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Vorwürfe gegen Saatgut-Multis:
Kinderarbeit bei indischen Zulieferern von BAYER
Die von der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN veröffentlichte Studie "Kinderarbeit im indischen Baumwollanbau und die Rolle multinationaler
Saatgut-Unternehmen" enthüllt, wie große Agro- Konzerne von Kinderarbeit in ihrer schlimmsten Form profitieren. Zehntausende Kinder, zum Teil nicht älter als 6 Jahre, arbeiten für minimale Bezahlung in kleinen
Zuliefer-Betrieben - bis zu 13 Stunden täglich. Auf der Anklagebank sitzen MONSANTO, UNILEVER, MONSANTO, SYNGENTA sowie der deutsche BAYER-Konzern.
von Philipp Mimkes
Das Institut Glocal Research and Consultancy Services (GRCS) aus Hyderabad erforscht die Arbeitsbedingungen in der indischen Landwirtschaft. In der Studie
Child Labour and Transnational Seed Companies in Hybrid Cottonseed Production untersucht Dr. Davuluri Venkateswarlu, Direktor des GRCS, die Produktionsbedingungen im indischen Baumwollanbau, den Rückgriff auf
Kinderarbeit sowie die Verbindungen zwischen transnationalen Saatgut-Konzernen und lokalen Produzenten. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN veröffentlichte die Untersuchung Anfang August gemeinsam mit der
deutschen Sektion des GLOBAL MARCH AGAINST CHILD LABOUR in Deutschland (Auszüge s. unten).
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass internationale Saatgutfirmen von Kinderarbeit in ihrer schlimmsten Form profitieren. Zehntausende Kinder - überwiegend
Mädchen zwischen 6 und 14 Jahren - arbeiten in Südindien über Jahre hinweg in kleinen Zuliefer-Betrieben. Viele befinden sich in Schuldknechtschaft und arbeiten über Jahre hinweg auf den selben Feldern, um Darlehen
abzuarbeiten. Für eine 12-Stunden- Schicht erhalten sie weniger als 50 Cent, ihre Gesundheit wird durch giftige Pestizide geschädigt. Vom Schulbesuch sind sie ausgeschlossen - damit haben sie keine Chance,
irgendwann aus dem Armutskreis ausbrechen zu können.
Insgesamt sind nach den Berechnungen des GRCS bis zu 450.000 Kinder in der indischen Baumwollsaat-Herstellung beschäftigt - allein im Bundesstaat Andhra
Pradesh rund 250.000. Diese Zahlen übertreffen alle anderen Bereiche der indischen Wirtschaft, in denen Kinderarbeit vorkommt (z.B. Teppichherstellung, Diamanten schleifen, Verarbeitung von Kalkstein), bei weitem.
Die Farm-Betriebe arbeiten zwar nominell unabhängig, sind jedoch durch Qualitäts- und Preisvorgaben sowie durch langfristige Lieferverträge vollständig an
multinationale Saatgut-Unternehmen wie MONSANTO, UNILEVER, BAYER und SYNGENTA gebunden. Vertreter der Konzerne schreiben die Dauer der Pflanzperiode, den Einsatz von Pestiziden, die Häufigkeit von Bewässerung und
die Qualität der Ernte detailliert vor und nehmen auf den Farmen regelmäßige Kontrollen vor. Auf Anfrage räumen sie "Probleme mit Kinderarbeit" ein, schieben jedoch die Verantwortung auf die Zulieferer.
Die Farm-Betreiber hingegen verweisen auf die niedrigen Abnahmepreise für das Saatgut, die eine rentable Produktion nur mit Hilfe von Kinderarbeit ermöglichen. Axel Köhler-Schnura von der COORDINATION GEGEN
BAYER- GEFAHREN (CBG): "Es macht wütend, dass Konzerne wie BAYER nicht einmal vor der Ausbeutung von Kindern halt machen. Schuldknechtschaft - also Kinder in Sklavenarbeit - für goldene Bilanzen! Für die
Agrokonzerne wäre es ein Leichtes, durch Zahlung angemessener Abnahmepreise, konsequente Kontrollen und vertraglichen Bedingungen dafür zu sorgen, dass arbeitslose Erwachsene zu menschenwürdigen Löhnen die Arbeit
der Kinder übernehmen. Aber: Das würde ja die Profite schmälern."
Rainer Kruse von der deutschen Sektion des GLOBAL MARCH AGAINST CHILD LABOUR ergänzt: "Das Beispiel macht sehr deutlich, dass Kinderarbeit, weil sie so
billig zu haben ist, den Erwachsenen die Arbeitplätze nimmt. Der deutsche BAYER-Konzern könnte eine Vorreiterrolle bei der Befreiung der Kinder aus der Fron übernehmen, indem er den Farmern angemessene Abnahmepreise
zahlt - geknüpft an die Bedingung, "unverzüglich Erwachsene auf Mindestlohnbasis einzustellen". Der beachtliche Erfolg bei der Bekämpfung der Kinderarbeit in der Teppichindustrie durch die Einführung des
Warenzeichens Rugmark zeigt, dass BAYER die Leiden der Kinder in seinem Bereich beenden könnte."
Auf seiner Internetseite weist der BAYER-Konzern darauf hin, dass er sich für Menschenrechte, Arbeitsstandards, Umweltschutz und gegen Kinderarbeit einsetzt.
Auch der UN Global Compact, zu dessen ersten Unterzeichnern BAYER gehörte, verlangt einen vollständigen Verzicht auf Kinderarbeit - auch bei allen Zulieferern. Gegenüber der taz äußerte ein Konzernsprecher,
"weder wir noch unsere indische Tochterfirma beschäftigen Kinder, das passt nicht zum BAYER-Image". Weder direkt noch indirekt bei Partnern dürften Kinder beschäftigt werden. Das sei auch in den Kontrakten
mit Zulieferern wie den indischen Saatgut- lieferanten festgehalten.
Die Studie belegt allerdings, dass die Situation vor Ort hiervon völlig unberührt bleibt - entsprechende Klauseln finden sich seit Jahren in den Verträgen,
haben jedoch keine realen Konsequenzen. Ohne Erhöhung der Abnahmepreise und wirksame Kontrollen bleibt die Situation unverändert. Die Autoren der Untersuchung werfen daher den Saatgut-Multis vor, dass sie den
Einsatz von Kinderarbeit nicht nur dulden, sondern für diesen aufgrund der niedrigen Rohstoffpreise ursächlich verantwortlich sind.
Dies wissen auch die Unternehmen. Ein Sprecher von UNILEVER bekennt: "Wir räumen ein, dass im Anbau von hybridem Baumwoll- Saatgut Kinderarbeit vorkommt.
Dies ist ein reales Problem, dem wir uns als Saatgut-Industrie stellen müssen." Auch BAYER-Sprecher Norbert Lemken gibt gegenüber Journalisten indirekt zu, dass das Verbot von Kinderarbeit bei Zulieferern nur
auf dem Papier steht: er fordert "strengere Kontrollen bei den in der Studie behandelten Unternehmen". Offenbar baut der Leverkusener Konzern für den Fall vor, dass weitere Recherchen zeigen, dass BAYER´s
Zulieferer noch immer auf Kinderarbeit setzen.
Die vollständige Studie findet sich unter: http://www.cbgnetwork.org/Ubersicht/Kampagnen/Kinderarbeit/Studie_K
inderarbeit/studie_kinderarbeit.html
Auszug aus der Studie "Kinderarbeit im indischen Baumwollanbau"
Die Einführung von hybridem Saatgut in den 70er Jahren veränderte die indische Baumwollproduktion grundlegend: Qualität, Anbaufläche und geerntete Menge
erhöhten sich, und es entstand eine hohe Zahl neuer Arbeitsplätze. Hunderte kleiner und mittlerer Firmen übernahmen den Vertrieb des Saatguts. In den 90er Jahren stiegen große Agrokonzerne in das Geschäft ein, so
dass der indische Markt für hybride Baumwoll- Saaten heute von sechs multinationalen Unternehmen dominiert wird: Unilever, Bayer, Monsanto, Syngenta, Advanta und Emergent Genetics. Der sehr arbeitsintensive Anbau
des Hybrid-Saatguts erfolgt in Tausenden lokaler Baumwoll-Farmen, die zwar nominell unabhängig sind, jedoch durch Qualitäts- und Preisvorgaben sowie langfristige Lieferverträge an die großen Firmen gebunden sind.
Neben positiven Effekten durch die Einführung neuartiger Anbaumethoden gibt es auch beunruhigende Entwicklungen: die hauptsächlich in Süd-Indien gelegenen
Zulieferbetriebe beschäftigen Zehntausende von Kindern, überwiegend Mädchen. Viele Kinder befinden sich in Schuldknechtschaft und sind über Jahre auf den selben Farmen tätig, um Vorschüsse abzuarbeiten.
Art der Arbeit im Baumwoll-Anbau Hybrides Saatgut entsteht aus der Kreuzung zweier
Pflanzen mit unterschiedlichem Erbgut. Die neu entstandenen Pflanzen sind nicht fortpflanzungsfähig, daher wird jedes Jahr neues Saatgut benötigt. Für die Kreuzung ist ein extrem hoher manueller Aufwand
erforderlich, da bei jedem Keim der eigene Samen entfernt und der fremde Samen aufgetragen werden muss. Der Arbeitsaufwand ist rund 10 mal höher als bei konventioneller Baumwolle, die Kosten liegen fast 5 mal höher.
Trotz der niedrigen indischen Löhne kostet der Anbau eines Hektars hochwertiger Baumwolle daher rund 150.000 indische Rupien (ca. 3.600 Euro; 1 Euro entspricht 42 Rs). 90% des Arbeitsaufwands erfordert dabei die
komplizierte Bestäubung.
Die zeitintensive Kreuzung der Pflanzen wird hauptsächlich von Kindern, meist Mädchen, durchgeführt. Auch für die Ernte und die Aussaat werden Kinder
eingesetzt. Die Arbeit Erwachsener beschränkt sich auf Pflügen, Aussähen und die Ausbringung von Düngemitteln und Pestiziden.
Rechtlicher Status der Kinder Wegen des hohen Arbeitsaufwands bevorzugen die
Produzenten von hybridem Saatgut langfristige Arbeitsverträge. Diese werden meist vor der jeweiligen Aussaat geschlossen. Typischerweise erhalten die Eltern Vorschüsse oder Darlehen (meist unter 50 Euro), zu deren
Abtragung langfristige, oft mehrjährige Verträge geschlossen werden. Von 320 im Rahmen der Studie befragten und in Baumwollfarmen beschäftigten Kindern lebten 95 % in solcher Schuldknechtschaft. 70 % waren länger
als ein Jahr an den selben Arbeitgeber gebunden.
Die Praxis der Schuldknechtschaft wird von den Saatgut-Herstellern bereitwillig bestätigt: "Wir benötigen die Mädchen die ganze Saison lang. Falls die
Kinder nach einigen Monaten nicht mehr kommen, erleiden wir Einbußen. Daher schließen wir im Vorhinein Verträge mit den Eltern ab und zahlen ihnen einen Vorschuss. Wenn wir dies nicht tun würden, bestünde die
Gefahr, dass die Kinder nach der Hälfte der Saison bei einem anderen Betrieb anheuern", so ein Farm-Verwalter.
Die Löhne werden für die ganze Saison (von Mai oder Juni bis Januar oder Februar des folgenden Jahres) festgelegt. Sie hängen vom Bedarf nach Arbeitskräften
ab und sind regional verschieden. Generell liegen die Löhne von Kindern sehr viel niedriger als die erwachsener Arbeiter - im Schnitt 18 Rupien (Rs) pro Tag (0,42 Euro), gegenüber 26 Rs (0,62 Euro) für Frauen und 40
Rs (0,95 Euro) für Männer.
Auf den Baumwollfarmen werden sowohl Kinder, die bei ihren Familien leben, als auch Kinder, die ohne Familienangehörige direkt auf der Farm wohnen,
eingesetzt. In den meisten Betrieben überwiegen Kinder aus umliegenden Dörfern; in diesem Fall wird der Arbeitsvertrag direkt zwischen der Farm und den Eltern geschlossen. In einigen Regionen, in denen die
Saatgutproduktion konzentriert ist und in denen Arbeitskräftemangel herrscht, machen "Migranten-Kinder" aus anderen Distrikten bis zu 50 % der Angestellten aus. Sie werden von Mittelsleuten, die auf die
Anwerbung von Kindern spezialisiert sind, angeheuert und in die Betriebe vermittelt. Der Farm-Besitzer ist für Unterkunft und Verpflegung verantwortlich.
Die Arbeitszeiten werden vertraglich nicht festgelegt und variieren stark. Ortsansässige Kinder arbeiten im Sommer rund 9 Stunden täglich, im Winter zwischen
11 und 12 Stunden. "Migranten-Kinder" unterstehen einer totalen Kontrolle und arbeiten zwischen 12 und 13 Stunden täglich.
Schulbesuch und Gesundheitsrisiken Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich der
Einsatz in Baumwoll- Farmen stark nachteilig auf die schulische Ausbildung und die Gesundheit auswirkt: rund 60% der eingesetzten Kinder haben nur wenige Jahre eine Schule besucht und diese für die Arbeit in den
Feldern verlassen, knapp 30% haben nie eine Schule besucht. Die Darlehen der Saatgut-Produzenten werden meist im Sommer angeboten, wenn auf dem Land kaum Arbeit verfügbar ist und viele Familien finanzielle Probleme
erleiden.
Die Arbeit in den Feldern birgt zudem große Gefahren für die Gesundheit der Kinder, denn in keinem anderen Bereich werden so viele Pestizide eingesetzt wie im
Baumwoll-Anbau (in Indien rund 55% aller Pestizide). Die Kinder sind hochgefährlichen Wirkstoffen wie Endosulphan, Monocrotophos, Cypermethrin und Mythomyl direkt ausgesetzt.
In herkömmlichen Baumwoll-Farmen wird an Tagen, an denen Pestizide ausgebracht werden, nicht gearbeitet. Saatgut-Betriebe hingegen machen keine solchen
Pausen. Die eingesetzten Kinder stehen bei der Arbeit bis zu den Schultern zwischen den Pflanzen und beugen sich über diese, um die Blüten für die Kreuzung auszuwählen. Wegen der Nähe zu den behandelten Pflanzen
nehmen sie über die Haut und die Atemwege große Mengen Agrogifte auf. Hierdurch erleiden sie Schäden des Nervensystems, die beobachteten Symptome sind Kopfschmerzen, Orientierungslosigkeit, Schwächeanfälle, Krämpfe
und Atemprobleme. Zu den langfristigen Schäden liegen keine Untersuchungen vor.
Untersuchungsergebnisse in 22 Betrieben Die Autoren der Studie besuchten 22 kleine
Zuliefer-Betriebe in den Distrikten Mahaboobnagar und Kurnool. Diese produzierten Saatgut für fünf transnationale Konzerne bzw. deren Tochterfirmen: Hindustan Lever (Unilever), Mahyco (Monsanto), Proagro (Bayer),
Syngenta und Advanta. Von den 22 Farmen produzieren 12 für Unilever, je drei für Syngenta und Monsanto und je zwei für Bayer und Advanta.
Die durchschnittliche Fläche der Farmen beträgt knapp ein Hektar (9.700 qm). Insgesamt arbeiteten 486 Kinder in den untersuchten Betrieben - etwa 23 pro
Hektar. Mädchen zwischen 6 und 14 Jahren machten 78 % der Arbeitskräfte aus, Jungen 10 % und Erwachsene 12 %.
Der Großteil der Kinder, rund 90 %, befindet sich in Schuldknechtschaft. Das durchschnittliche Darlehen, das die Eltern bei den Farmbetreibern aufgenommen
hatten, beträgt dabei 1.500 Rs (35 Euro). Der Vertrag zwischen Eltern und Betrieb läuft in der Regel zwar nur eine Saison (7-8 Monate), aber meist wird die Anstellung durch die Gewährung weiterer Vorschüsse oder
wegen hoher Zinszahlungen verlängert. So hatten 68% der zum Zeitpunkt der Untersuchung angestellten Kinder bereits im Vorjahr auf den selben Feldern gearbeitet.
Abschätzung der Gesamtzahl arbeitender Kinder Die Autoren der Studie berechneten
die absolute Zahl der in der Baumwoll-Saatgutproduktion arbeitenden Kinder nach der Größe der bestellten Gesamtfläche, der durchschnittlichen Zahl von ArbeiterInnen pro Hektar sowie dem durchschnittlichen Verhältnis
von Kindern zu erwachsenen Arbeitern. Dabei beschränkten sie sich auf den Bundesstaat Andhra Pradesh, in dem sie die Entwicklung seit Jahren dokumentieren. Für die vorliegende Studie wurden 22 Betriebe besucht. Mehr
als 100 Betriebe wurden in vorhergehenden Untersuchungen begutachtet, die dort gewonnenen Daten fließen in die Abschätzung mit ein.
Im Schnitt werden in der Baumwoll-Saatgutproduktion 25 Kinder pro Hektar eingesetzt. Da die Hauptarbeit wie oben beschrieben in der Kreuzung der Pflanzen
besteht und diese fast ausnahmslos von Kindern verrichtet wird, dürfte der Wert in nicht untersuchten Regionen ähnlich hoch liegen. Demnach stieg die Zahl der arbeitenden Kinder allein in Andhra Pradesh von rund
60.000 in der Saison 1990/91 auf 300.000 im Jahr 1999/2000. In der darauffolgenden Saison lag sie bei etwa 250.000.
Aufgrund von Initiativen der Landesregierung von Andhra Pradesh, NGOs wie der M.V. Foundation sowie internationalen Organisationen wie der ILO und Unicef ist
die Gesamtzahl der arbeitenden Kinder in der vergangenen Saison gesunken. Aktuelle Zahlen liegen noch nicht vor.
Fall-Studie einer 12jährigen Die 12jährige Narsamma arbeitet seit drei Jahren in
den Baumwollsaat- Feldern eines Farmers im Distrikt Kurnool. Ihr Arbeitgeber produziert auf einem knappen Hektar die Baumwoll-Sorte "Brahma" für den Saatgut- Multi Unilever.
Narsamma stammt aus einem Dorf, das in etwa 100 km Entfernung liegt. Dort besuchte sie drei Jahre lang die Schule. Obwohl ihre Eltern rund einen Hektar Land
besitzen, reicht der Ertrag des Landes wegen der Trockenheit nicht aus. Von einem Arbeitsvermittler hatten sie 1998 ein Darlehen von 2000 Rs (knapp 50 Euro) erhalten, seitdem arbeitet Narsamma jeweils von Juli bis
Dezember im Betrieb ihres Arbeitgebers. Zu Beginn erhielt sie 450 Rs pro Monat, heute sind es 800 Rs (19 Euro). Zusammen mit anderen Kindern ist sie im Viehstall des Familien- betriebs untergebracht. Dieser
besteht aus einem einzelnen kleinen Raum, in dem gleichzeitig Viehfutter aufbewahrt wird. Die Tiere werden während der Saison ins Freie ausquartiert.
Jeweils um sechs Uhr morgens macht sie sich auf den Weg in die Felder, wo sie bis 19 Uhr verschiedene Tätigkeiten ausübt (Kreuzung der Pflanzen, Unkraut
jäten, Wasser holen, etc.). Im Tagesverlauf hat sie zwei Pausen von 20 min und 60 min. Um 20.30 Uhr erhält sie Abendessen und schaut mit den anderen Kindern im Haus des Verwalters eine Stunde TV, z.T. sortiert sie
hierbei Baumwollsamen.
Die Rolle multinationaler Saatgut-Firmen Allein in Andhra Pradesh vertreiben rund
100 Unternehmen hybrides Saatgut. Die größten Firmen gehören dabei zu multinationalen Saatgut-Konzernen, die auch Lizenzen eigener, patentgeschützter Sorten besitzen: Hindustan Lever (Unilever), Mahyco (Monsanto),
Syngenta, Proagro (Bayer) und Advanta. Knapp ein Viertel der in Andhra Pradesh ansässigen Baumwoll-Farmen beliefert diese fünf Konzerne.
Die Zahl der in diesen Betrieben arbeitenden Kinder liegt bei über 50.000. Die Zulieferbetriebe von Unilever beschäftigen rund 25.500 Kinder, Syngenta: 6.500,
Monsanto: 17.000, Bayer: 2.000 und Advanta 3.000.
Die indische Regierung hat im vergangenen Jahr die Zulassung für genetisch verändertes Hybrid-Saatgut erteilt. Als erstes wurde die Aussaat sogenannter
Bt-Baumwolle von Monsanto erlaubt. Es wird erwartet, dass ursprüngliche Sorten weiter verdrängt werden und der Anteil multinationaler Unternehmen am indischen Saatgut-Markt weiter wächst.
Proagro Seeds (Bayer) Die Proagro Gruppe mit Sitz in Neu Delhi gehört zu den fünf
größten Anbietern von Saatgut in Indien. Die Proagro Seed Company ist bei Mais und Sorghum die Nummer eins, bei Sonnenblumen Nummer zwei; die Firma vertreibt auch Viehfutter und hybrides Baumwoll-Saatgut. Die
Proagro Gruppe gehört seit der Übernahme der Aventis CropScience AG für 7,2 Milliarden Euro zum Bayer-Konzern. Bayer ist weltweit zweitgrößter Anbieter für genetisch veränderte Pflanzen. Auf dem indischen Markt ist
das Unternehmen mit Pharmazeutika und Pestiziden seit mehr als 100 Jahren präsent. Stammsitz von Bayer India ist Thale bei Bombay. Wie die meisten Konkurrenten vertreibt Proagro auch lizenzfreies Saatgut. Die
Produktion von Baumwoll-Saatgut ist auf den Bundesstaat Andhra Pradesh konzentriert.
Verbindungen zwischen Konzernen und lokalen Farm-Betrieben Die indische
Gesetzgebung verbietet sowohl Einzelpersonen als auch Unternehmen den Besitz größerer Mengen Land. Die Agro-Konzerne sind daher bei der Produktion von Saatgut auf kleine landwirtschaftliche Hersteller angewiesen. In
der Regel treten die großen Unternehmen mit den eigentlichen Produzenten nicht direkt in Kontakt; stattdessen schließen sie langfristige Lieferverträge mit Zwischenhändlern ab ("seed organizers"), die das
Saatgut ihrerseits von den Farmen aufkaufen.
Die Verträge zwischen Agro-Unternehmen und "seed organizers" legen vorab alle relevanten Größen fest: verwendete Sorten, produzierte Menge,
Qualität, Vorschüsse und insbesondere den Abnahme-Preis des produzierten Saatguts. Die Bedingungen werden von den Zwischen- händlern an die lokalen Farmer weiter gereicht.
Obwohl also die Saatgut-Konzerne mit den lokalen Produzenten nicht selbst Verträge schließen, üben sie durch die Lieferung von Saatgut, die Bereitstellung von
Kapital und die Festlegung des Abnahmepreises eine fast vollständige Kontrolle über die Farmer und die Arbeitsbedingungen aus. Zudem nehmen die Unternehmen direkt auf den Feldern regelmäßige Qualitätskontrollen vor
und sind daher mit der Situation vor Ort und dem Einsatz von Kindern bestens vertraut.
Obwohl die "seed organizers" die Verträge mit den Farmern schließen, sind sie bei der Festlegung der Abnahmepreise vollkommen abhängig - diese
werden von den Unternehmen festgelegt. Die Zwischenhändler erhalten schlicht eine Provision (15-20 Rs für ein 750g Paket). Weder die Farmer noch die Zwischenhändler haben das Recht, Saatgut an Dritte zu verkaufen.
Die Gewinnspannen für die Unternehmen liegen hoch. Beispielsweise lag der Verkaufspreis der Baumwoll-Saat "Brahma" von HLL im vergangenen Jahr fast
viermal höher als der Betrag, den die Zulieferer erhielten. Syngentas "Sandocot 35" wurde für mehr als den dreifachen Erzeugerpreis verkauft.
Aufgrund der geringen Erzeugerpreise ist der Einsatz von Kindern fast vorprogrammiert - die Verwendung erwachsener (und damit teurerer) Arbeiter würde den
Gewinn der lokalen Betriebe praktisch auf Null senken. Die Kosten für die Produktion eines Kilogramms Baumwollsaat liegen gegenwärtig bei etwa 220 Rs. Der von den Saatgut-Unternehmen gezahlte Preis beträgt etwa 290
Rs, der Gewinn der Farmer also etwa 70 Rs. Etwa die Hälfte der Kosten für die lokalen Betriebe entfallen auf Löhne. Wie oben erläutert liegen die Löhne für Kinder bei nicht einmal der Hälfte derer von Männern (18 Rs
zu 40 Rs pro Tag). Eine Beschäftigung von männlichen Erwachsenen würde die Arbeitskosten von 110 Rs pro kg also in etwa verdoppeln - und damit den Farmer den gesamten Gewinn kosten.
Resümee Die meisten transnationalen Saatgut-Unternehmen schließen keine direkten
Verträge mit lokalen Saatgut-Produzenten ab. Dennoch ist die Aussage, wonach die Konzerne keinen Einfluss auf die Farmer und den Produktionsprozess ausüben, falsch. Die Firmen geben durch die Bereitstellung von
Saatgut und die Festlegung von Abnahme-Preisen und Qualitätsstandards die wichtigsten Größen vor. Vertreter der Unternehmen nehmen zudem häufige Kontrollen auf den Feldern vor (mindestens drei pro Saison), um die
Umsetzung aller Vorschriften zu kontrollieren und um technischen Beistand zu leisten.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Aktivitäten multinationaler Saatgut-Unternehmen in Indien nicht mit den Erklärungen der Firmen zu sozial
verantwortlichem Handeln vereinbar sind. Die Konzerne stellen zwar selbst keine Kinder an, üben aber zentralen Einfluss auf lokale Saatgut-Farmer aus, die ihrerseits Kinder in großer Zahl beschäftigen.
Die Unternehmen Syngenta, Unilever, Advanta und Emergent Genetics haben auf die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung reagiert und angekündigt, mit NGOs
und der Landesregierung von Andhra Pradesh zusammen zu arbeiten. Bayer und Monsanto haben bislang nicht reagiert.
Es wäre für die großen Saatgut-Unternehmen ein Leichtes, durch die Zahlung höherer Abnahme-Preise sowie ein vertragliches Verbot von Kinderarbeit und
diesbezüglichen Kontrollen das Problem zu lösen. Bislang sind solche ernsthaften Initiativen ausgeblieben.
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