SWB 02/2003 - Ticker

DRUGS & PILLS

LEVITRA-Vermarktung beginnt
Nachdem der Leverkusener Chemie-Multi von der EU-Kommission die Zulassung für die Potenz-Pille LEVITRA erhalten hatte, startete er Mitte März mit der Vermarktung. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hingegen schiebt die Genehmigung weiter hinaus. Bereits im letzten Jahr hatte sie wegen möglicher Gesundheitsgefährdungen mehr Unterlagen von BAYER angefordert. Ende Mai tagt nun der wissenschaftliche Berater-Ausschuss der Behörde und diskutiert die neuesten klinischen Studien über die Wirkung von LEVITRA auf Herz und Kreislauf.

BAYER & Co. umgehen Aut-Idem
Ab Juli 2002 ist die Aut-Idem-Regelung für die erste Gruppe von Medikamenten in Kraft getreten. Die ApothekerInnen sind durch sie gehalten, das von dem/der ÄrztIn aufgeschriebene Präparat durch ein billigeres mit dem selben Wirkstoff zu ersetzen. Nur wenn das rezeptierte Mittel zum unteren Preis-Drittel gehört, kann es von der Substitution verschont bleiben. Damit möglichst viele Pillen nun in dieses Segment fallen, bringen BAYER & Co. zum Schein exorbitant teure Medikamente auf den Markt, was den zur Grundlage der Berechnungen dienenden Durchschnittspreis anhebt und viele bunte Pillen in das begehrte untere Preisdrittel purzeln lässt. Bei der Vorstellung der “Initiative Vitale Gesellschaft” (siehe auch POLITIK & EINFLUSS) gab der AVENTIS- Manager Heinz-Werner Meier diesen Trick der Pharma-Konzerne freimütig preis.

Impfstoffe-Engpass
Mit Impfstoffen können die Pharma-Multis nicht viel Profit machen. Darum haben BAYER und andere Pillen-Riesen kein großes Interesse an der Produktion von Vakzinen. Als Folge davon gehen die Vorräte zur Behandlung von Grippe oder Kinderkrankheiten wie Röteln oder Mumps langsam zur Neige. Siegfried Throm vom “Verband der Forschenden Arzneimittel-Hersteller” (VFA) will deshalb die Regierungen in die Pflicht nehmen. Weil die Verbreitung von Krankheiten wie Masern oder Kinderlähmung abnimmt und der Markt sich deshalb selbst zerstöre, forderte der Sprecher des von BAYER gegründeten VFA staatliche Abnahme-Garantien für Impfstoffe als Investitionsanreiz.

Tests mit neuem Hepatitis B-Mittel
Der Mediziner Claus H. Schröder vom Deutschen Krebsforschungs-
zentrum in Heidelberg hat mit der Substanz Heteroaryldihydropyrimidine (HAP) einen neuen Wirkstoff zur Behandlung von Hepatitis B entdeckt. In  moralisch umstrittenen und oft nicht aussagekräftigen Versuchen am “Tiermodell” hat das HAP die innere, das Erbgut enthaltene Hülle des Hepatitis B-Virus zerstört und so seine Ausbreitung verhindert. BAYER kooperiert nun mit dem Krebs-Zentrum, um den Wirkstoff klinisch zu testen und bei entsprechenden Erfolgen bis zur Produkt-Reife weiterzuentwickeln.

ASPIRIN unentbehrlich?
Die Bemühungen BAYERs, ASPIRIN durch Werbe-Kampagnen und konzern-finanzierte Studien, die vermeintlich positive Wirkungen auf vielen Krankheitsgebieten belegen, zum Allheilmittel zu stilisieren, tragen offenbar Früchte. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat das Pharmazeutikum mit dem Wirkstoff Acetylsalicylsäure in die Liste der 325 “unentbehrlichen” Arzneimittel aufgenommen und als Anwendungsgebiete “Migräne”, “Schmerzen” sowie “Herzinfarkt- und Schlaganfall-Vorbeugung” angegeben. Dabei ignorierte sie wissenschaftliche Untersuchungen, die keinerlei prophylaktische Effekte bei Herzkrankheiten nachgewiesen und sogar ein höheres Schlaganfall- Risiko bei Einnahme von ASPIRIN festgestellt haben. Zudem verursacht das Medikament bei längerer Einnahme Nierenschäden, Schleimhaut- Reizungen und Magengeschwüre. Im Extremfall kann das Schlucken der Tabletten sogar zum Tod führen: Nach einer amerikanischen Studie sterben jährlich 16.500 Menschen an Magenblutungen, die durch den ASPIRIN-Wirkstoff Acetylsalicylsäure hervorgerufen werden (Ticker 1/00).

Infarkt-Vorbeugung mit ASPIRIN?
BAYER unterstützte die “American Heart Association” in der Vergangenheit mit mehr als einer halben Million Euro im Jahr. Diese Investition hat sich ausgezahlt. Die Organisation änderte nämlich ihre Richtlinien und empfahl MedizinerInnen, infarkt-gefährdeten PatientInnen ASPIRIN zu verordnen. Deshalb ist es dem Leverkusener Chemie-Multi jetzt möglich, in den USA eine Zulassung für ASPIRIN als Mittel zur Herzinfarkt-Vorbeugung zu beantragen. Zu den Nebenwirkungen des “Tausendsassas” siehe oben.

Schlechte Noten für ADALAT
Bei Bluthochdruck verordnen 90 Prozent der ÄrztInnen Kalzium- Antagonisten wie BAYERs ADALAT und zehn Prozent Entwässerungs-
mittel (Diuretika). Nach einer vom Gesundheitsökonomen Karl Lauterbach im Auftrag der “Barmer Ersatzkasse” durchgeführten Untersuchung, die sich auf eine US-amerikanische Studie stützt, ist diese Verschreibungspraxis medizinisch nicht zu rechtfertigen. Die Expertise ergab nämlich, dass Diuretika nicht nur wesentlich preiswerter als ADALAT & Co. sind, sondern sich ihnen auch in der Wirksamkeit ebenbürtig oder sogar überlegen erweisen. Ohne Qualitätsverlust könnten die Krankenkassen deshalb Lauterbach zufolge 720 Millionen Euro jährlich sparen.

ASPIRIN-Werbung abgemahnt
Der BAYER-Konzern hat in einer ASPIRIN-Werbung fälschlicherweise nahe gelegt, das Mittel helfe gegen Lungenkrebs. Die “Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs” hat diesen Täuschungs-
versuch unterbunden und den Pharma-Riese abgemahnt. Schuldbewusst hat das Unternehmen sofort eine Unterlassungserklärung unterzeichnet.

VIAGRA für Frauen?
VIAGRA ist das umsatzträchtigste Medikament in der Geschichte der Pharmazie. Der Leverkusener Chemie-Multi hofft, mit seinem Potenz- Mittel Levitra an diesen Erfolg anknüpfen zu können. Unterdessen arbeiten die Pharma-Multis daran, den Markt für diese Arzneimittel- Gruppe noch auszuweiten und Frauen als Kundinnen zu gewinnen. Erst einmal musste dafür eine Krankheit her. Ein konzern-gesponsorter Kongress fand sie auch gleich: die “Female Sexual Dysfunction” (FSD). Dann benötigte man Kranke. Kein Problem. Nach einer - natürlich industrie-gesponsorten - Studie leiden 43 Prozent der US-amerika-
nischen Frauen zwischen 18 und 59 Jahren an FSD. Jetzt können sich die Pharma-Köche ans Werk machen.

Erweiterte AVELOX-Zulassung
Der Patentschutz für das BAYER-Antibiotikum CIPROBAY läuft 2001 ab - und damit auch die Zeit der Super-Profite. Deshalb veränderte der Leverkusener Chemie-Multi die CIPROBAY-Rezeptur ein wenig, ersetzte den Inhaltsstoff Ciprofloxacin durch Moxifloxacin und brachte es als AVELOX neu heraus. Schon war der Patentschutz wieder da. Jetzt ist es BAYER auch noch gelungen, das Anwendungsspektrum für das Medikament zu erweitern. Der Konzern erhielt in den USA die Genehmigung, das Mittel auch zur Behandlung von Lungenentzündun-
gen, die ein penizillin-resistentes Bakterium auslöst, zu vermarkten.
Der Arzneimittelverordnungsreport ’97  zählt Antibiotika mit Wirkstoffen aus der Gruppe der Fluorchinole wie AVELOX aufgrund der vielen Nebenwirkungen zu den “nicht primär empfehlenswerten Substanzen”.

Zulassung für automatisierten Test
Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat BAYER die Zulassung für ein automatisiertes Test-Verfahren zur Untersuchung von Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit auf Anzeichen von Gehirn-Blutungen, Meningitis und Enzephalitis (Gehirn-Entzündung) erteilt.

Biopirat BAYER
Die Privatisierung der Natur durch BAYER & Co. schreitet unaufhaltsam voran. So durchkämmen chinesische BotanikerInnen vom Kunming- Institut im Auftrag des Leverkusener Chemie-Multis wochenlang die Wälder, um nach pharmazeutisch verwertbaren Naturstoffen zu fahnden. Auf diese erhebt der Pharma-Riese dann Patent-Ansprüche und entwickelt sie - natürlich nicht in China, sondern im Wuppertaler Pharma- Zentrum - zu Medikamenten weiter. Die Chinesen können das Produkt des Arten-Reichtums der heimischen Natur dann für teueres Geld in ihren Apotheken kaufen. Zwei dieser Substanzen befinden sich bei BAYER bereits in der klinischen Erprobung.