SWB 03/2003

Von einer Bürgerinitiative zum globalen Netzwerk:

25 Jahre CBG

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Wuppertal sowohl die Wiege des BAYER-Konzerns als auch der Ursprungsort der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) ist: 1863 wurde BAYER gegründet, 115 Jahre später, im Jahr 1978, nahm die CBG ihre Arbeit auf. Anlass waren zwei große Unglücksfälle im Wuppertaler BAYER- Werk. Die Bevölkerung der bergischen Großstadt schrammte damals in beiden Fällen nur knapp an der Katastrophe mit Tausenden von Opfern vorbei. Grund genug für einige AnwohnerInnen, nach dem zweiten Unfall eine Bürgerinitiative ins Leben zu rufen. Als Reaktion auf ein konkretes Ereignis entstanden und zunächst bloß lokal agierend, hat sich die CBG inzwischen zu einem global handelnden Netzwerk entwickelt und wer weiß, was noch kommt ...

Von Gründungsvater Axel Köhler-Schnura

Ging es zunächst nur um die Sicherheit der Produktion, kamen rasch andere Themen hinzu: Umweltschutz, soziale Rechte, Produktgefahren. Die Liste der Probleme wurde lang und länger. Und die Bürgerinitiative bekam auch bald zu spüren, welchem Gegner sie gegenüberstand:
Von Anfang an reagierte BAYER auf die Forderungen der BürgerInnen mit Lügen, Intrigen, Gewalt und Diffamierung. Skrupellosigkeit und Heimtücke sind die wesentlichen Merkmale des Konzerns im Umgang mit Kritik und Widerstand. Dabei wird auch vor persönlichen Angriffen nicht halt gemacht. Und schon gar nicht eingelenkt oder freiwillig auf Mißstände eingegangen.

Vernetzung und Solidarität
Im Laufe der Arbeit stellte die Bürgerinitiative fest, dass sie nicht die Ersten und auch nicht die Einzigen sind und waren, die dem Konzern die Stirn boten. Entsprechend begannen die AktivistInnen bereits ab 1979 ihre Arbeit zunächst regional, bald aber auch überregional und ab 1980 international zu vernetzen. Mit Menschen an anderen Werksstandorten, die ebenso wie sie unter BAYER zu leiden hatten. Dies war kein leichtes Unterfangen, denn bereits jetzt war klar, dass es für konsequente Konzern-Kritik hierzulande keine Unterstützung gibt. Der Polizeipräsident von Wuppertal versuchte als verlängerter Arm der Konzern-Leitung sogar, die Gründung des Netzwerkes juristisch zu unterbinden. Dazu unterstellte er dem entstehenden Netzwerk "Verfassungsfeindlichkeit". Der entsprechende Schriftsatz fiel uns durch eine gerichtliche Akteneinsicht in die Hände.

Entsprechend musste der Aufbau der CBG nicht nur vollständig aus eigener Kraft vollzogen werden, sondern auch - und dies hat sich bis zum heutigen Tage nicht geändert - gegen den massiven Widerstand des Unternehmens und seiner Verbündeten in Gesellschaft und Politik geleistet werden. Diese sind zahlreich und sitzen in Parteien, Kirchen, Verbänden, Gewerkschaften, Behörden - kurz überall. Es regiert ein Verbundenheitsgefühl, vorauseilender Gehorsam und auch Angst. Angst vor Unterdrückung und Repressalien aller Art. Dabei gibt es Vorbehalte und Berührungsängste gegen die CBG oft auch an Stellen, wo sie überhaupt nicht zu erwarten sind.  Selbst direkte Repression erfährt die CBG. Die Gemeinnützigkeit und jede offizielle finanzielle Förderung werden ihr anhaltend verweigert, Prozesse sind durchzustehen, Überwachung ist an der Tagesordnung.

Einzigartige Bedeutung
Es ist festzustellen, dass mit dem Netzwerk der CBG etwas historisch Neues und bislang Einzigartiges entstanden ist: Einem der großen multinationalen Konzerne ist weltumspannend vernetzt Widerstand erwachsen. Eine völlig neue Qualität des Widerstandes. Über alle Länder- und weltanschaulichen Grenzen hinweg (mit Ausnahme rechtsextremer Ideologien); anhaltend und kontinuierlich; rund um die Uhr. Es gibt bislang außer BAYER keinen Konzern auf der Welt, dem in dieser Form seit einem Vierteljahrhundert Kritik und Widerstand entgegengesetzt würde. Die COORDINATION ist ein starkes Stück Gegenmacht. Ein deutschsprachiges Magazin, das mit mehreren Tausend Exemplaren vierteljährlich erscheint, ein vierteljährlicher Informationsdienst, ein englischsprachiger Newsletter, eine Internetseite in fünf Sprachen mit bis zu 12.000 Zugriffen pro Woche, ein konzern- unabhängiges Firmenarchiv, permanente Kampagnen- und Aktionstätigkeit rund um den Erdball. Nicht umsonst geht die Konzern-Leitung davon aus, dass all ihre Handlungen der kritischen Beobachtung und dem Risiko der Veröffentlichung unterliegen.

Wissen und Gegenmacht
Ihre wohl bedeutsamste Wirkung erzielt die CBG aus der Möglichkeit, Know How schnell in alle Welt zu transferieren. Mussten früher Menschen, wenn sie auf irgendein Problem mit BAYER stießen, mühsam ihre eigenen Erfahrungen sammeln, sich Fachwissen und Expertise langwierig aneignen, so ist es heute dank CBG und Internet möglich, Informationen und Ideen in Sekundenschnelle auszutauschen. Dadurch gewinnt der Widerstand in nicht zu überschätzender Weise an Kraft und Wirkung.

Zugleich bildet die CBG als internationales Netzwerk einen Ort der Entwicklung von Strategie und Taktik. Neue Ideen aus der ganzen Welt werden zusammengetragen und ausgetauscht. Es entsteht eine neue Qualität der Zusammenarbeit und Kooperation bei Aktionen und konzern-kritischem Widerstand. Die weltweite konzern- und globalisierungskritische Bewegung erhält wirksame Impulse und Ideen; wird vor Sackgassen und Fehlern schon alleine deshalb bewahrt, weil sie von den bisher gemachten Erfahrungen profitiert.

Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist die ermutigende Wirkung der CBG. Wir sind ein Beispiel dafür, dass den Konzernen eben doch wirksam und erfolgreich Paroli geboten werden kann. Es ist nicht zwingend, dass klein beigegeben werden muss. Wir helfen Menschen in der Not, beflügeln Gruppen und stärken Bewegungen. Gegen die Macht der Konzerne, gegen Konzern-Diktatur.

BAYER als Beispiel
Das Netzwerk der CBG hat noch längst nicht seine Entwicklungsgrenzen erreicht. Immer neue Mitglieder treten ein, zunehmend auch aus dem Ausland. Und die CBG strahlt aus. Schon immer verallgemeinerte die CBG ihre Erfahrungen. BAYER galt zwar als konkreter Brennpunkt der Kritik und des Widerstandes, aber stets auch als auswechselbares Beispiel der Auseinandersetzung mit transnationalen Konzernen allgemein. Entsprechend brachte die CBG ihre Erkenntnisse stets in andere Bewegungen und Organisationen ein.

Die CBG gab sogar Impulse zur Gründung anderer Organisationen und wirkte aktiv daran mit. Sis hat etwa bei der Gründung des DACHVERBANDES DER KRITISCHEN AKTIONÄRINNEN mitgewirkt und damit geholfen, die von ihr erprobte Aktionsform, die ManagerInnen auf AktionärInnen-Hauptversammlungen zur Rede zu stellen, zur Serien-Reife zu entwickeln. Zudem beteiligte sich die CBG an der Etablierung des PESTIZID-AKTIONSNETZWERKES (PAN), da BAYER weltweit einer der größten Ackergift-Hersteller war und ist.

Kein unbeschwertes Jubiläum
Wenn die CBG heute im 25. Jahr ihrer Existenz Probleme hat und mit einem kleineren Etat auskommen muss, so ist dies nicht auf Mißmanagement zurückzuführen. Auch ist Konzern-Kritik nicht überflüssig geworden. Im Gegenteil, Widerstand gegen Konzern-Macht ist angesichts von entfesselter Ausbeutung und Profitgier bedeutsamer denn je.

Doch die CBG vertraut auf das Prinzip: Gegen die Macht der Konzerne die Solidarität der Menschen. Es ist nicht gelungen, die CBG in 25 Jahren kleinzukriegen und zu stoppen, so wird es auch jetzt nicht möglich sein. Kleinere oder größere Geburtstagsgeschenke in Form einer Spende, Mitgliedschaft, Fördermitgliedschaft oder einem Engagement als GarantIn sind aber natürlich trotzdem erwünscht.