SWB 02/2003

Genomforschungsnetz startet durch

Medizin im Netz der Gen-Multis

Die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts im Rahmen des „Humane Genome Projects“ war noch nicht einmal ansatzweise abgeschlossen, da verlangten BAYER & Co. schon staatliche Förder- Programme zur industriellen Verwertung der Ergebnisse.
Das „Bundesministerium für Bildung und Forschung“ (BMBF) tat wie geheißen und baute das „Nationale Genomforschungsnetz“ auf, ausgestattet mit einem Etat von 175 Millionen Euro bis Ende 2003.
Der Verbund aus Industrie, Hochschulen und Forschungsgesellschaften hat sich zur Aufgabe gestellt, die vermeintlich „molekularen Mechanismen und Ursachen“ von Diabetes, Alzheimer, Bluthochdruck, Herz/Kreislauf-Leiden und einer Reihe anderer Gesundheitsstörungen zu ermitteln und so die Gen-Medizin zur Schlüsseltechnologie bei der Behandlung der verbreitesten Krankheiten zu machen.

Von Jan Pehrke

Im April 2002 stimmte BAYERs Pharmaforschungsleiter Wolfgang Hartwig in seiner Eigenschaft als Ausschuss-Vorsitzender „Biotechnologie“ des vom Leverkusener Chemie-Multi gegründeten „Verbandes der Forschenden Arzneimittel-Hersteller“ (VFA) mal wieder das altbekannte Klagelied über die mangelnde staatliche Unterstützung für die Gentechnik an. Als eine der wenigen positiven Ausnahmen hob er das „Nationale Genomforschungsnetz“ hervor. Das Lob hätte Hartwig auch pro domo aussprechen können, denn BAYER hatte maßgeblichen Anteil am Weben des Genmedizin-Netzes. Parallel zur Erbgut- Entschlüsselung durch das „Deutsche Humangenom-Projekt“ (DGHP) rief der Konzern gemeinsam mit BASF, BOEHRINGER, NOVARTIS und anderen Unternehmen schon 1996 einen Verein zur Förderung der Genomforschung ins Leben, „um einen Beitrag zur industriellen Verwertung der Forschungsergebnisse zu leisten“.

Zwei Jahre später hat der Verein dann in einem gemeinsam mit dem DGHP-Koordinierungskomitee verfassten Positionspapier dargelegt, wie er sich die bundesdeutsche Forschungspolitik im Anschluss an die Kartographierung des menschlichen Erbguts so vorstellt.

Ein Joint Venture aus Industrie, Hochschulen und staatlichen Forschungsgesellschaften sollte nach dem Willen der Konzerne den Transfer der Grundlagen-Forschung in eine anwendungsorientierte Gen-Medizin bewerkstelligen. Um die vermeintlich „pathogenetischen Mechanismen“ der menschlichen Krankheiten bloßzulegen, müssen nach dem Gesamt-Genom nun „die Gene und Genprodukte des Menschen und anderer wissenschaftlich oder kommerziell interessanter Organismen identifiziert und ihre Beziehungen zueinander und ihre Funktion aufgeklärt werden“, so die Multis. Als Instrument hierzu empfehlen sie die komplexe - und für sie allein zu teure - Hochdurchsatz- Technik. Nur dieses Verfahren kann nämlich die Aufgabe erfüllen, in einem überschaubaren Zeitrahmen alle Gene und Gen-Produkte der Zellen zu analysieren, was zur Bestimmung des Unterschiedes zwischen gesunden und kranken Zellen nötig ist. BAYER & Co. versprechen für die Zukunft sogar auf die PatientInnen speziell abgestimmte Medikamente - wenn sie mittels einer Art genetischer Volksbefragung den Zugriff auf alle Daten der Bevölkerung erlangen können, um Bio-Banken anzulegen. „Darüber hinaus ist die systematische Analyse von genetischen Variationen in Populationen von entscheidender Wichtigkeit bei der Identifikation pathogenetisch relevanter Gene, deren Diagnostik und Behandlung entsprechender Krankheiten mit maßgeschneiderten Medikamenten“, heißt es in dem Positionspapier.

Den Takt zu dieser an „1984“ gemahnenden Zukunftsmusik gibt die zum Zeitpunkt der Abfassung der Denkschrift noch boomende New Economy vor. BAYER & Co. kündigen vollmundig die Entstehung von INTELs und MICROSOFTs der „biologischen Revolution“ in der Bundesrepublik an, wenn der Staat die entsprechenden standort-politischen Weichen stellt. Sie mussten auch so hoch pokern, anders wäre der verlangte Förderbeitrag von jährlich 250 Millionen Euro nicht zu rechtfertigen.

Nach Bekunden des Vereins hat der Forderungskatalog „bei der Ausgestaltung der Forschungspolitik des BMBF erhebliche Beachtung gefunden“. Damit untertreibt er noch - Edelgard Bulmahn & Co. haben den Wunschzettel der Gen-Industrie mit dem „Nationalen Genomforschungsnetz“ (NGFN) fast 1:1 umgesetzt.

Damit die Kontinuität gewahrt bleibt, haben die Konzern-Manager in den leitenden Gremien des Genomnetzes wichtige Posten besetzt. Wolfgang Hartwig saß lange neben Vertretern von EVOTEC, BOEHRINGER, der „Max-Planck-Gesellschaft“ und anderen Institutionen oder Unternehmen im Lenkungsgremium, ehe ihn BAYER-Kollege Jan-Anders Karlsson ablöste. Fast unnötig zu erwähnen, wer den Vorsitz des Gremiums inne hat - natürlich das enfant terrible der bundesdeutschen Gentech-Szene: Ernst-Ludwig Winnacker. Der Molekular-Biologe mischt an jeder Schnittstelle von Forschung, Politik und Wirtschaft mit; er ist Präsident der „Deutschen Forschungsgemeinschaft“, BAYER-Aufsichtsrat, Mitbegründer des Biotech-Unternehmens MEDIGENE und war bis vor kurzem Mitglied im Nationalen Ethikrat.

Unter seiner Ägide haben sich nicht weniger als 38 Universitäten und Forschungseinrichtungen der Zuarbeit für BAYER & Co. verschrieben. Eine zentrale Funktion kommt hierbei dem „deutschen Krebsforschungs-
zentrum“, der „Gesellschaft für Biotechnologische Forschung“, dem „Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit“, dem „Max-Delbrück- Centrum für Molekulare Medizin“ und dem „Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik“ zu. Sie analysieren mit Hilfe der Hochdurchsatz- Technologie die Gene und ihre Produkte, die Proteine. Um diesen „Kernbereich“ herum gruppieren sich fünf gen-medizinische Netzwerke. Ihnen wiederum sind 13 Uni-Kliniken angeschlossen, darunter auch die mit BAYER besonders eng verbandelte Bonner Hochschule (siehe auch SWB 4/02).

Diese Gentech-Netze haben schon fleißig Gen-Daten zusammengetra-
gen. Aber es handelt sich dabei lediglich um isolierte Sammlungen. Für das Einrichten einer zentralen Bio-Bank, wie sie dem Projektkomitee- Sprecher des NGFN, Dr. Stefan Schreiber vorschwebt, besteht deshalb noch ein erheblicher Mehrbedarf. „Aber wir benötigen jetzt dringend Material von Patienten, von Zehntausenden von Patienten“, zitiert Klaus-Peter Görlitzer den Gen-Forscher in seinem umfassenden Bioskop-Artikel zum Genomforschungsnetz. An einer solchen Gen- Bibliothek dürften Versicherungen und Arbeitsgeber ein großes Interesse haben, um krankheitsanfällige Personen aussortieren zu können. Auch die Polizei, die dem Täter immer häufiger auf die Gen-Spur kommen will, wäre einem Einblick sicherlich nicht abgeneigt.

Auf einen großen Gen-Pool gestützt, beabsichtigt der Forschungs-
verbund, allen verbreiteten Krankheiten gentechnisch zu Leibe zu rücken und so die gesamte Medizin zu biologisieren. Auf ihrer Untersuchungs-
agenda stehen unter anderem Diabetes, Arteriosklerose, allergisches Asthma, Bluthochdruck, Herz/Kreislauf-Erkrankungen, Demenz und multiple Sklerose. Mit DNA auf den Augen ignorieren die WissenschaftlerInnen Stress, Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsmangel als Auslöser von Herz/Kreislauf-Leiden. Psychische Ursachen für Ess-Störungen ziehen sie ebenfalls nicht in Betracht. Den Grund für Fress-Sucht beispielsweise verorten die Gen-ForscherInnen dieser Welt neuerdings auf dem Gen MC4R. Auch an einer Umdefinition von Umwelt-Krankheiten arbeiten die Molekular-MedizinerInnen. Nicht mehr die Schadstoff-Ausstöße von BAYER & Co. sollen krank machen, sondern jeweils eine individuelle körperliche Veranlagung. Alles andere als an einer ergebnis-offenen Wissenschaft interessiert, verkündet das Positionspapier des Förder-Vereins die Forschungsziele schon im Vorhinein in Form einer Setzung: „Kerngedanke der zu organisierenden Netzwerkstrukturen sollte die kausal-analytische Charakterisierung pathogenetischer Vorgänge sein“.

Selbst wohlmeinende ForscherInnen stehen einer per Hochdurchsatz- Verfahren betriebenen Rasterfahndung nach Genen für so gut wie alle Gesundheitsstörungen skeptisch gegenüber. Ihrer Ansicht nach sind die zur Entstehung von Krankheiten führenden Prozesse viel zu komplex, als dass die Gen-Medizin in absehbarer Zeit Therapien entwickeln könnte.

Auch BAYER hat schon die leidige Erfahrung machen müssen, dass es nicht einfach „gute“, gentechnisch produzierte Proteine gibt, die „böse“ Krebs-Proteine erkennen „wie ein Schloss den richtigen Schlüssel“ und deshalb als „Ausschalter“ zu fungieren vermögen. Was der Leverkusener Chemie-Multi öffentlichkeits- und aktienkurs-wirksam als „Wunderwaffe“ gegen Krebs und andere Leiden anpries, hat er des öfteren schon kleinlaut - und von den Medien weitgehend unbemerkt - auf dem Müllhaufen der Genmedizin-Geschichte entsorgt. In diesem Winter erst stellte der Chemie-Multi Versuche mit dem Wirkstoff Camptotecin ein. Davor brach er unter anderem klinische Tests mit Gentech-Präparaten gegen Lungenkrebs und Asthma ab.

Gentests scheinen da schon mehr Aussicht auf Erfolg zu haben, beschränken sie sich doch auf die Diagnose von Erkrankungen und scheren sich nicht um Therapien. Neben den maßgeschneiderten Medikamenten haben sie Görlitzer zufolge bei „den Produkt- Entwicklungen“ des NGFN höchste Priorität. An dieser Weichenstellung dürfte BAYER nicht unbeteiligt gewesen sein. Mit Nachweis-Verfahren für AIDS, Hepatitis, Krebs, Blutarmut, Unfruchtbarkeit, Infektions- und Herz/Kreislauf-Erkrankungen ist der Konzern nämlich einer der Weltmarkt-Führer im Diagnostika-Segment. Aber selbst mit der puren Diagnose hat die Gen-Medizin so ihre Probleme. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA untersagte BAYER 1998 ein Diagnose- Verfahren für das Prostata-Antigen als Prostatakrebs-Test zu vermarkten - die Prostata-Antigene finden sich nämlich auch im Körper von gesunden Männern. Die Wissenschaftsethikerin Bettina Schöne- Seifert von der Universität Hannover hält deshalb Tests nur bei einigen wenigen Krebs-Leiden und neurologischen Krankheitsbildern für aussagekräftig - und das auch nur, wenn die PatientInnen erblich entsprechend vorbelastet sind.

Nichtsdestotrotz erhofft sich der Pharma-Riese vom Genom-Projekt eine Erweiterung seiner Produkt-Palette im Diagnostika-Bereich. Die Grundvoraussetzungen dafür sind günstig; die Unternehmen haben sich nämlich einen monopolisierten Zugang zu den Gen-Rohstoffen verschafft. Die ForscherInnen des Genomforschungsnetzes dürfen ihre wissenschaftlichen Erträge nicht selbstständig Biotech-Firmen ihrer Wahl zur Weiterentwicklung anbieten. BAYER und die anderen am NGFN beteiligten Konzerne haben ein Erstverhandlungsrecht und bei einen positiven Abschluss auch gleich den Anspruch auf das entsprechende Patent.

Trotz dieser blendenden organisationstechnischen, wissenschaftlichen und finanziellen Voraussetzungen nehmen sich die Erfolge des Gentechnik-Joint-Ventures arg bescheiden aus. Die Gen-WerkerInnen haben die Liste der ca. 10.000 angeblich krankheits-relevanten Gene um eines für Schleimhaut-Entzündungen erweitert. Zudem wollen sie in den ethisch umstrittenen und von vielen als nicht aussagekräftig eingeschätzten Tierversuchen bei einem Schimpansen auf eine Gen-Veränderung gestoßen sein, die sie für einen Auslöser der Epilepsie halten. Diese magere Ausbeute passt gut zu der Ernüchterung, die sich inzwischen in der gesamten Biotech-Szene breit gemacht hat. In den USA stehen einige Firmen sogar schon knapp vor der Pleite. Schlechte Aussichten also für die „schöne neue Gen-Welt“.