SWB 03/2003 - Ticker

KAPITAL & ARBEIT

IngenieurInnen kritisieren BAYER
Der Vorsitzende des „Verbandes der Ingenieure in der Chemischen Industrie“ (VICI), Wolfgang Horst, ging auf der alljährlichen Mitglieder- Versammlung hart mit dem Leverkusener Chemie-Multi ins Gericht. „BAYER nutzt alle gesetzlichen Möglichkeiten aus, um Kosten- und Beschäftigungsprobleme zu lösen“, kritisierte Horst die fortlaufende Arbeitsplatz-Vernichtung. Dies habe zu einer starken Verunsicherung unter der Belegschaft geführt, meinte der VICI-Vorsitzende und zitierte zum Beleg eine Umfrage, nach der es um die Stimmung und Motivation der BAYER-MitarbeiterInnen nicht eben gut bestellt ist.

BAYER sucht Jobs für Top-Leute
Zu den 5.500 Arbeitsplätzen, die der Leverkusener Chemie-Multi bis Ende 2005 vernichten will, zählen auch 250 Stellen für Leitende Angestellte. Diesen - und nur diesen - ist der Konzern bei der Suche nach einem neuen Job behilflich. BAYER POLYMERS hat ein so genanntes Projekt-Center eingerichtet. Es sucht nach Stellen, prüft, ob das Unternehmen bisher extern vergebene Aufträge auch ehemaligen MitarbeiterInnen überantworten kann, und führt Qualifizierungsmaßnamen durch. Zudem berät das Projekt-Center Leitende Angestellte, die sich selbstständig machen wollen.

BAYER spart sich kaputt
Selbst Zeitungen wie der Welt am Sonntag kommt BAYERs Spar-Drang mittlerweile übertrieben vor. „Sie bauen weltweit noch rund 9.000 Stellen ab. Sogar die Weihnachtspakete für BAYER-Pensionäre haben Sie gestrichen. Müssen Sie bei dem Spar-Zwang nicht aufpassen, ihre Handlungsfähigkeit zu verlieren?“, fragte sie den Vorstandsvorsitzenden Werner Wennning. Aber der BAYER-Chef ließ sich nicht beirren. „Im Gegenteil“, antwortete er, „Wir sind dabei, unsere Wettbewerbsfähigkeit wieder zu verbessern, denn unsere Kosten-Strukturen stimmen nicht mehr in allen Bereichen“. Als Beispiel führte er die angeblich um 10 Prozent über dem Branchen-Durchschnitt liegenden Forschungs- und Entwicklungskosten im Pharma-Bereich an. „An diesem Bespiel sehen Sie, dass wir uns nicht kaputt-, sondern gesund sparen“, führte er aus. Bedauerlicherweise hat diese „Gesundheitsreform“ die Nebenwirkung, die Arbeitsplätze kaputtzumachen.

Schließungen in Belgien und Mexiko
BAYER reduziert die Zahl seiner Anlagen zur Kunststoff-Herstellung. Betroffen sind vor allem kleinere, da sie nach Ansicht des Vorstandes unrentabler arbeiten. Nach Schließung zweier gemeinsam mit SHELL betriebener Fertigungsstätten in Antwerpen (Ticker 2/03) wickelte der Chemie-Multi zusätzlich eine Polyether-Produktion im belgischen Rieme sowie einen zusammen mit CYDSA unterhaltenen Betrieb zur Erzeugung von Tolylendiisocyanat (TDI) ab - weitere sollen folgen. Bis zum Jahr 2005 will der Konzern ein Viertel der 23.000 Arbeitsplätze in der Sparte vernichten.

Fauler Lehrstellen-Kompromiss
Um mehr als ein Drittel ist die Zahl der Ausbildungsplätze bei BAYER in den letzten zwölf Jahren zurückgegangen. Gab es 1990 in den Werken noch 1.600 Lehrstellen, so strich der Konzern sie bis zum Herbst 2002 auf rund 1.000 zusammen. Zudem übernimmt der Chemie-Multi in der Regel nur die Hälfte der Ausgebildeten, was das Unternehmen der Öffentlichkeit gegenüber auch noch als die soziale Wohltat des „über den eigenen Bedarf hinaus Ausbildens“ verkauft. Immerhin gibt der Pharma-Riese inzwischen zu, dass das Angebot an Lehrstellen nur einen „Kompromiss zwischen dem wirtschaftlich Machbaren und dem gesellschaftspolitisch Wünschenswertem“ darstellt.

Wuppertal: 18 Lehrstellen unbesetzt
BAYER macht nicht einmal das wirtschaftlich Machbare, um Jugendliche auszubilden. So blieben im Wuppertaler Werk lange Zeit 18 Stellen frei. Es gebe nicht genügend qualifizierte jungen Menschen, führte der Chemie-Multi zur Begründung an. Der Forderung der BELEGSCHAFTS-
LISTE, eine alternative Gewerkschaftsgruppe im Wuppertaler BAYER- Werk, dann doch im Rahmen des konzern-internen „Starthilfe“- Programms Jugendlichen ohne Schulabschluss eine Chance zu geben, lehnte der Konzern ab, wie das Belegschaftsinfo Nr.147 meldete.

BAYER besetzt Stellen nicht
Im Wuppertaler BAYER-Werk bleiben Stellen monatelang unbesetzt. Obwohl die Abteilungen dringenden Bedarf anmelden, tut die Personalabteilung nichts, um die Arbeitsplätze etwa an Konzern- MitarbeiterInnen, die von Job-Verlust bedroht sind, weiterzuvermitteln. Das berichtet die BELEGSCHAFTSLISTE, eine alternative Gewerkschaftsgruppe im Wuppertaler BAYER-Werk, im Belegschaftsinfo Nr. 147.

Arbeitsplatz-Vernichtung nach Verkauf
Im Jahr 2002 verkaufte der Leverkusener Chemie-Multi das Anti- Mücken-Mittel AUTAN an das US-Unternehmen SC JOHNSON. Dieses leitete gleich „Restrukturierungsmaßnahmen“ ein und setzte acht der 30 bisher an den Standorten Monheim und Leverkusen in der AUTAN-Produktion beschäftigten MitarbeiterInnen vor die Tür. Die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT,  eine oppositionelle Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, sehen in ihrer Juli-Publikation sogar Anzeichen für eine komplette Schließung der Monheimer Fertigungsstätte. BAYER und SC JOHNSON haben im Kauf-Vertrag zwar eine Rückkehr-Möglichkeit für die mitübernommenen BAYER- Beschäftigten vereinbart, die DURCHSCHAUBAREN schätzen deren Zukunftschancen beim Leverkusener Chemie-Multi nach dem Ablauf der „Standortsicherungsvereinbarung“ Ende 2004 allerdings als sehr schlecht ein.

Kosten-Faktor Energie
In einem Interview mit der Welt am Sonntag jammerte BAYER-Chef Werner Wenning mal wieder über die angeblich so hohen Arbeitskosten in der Bundesrepublik. Durch solche Äußerungen entsteht leicht der Eindruck, das es fast nur die Löhne und Gehälter sind, die bei BAYER & Co. auf der Ausgaben-Seite zu Buche schlagen, weshalb sie auch die einzige Einspar-Möglichkeit darstellen. Dabei gibt es darauf noch ganz andere Positionen. So macht bei Chemie-Fabriken der Strom-Preis bis zu 20 Prozent der Kosten aus.

IG BCE für Video-Überwachung
„Big Brother“ BAYER überwacht die Produktion der Potenz-Pille LEVITRA mit acht Kameras, nachdem sich einmal ein Diebstahl ereignete. Der Betriebsrat des Wuppertaler Werkes beschloss gegen die Stimmen der BELEGSCHAFTSLISTE, dass schon bloße „Auffälligkeiten“ genügen, um das aufgenommene Material systematisch auszuwerten statt es gleich wieder zu löschen. Die alternative Gewerkschaftsgruppe konnte sich nicht mit ihrem Vorschlag durch-
setzen, einer Sichtung nur im Fall eines konkreten Anfangsverdachts zuzustimmen. Auch in anderen Werksteilen installiert der Leverkusener Chemie-Multi zunehmend Überwachungskameras. Als Begründung darf mal wieder der 11. September herhalten.

Nur noch 30 statt 120 ChemikerInnen
Hatte BAYER zu früheren Zeiten noch jährlich 120 junge ChemikerInnen eingestellt, so sind es jetzt nur noch 30. Das Unternehmen begründet diese Reduzierung mit dem LIPOBAY-Skandal, den der Leverkusener Chemie-Multi immer wieder gerne als bequeme Ausrede benutzt.

Schlechte Noten von Führungskräften
Führungskräfte sind unzufrieden mit dem Arbeitsklima bei BAYER. In einer Umfrage aufgefordert, ihren Arbeitgeber zu bewerten, gaben sie ihm die Note 3,73. Damit belegte der Leverkusener Pharma-Riese unter den 20 größten Chemie-Unternehmen nur den vorletzten Platz; Spitzenreiter wurde BOEHRINGER INGELHEIM mit einem Wert von 2,12. Die Akzeptanz der Umstrukturierungsmaßnahmen lässt also augenscheinlich zu wünschen übrig.

Frauen unterbezahlt
BAYER rühmt sich gern damit, Frauen nicht zu benachteiligen. Nicht nur der Blick auf die reine Herrenrunde im Vorstand belehrt da eines Besseren, auch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Während männliche Angestellte in der Chemie-Branche durchschnittlich 55.661 Euro verdienen, kommen weibliche Angestellte nur auf 39.320 Euro.

Gewerkschaften gegen Gen-Tests
Unter den Unternehmen wächst die Bereitschaft, Gen-Tests einzusetzen. Nach Informationen der IG Metallerin Eva Zinke untersuchen beispielsweise Chemie-Konzerne schon seit längerer Zeit die Erbanlagen von MitarbeiterInnen, um herauszufinden, wie schnell oder langsam ihr Körper Krebs erregende Stoffe abbaut. Konsequenz dieser Verfahrensweise: Die Multis reduzieren nicht die Giftstoff-Belastung am Arbeitsplatz, sondern filtern diejenigen Beschäftigten heraus, deren Körper am sensibelsten reagieren. Nicht nur deshalb tritt der DEUTSCHE GEWERKSCHAFTSBUND für ein Verbot von Gen- Analysen ein und fordert ein speziell auf ArbeitnehmerInnen zugeschnittenes Datenschutz-Gesetz.