|
KAPITAL & ARBEIT
2,3 Prozent mehr Lohn Bei der Lohn-Runde in der Chemie-Industrie
einigten sich Arbeitgeber und IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) auf Entgeld- Erhöhungen von 2,6 Prozent. Der Tarifvertrag hat eine Laufzeit von 13 Monaten. Im ersten Monat erhalten die Beschäftigten eine Einmal-
zahlung von 40 Euro, sodass unterm Strich 2,3 Prozent übrig bleiben. Zudem einigten sich die Tarif-Parteien auf eine Ausweitung des Lehrstellen-Angebots und die Einführung eines neuen betrieblichen
Weiterbildungsprogrammes. Im letzten Jahr hatte die Lohn-Steigerung noch 3,6 Prozent betragen. Deshalb waren Zeitungen wie die Rheinische Post voll des Lobes über das “ohne wochenlange Droh-Gebärden und Warnstreiks” erreichte Ergebnis: “Damit kann die Industrie gut leben”.
“Beschäftigungspakt” bei BAYER Im Februar hat BAYER mit dem Betriebsrat
einen “Beschäftigungspakt” geschlossen. Die Bezeichnung ist irreführend, denn nach Angaben der IG BCE soll er lediglich den bis 2005 geplanten Abbau von 5.200 Arbeitsplätzen an den bundesdeutschen BAYER-Standorten
“abfedern”. Die Arbeitsplatzvernichtung “light” will ohne betriebsbedingte Kündigungen auskommen und setzt auf Altersteilzeit und andere Teilzeit-Angebote, finanzielle Anreize für Aufhebungsverträge und Hilfe bei
der Job-Suche. Als arbeitsplatzerhaltende Maßnahme versprach der Chemie-Multi, künftig zu prüfen, ob Fremdfirmen-Aufträge nicht auch intern vergeben werden könnten und sicherte zudem Weiterbildungs- maßnahmen
zu. Ob es aber bei der sanften Art der Stellen-Streichungen bleibt, ist unklar, da der Konzern sich eine Hintertür offen ließ. “Sollten die Instrumente des hier zugrunde gelegten Gesamtkonzepts die
Beschäftigungsprobleme nicht zeitgerecht bzw. nicht ausreichend lösen, auch weil sich ein gesteigerter Personalabbau-Bedarf ergibt, werden Unternehmensleitung und Gesamtbetriebsrat unverzüglich Beratungen aufnehmen,
um der geänderten Situation Rechnung zu tragen”, heißt es in der Vereinbarung. Nicht nur deshalb kritisiert die BELEGSCHAFTSLISTE, eine alternative Gewerkschaftsgruppe im Wuppertaler BAYER-Werk, den
Beschäftigungspakt als “heiße Luft”.
Konkurrenz innerhalb der Holding Ein - durchaus beabsichtigter - Effekt
von BAYERs Umstrukturierung zu einer Holding ist es, dass die sieben Unternehmensteile miteinander um die geringsten Kosten konkurrieren und sich nicht mehr so einfach auf übergreifende Projekte verpflichten lassen.
Der Gesamtbetriebsrats- vorsitzende Erhard Gipperich hat deshalb alle Hände voll zu tun, “die einzelnen Gesellschaften in die Verantwortung (zu) bringen”, um den umstrittenen “Beschäftigungspakt” (s. o.)
umsetzen zu können.
Druck auf Gipperich Der BAYER-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Erhard
Gipperich lehnt die Pläne des Konzerns, bei einer eventuellen Pharma-Fusion auf die Anteilsmehrheit zu verzichten, strikt ab (siehe SWB 1/03). Diese kompromisslose Haltung verärgert die Chef-Etage. Über seine Interpretation einer Aufsichtsratssitzung zu dem Thema und seine Ankündigung, in dem Gremium
gegen einen Teil-Verkauf zu stimmen, geriet der Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Schneider sogar öffentlich in Rage. BAYER-Chef Werner Wenning bestellte den Gewerkschaftler umgehend in sein Büro zu einem
4-Augen-Gespräch ein. Aber auch nach zwei Stunden Diskussion blieb Gipperich standhaft.
Betriebsratler als “Change-Manager” Der Betriebsratsvorsitzende des
Dormagener BAYER-Werkes, Karl Josef Ellrich, bezeichnet sich als “Change-Manager”. Er sieht sich nicht mehr als ein Interessensvertreter der Beschäftigten an, sondern - in Personalunion mit dem Vorstand - als
Sachverwalter der Zukunft des Standortes. So rechnet er es sich etwa als Verdienst an, die Manager mit dem Angebot von “Rund um die Uhr”-Schichten zu Investitionen in Dormagen bewogen zu haben. Auch sein
Hannoveraner IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE-Kollege Günter Schölzel kann über GewerkschaftlerInnen mit einer anderen Berufsauffassung nur noch den Kopf schütteln: “Viele Betriebsräte bezeichnen es heute noch als ihre
größten Erfolge, wenn sie Konfliktsituationen dazu nutzen, eine Gegen-Position zum Management aufzubauen und sich bei Veränderungen warnend vor die Mitarbeiter zu stellen”, sagte er - passenderweise - der Financial Times Deutschland.
Winnacker gegen Pharma-Verkauf Nicht nur die Arbeitnehmer-VertreterInnen
im Aufsichtsrat sprechen sich gegen den Teil-Verkauf der Pharma-Sparte aus (s. o.). Auch der Gentechnik-Experte Ernst-Ludwig Winnacker wendet sich gegen die Pläne, allerdings aus zweifelhaften Gründen. Er sieht den
Gentechnik- Standort Bundesrepublik in Gefahr, wenn kein hiesiges Unternehmen mehr Moleküle analysiert und auf deren Basis Gen-Medikamente entwickelt.
BAYERs Zwei-Säulen-Strategie Dem managermagazin 3/03 zufolge hat BAYER-Chef Werner Wenning gemeinsam mit dem Finanz-Vorstand Richard Pott eine Zwei-Säulen- Strategie entwickelt. Demnach sollen nur noch die Agro-Sparte und der HealthCare-Bereich (Gesundheitsprodukte ohne rezeptpflichtige Medikamente) die Kern-Geschäfte bilden. Für alle anderen Sparten wie Chemie, Kunststoffe und Pharma will der Vorstand Partner finden. “Nur dort, wo wir die Chance sehen, Renditen in Höhe der besten Wettbewerber zu erzielen, wird das neue BAYER unternehmerisch aktiv bleiben”, kündigte Wenning an. Die “Zwei plus x”-Struktur würde Arbeitsplätze in großem Ausmaß vernichten.
1.300 Jobs bei BIS gestrichen Der Leverkusener Chemie-Multi will bei
seiner Tochter-Firma BAYER INDUSTRY SERVICES (BIS) eine “Personal-Anpassung” vornehmen, wie es immer so schön heißt, wenn Arbeitsplatzvernichtung gemeint ist, und 1.300 der 7.000 Stellen abbauen. Ursprünglich waren
bei der BIS einmal über 10.000 MitarbeiterInnen beschäftigt. Allein am Standort Uerdingen fallen 260 Jobs weg. Die Kosten für die Arbeitsplatz- Reduzierungen bürdet der Konzern dabei per Vorruhestandsregelungen den
staatlichen Renten-Kassen auf und nennt das auch noch “sozial-verträglich”.
100 Jobs weniger in Brunsbüttel In den letzten zehn Jahren hat das
BAYER-Werk Brunsbüttel seine Produktivität bei sinkenden Beschäftigten-Zahlen um 75 Prozent gesteigert. Trotzdem soll die Belegschaft weiter schrumpfen. Werksleiter Willy Schiwy kündigte an, in den nächsten drei bis
vier Jahren 100 Arbeitsplätze vernichten zu wollen. Aber ganz so, als ob der Stellen- Abbau bei BAYER nicht zum “Business as usual” gehörte, gab er der Umweltpolitik von Land und Bund dafür die Schuld. Die Ökosteuer
und die über den Strom-Preis subventionierte Windenergie hätten die Energie-Kosten des Konzerns in den letzten zwei Jahren um drei Millionen Euro steigen lassen und Brunsbüttel so die Standort-Vorteile genommen,
klagte Schiwy.
Produkt-Entwicklung: 145 Jobs weniger BAYER vernichtet in der Sparte
“Produkt-Entwicklung” 145 Arbeitsplätze. Allein im Wuppertaler Werk fallen 83 Stellen weg.
Aus für BAYER/SHELL-Joint Venture BAYER und SHELL haben angekündigt, ihr
Joint Venture zur Produktion des Polyurethan-Rohstoffs Isocyanate aufzulösen und die zwei Anlagen im belgischen Antwerpen zu schließen. Ein Vertreter des Leverkusener Chemie-Multis sagte gegenüber der Presse, BAYER
hoffe auf einen positiven Ergebnis-Beitrag durch den geplanten Produktionsstopp. Über die Zukunft der 270 Beschäftigten, die bei der Antwerpener Niederlassung des Konzerns unter Vertrag standen und im Rahmen eines
Service-Abkommen für das Gemeinschaftsunternehmen arbeiteten, schwieg er sich dagegen aus.
Schmoldt für Lohn-Kürzungen “Gleicher Lohn für gleiche Arbeit” - von
dieser Losung haben sich die Gewerkschaften längst verabschiedet. Sowohl die IG Metall als auch die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) vereinbarten Abschlüsse, nach denen BAYER & Co. neu eingestellte
Langzeitarbeitslose bis zu zehn Prozent unter Tarif bezahlen können. ZeitarbeiterInnen sollen nach den Vorstellungen des BAYER-Aufsichtsrats und IG BCE-Vorsitzenden Hubertus Schmoldt noch weitere Lohn-Einbußen
hinnehmen müssen. Er trat für eine Differenz von deutlich mehr als zehn Prozent zum Gehalt eines/r fest angestellten Chemie-ArbeiterIn ein.
Gipperich predigt Verzicht In seiner am 16. März 2003 gehaltenen Rede
vor den JubilarInnen des Konzerns stimmte der BAYER-Betriebsratsvorsitzende Erhard Gipperich die Belegschaft auf harte Zeiten ein. “Wer heute kollektiv und ohne jede Kompromiss-Bereitschaft an Besitzständen
festhält, besitzt bald gar nichts mehr. Arbeitslose beziehen kein Urlaubsgeld, keine vermögens- wirksame Leistungen und schon gar kein 13. Monatsgehalt.” Diese Worte hätten auch aus dem Mund von Dieter Hundt
oder anderen Arbeitgeber-VertreterInnen stammen können und stellen einen gewerkschaftlichen Offenbarungseid dar. Für die im Jahr 2004 beginnenen Verhandlungen über den neuen “Standortsicherungsvertrag”, der auch
weiterhin betriebsbedingte Kündigungen ausschließen soll, hat er schon einmal angekündigt, was die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) so alles an sozialen Errungenschaften zur Verhandlungsmasse machen will. Er
erklärte die Bereitschaft zur Arbeitszeit-Verkürzung ohne Lohn-Ausgleich sowie zu weiteren Flexibilisierungsmaßnahmen und stellte die Einzahlung von Urlaubsgeld und vermögenswirksamen Leistungen in einen Topf zur
Erhöhung der Finanzkraft des Unternehmens in Aussicht.
Beschäftigte denken, BAYER kassiert Die Verbesserungsvorschläge von
MitarbeiterInnen rechneten sich für BAYER weit mehr als für die Ideen-GeberInnen selber. Die Umsetzung der 11.500 MitarbeiterInnen-Ideen brachte dem Leverkusener Chemie- Multi allein im ersten Jahr ihrer
Realisierung einen Rationalisierungs- gewinn von über 12,5 Millionen Euro ein. Wobei dies nur eine vorläufige Bilanz auf der Basis von 10.000 durchgerechneten Innovationen ist. Den Erfindern zahlte er für den
Zugriff auf ihr geistiges Eigentum aber insgesamt nur 4,65 Millionen Euro an Prämien. Zudem nutzt der Konzern das betriebliche Vorschlagswesen, um eine Hitliste der kreativsten BAYER-Standorte zu erstellen, was die
Konkurrenz unter den Belegschaften der verschiedenen Niederlassungen schürt.
E-Business spricht BAYER-Sprache BAYER hat sich nicht nur frühzeitig an
den arbeitsplatzvernichtenden digitalen Handelsplattformen für die Chemie-Industrie beteiligt, der Konzern hat diese auch präzise den eigenen Erfordernissen angepasst. Nach Einschätzung des Fachblattes CIO hat der Leverkusener Chemie-Multi alle entscheidenden Standards für den Waren-Austausch per Maus-Click mitgeprägt. “So müssen wir uns später nicht an Gegebenheiten anpassen, die nicht genau auf uns zugeschnitten sind”, begründet BAYERs E-Business-Koordinator Thomas Berrang die Monopolisierungsstrategie.
E-Business mit Riesen-Pumpen? BAYERs E-Business-Profis drehen am ganz
großen Rad. Sie arbeiten an Software-Lösungen, die es erlauben, komplexe Spezial-Apparaturen wie 200.000 Euro teure Pumpen per digitalem Daten-Austausch mit Herstellern und Lieferanten so weit den Wünschen des
Konzerns gemäß zu entwickeln, dass sie per Maus-Click bestellt werden können. Ein solcher Konstruktionsprozess hätte große Rationalisierungseffekte und würde deshalb viele Arbeitsplätze vernichten.
Profi-Teams bei BAYER Die Auto-Industrie hat durch die Einführung der
Gruppenarbeit ihre Produktivität beträchtlich steigern können. Darum setzt auch BAYER verstärkt auf diese neue Form der Arbeitsorganisation. Mittlerweile gibt es in jedem zweiten Produktionsbetrieb die so genannte
Prozess- orientierte Fertigung im Team, das “Profi-Team”. Das Unternehmen ködert die Beschäftigten mit der Aussicht auf flacherer Hierarchien und mehr Eigenverantwortung, in der Praxis ist “Profi-Team” jedoch nur
eine zusätzliche Rationalisierungsmaßnahme und bedeutet Zusatz-Aufgaben, Mehr-Arbeit und Überstunden. Der Betriebsleiter des Dormagener Werks, Dr. Klaus Jaeger, beziffert die Einsparungen durch die effizientere
Nutzung des “Humankapitals” auf eine Million Euro.
Keine Bonus-Zahlungen mehr Seit drei Jahren macht BAYER die
Bonus-Zahlungen an die MitarbeiterInnen vom Erfolg des Unternehmens abhängig. Obwohl der Leverkusener Chemie-Multi seinen Gewinn im Geschäftsjahr 2002 um zehn Prozent auf 1,1 Milliarden Euro steigern konnte, gehen
die Beschäftigten erstmals leer aus. Auch die Vorauszahlungen für den 2003er Bonus leistet der Konzern nicht. Als Berechnungsgrundlage für die Ausschüttungen gilt nämlich nicht der erwirtschaftete Ertrag, sondern
der “Brutto-Cashflow”, und dieser erreichte nicht die erforderliche Marke von 450 Millionen Euro. Für die Belegschaft bedeutet das einen Einkommensverlust von bis zu 7000 Euro im Jahr. In der Vergangenheit hatten
die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT,
eine oppositionelle Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, die IG BCE-Mehrheit im Betriebsrat immer wieder davor gewarnt, der Koppelung der Bonus-Zahlungen an den Geschäftsverlauf zuzustimmen.
Bonus-Zahlungen für Manager Während der BAYER-Vorstand die Einstellung
der Bonus-Zahlungen an die MitarbeiterInnen mit der schlechten Ertragslage begründet, streicht er unverhohlen hohe erfolgsabhängige Vergütungen für das Geschäftsjahr 2002 ein. Scham erfüllt ist der Leverkusener
Chemie-Multi darüber nicht: Als eines der wenigen börsen-notierten Großunternehmen legt es alle Bezüge der Vorstandsriege offen Demnach kann BAYER- Chef Werner Wenning zusätzlich zu seinem jährlichen Grundgehalt von
600.000 Euro noch einmal mehr als 700.000 Euro an Erfolgsprämien einstreichen. Seine Vorstandskollegen haben’s auch reichlich, zwischen 0,6 und 0,9 Millionen Euro liegt ihr Jahres-Verdienst. Sollten diese
Zuwendungen vielleicht geradezu eine Belohnung dafür sein, dass die Spitzen-Manager mit dem Streichen der Bonus-Zahlungen für die Beschäftigten und anderen sozialen Kahlschlagsaktionen den Profit des Konzerns
vermehrt haben?
Noch kein Pharma-Interessent Auch die Ankündigung von BAYER-Chef Werner
Wenning, bei der Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens im Pharma-Bereich nicht mehr auf einer Mehrheitsbeteiligung zu bestehen (SWB 1/03), hat die Zahl der Interessenten nicht steigen lassen. Nach BOEHRINGER INGELHEIM erteilten auch AVENTIS, SCHERING, AKZO NOBEL und LUNDBECK dem Leverkusener
Chemie-Multi eine Absage.
|