubiläum und wünsche viel Kraft bei der Auseinandersetzung mit dem Bayer-Konzern!
 

Ihre Diane Wilson
 

Die Fischerin Diane Wilson aus Seadrift, Texas ist die bekannteste amerikanische Chemie-Aktivistin. Sie ist 54 Jahre alt und hat fünf Kinder.