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DRUGS & PILLS
Alte neue Arzneien BAYER & Co. begründen ihre horrenden Profite auf
dem Pillen-Markt in der Regel mit den hohen Aufwändungen, welche die Entwicklung neuer Medikamente erfordert. Mit dem Innovationsdrang der Pharma-Konzerne ist es allerdings nicht weit her. Von den 1.035 seit 1990
zugelassenen Pharmazeutika enthalten gerade mal 15 Prozent neue Wirkstoffe mit medizinischem Nutzen. Dies haben die in Harvard/USA lehrenden MedizinerInnen Arnold Relman und Marcia Angell, ehemalige Chef- Redakteure
des Fachblattes New England Journal of Medicine, festgestellt. Auch aus einem anderen Grund stimmt die Rechnung nicht. Big Pharma steckt nämlich doppelt so viel Geld in die Vermarktung wie in die Forschung: Ein
Drittel der Erlöse geht dafür drauf. 15.000 Pharma-DrückerInnen, die jede/n MedizinerIn im Durchschnitt 170 mal im Jahr behelligen, und andere Werbe-Maßnahmen kosten halt ihren Teil.
GLUCOBAY-Marketing Für den Pharmakologen Gerd Glaeske ist BAYERs
Antidiabetikum GLUCOBAY „gerade mal so wirksam wie Müsli“. Darum musste der Leverkusener Chemie-Multi schon zu besonderen Mitteln greifen, um es den MedizinerInnen schmackhaft zu machen. Die Pharma-DrückerInnen des
Konzern veranstalteten so genannte Zirkel-Treffen mit der Zielgruppe „Allgemein-Mediziner und Internisten, die zu einer intensiveren Verordnung von GLUCOBAY gebracht werden sollen“. Dazu hat der Pharma-Riese
MedizinerInnen eingeladen, die das Diabetikum bereits verwenden und für 350 Euro bereit waren, über die Therapie- Erfolge zu berichten, und natürlich keine „Ärzte, die GLUCOBAY ablehnen“.
Folglich beschränkte sich der wissenschaftliche Gehalt der „Fortbildungsmaßnahme“ nach Auskunft eines Teilnehmers darauf, zu „lernen, wie man den Namen richtig aufs Rezept schreibt“.
Schlechte Noten für ADALAT & Co. Die US-amerikanischen Mediziner
Curt Furberg und Barry Davis untersuchten im Auftrag des „National Institute of Health“ die Wirksamkeit von Bluthochdruck-Präparaten wie BAYERs ADALAT und anderen. Der Ergebnis war niederschmetternd. Der
Leverkusener Kalzium-Antagonist mit dem Wirkstoff Nifedipin, diverse ACE-Hemmer und andere Präparate waren lange nicht so effektiv wie Arzneien mit der vor 50 Jahren entdeckten Wirk-Substanz Chlortalidon. Als Folge
der nicht optimalen pharmazeutischen Versorgung erleiden in den USA nach Schätzungen von Davis 60.000 Menschen einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall. Zudem kosten ADALAT & Co. bedeutend mehr als
Chlortalidon-haltigen Präparate. Für die Behandlung der ca. fünf Millionen Bluthochdruck-PatientInnen in der Bundesrepublik mit Kalzium-Antagonisten, ACE-Hemmern oder Alpha-Blockern zahlen die Krankenkassen
1.8 Milliarden Euro, eine entsprechende Therapie mit dem Wirkstoff Chlorthalidon schlüge nur mit 379 Millionen Euro zu Buche, wie das Kölner „Institut für evidenz-basierte Medizin“ errechnet hat.
Pharma-Tests mit Kindern Das bundesdeutsche Arzneimittel-Gesetz hat es
bislang verboten, dass Kinder und andere nicht Einwilligsfähige an Arzneimittel-Tests teilnehmen, wenn mit diesen nicht unmittelbar der Versuch der Heilung oder zumindest Linderung ihrer Krankheit verbunden ist. Der
von BAYER gegründete „Verband der Forschenden Arzneimittel-Hersteller“ fordert seit längerem eine Aufhebung der Bestimmungen und hat nun einen Erfolg errungen. In dem ReferentInnen-Entwurf zur Änderung des
Arzneimittel-Gesetzes will die Bundesregierung erstmals auch Arznei-Tests mit Minderjährigen erlauben, auch wenn diese nicht unmittelbar davon profitieren können, sondern nur ihre Altersgruppe. Damit ist der
Einstieg in fremdnützige Medikamenten-Tests mit nicht Einwilligungsfähigen gemacht - Alzheimer-PatientInnen dürften als nächste Gruppe auf der Wunschliste von „BigPharma“ stehen. Aus medizinischen Gründen ist diese
Änderung nicht erforderlich, weil die jetzigen Bestimmungen genügend Spielraum für Pillen-Erprobungen bieten. Nach Einschätzung Erika Feyerabends von der gentechnik- kritischen Initiative BIOSKOP geht es BAYER &
Co. lediglich um den Standort-Vorteil gegenüber ihren ausländischen Konkurrenten, da anderswo die Auflagen für Arznei-Tests weit restriktiver sind und deshalb Präparate mit dem Signet „nach ausgiebigen Tests auch
für Kinder gut verträglich“ die Vermarktungschancen erhöhen. In den USA arbeitet der Leverkusener Chemie-Multi schon daran. Er versucht das auslaufende Patent für das Antibiotikum CIPROBAY dadurch für ein halbes
Jahr verlängern zu lassen, dass er es unter Verweis auf entsprechende Studien auch zur Behandlung von Kindern als geeignet darstellt.
LEVITRA als Vorbild Der Inhaltsstoff Vardenafil von BAYERs Potenz-Mittel
LEVITRA gehört zu den Phospodiesterasen-Hemmern. Sie hindern das Enzym Phospodiesterase daran, bestimmte Botenstoffe zu spalten und erhöhen so die Botenstoff-Konzentrationen, was angeblich Auswirkungen auf bestimmte
Krankheiten hat. Nach dem Motto „Schafft 1, 2, 3, 4 LEVITRAs“ arbeiten die BAYER-PharmazeutInnen deshalb daran, das Wirk-Prinzip zur Entwicklung von Medikamenten gegen Asthma, urologische Erkrankungen, Diabetes und
Krebs zu nutzen. Wenn die Liste der Nebenwirkungen mit Kopfschmerzen, Gesichtsrötungen, Nasenschleimhaut-Entzündungen, Grippe-Symptomen und Verdauungsbeschwerden ebenso lang ist wie bei LEVITRA, dürfte der
Nutzen der Präparate äußerst zweifelhaft sein.
150 Mio. mit LEVITRA? Im zweiten Quartal 2003 hat BAYER mit der
Potenz-Pille LEVITRA in der Bundesrepublik einen Umsatz von 14 Millionen Euro gemacht. Für das gesamte Jahr rechnet der Leverkusener Chemie-Multi mit einer Summe von 150 Millionen Euro.
LEVITRA-Zulassung in den USA Ende August 2003 erhielt BAYER die
Zulassung für das Potenz-Mittel LEVITRA in den USA. Die Genehmigung verzögerte sich beträchtlich, weil die US-Gesundheitsbehörde FDA wegen möglicher Gesundheitsgefährdungen mehr Unterlagen von BAYER angefordert
hatte. Der Leverkusener Chemie-Multi will 60 Prozent des LEVITRA- Umsatzes in den Vereinigten Staaten realisieren und investiert deshalb gemeinsam mit dem Vermarktungspartner GLAXOSMITH-KLINE Unsummen in die
Werbung. Vom Erfolg des Lifestyle-Präparates (zu den Nebenwirkungen s. o.) dürfte die Zukunft der Pharma-Sparte des Konzernes abhängen.
LEVITRA: Druck auf ÄrztInnen BAYER setzt bei der Vermarktung des
Potenz-Mittels LEVITRA nicht nur auf Werbung. Auch ÄrztInnen spielen eine wichtige Rolle in der Strategie. So will der Leverkusener Chemie-Multi MedizinerInnen dazu bringen, Männer über 40 bei Untersuchungen
routinemäßig auch nach ihrem Sexualleben zu befragen - und bei etwaigen Problemen gleich LEVITRA auf den Rezept-Block zu schreiben.
ASPIRIN gegen Zylindrom? Nach Untersuchungen des griechischen
„Biomedical Science Centers“ und zweier anderer ForscherInnen-Teams hilft der ASPIRIN-Wirkstoff Acetylsalicylsäure möglicherweise bei der Behandlung des Zylindroms, einer bestimmten Krebs-Art der Kopf- oder
Mundschleimhaut. Nach ihren Forschungen kann die Acetylsalicylsäure angeblich so in den Stoffwechsel der Zellen eingreifen, dass sie bestimmte Autoimmun- Prozesse unterbindet und auf diese Weise die Wucherung des
Tumors stoppt. Ob die am „The Netherlands Cancer Institute“ in Amsterdam gerade erst angelaufene klinische Studie diese Ergebnisse bestätigen wird, steht allerdings noch in den Sternen.
CIPROBAY-Abkommen mit BARR Im Dezember 2003 läuft das Patent für BAYERs
Antibiotikum CIPROBAY aus. Dann können andere Hersteller billige Nachahmer- Produkte, so genannte Generika, auf den Markt bringen, was die Erträge des Leverkusener Chemie-Multis schmälert. Das Unternehmen hat jedoch
diverse Vorsorge-Maßnahmen getroffen, welche die Einnahme- Verluste in Grenzen halten. So hat er bereits 1997 ein Abkommen mit dem Generika-Hersteller BARR getroffen. Es erlaubt BARR, schon sechs Monate vor Ablauf
des CIPROBAY-Patents ein entsprechendes Generika-Präparat anzubieten, das allerdings „made by BAYER“ ist. Der Pharma-Riese liefert BARR nämlich die Original-Tabletten, die dieser nur in eine andere Packung steckt
und weit unter dem BAYER-Preis verkauft.
Neues Herz-Mittel KINZAL BAYER hat in acht europäischen Ländern mit der
Vermarktung des Blutdruck-Senkers KINZAL begonnen. Das Mittel mit dem Wirkstoff Telmisartan ist für die Behandlung von leichtem bis mittelschweren Bluthochdruck vorgesehen. Diejenigen Nebenwirkungen, die bei den
klinischen Tests bei 1 bis 10 Prozent der ProbandInnen auftraten und deshalb unter die Kategorie „häufig“ fallen, sind Rückenschmerzen, Grippe-Symptome, Durchfall, Verdauungsstörungen, Wadenkrämpfe, Atemwegs- und
Harnwegsinfektionen, Ekzeme und Beinschmerzen.
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