SWB 03/2003

Neue Enthüllungen, neue Klagen

BAYERs AIDS-Skandal, Teil 2

Seit Beginn der 80er Jahre haben HIV-infizierte Blut-Produkte der BAYER-Tochter CUTTER und anderen Herstellern Tausende Bluter das Leben gekostet. Und ausgestanden ist der AIDS-Skandal für den Leverkusener Chemie-Multi auch über zwei Dekaden später noch nicht. Sieben Schadensersatz-Prozesse sind derzeit vor Gerichten anhängig, und eine US-Kanzlei hat im Juni eine Sammelklage von Geschädigten aus England, Italien und der Bundesrepublik eingereicht. Zudem veröffentlichte die New York Times bislang unbekannte Unterlagen von CUTTER, die dokumentieren, dass der Konzern Patienten bewusst dem AIDS-Risiko ausgesetzt hat.

Von Jan Pehrke

"Das sind die belastensten internen Pharma-Industrie-Dokumente, die ich je gesehen habe", sagte Sidney M. Wolfe von PUBLIC CITIZEN über die ihm von den Journalisten der New York Times vorgelegten BAYER- Papiere. Und in seinen 30 Dienstjahren bei der auf dem Gebiet der Gesundheitspolitik arbeitenden US-amerikanischen Verbraucherschutz- Organisation hat Wolfe schon so einiges gesehen. Aber ein Pillen- Riese, der mit dem Verkauf von nicht wärme-behandelten und darum mit einem hohen HIV-Übertragungsrisiko behafteten Blutplasma-Produkten das Leben von Blutern aufs Spiel setzt, obwohl er schon über sichere, erhitzte Blut-Präparate verfügte, nur um seine Lager-Bestände nicht abschreiben zu müssen - das überstieg auch Sidney M. Wolfes weites Fassungsvermögen. Allein in Taiwan und Hongkong hat diese skrupellose Geschäftspraxis den Tod von mehr als hundert Menschen verursacht.

Weltweit starben in den 80er Jahren Tausende Bluter an der Immunschwäche-Krankheit. Bereits im Juli 1982 hatte die US- amerikanische Gesundheitsbehörde FDA erste Hinweise auf die Übertragung von AIDS durch Blutplasma-Präparate und reagierte alarmiert, denn auf kaum einem anderen Wege können sich Krankheiten schneller ausbreiten. Da das Blut der einzelnen SpenderInnen zunächst in einen großen Pool kommt, bevor es weiterverarbeitet wird, reicht die Spende eines/r AIDS-Kranken aus, um ganze Produkt-Chargen zu infizieren. Ein halbes Jahr später bestand auch bei CUTTER kein Zweifel mehr an der Gefährlichkeit von Mitteln wie z. B. Faktor VIII-Präparaten, die Bluter mit Blutgerinnungsstoffen versorgen. "Es gibt klare Belege, die nahe legen, dass AIDS durch (...) Plasma-Produkte übertragen wird", zitiert die New York Times aus dem Brief des bei CUTTER für die Plasma-Beschaffung zuständigen Managers. Wer jetzt aber geglaubt hätte, die BAYER-Tochter hätte sofort alles Menschen-
mögliche zum Schutz der Bluter vor Ansteckung unternommen, der kennt das Pharma-Business schlecht. Die Unternehmen taten genau das Gegenteil. Es gab mit der Entwicklung einer Hitze-Behandlung der Blut-Produkte zur Abtötung der Viren zwar schon bald eine medizinische Lösung, aber "Big Pharma" versuchte, die Zulassung der neuen Methode möglichst lange zu verzögern, wie der Manager eines großen Konzerns bei seiner Vernehmung unter Eid aussagte. Die Multis fürchteten nämlich, auf ihren Alt-Vorräten sitzen zu bleiben und schreckten zudem vor den Anlaufkosten für die neue Herstellungsart zurück. CUTTER hatte langfristige Liefer-Verträge zu festgelegten Preisen abgeschlossen und war nicht bereit, Profit-Einbußen hinzu nehmen. Die BAYER-Tochter stellte ihre Produktion als letzte unter den großen Firmen um. Als die Nachfrage nach den wärme-behandelten Präparaten stieg, und die französischen Behörden zunächst keine alten mehr ordern wollten, startete CUTTER eine groß angelegte Desinformationskampagne. "AIDS hat in einigen Ländern irrationale Reaktionen hervorgerufen", schrieb das Unternehmen in einem Brief an Lieferanten aus Frankreich und 20 anderen Ländern und sprach darin von "substanzlosen Spekulationen, dass das Syndrom durch einige Blut-Produkte übertragen werden könnte". Die französischen Behörden fielen darauf herein und orderten alte Faktor VIII-Chargen. Viele französische Bluter starben daraufhin. Der verantwortliche Minister Laurent Fabius musste zurücktreten, und zwei Beamte des Gesundheitsministeriums wanderten ins Gefängnis. Im Sommer 1984 führte CUTTER dann schließlich das neue Verfahren ein. Aber die Manager hatten ein Problem: "Wir haben noch Unmengen von nicht erhitzten Beständen", stöhnten sie und gaben im November die Parole aus, nochmals "die internationalen Märkte zu beobachten um zu bestimmen, ob mehr von dem Produkt verkauft werden kann".

Es konnte. Vier Monate später hatte die BAYER-Tochter bereits 400.000 alte Faktor VIII-Einheiten in den Fernen Osten geliefert und 300.000 nach Argentinien. Insgesamt führte sie noch 25 Millionen Einheiten im Wert von vier Millionen Dollar vornehmlich in Schwellenländer und "Drittwelt-Staaten" aus. "Sie scherten sich nicht um Menschenleben in Asien", empörte sich laut New York Times die Mutter eines 1996 im Alter von 23 Jahren an Aids gestorbenen Hongkonger Bluters, "Es war Rassendiskriminierung".

Und es war ein Bruch der mit der FDA getroffenen Vereinbarung - einer der unzähligen "freiwilligen Selbstverpflichtungen" der Industrie - keine unbehandelten Präparate mehr zu vertreiben. Die Behörde lud BAYER und andere Hersteller deshalb vor, behandelte die Sache aber im Sinne der Industrie als geheime Verschlusssache. Der zuständige Beamte Harry Meyer gab die Anweisung, das Problem sollte "stillschweigend gelöst werden, ohne den Kongress, die Medizin-Welt und die Öffentlichkeit zu alarmieren".

Schließlich drang dann doch etwas nach außen. Dem Chef von BAYERs Blutprodukt-Sparte, Gunnar Riemann, trieb das jedoch nicht etwa gleich die Schamesröte ins Gesicht. Mit "Es ist unglücklich, dass die jüngsten Nachrichten diese fast zwanzig Jahre alte Tragödie wieder aufgerollt haben", fand er mal wieder die passenden unpassenden Worte. Das Gute an Tragödien ist immer, dass in ihnen keine Schuldigen auftreten, und so weist der Konzern auch alle Verantwortung weit von sich. "Die Entscheidungen, die fast vor zwei Jahrzehnten getroffen wurden, basierten zu dem Zeitpunkt auf den besten verfügbaren Informationen und stimmten mit den geltenden Auflagen überein", hieß es in einer Erklärung.

Zur Rechtfertigung seines Verhaltens führt der Pharma-Riese an, die alten Produkte weiterverkauft haben zu müssen, da die Zulassungs-
verfahren für die neuen sich so lange hinzogen. Zudem hätte ein Mangel an Blut-Plasma die Herstellung ausreichender Mengen wärme- behandelter Gerinnungspräparate nicht zugelassen, und überdies gab es Zweifel an ihrer Wirksamkeit. Ein Argument so fadenscheinig wie das andere. BAYER & Co. haben selbst alles getan, um das Genehmigungs-
prozedere künstlich zu verlängern, wie nicht nur die Aussage des oben zitierten Pharma-Managers dokumentiert: In Taiwan hat CUTTER erst anderthalb Jahre nach dem Einreichen der Faktor VIII-Unterlagen in den USA einen entsprechenden Antrag gestellt. Zur Knappheit der Plasma- Ressourcen hat die BAYER-Tochter durch die fortgesetzte Produktion alter Gerinnungsmittel selbst beigetragen. Und dass BAYER sich einmal päpstlicher als der Papst geriert und trotz positiven Urteils der FDA Zweifel an einer Arznei hat, wirkt in höchstem Maße unglaubwürdig. Diese haben sich in den mittlerweile 20 Jahren der Anwendung dann auch nicht bestätigt.

BAYER hat also willentlich und aus reiner Profit-Gier mit der Gesundheit der Bluter gespielt. Ob die neuen Fakten zu neuen juristischen Sanktionen führen werden und der Konzern gezwungen ist, nochmals so in die Porto-Kasse zu greifen wie 1997, als er mit 290 Millionen Dollar fast die Hälfte der Summe des Bluter-Entschädigungsfonds von 600 Millionen Dollar aufbringen musste, bleibt fraglich. Die New York Times glaubt nicht an eine erneute Verurteilung, weil staatliche Stellen frühzeitig über die Machenschaften von BAYER & Co. Bescheid wussten und sie deckten. Zudem hat die Bush-Regierung den Konzernen in Schadensersatz-Prozessen durch Gesetzes-Änderungen eine bessere Ausgangsposition verschafft. Sie hat eine Schmerzgrenze für Geldstrafen festgelegt und beschlossen, dass die ganze bisherige Geschäftspraxis der angeklagten Unternehmung bei der Urteilsfindung keine Rolle mehr spielen darf. Die Firmen brauchen den Richtern deshalb keine möglicherweise inkriminierende Dokumente mehr vorzulegen. Bei den LIPOBAY-Prozessen hat BAYER schon von dem industrie-freundlicheren Klima in den Gerichtssälen profitiert ...