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POLITIK & EINFLUSS
Chemie-Kanzler Schröder Kaum jemals hat sich Bundeskanzler Gerhard
Schröder so sehr als Genosse der Bosse zu erkennen gegeben, wie in seiner am 27. Juni auf der Mitgliederversammlung des Europäischen Chemie-Verbandes CEFIC in Hamburg gehaltenen Rede. Von der Gefahr, dass andere
Aspekte, namentlich solche der Integration der Finanzmärkte und des Umweltschutzes, industrielle Fragen dominieren, sprach er darin mit Bezug auf das von der EU geplante neue Chemikalien-Recht. Dieses verlangt von
BAYER & Co., niemals auf ihre Gefährlichkeit hin untersuchte Substanzen zu testen. Im Laufe der Beratungen ist der Entwurf jedoch ziemlich verwässert worden, wofür Schröder dem zuständigen EU-Kommissar Erkki
Liikanen ausdrücklich dankt. „Die Kommission hat einen ersten Entwurf des neuen Zulassungsverfahrens für chemische Stoffe Anfang Mai veröffentlicht. Wenn ich das mit dem vergleiche, was ursprünglich gewollt und in
Form von Büchern auf dem Tisch lag, hat sich ihre Arbeit, Herr Liikanen, gelohnt“, führte Schröder aus und lobte den Finnen dafür, „dass industrie-politisches Denken mehr als früher Gegenstand von Kommissionsarbeit
geworden ist“. Trotzdem verlangt der Kanzler noch deutliche Nachschlechterungen. Er wendet sich gegen die vorgesehene Einbeziehung weiterer Stoffe und kritisiert die diversen Berichtspflichten, die angeblich die
Wahrung von Geschäftsgeheimnissen gefährdeten.
Auch der EU-Beschluss zum Emissionshandel behagt dem SPD-Politiker nicht.
Dieser erlaubt den Kauf und Verkauf von Verschmutzungsrechten und will die Konzerne so zum Energie-Sparen anregen, weil sonst die im Protokoll von
Kyoto vereinbarten Klimaschutz-Ziele nicht erreicht werden können. „Deutschland spricht sich entschieden dagegen aus, weitere Branchen, wie zum Beispiel die Chemie-Industrie, in den Teilnehmer- Kreis mit
einzubeziehen“, ereifert sich Schröder und kann den anwesenden Managern von BAYER & Co. auch „durchaus schon erste Erfolge“ vermelden. Im letzten Teil seiner Rede versüßt der Genosse seinen Bossen dann noch den
Tag mit der Ankündigung der inzwischen schon teilweise umgesetzten Kahlschlag-Programme in den Bereichen Gesundheit und Soziales.
Runder Tisch gegen Chemie-Politik Allergien verbreiten sich immer mehr,
die Zahl der Hodenkrebs-Fälle steigt zunehmend, bei Meeres-Tieren treten vermehrt Fortpflanzungs- störungen auf - nicht nur nach Ansicht der EU-Umweltkommissarin Margot Wallström handelt es sich dabei um
Auswirkungen der von BAYER & Co. produzierten chemischen Substanzen. Da die Konzerne die meisten von ihnen nie auf ihre gefährliche Wirkung hin untersucht haben, will ihnen Margot Wallström solche in Zukunft
vorschreiben. Die Multis wehren sich mit Händen und Füßen gegen eine solche Regelung und haben dabei viele PolitikerInnen auf ihre Seite ziehen können. Kaum eine Woche vergeht ohne eine entsprechende Dienstleistung.
So hat die Bundesregierung Ende August gemeinsam mit dem „Verband der Chemischen Industrie“ und der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) ein Positionspapier zur Chemikalien-Politik veröffentlicht. Darin fordert die
Große Chemie-Koalition eine weitere Aufweichung der Bestimmungen wie z. B., Polymere-Kunststoffe von der Prüf-Pflicht zu entbinden. Im Vorfeld war es Gerhard Schröder bereits gelungen, Zwischenprodukte von der Liste
zu streichen. Die neuesten Wünsche von BAYER & Co. trug der Bundeskanzler dem Kommissions- präsidenten Romano Prodi dann fünf Tage nach dem Runden Tisch gegen die VerbraucherInnenschutz-Interessen vor.
Geheim-Diplomatie für BAYER & Co. Mangels demokratischer Strukturen
kann sich in Brüssel keine Interessensgruppe so gut durchsetzen wie die der großen Konzerne, die am Sitz der Europäischen Union ganze Apparate von Lobby- Organisationen unterhält. Im Hause Clement sieht man das
anders. „Die Industrie-Politik hat in der EU kein eigenes politisches Standbein“, meint sein Staatssekretär Georg Wilhelm Adamowitsch und schritt gleich zur Tat. Um das geplante Gesetz zur erstmaligen Überprüfung
von Chemikalien auf ihre gesundheitsschädliche Wirkung hin und andere von BAYER & Co. abgelehnte Vorhaben weiter aufzuweichen oder ganz zu kippen, führte er geheime Gespräche mit französischen und britischen
RegierungsvertreterInnen. Am Ende stand die „Koalition der Industrie- Länder“ - eine Übereinkommen der wirtschaftlich leistungsfähigsten EU-Staaten, die Interessen der Konzerne künftig noch stärker zu
berücksichtigen. Die PolitikerInnen wollen jedes EU-Gesetz vor der Verabschiedung einer „impact analysis“ unterziehen, einer Art Wirtschaftsverträglichkeitsprüfung. Zudem sollen die Wirtschafts- ministerInnen
der Mitgliedsstaaten bei jedem Gesetzes-Vorhaben beratend mitwirken. Schlechte Aussichten für den Umweltschutz.
Mit der CDU gegen EU-Chemiepolitik Beharrlich macht BAYER gegen die von
der EU geplante Änderung des Chemikalien-Rechts mobil (siehe auch AKTION & KRITIK). Nachdem der Konzern die CDU-LandespolitikerInnen Ursula Monheim und Karl Kress davon überzeugt hatte, dass die Überprüfung von
Chemikalien auf ihre Gefährlichkeit hin angeblich die „Wettbewerbsfähigkeit der Industrie gefährdet“, gaben diese sich sogar dafür her, für BAYER den Kontakt zu EU-PolitikerInnen herzustellen. So konnten sich in
Leverkusen auch der umweltpolitische Sprecher der Europäischer Volkspartei und der Europäischen Demokraten, Karl-Heinz Florenz, und seine Straßburger Fraktionskollegin Ruth Hieronymi die Einlassungen des BAYER-
Managers Dr. Wolfgang Große Entrup zum Gesetzes-Vorhaben anhören.
BAYER in Korruptionsfälle verwickelt Nach Angaben eines ehemaligen
BAYER-Mitarbeiters hat der Leverkusener Chemie-Multi früher sowohl im Iran als auch in Italien Bestechungsgelder gezahlt, um Bau-Vorhaben realisieren oder andere Konzern-Ziele durchsetzen zu können.
Bickenbach bei „100 Jahre Vorschlagswesen“ In diesem Jahr beging BAYER
das 100-jährige Jubiläum des betrieblichen Vorschlagswesens. In bemerkenswerter Offenheit legte die Propaganda-Postille direkt dar, dass es aus dem Geist der Arbeitsplatz- Vernichtung entstand. „Im Jahr 1903
forderten Carl Duisberg und Friedrich Bayer junior in einem Direktionsrundschreiben die Betriebsleiter auf, mitzuhelfen, knappe Arbeitskräfte einzusparen durch Einführung neuer Produktionsmethoden, der
Schreibmaschine oder besserer Apparaturen in den Betrieben. Für umgesetzte Verbesserungen versprach die Unternehmensleitung eine am Nutzen orientierte Prämierung. Das BAYER-Vorschlagswesen war geboren“, schreiben
die BAYER-JournalistInnen. An der Feier für 100 Jahre Rationalisierung und Job-Abbau nahm auch Staatssekretär Jörg Bickenbach vom „Ministerium für Arbeit und Soziales des Landes NRW“ teil. Den Festvortrag hielt der
Frankfurter Professor Werner Plumpe vom Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte.
Französischer Botschafter bei BAYER Eine Delegation französischer
Diplomaten besuchte im Juni das Leverkusener BAYER-Werk. Den französischen Botschafter Claude Martin begleiteten der Leiter der Wirtschaftsabteilung der Landesvertretung, Jean-Pierre Laboureix, der Generalkonsul
Jacques Moreau sowie sein Wirtschaftsattaché Patrick Imbert. Die Abordnung traf mit BAYER-Chef Werner Wenning und anderen hochrangigen Managern zusammen und sprach mit ihnen über die deutsch- französischen
Wirtschaftsbeziehungen, die französischen BAYER- Niederlassungen sowie über die Umstrukturierungsmaßnahmen beim Leverkusener Chemie-Multi.
CDUler treffen Ausbildungsleiter Der für die CDU im Landtag sitzende
Karl Kress traf in diesem Quartal schon zum zweiten Mal mit einem BAYER-Vertreter zusammen (s. o.) Er und sein Partei- und Landtagskollege Hermann Gröhe sprachen mit dem bei BAYER für Ausbildung zuständigen Bernd
Baasner und dem Leiter des Dormagener Berufsbildungszentrums, Bernd Classen, über die Situation auf dem Ausbildungsmarkt im allgemeinen und die Schwierigkeiten von Jugendlichen ohne Schulabschluss im besonderen.
Baasner brüstete sich dabei mit dem BAYER-Förderprogramm „Starthilfe“, das sich speziell der SchulabrecherInnen annimmt und heimste auch viel Lob dafür ein. Dass der Leverkusener Chemie-Multi Ausbildungsplätze in
seinem Wuppertaler Werk aber lieber monatelang nicht besetzt, statt ebendiesen Jugendlichen eine Chance zu geben (siehe KAPITAL & ARBEIT) blieb natürlich unerwähnt.
PROPAGANDA & MEDIEN
„Schulen unternehmen Zukunft“
Unter dem vielsagenden Motto „Schulen unternehmen Zukunft“ startet in Wuppertal ein Pilot-Projekt, bei dem Schulen, Unternehmen wie BAYER und das
ortsansässige Institut für „Klima, Umwelt, Energie“ zusammenarbeiten. Ziel der Kooperation ist es angeblich, den SchülerInnen ein Bewusstsein für die Umwelt und für „Nachhaltigkeit“ zu vermitteln. Von der
„nachhaltigen“ Verschmutzung der Wupper durch BAYER-Einleitungen oder von der „nachhaltigen“ Gefahr, die das in unmittelbarer Nähe zu Wohngebieten liegende Werksgelände für die Stadt darstellt, wie sich zuletzt bei
der Beinahe-Katastrophe am 8.6.99 zeigte, dürften sie dabei kaum etwas erfahren. Beschämend, dass sich das Wuppertaler Klima-Institut an diesem „Greenwashing“ beteiligt. Vermutlich hat politischer Druck das schon
einmal von seiner Schließung bedrohte Institut dazu bewogen, sich praxis-orientierter und damit auch pragmatischer und industrie-freundlicher auszurichten. Wenn alles schlecht geht, soll das Projekt auch
SchülerInnen in Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen heimsuchen.
Pillen-Propaganda in der Presse
Die Berichte über die wundersamen Wirkungen von BAYERs „Tausendsassa“ ASPIRIN in den Zeitungen sind Legion. Hinweise auf die gefährlichen
Nebenwirkungen des Präparates unterbleiben dagegen zumeist. Dies ist kein Einzelfall. Das „Canadian Center for Policy Alternatives“ hat 193 Zeitungsartikel über fünf neue Medikamente ausgewertet und keinen einzigen
rein negativen Beitrag gefunden! Der Rest bauschte die Heil-Wirkungen auf, verharmloste Nebenwirkungen, verschwieg therapeutische Alternativen und zitierte ExpertInnen, ohne deren Beziehung zu den jeweiligen
Herstellern zu überprüfen. Für die Bundesrepublik sähe das Resultat nach Einschätzung der BUKO-PHARMA-KAMPAGNE ähnlich aus. „Eine systematische Untersuchung bundesdeutscher Zeitungsartikel gibt es noch nicht, doch
lassen die der PHARMA-KAMPAGNE vorliegenden Beiträge hiesiger Zeitungen schon nach grober Übersicht kein besseres Ergebnis erwarten“, schreibt die Initiative im Pharma-Brief 5/03.
BAYER-Portal für Apotheken
Um noch mehr BAYER-Pillen in die Apotheken zu drücken, bietet der Pharma-Riese jetzt ein Online-Portal für PharmazeutInnen an. Mit Behauptungen wie
„Schnell. Stark. Ohne Wasser. ASPIRIN EFFEKT bringt junge Kunden in die Apotheke“ will das Unternehmen die InhaberInnen zu Werbe-Maßnahmen veranlassen. Aber nur über die Qualität seiner Produkte glaubt der Konzern
nicht, seine Arznei-Umsätze verbessern zu können. Deshalb versucht er, das Apotheken-Personal mit diversen kleinen Wohltaten BAYER-freudlich zu stimmen. Der Leverkusener Chemie-Multi hält für die PharmazeutInnen
unter anderem preiswerte Handy-Verträge, kostengünstige Fahrräder und Kaffee-Maschinen bereit.
BAYER & Co. ködern Nachwuchs
In der Propaganda-Postille direkt macht der Leverkusener Chemie-Multi Reklame für einen vom „Verband der Chemischen Industrie“ herausgegebenen
Chemie-Baukasten mit Anleitungen zu Versuchen für Kinder zwischen acht und 12. „Experimentieren mit Tini und Toni“ soll die aufgrund des schlechten Images des Industrie-Zweiges bestehenden Nachwuchs-Probleme von
Werni, Jürgi und anderer Chemie-Bosse lösen helfen. Umsonst bekommen die Bildungseinrichtungen den Kasten aber nicht. „Voraussetzung ist, dass sich die Schulen/Lehrer im Jahr der Chemie in Sonderveranstaltungen für
Schüler im Alter von acht bis 12 Jahren engagieren, beispielsweise in Form eines Präsentationstages des Fachbereichs Chemie, Patentschaften mit Grundschulen oder in Mitmach-Aktionen“, heißt es in dem direkt-Artikel.
Ein bisschen viel verlangt für das kleine Laboratorium, dessen didaktischer Wert aufgrund der industrie-freundlichen Ausrichtung der Experimente gegen Null tendiert.
430 BAYER-Smarts für Apotheken
Eine nur wenig smarte ASPIRIN-Aktion hat sich BAYER einfallen lassen. Der Leverkusener Chemie-Multi stellt Apotheken einen Smart mit großflächiger
ASPIRIN-Werbung für die Auslieferung von Medikamenten zu günstigen Leasing-Konditionen zur Verfügung. Über 430 PharmazeutInnen rissen sich so geködert bereits danach, sich vor den PR-Karren des Pharma-Riesen zu
spannen.
BAYER nicht sehr beliebt
Das Meinungsforschungsinstitut INRA fragte 1.000 BundesbürgerInnen nach der Bekanntheit und Beliebtheit von 29 bundesdeutschen Unternehmen. BAYER
schnitt dabei nicht eben gut ab. Der Leverkusener Chemie-Multi landete nur auf Platz 23 und damit gerade noch so im unteren Mittelfeld. Just hinter dem Pharma-Riesen führt die Tabelle schon die Konzerne mit einem
eher schlechten Image wie DEUTSCHE BANK und DEUTSCHE POST auf.
Der Kassenarzt wirbt für GLUCOBAY
Die MedizinerInnen-Zeitschrift Der Kassenarzt ist ein reines Propaganda-Organ der Pharma-Industrie. Als BAYERs äußerst umstrittendes
Diabetes-Präparat GLUCOBAY – dass nach Ansicht des Pharmakologen Gerd Glaeske „gerade mal so wirksam ist wie Müsli“ – nicht auf der Positiv-Liste landen sollte, nutzte der Leverkusener Chemie-Multi den „Kassenarzt“
als Forum, um seine schnell in Auftrag gegebenen Entlastungsstudien zu präsentieren. Danach sollte GLUCOBAY angeblich das Herzinfarkt-Risiko von Diabetes-PatientInnen um 91 Prozent senken. Die Überprüfung dieses
Ergebnisses durch unabhängige WissenschaftlerInnen verhindert der Konzern nach Informationen des Arznei-Telegramms jedoch - offenbar aus gutem Grund.
Der Kassenarzt wirbt für KINZAL
Die mangelnde Dehnbarkeit der Blut-Gefäße hält die Fachzeitschrift Der Kassenarzt
für eine Ursache des Bluthochdrucks und nennt als Substanzen, die sich positiv auf die Elastizität der Gefäße auswirken ACE-Hemmer und ATi-Antagonisten. „Unter letzteren ist vor allem das Telmisartan (Wirkstoff von BAYERs KINZAL, Anm. Ticker) hervorzuheben“, wird das Werbe-Blatt dann trotz der Unmenge von KINZAL-Nebenwirkungen (siehe DRUGS & PILLS) konkreter und weist dann auch noch auf ein Presse-Seminar von BAYER zum Thema hin.
Der Kassenarzt wirbt für MOXIFLOXACIN
Fluorchinolone-haltige Antibiotika von BAYER finden sowohl in der Massentierhaltung als auch in der Human-Medizin Verwendung. Bilden Bakterien in
den Ställen im Zuge der BAYTRIL-Dauerbehandlung der Tiere Resistenzen gegen die Mittel aus, können die Krankheitserreger über die Nahrungskette auch in den menschlichen Körper gelangen und Krankheiten auslösen,
gegen die dann BAYERs CIPROBAY bzw. MOXIFLOXACIN machtlos sind. Nach einer Untersuchung des Forschers S. A. Anderson (Ticker 2/02) ist beispielsweise das Bakterium Campylobacter jejuni resistent gegen den
BAYTRIL-Wirkstoff Fluorchinole geworden. Ihm zufolge machen die Verordnungen von CIPROBAY bzw. MOXIFLOXACIN ebenfalls immer mehr Keime immun gegen Fluorchinole. Kein Wunder: Nach Angaben des Journalisten Alexander
Osang verschreiben US-amerikanische DoktorInnen CIPROBAY sogar gegen Magenschmerzen. BAYER streitet diese Sachlage ab und brachte in der MedizinerInnen-Zeitschrift Der Kassenarzt einen Artikel mit dem Titel
„Günstige Resistenz-Lage“ unter. Er bescheinigt MOXIFLOXACIN eine hohe Wirksamkeit gegen Erreger wie Pneumokokken, gegen die andere Mittel schon die Fahnen streichen mussten. Auch hier findet sich am Ende des
Artikels wieder ein Hinweis auf eine entsprechende Propaganda-Veranstaltung von BAYER.
Der Kassenarzt wirbt für LEVITRA
Die Fachzeitschrift Der Kassenarzt
stellt sich BAYER als Werbe-Plattform für das Potenz-Mittel LEVITRA (Nebenwirkungen siehe DRUGS & PILLS) zur Verfügung. Sie druckt ein Interview mit dem Hamburger Urologen Dr. Hartmut Porst ab. Dieser testet in seiner Praxis die Potenz-Produkte aller drei bisherigen Hersteller und ist deshalb Dreifach-Verdiener. Deshalb sagt er einmal diplomatisch in der Welt: „Der Patient merkt selber ‚Mit diesem Mittel habe ich die beste Errektion“ und dann wieder in Der Kassenarzt „dass „LEVITRA ein sehr verträgliches Produkt ist, meines Erachtens der bestverträglichste Phosphodiesterase-5-Hemmer (Wirk-Prinzips des „Pharmazeutikums“, Anm. Ticker). Am verantwortungslosesten handelt er aber, indem er Potenz-Störungen überhaupt als ein Krankheit beschreibt und völlig aus der Luft gegriffene Betroffenen-Zahlen von sechs bis sieben Millionen Männern allein in der Bundesrepublik in die Welt setzt.
Football-Liga wirbt für LEVITRA
Die Potenzmittel-Hersteller versuchen alle, „tough guys“ für ihre Kampagnen zu gewinnen, um die „erektile Dysfunktion“ als Massen-„Krankheit“
erscheinen zu lassen. Das soll dann auch den US-amerikanischen Normalverbraucher von seinen Hemmungen befreien, einen Arzt aufzusuchen. VIAGRA-Produzent PFIZER tritt aus diesem Grund als Großsponsor im
Baseball-Bereich auf und BAYER betätigt sich als Geldgeber der US-amerikanischen Football-Liga. Zudem hat der Leverkusener Chemie-Multi Mike Ditka, populärer Ex-Trainer der Chicago Bears, zum Aushängeschild der
Kampagne erkoren.
Krankheit als Normalfall
Nicht beim Erfinden neuer Heilmittel ist die Phantasie von der Pharma-Multis grenzenlos, sondern beim Erfinden neuer Krankheiten, wie der Spiegel
(33/2003) berichtete. So sorgten die Lobby-Verbände der Industrie durch ihren Einfluss auf Selbsthilfe-Gruppen schon 1990 dafür, dass nicht mehr ein Cholesterin-Wert von 260 Milligramm je Deziliter Blut als
behandlungsbedürftig galt, sondern schon einer von 200 Milligramm. Prompt waren 68 Prozent der bundesdeutschen Männer theoretisch ein Fall für LIPOBAY & Co. Welche fatalen Auswirkungen das hatte, zeigte dann der
Skandal um den Cholesterin-Senker von BAYER mit über 100 Toten. 1999 sank dann nach Druck von BAYER und anderen Pharma-Riesen auf die Weltgesundheitsorganisation WHO der Bluthochdruck von 160/95 auf 140/90 (Ticker
2/02) und damit die Verschreibungsschwelle für ADALAT & Co.. Von „erektiler Dysfunktion“ hatte die Medizin-Welt bis zu den 90er Jahren noch nichts gehört, bis die UrologInnen von PFIZER sie „entdeckten“.
Mittlerweile gehört VIAGRA zu den bestverkaufensten Medikamenten der Welt. Und der Leverkusener Chemie-Multi verspricht sich von seiner Potenz-Pille LEVITRA einen Umsatz von jährlich einer Milliarde Dollar.
TIERE & ARZNEIEN
MCDONALD‘S-Fraß ohne BAYTRIL
Die Verabreichung von Antibiotika wie BAYERs BAYTRIL in der Massentierhaltung fördert die Bildung von resistenten Keimen. Diese können über die
Nahrungskette auch in den menschlichen Organismus gelangen und Infektionskrankheiten auslösen, gegen die dann kein Kraut mehr gewachsen ist. Deshalb stehen BAYTRIL & Co. seit langem in der Kritik. Die
US-Gesundheitsbehörde FDA hat sich zwar noch nicht zu einem Verbot durchringen können, aber eine Entscheidung der Schnellimbiss-Kette MCDONALD‘S und der großen Fleisch-Produzenten TYSON FOODS und CARGILL dürfte
BAYER empfindlich treffen. Die Konzerne beschlossen, ihren Lieferanten nur noch Fleisch von solchen Tieren, die ihre HalterInnen ohne wachstumsfördernde Antibiotika aufgezogen haben, abzunehmen.
Schlechte Note für AktionärInnen-Brief
Die beiden Sprach- und Kommunikationswissenschaftler Helmut Ebert und Manfred Piwinger haben die AktionärInnen-Briefe der 30 im Dax notierten
Unternehmen nach den Kriterien Informationsgehalt, Überzeugungskraft und Verständlichkeit hin untersucht und viele Defizite festgestellt. BAYER bekam eine 4+ und belegte damit nur den 15. Platz. Unter anderem
kritisierten die Forscher, dass die Briefe der Konzerne keine Angaben zur Arbeitsplatz-Vernichtung machen und in einem Stil verfasst seien, der nahe legt, „dass der Aktionärsbrief ohnehin nicht vom
Vorstandsvorsitzenden verfasst wurde“.
DRUGS & PILLS
Alte neue Arzneien
BAYER & Co. begründen ihre horrenden Profite auf dem Pillen-Markt in der Regel mit den hohen Aufwändungen, welche die Entwicklung neuer
Medikamente erfordert. Mit dem Innovationsdrang der Pharma-Konzerne ist es allerdings nicht weit her. Von den 1.035 seit 1990 zugelassenen Pharmazeutika enthalten gerade mal 15 Prozent neue Wirkstoffe mit
medizinischem Nutzen. Dies haben die in Harvard/USA lehrenden MedizinerInnen Arnold Relman und Marcia Angell, ehemalige Chef-Redakteure des Fachblattes New England Journal of Medicine, festgestellt. Auch aus einem
anderen Grund stimmt die Rechnung nicht. Big Pharma steckt nämlich doppelt so viel Geld in die Vermarktung wie in die Forschung: Ein Drittel der Erlöse geht dafür drauf. 15.000 Pharma-DrückerInnen, die jede/n
MedizinerIn im Durchschnitt 170 mal im Jahr behelligen, und andere Werbe-Maßnahmen kosten halt ihren Teil.
GLUCOBAY-Marketing
Für den Pharmakologen Gerd Glaeske ist BAYERs Antidiabetikum GLUCOBAY „gerade mal so wirksam wie Müsli“. Darum musste der Leverkusener Chemie-Multi
schon zu besonderen Mitteln greifen, um es den MedizinerInnen schmackhaft zu machen. Die Pharma-DrückerInnen des Konzern veranstalteten so genannte Zirkel-Treffen mit der Zielgruppe „Allgemein-Mediziner und
Internisten, die zu einer intensiveren Verordnung von GLUCOBAY gebracht werden sollen“. Dazu hat der Pharma-Riese MedizinerInnen eingeladen, die das Diabetikum bereits verwenden und für 350 Euro bereit waren, über
die Therapie-Erfolge zu berichten, und natürlich keine „Ärzte, die GLUCOBAY ablehnen“. Folglich beschränkte sich der wissenschaftliche Gehalt der „Fortbildungsmaßnahme“ nach Auskunft eines Teilnehmers darauf,
zu „lernen, wie man den Namen richtig aufs Rezept schreibt“.
Schlechte Noten für ADALAT & Co.
Die US-amerikanischen Mediziner Curt Furberg und Barry Davis untersuchten im Auftrag des „National Institute of Health“ die Wirksamkeit von
Bluthochdruck-Präparaten wie BAYERs ADALAT und anderen. Der Ergebnis war niederschmetternd. Der Leverkusener Kalzium-Antagonist mit dem Wirkstoff Nifedipin, diverse ACE-Hemmer und andere Präparate waren lange nicht
so effektiv wie Arzneien mit der vor 50 Jahren entdeckten Wirk-Substanz Chlortalidon. Als Folge der nicht optimalen pharmazeutischen Versorgung erleiden in den USA nach Schätzungen von Davis 60.000 Menschen einen
Herzinfarkt oder einen Schlaganfall. Zudem kosten ADALAT & Co. bedeutend mehr als Chlortalidon-haltigen Präparate. Für die Behandlung der ca. fünf Millionen Bluthochdruck-PatientInnen in der Bundesrepublik mit
Kalzium-Antagonisten, ACE-Hemmern oder Alpha-Blockern zahlen die Krankenkassen 1.8 Milliarden Euro, eine entsprechende Therapie mit dem Wirkstoff Chlorthalidon schlüge nur mit 379 Millionen Euro zu Buche, wie
das Kölner „Institut für evidenz-basierte Medizin“ errechnet hat.
Pharma-Tests mit Kindern
Das bundesdeutsche Arzneimittel-Gesetz hat es bislang verboten, dass Kinder und andere nicht Einwilligsfähige an Arzneimittel-Tests teilnehmen,
wenn mit diesen nicht unmittelbar der Versuch der Heilung oder zumindest Linderung ihrer Krankheit verbunden ist. Der von BAYER gegründete „Verband der Forschenden Arzneimittel-Hersteller“ fordert seit längerem eine
Aufhebung der Bestimmungen und hat nun einen Erfolg errungen. In dem ReferentInnen-Entwurf zur Änderung des Arzneimittel-Gesetzes will die Bundesregierung erstmals auch Arznei-Tests mit Minderjährigen erlauben, auch
wenn diese nicht unmittelbar davon profitieren können, sondern nur ihre Altersgruppe. Damit ist der Einstieg in fremdnützige Medikamenten-Tests mit nicht Einwilligungsfähigen gemacht - Alzheimer-PatientInnen dürften
als nächste Gruppe auf der Wunschliste von „BigPharma“ stehen. Aus medizinischen Gründen ist diese Änderung nicht erforderlich, weil die jetzigen Bestimmungen genügend Spielraum für Pillen-Erprobungen bieten. Nach
Einschätzung Erika Feyerabends von der gentechnik-kritischen Initiative BIOSKOP geht es BAYER & Co. lediglich um den Standort-Vorteil gegenüber ihren ausländischen Konkurrenten, da anderswo die Auflagen für
Arznei-Tests weit restriktiver sind und deshalb Präparate mit dem Signet „nach ausgiebigen Tests auch für Kinder gut verträglich“ die Vermarktungschancen erhöhen. In den USA arbeitet der Leverkusener Chemie-Multi
schon daran. Er versucht das auslaufende Patent für das Antibiotikum CIPROBAY dadurch für ein halbes Jahr verlängern zu lassen, dass er es unter Verweis auf entsprechende Studien auch zur Behandlung von Kindern als
geeignet darstellt.
LEVITRA als Vorbild
Der Inhaltsstoff Vardenafil von BAYERs Potenz-Mittel LEVITRA gehört zu den Phospodiesterasen-Hemmern. Sie hindern das Enzym Phospodiesterase daran,
bestimmte Botenstoffe zu spalten und erhöhen so die Botenstoff-Konzentrationen, was angeblich Auswirkungen auf bestimmte Krankheiten hat. Nach dem Motto „Schafft 1, 2, 3, 4 LEVITRAs“ arbeiten die
BAYER-PharmazeutInnen deshalb daran, das Wirk-Prinzip zur Entwicklung von Medikamenten gegen Asthma, urologische Erkrankungen, Diabetes und Krebs zu nutzen. Wenn die Liste der Nebenwirkungen mit Kopfschmerzen,
Gesichtsrötungen, Nasenschleimhaut-Entzündungen, Grippe-Symptomen und Verdauungsbeschwerden ebenso lang ist wie bei LEVITRA, dürfte der Nutzen der Präparate äußerst zweifelhaft sein.
150 Mio. mit LEVITRA?
Im zweiten Quartal 2003 hat BAYER mit der Potenz-Pille LEVITRA in der Bundesrepublik einen Umsatz von 14 Millionen Euro gemacht. Für das gesamte
Jahr rechnet der Leverkusener Chemie-Multi mit einer Summe von 150 Millionen Euro.
LEVITRA-Zulassung in den USA
Ende August 2003 erhielt BAYER die Zulassung für das Potenz-Mittel LEVITRA in den USA. Die Genehmigung verzögerte sich beträchtlich, weil die
US-Gesundheitsbehörde FDA wegen möglicher Gesundheitsgefährdungen mehr Unterlagen von BAYER angefordert hatte. Der Leverkusener Chemie-Multi will 60 Prozent des LEVITRA-Umsatzes in den Vereinigten Staaten
realisieren und investiert deshalb gemeinsam mit dem Vermarktungspartner GLAXOSMITH-KLINE Unsummen in die Werbung. Vom Erfolg des Lifestyle-Präparates (zu den Nebenwirkungen s. o.) dürfte die Zukunft der
Pharma-Sparte des Konzernes abhängen.
LEVITRA: Druck auf ÄrztInnen
BAYER setzt bei der Vermarktung des Potenz-Mittels LEVITRA nicht nur auf Werbung. Auch ÄrztInnen spielen eine wichtige Rolle in der Strategie. So
will der Leverkusener Chemie-Multi MedizinerInnen dazu bringen, Männer über 40 bei Untersuchungen routinemäßig auch nach ihrem Sexualleben zu befragen - und bei etwaigen Problemen gleich LEVITRA auf den Rezept-Block
zu schreiben.
ASPIRIN gegen Zylindrom?
Nach Untersuchungen des griechischen „Biomedical Science Centers“ und zweier anderer ForscherInnen-Teams hilft der ASPIRIN-Wirkstoff
Acetylsalicylsäure möglicherweise bei der Behandlung des Zylindroms, einer bestimmten Krebs-Art der Kopf- oder Mundschleimhaut. Nach ihren Forschungen kann die Acetylsalicylsäure angeblich so in den Stoffwechsel der
Zellen eingreifen, dass sie bestimmte Autoimmun-Prozesse unterbindet und auf diese Weise die Wucherung des Tumors stoppt. Ob die am „The Netherlands Cancer Institute“ in Amsterdam gerade erst angelaufene klinische
Studie diese Ergebnisse bestätigen wird, steht allerdings noch in den Sternen.
CIPROBAY-Abkommen mit BARR
Im Dezember 2003 läuft das Patent für BAYERs Antibiotikum CIPROBAY aus. Dann können andere Hersteller billige Nachahmer-Produkte, so genannte
Generika, auf den Markt bringen, was die Erträge des Leverkusener Chemie-Multis schmälert. Das Unternehmen hat jedoch diverse Vorsorge-Maßnahmen getroffen, welche die Einnahme-Verluste in Grenzen halten. So hat er
bereits 1997 ein Abkommen mit dem Generika-Hersteller BARR getroffen. Es erlaubt BARR, schon sechs Monate vor Ablauf des CIPROBAY-Patents ein entsprechendes Generika-Präparat anzubieten, das allerdings „made by
BAYER“ ist. Der Pharma-Riese liefert BARR nämlich die Original-Tabletten, die dieser nur in eine andere Packung steckt und weit unter dem BAYER-Preis verkauft.
Neues Herz-Mittel KINZAL
BAYER hat in acht europäischen Ländern mit der Vermarktung des Blutdruck-Senkers KINZAL begonnen. Das Mittel mit dem Wirkstoff Telmisartan ist für
die Behandlung von leichtem bis mittelschweren Bluthochdruck vorgesehen. Diejenigen Nebenwirkungen, die bei den klinischen Tests bei 1 bis 10 Prozent der ProbandInnen auftraten und deshalb unter die Kategorie
„häufig“ fallen, sind Rückenschmerzen, Grippe-Symptome, Durchfall, Verdauungsstörungen, Wadenkrämpfe, Atemwegs- und Harnwegsinfektionen, Ekzeme und Beinschmerzen.
GENE & KLONE
EU-Ausschuss für strengere Grenzwerte
Der Ministerrat der Europäischen Union hat den Grenzwert für die gentechnische Rückstände in Lebens- und Futtermitteln im Jahr 2002 auf 0,9 Prozent
festgelegt. Dem EU-Umwelt-Ausschuss erscheint dieser Grenzwert zu hoch; sie hält einen Höchstwert von 0,5 Prozent für angemessen. Das Gremium hat sich auch dafür ausgesprochen, Nahrungsmittel, die mit Spuren von in
der EU nicht zugelassenen Gen-Pflanzen verunreinigt sind, aus dem Verkehr zu ziehen, statt eine Belastung von unter 0,5 Prozent zu tolerieren. Zudem forderte der Ausschuss, gentechnisch veränderte Organismen erst
dann zu genehmigen, wenn es ein verbindliches Regelwerk zur Rückverfolgbarkeit von gentechnischer Umweltverschmutzung gibt.
90 Mio. mit „grüner Gentechnik“
BAYER macht mit der „grünen Gentechnik“ jährlich einen Umsatz von 90 Millionen Euro. Zum Vergleich: Im Geschäftsjahr 2002 betrug der Gesamt-Umsatz
der Landwirtschaftssparte BAYER CROPSCIENCE ca. 4,7 Milliarden Euro.
WASSER, BODEN & LUFT
Dhünnaue-Arbeiten abgeschlossen
Als größte Altlast Europas galt BAYERs zwischen der Dhünn und dem Rhein gelegene Giftmüll-Deponie namens Dhünnaue lange. Erst nachdem es zu
ungeklärten Todesfällen und Krankheiten bei den AnwohnerInnen kam und die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) sowie andere Initiativen öffentlich Druck machten, zeigte sich der Konzern 1993 bereit, zu handeln.
Zehn Jahre später, im Juli 2003, waren die Sanierungsarbeiten dann abgeschlossen. BAYER nutzte das zu einer Fest-Veranstaltung, zu welcher der Konzern auch die NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn begrüßen konnte. Zu
feiern gab es jedoch nichts, denn aus Kosten-Gründen sanierte der Leverkusener Chemie-Multi das Gelände nicht, sondern sicherte es lediglich. Er trug das verseuchte Erdreich nicht ab und entsorgte es ordnungsgemäß,
er „mumifizierte“ es lediglich mittels einer Oberflächen-Versiegelung aus Ton-, Erd- und Kunststoffschichten sowie einer Grundwasser-Sperre. Und nicht einmal diese Billig-Lösung zahlte das Unternehmen ganz aus
eigener Tasche. Fast 30 Prozent der Kosten in Höhe von 110 Millionen Euro brachte der/die SteuerzahlerIn auf.
Öko-Konto auch in Leverkusen
Im März hat sich BAYER mit der Stadt Leverkusen über die Einrichtung eines Öko-Kontos nach dem Kölner Vorbild (Ticker 3/02) geeinigt. Nun muss der
Chemie-Multi auch an seinem Geschäftssitz einen Eingriff in die Natur nicht mehr umgehend mit einer Ausgleichsmaßnahme vergelten, wie es das Naturschutz-Gesetz vorschreibt, sondern kann sich dabei Zeit lassen. Als
Übergang vom Tauschhandel zum Kredit-Wesen beschrieb Leverkusens Oberbürgermeister Paul Hebbel die neue Geschäftsordnung deshalb. Die Regelung ermöglicht es dem Unternehmen, umgehend Werke zu erweitern, ohne auf
langwierige Genehmigungsverfahren angewiesen zu sein. Es belastet damit lediglich sein Öko-Konto, der Ausgleich kann dann später erfolgen. Der BUND FÜR UMWELT UND NATURSCHUTZ (BUND) übte schon am Kölner Öko-Konto
Kritik. „Es stoppt nicht den Trend der Flächen-Versiegelung, sondern ist eher ein Persilschein für spätere Eingriffe“, monierte der nordrhein-westfälische BUND-Geschäftsführer Dirk Jansen.
Weniger Wasser, mehr Gifte
Die hohen Temperaturen über die Sommer-Monate haben zu historischen Tiefständen des Rheins geführt. BAYER & Co. sowie die LandwirtInnen leiten
aber immer noch genauso viele Schadstoffe in den Fluss. Als Folge davon nimmt die Konzentration von Phosphor, Stickstoff, Pestizid-Rückständen und anderen Gift-Stoffen in dem Fluss zu.
Chemikalien im Gebirgssee
Selbst die scheinbar unberührte Natur, weit weg von den Industrie-Anlagen BAYERs und anderer Konzerne, ist nicht vor Umweltverschmutzung sicher. In
dem fast 2.800 Meter über dem Meeresspiegel gelegenem Schwarzsee, oberhalb des österreichischen Söldens gelegen, wiesen GREENPEACE-ForscherInnen Rückstände von Chemikalien nach. Sie untersuchten Bergsaibling-Fische
und fanden in ihrem Organismus Spuren von Giftstoffen. Darunter waren nicht nur die „üblichen Verdächtigen“ DDT, Dioxion, PCP und andere schwer abbaubare Substanzen, so genannte POPs (Persistant Organic Pollutants),
sondern auch Chemische Keulen neueren Datums wie die unter anderem von BAYER hergestellten Flammschutzmittel und Weichmacher. Dieses Ergebnis unterstreicht nach Ansicht von GREENPEACE die Dringlichkeit des
EU-Vorhabens, BAYER & Co. ihre Produkte vor der Vermarktung auf ihre Gefährlichkeit hin untersuchen zu lassen (siehe auch POLITIK & EINFLUSS).
PESTIZIDE & HAUSHALTSGIFTE
BAYER Nr. 1 im Agro-Business
Der Leverkusener Chemie-Multi hat im Jahr 2002 erstmals die Spitzen-Position im Agrochemie-Geschäft erreicht. Mit Verkäufen im Wert von 5,5 Mrd.
Dollar lag der Konzern vor SYNGENTA (5,3 Mrd. Dollar) und BASF (3 Mrd.). Insgesamt gingen die Umsätze weltweit um 1,5 Prozent zurück; seit 1998 sanken sie um 12 Prozent. Während die Agro-Multis im Geschäftsjahr 2002
auf dem europäischen Markt einen Zuwachs von 7,2 Prozent erzielten, mussten sie in Nord-Amerika Einbußen von 1,7 Prozent, in Lateinamerika von 3,8 Prozent und in der Asien/Pazifik-Region von 1,8 Prozent hinnehmen.
Innerhalb des Produkt-Sortiments konnten BAYER & Co. nur mit Substanzen gegen Pilzbefall Wachstumsraten erzielen, die Verkäufe von Insektiziden und Anti-Unkrautmitteln gingen hingegen zurück.
Vergiftungen durch BAYER-Pestizide
Unter den 20 Pestiziden, die von 1998 bis 2000 für die meisten Vergiftungen im US-Bundesstaat Kalifornien verantwortlich waren, befinden sich zwei
Wirkstoffe, die auch in Produkten des Leverkusener Chemie-Multis enthalten sind. Chlorpyrifos, unter anderem Inhaltsstoff von BAYERs Maden-Streumittel RIDDER, nimmt in der Liste Rang drei ein; 156 Menschen kamen
durch das Mittel zu Schaden. Auf Platz 17 mit 32 Chemie-Vergiftungen ist Oxydemeton-methyl geführt, unter anderem Wirk-Substanz des Blattlaus-Spritzmittels METASYSTOX R.
Immer mehr Untersuchungen legen einen Zusammenhang zwischen dem Ausbruch der Parkinson-Krankheit (Schüttellähmung) und einem Kontakt mit Pestiziden
nahe. Nach einer Fallstudie mit fünf Erkrankten und einer englischen Studie (Ticker 4/99) bestätigt nun auch eine Arbeit von ForscherInnen der „Stanford University School of Medicine“ die Ergebnisse der
Wissenschaftler-KollegInnen. Die MedizinerInnen untersuchten die Krankengeschichten von 496 Parkinson-PatientInnen und fanden heraus, dass sie weit häufiger Pestiziden ausgesetzt waren als die 541 gesunden Menschen
der Kontrollgruppe. Agrochemikalien, wie BAYER sie als einer der weltgrößten Hersteller vertreibt, wirken auf das zentrale Nervensystem und können neben der Schüttellähmung noch eine Vielzahl anderer Nervenleiden
auslösen.
Parkinson als Berufskrankheit anerkannt
Schon seit langem legen wissenschaftliche Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen dem Ausbruch der Parkinson-Krankheit (Schüttellähmung) und
einem Kontakt mit Pestiziden nahe (siehe Ticker 3/00). Nun ist es erstmals einem Landwirt gelungen, Parkinson als Berufskrankheit geltend zu machen. Nachdem zunächst sowohl die landwirtschaftliche
Berufsgenossenschaft als auch ein Gericht das Begehr abgelehnt hatten, folgte der Richter in der nächsten Instanz dem Antrag des Bauern. Selbst der von der verklagten Berufsgenossenschaft bestimmte Gutachter kam
nicht umhin, die Agro-Chemikalien von BAYER & Co. als Ursache der Erkrankung anzuerkennen.
Nicht mehr zugelassenes UNDEN verkauft
Das BAYER-Insektizid UNDEN mit dem Wirkstoff Propoxur ist in der Bundesrepublik seit 1999 nicht mehr zugelassen, da der Leverkusener Chemie-Multi
den Aufsichtsbehörden keine neuen Untersuchungen über eine noch tolerierbare Schädlichkeit für Mensch, Tier und Umwelt zur Verfügung gestellt hat. Trotzdem hat ein Pestizid-Händler aus dem oberfränkischen Hof
LandwirtInnen das Mittel noch über Jahre hinweg verkauft. Es handele sich um einen Einzelfall, verharmloste ein BAYER-Sprecher die Sache. Wie wenig diese Einschätzung zutrifft, dokumentierte eine im Jahr 2002
veröffentlichte Studie des NATURSCHUTZBUNDES DEUTSCHLAND (NABU). Sie wies nach, dass Großhändler wie BIESTERFELD-SCHEIBLER-LINSSEN oder die GEORG STRAHMANN GmbH & Co. KG systematisch verbotene Agro-Chemikalien
wie UNDEN, BRESTAN, E 605 und andere anbieten (siehe SWB 1/03).
Neue Garten-Spritzmittel
Für den Garten-Bereich bringt BAYER zwei neue Pestizide auf den Markt. Das Universal-Spritzmittel PROVADO 5 WG wirkt gegen Blattläuse, Wollläuse,
Zikaden, Thrips, Lilien-Hähnchen und andere Pflanzen befallenden Schad-Insekten. Das PROVADO 5 WG ROSEN-SPRITZMITTEL vergiftet Rosen-Zikaden und Wespen, aber auch sich nicht nur von Rosen ernährende Schad-Insekten
wie Blatt- und Schildläuse.
Neues DIMANIN
BAYER hat das „Haus und Garten-Gift“ DIMANIN in neuer Form herausgebracht. Es wirkt gegen Algen und Moose auf Pflanz-Kübeln und Blumenkästen sowie
gegen Schimmelpilze, die sich in Kühlschränken, Saunen und Bädern bilden.
PLASTE & ELASTE
Speicher-Medium Blu-ray-Disc
Die Compact-Disc-Industrie stellt mittlerweile einen der größten Abnehmer für BAYERs Kunststoff Makrolon dar. Um die Speicher-Kapazität des
Daten-Trägers zu erhöhen, arbeiten die Konzern-ForscherInnen an der so genannten Blu-ray-Disc. Ihre Informationen werden von blauen Laser-Strahlen gelesen, die eine sehr kurze Wellen-Länge haben und deshalb auch
kleinste Strukturen abtasten können. Auf bis zu 27 Gigabyte soll sich so die Speicher-Kapazität der Scheiben erhöhen. In vier Jahren will der Leverkusener Chemie-Multi die Neu-Entwicklung auf den Markt bringen. Ob
die Blu-ray-Discs haltbarer sind als die herkömmlichen CDs, deren Lebenserwartung begrenzt ist, weil ihre Aluminium-Bestandteile mit Sauerstoff- und Wasserstoff-Molekülen reagieren (Ticker 4/01), wird sich zeigen.
Neues Flammschutz-Mittel LEVAGARD
Mit LEVAGARD DMPP hat BAYER ein neues Flammschutz-Mittel auf Phosphor-Basis entwickelt, das Hartschaum-Kunststoff hitze-beständig macht. Produkte
wie LEVAGARD sind äußerst giftig. Nach einer Studie des WORLD WILDLIFE FUND FOR NATURE (WWF) können sie den Hormon-Haushalt insbesonders von Säuglingen und Kindern schädigen (siehe Ticker 2/01). Zudem tragen die
Produktionsrückstände zur Belastung des Rheins mit Schadstoffen bei (siehe WASSER, BODEN & LUFT).
STANDORTE & PRODUKTION
BAYER zahlt weniger Gewerbesteuer
Seit geraumer Zeit gelingt es dem Chemie-Multi, sich so arm zu rechnen, dass er entweder gar keine oder nur eine weit geringere Gewerbesteuer als
früher zahlen muss. Bei den alljährlichen Steuer-Gesprächen zwischen der Stadt Leverkusen und dem Konzern hatte der Finanzdezernent Rainer Häusler mal wieder eine bittere BAYER-Pille zu schlucken. Der Pharma-Riese
teilte ihm mit, für das Geschäftsjahr 2003 statt der angekündigten 59,1 Mio. Euro Gewerbesteuer lediglich 51,1 Mio. zu zahlen. Für 2004 korrigierte das Unternehmen die geschätzte Summe von 75,8 Mio. auf 58,8 Mio.
und für 2005 von 95,3 Mio. auf 58,3 Mio. nach unten. Dem Kämmerer blieb daraufhin nichts anderes übrig, als umgehend eine Haushaltssperre zu verhängen.
Höherer Eintritt für Römer-Therme
BAYER hatte den Zuschuss für das Dormagener Schwimmbad „Römer-Therme“ gekürzt und die Führung dem TSV BAYER DORMAGEN übergeben (Ticker 1/03). Das
hat eine drastische Erhöhung der Preise zur Folge. Werksangehörige zahlen nun nicht mehr 2,30 Euro Eintritt, sondern 3,50; andere Gäste nicht mehr 3,50 Euro, sondern vier. Die Jahreskarte kostet für
Werksangehörige 150 Euro statt bisher 85, „NormalbürgerInnen“ müssen jetzt 190 Euro statt 170 zahlen.
Arbeitsplatz-Vernichtung in Uerdingen
BAYER vernichtet an den meisten Standorten kontinuierlich Arbeitsplätze. Waren im Uerdinger Werk Ende 2001 noch 6.120 MitarbeiterInnen beschäftigt,
so schrumpfte die Zahl bis Ende 2002 auf 5.900 zusammen. Und es kommt noch ärger. Auf der Jahres-Pressekonferenz im Frühjahr kündigte Werksleiter Dr. Wolfgang Bieber an, die Produktivität des Standortes weiter
verbessern zu wollen. Konsequenz: „Leider sind deshalb Personal-Anpassungen unausweichlich“. Wenn die Jobs nicht durch natürliche Fluktuation wegfallen, will BAYER die Stellen vorzugsweise durch Altersteilzeit
reduzieren. Betriebsbedingte Kündigungen schloss Bieber nur bis Ende 2004 aus - solange, wie die „Standortsicherungsvereinbarung“ noch gilt.
Leverkusen: neue Kunststoff-Zentrale
BAYER steuert die Kunden-Betreuung im Bereich „Kunststoffe“ für die Gebiete Europa, Mittlerer Osten und Afrika nicht mehr dezentral von Köln und
Neuss aus. Der Leverkusener Chemie-Multi schloss die beiden Abteilungen und richtete ein neues Hauptquartier in Leverkusen ein.
Kein DESMODUR W aus Leverkusen
BAYER POLYMERE stellt im Leverkusener Werk eine Kunststoff-Fertigung ein. Dafür sollte ursprünglich eine neue Anlage zur Herstellung von Isocyanate
für das Plaste-Produkt DESMODUR W am Standort entstehen. Aber das Management ließ die Pläne fallen, weil ein anderer Chemie-Multi eine größere Desmodur-Anlage plant. Stattdessen will BAYER jetzt eine Kooperation mit
jenem eingehen.
BAYER gibt Kläranlage ab
Der Leverkusener Chemie-Multi hat sich entschlossen, seine Wuppertaler Kläranlage an den Wupperverband zu verpachten. „Zu hoher Personalaufwand“
und „zu geringe Auslastung“ führte der Konzern zur Begründung an. Der Wupperverband will nur 8-13 der 30 MitarbeiterInnen übernehmen - und das auch noch zu schlechteren Konditionen. Die BELEGSCHAFTSLISTE, eine
alternative Gewerkschaftsgruppe im Wuppertaler BAYER-Werk, fordert in dem Belegschaftsinfo Nr. 147 den Weiterbetrieb der Anlage zu unveränderten Bedingungen.
Energie-Probleme in China
Nicht nur die USA, auch China hat Probleme mit der Strom-Versorgung. Die Energie-Erzeugung kann nicht mit dem immensen Wachstum der Wirtschaft
mithalten. Zudem beeinträchtigt die Trockenheit die Arbeitsleistung der Wasser-Kraftwerke. Auch die zukünftige Belieferung von Shanghai, wo BAYER und die BASF riesige Produktionsanlagen bauen, mit Strom ist
gefährdet. Es gibt nämlich politische Auseinandersetzungen um die im Bau befindliche Gas-Pipeline, da der Betreiber PETROCHINA nach Meinung in- und ausländischer Unternehmen einen zu hohen Preis für die
Energie-Versorgung verlangen will.
IMPERIUM & WELTMARKT
Schneider im LINDE-Aufsichtsrat
Der BAYER-Aufsichtsratschef Manfred Schneider ist seit Juni 2003 auch Vorsitzender des LINDE-Aufsichtsrats.
Allein-Besitz von MAKROFORM
Der Leverkusener Chemie-Multi kaufte der DEGUSSA ihren 45,5-prozentigen Anteil an MAKROFORM ab und ist nun alleiniger Besitzer des
Kunststoffplatten-Herstellers.
Verkauf von WALOTHEN
Der Leverkusener Chemie-Multi hat seine Tochter-Gesellschaft WALOTHEN, die Folien herstellte, an die finnische WIHURI-Gruppe veräußert. Bereits im
Jahr 2001 hatte BAYER die ebenfalls Folien produzierende COVEXX FILMS abgestoßen. Wieviele Arbeitsplätze dadurch im Konzern verloren gehen, teilte das Unternehmen nicht mit.
BASF will Geld zurück
BAYER wähnt sich beim Erwerb der Agro-Sparte von AVENTIS übervorteilt und verlangt vom Verkäufer einen dreistelligen Millionen-Betrag zurück. Da
der Leverkusener Chemie-Multi einen Teil des Pakets gleich an andere Unternehmen weiterverkaufen musste, um den Kartell-Auflagen der EU zu genügen, hat eines von ihnen, die BASF, seinerseits Forderungen nach einem
Preis-Erlass erhoben. BAYER will aber keinen müden Euro von der Kauf-Summe in Höhe von 1,2 Milliarden Euro an den Ludwigshafener Konzern zurückerstatten. „Der Vertrag zwischen BAYER und BASF und der Vertrag zwischen
BAYER und AVENTIS sind unabhängig voneinander“, sagte ein Unternehmenssprecher.
ÖKONOMIE & PROFIT
BAYER Nr. 16 in Deutschland
Der Leverkusener Chemie-Multi ist mit einem Jahres-Umsatz von 30 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2002 die Nr. 16 im Club der größten
bundesdeutschen Unternehmen und liegt damit knapp hinter ALDI.
BAYER sichert Kurs-Risiken ab
Schwankende Wechselkurse stellen für ein export-orientiertes Unternehmen wie BAYER ein großes Risiko dar. Darum informieren sich MitarbeiterInnen
mit Hilfe von REUTERS-Monitoren sekunden-schnell über das Geschehen auf den weltweiten Finanzmärkten und entscheiden dann Tag für Tag neu, welche Maßnahmen zur Minimierung des Wechselkurs-Risikos zu treffen sind.
Eine Optionsvereinbarung mit einer Bank über den Umtausch eines bestimmten Dollar-Betrags zu einem vorher festgelegten Euro-Kurs ist eines dieser Instrumente, das Kurs-Bewegungen z. B. zwischen 1,13 Dollar und 1,21
Dollar abfangen kann. Die Bank zerlegt dann die Option in ein Kurs-Risiko, ein Zins-Risiko und ein Schwankungsbreiten-Risiko und macht darüber wiederum Sicherungsdeals mit anderen Geld-Häusern.
„Härtere Gangart“ bei Lieferanten
Beim „Forum Innovation und Produktion“, das die „Industrie- und Handelskammer“ Schwarzwald-Baar-Heuberg gemeinsam mit dem „Bundesverband
Materialwirtschaft Einkauf und Logistik“ veranstaltete, plauderte der bei BAYER im Bereich des Beschaffungswesen tätige Michael Hanrath aus der Schule. Er eröffnete dem Publikum, mit welchen Mitteln der Leverkusener
Chemie-Multi die Preise seiner Lieferanten drückt, wie er darüber hinaus zu besseren Zahlungskonditionen kommt - und empfahl das zur Nachahmung. So schrieb eine Tochter-Firma des Konzerns 300 Lieferanten lapidar,
aus „organisatorischen Gründen“ könne das Unternehmen die Rechnung erst 14 Tage später als vereinbart zahlen, wolle aber auf die Skonto-Abschläge nicht verzichten - die Zulieferer akzeptierten zähneknirschend. Da
BAYER alle Waren-Sendungen im Voraus versichert hat, meinte der Konzern auch, die Versicherungsaufwändungen seiner Lieferanten nicht mitbezahlen zu müssen, und zog den entsprechenden Anteil von den Rechnungen ab. Im
Bereich des Stahlfässer-Einkaufs haben solche und andere Maßnahmen über einen Zeitraum von vier Jahren Einsparungen in Höhe von fast 0,5 Milliarden Euro erbracht, brüstete sich Michael Hanrath. Was Hanrath als
„etwas härtere Gangart“ bezeichnet, nennt Hans-Georg Sander, der Präsident der Braunschweiger Handwerkskammer, einen „Verfall der Moral im Wirtschaftsleben“. Er warf unter anderen der BAYER-Tochter HC STARCK im
vergangenen Jahr vor, Kleinbetriebe durch Verlängerungen der Zahlungsfristen in den Ruin getrieben zu haben (Ticker 2/02).
Gute Chemie-Aussichten
Der Markt für Kunststoffe und andere Chemie-Produkte ist von einem Überangebot geprägt. Deshalb sinken die Preise - und die Gewinne. Als Folge
davon investieren BAYER & Co. immer weniger in neue Anlagen. Steckten sie 1998 noch 45 Milliarden Dollar in Bau-Maßnahmen, so waren es im Jahr 2002 nur noch 29,1 Milliarden Dollar. Auf Druck der Pensionsfonds
und privater Investoren achten sie mehr denn je darauf, finanzielle Mittel nicht unnötig zu binden und über eine hohe Liquididät zu verfügen. Die Finanz-AnalystInnen von MORGAN STANLEY rechnen aufgrund dieser
Entwicklung schon ab Ende 2004 mit einem schrumpfenden Angebot und anziehenden Preisen, meldet das Handelsblatt unter der Überschrift „Chemie-Industrie spart sich fit“. Die Arbeitsplatz-Vernichtung bei BAYER und den
anderen Konzernen dürfte die besseren Preis-Aussichten aber nicht aufhalten.
Blut-Markt eingebrochen
Im weltweiten Handel mit Blutplasma-Produkten ist BAYER die Nr. 2; der Leverkusener Chemie-Multi kam im Jahr 2001 auf einen Markt-Anteil von 17
Prozent. Weil im laufenden Geschäftsjahr jedoch das Angebot die Nachfrage übersteigt, lassen die Profite zu wünschen übrig. So sanken in den USA die Preise für Präparate mit Antikörpern oder Gerinnungsfaktoren zur
Bluter-Behandlung seit Ende 2002 um 30 bis 50 Prozent, womit sie sich europäischen Verhältnissen anglichen.
PRODUKTION & SICHERHEIT
Weniger BereitschaftsnotärztInnen
Anfang der 90er Jahre starb ein BAYER-Beschäftigter infolge eines starken Blut-Verlustes, weil Notarzt und RettungsassistentInnen nicht rechtzeitig
eintrafen. Nach diesem unnötigen Todesfall drang die Gewerbe-Aufsicht auf eine doppelte Schicht-Besetzung für den außerhalb der Regel-Arbeitszeit tätigen medizinischen Bereitschaftsdienst. Diese will BAYER jetzt
rückgängig machen, wie die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine oppositionelle Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, in ihrer Juli-Publikation berichten.
Künftig soll es nur noch drei BereitschaftsärztInnen geben, weshalb sie nicht mehr zwingend am Unfallsort anwesend sein müssen. Für BAYER reicht es aus, wenn die RettungsassistentInnen die erforderlichen Maßnahmen
einleiten. Die DURCHSCHAUBAREN fordern: „Dieses Konzept muss vom Tisch! Die Standards des Rettungsdienstes mit Notarzt-Einsatz müssen erhalten und über die Werksumlage finanziert werden!“
UNFÄLLE & KATASTROPHEN
Rhein-Alarm wg. Nitrobenzol-Einleitung
Am 17. Juli 2003 floss über Stunden hinweg Nitrobenzol aus dem Krefelder BAYER-Werk in den Rhein. Über hundert Kilogramm der giftigen Chemikalie,
die als Vorprodukt zur Herstellung des Kunststoffs Polyurethan dient, verunreinigten das Gewässer. Da deshalb die Trinkwasser-Gewinnung gefährdet war, lösten die Behörden internationalen Rhein-Alarm aus. Außer der
Lokal-Presse berichtete keine Zeitung von diesem Umwelt-Skandal.
Chemie-Laster verunglückt
Am 12. Mai 2003 ist am Autobahnkreuz Bonn/Siegburg ein Gefahrgut-Transporter von der Fahrbahn abgekommen und eine Böschung heruntergerutscht. Im
Leverkusener BAYER-Werk hatte er 24 Tonnen der zur Produktion von Pestiziden und Arzneien verwendeten Chemikalie Ethylendiamin aufgenommen. Sie ist hoch giftig, ätzend und kann ab einer Temperatur von 34 Grad
explodieren, wobei sich Blausäure bildet. Um diese Gefahr abzuwenden, waren ca. 90 HelferInnen von 4 Uhr morgens bis nachmittags im Einsatz. Erst um 15.30 gab die Polizei die A3 und die A560 wieder für den
Verkehr frei.
Chemie-Waggon entgleist
Am 21. Mai 2003 entgleiste in Wolfenbüttel ein Zug, der 16 Tonnen des giftigen und explosiven BAYER-Pestizidwirkstoffs Ethylchlorformiat geladen
hatte. Glücklicherweise geriet die Gefahrgut-Bahn nur aus der Schienen-Spur, kippte aber nicht um, weshalb der Container unbeschädigt blieb. Hätte er leckgeschlagen, hätte die gefährliche Chemikalie austreten können.
Lkw-Fahrer entsorgt Natriumsulfat
Wenn Lastwagen so große Chemie-Ladungen transportieren, kann schon mal etwas danebengehen: Nachdem ein Lkw-Fahrer das Brunsbütteler BAYER-Werk mit
Natriumsulfat beliefert hatte, fegte er kurzerhand die auf der Ladefläche verstreuten Reste des Krebs erregenden Stoffes auf die Straße. Weil er das nicht auf BAYERs „Hoheitsgebiet“, sondern vor den Werkstoren
gemacht hat, muss er nun mit Konsequenzen rechnen. Die Staatsanwalt ermittelt gegen ihn wegen des „Verdachts auf Boden-Verunreinigung“ und „unerlaubten Umgangs mit gefährlichen Abfällen“.
West-Nil-Virus durch Blut-Präparate
In den USA haben sich im vergangenen Jahr 4.156 Menschen mit dem West-Nil-Virus infiziert, 284 Personen starben. In 23 Fällen haben
Blutplasma-Produkte von BAYER & Co. den Erreger übertragen. Seit Juli nun ist ein Test-Verfahren in Betrieb, das den Virus in den Präparaten nachweisen kann.
RECHT & UNBILLIG
Klagen wegen ALKA-SELTZER
Scheinbar harmlose, frei verkäufliche Erkältungspräparate wie BAYERs ALKA-SELTZER bergen ebenso wie appetit-hemmende Pillen ein großes
Gesundheitsrisiko (siehe auch SWB 1/01). Der in ihnen oft enthaltene Pharmastoff Phenylpropanolamin (PPA) erhöht nach wissenschaftlichen Studien die Schlaganfall-Gefahr beträchtlich. Deshalb forderte die
US-Gesundheitsbehörde FDA den Leverkusener Chemie-Multi und andere Hersteller im Jahr 2000 zu einem „freiwilligen Rückruf“ auf. Gegen BAYER und elf andere Pharma-Riesen haben in den USA mittlerweile 1.100 PPA-Opfer
Klagen eingereicht.
Anfechtungsklage gegen HV-Beschlüsse
Einfallsreiche GeschäftemacherInnen haben seit einiger Zeit eine lukrative Einnahme-Quelle entdeckt. Sie gehen mit Anfechtungsklagen gegen
Hauptversammlungsbeschlüsse der großen Konzerne vor und spekulieren von vornherein auf einen für sie lukrativen außergerichtlichen Vergleich, weil sie mit dem juristischen Vorgehen die Umsetzung wichtiger
Unternehmensentscheidungen blockieren. Mit der OCP OBAY CAPITAL POOL VERMÖGENSVERWALTUNGS GmbH hat nun auch BAYER einen solchen Kläger am Hals. Die Gesellschaft hat vor Gericht Einspruch gegen die Entlastung von
Vorstand und Aufsichtsrat sowie gegen die Ausgliederung von Unternehmensteilen erhoben. Damit konnte der Leverkusener Chemie-Multi die Änderungen in der Unternehmensstruktur nicht ins Handelsregister eintragen
lassen. Am 19. September verhandelt nun das Landgericht Köln über die Anfechtungsklage.
BAYER vs. GENENTECH
Das gentechnisch produzierte Blutgerinnungspräparat KOGENATE stammt nicht aus BAYER-Labors. GENENTECH-ForscherInnen entwickelten die Methode; der
Leverkusener Chemie-Multi kaufte dem Unternehmen die Erfindung ab. Um die Bedingungen des Deals ist jetzt eine Auseinandersetzung entbrannt. GENENTECH wirft dem Pharma-Riesen vor, zu wenig Lizenz-Zahlungen geleistet
zu haben. BAYER wiederum ging in die Offensive und hat die Biotech-Firma verklagt. RichterInnen sollen jetzt in dem Streit das letzte Wort haben.
GAUCHO: Imker gewinnt Prozess
In Frankreich und zunehmend auch in anderen Ländern fordern ImkerInnen das Verbot des BAYER-Ackergifts GAUCHO, weil es für den Tod zahlreicher
Bienenvölker verantwortlich ist. In der Auseinandersetzung mit den KritikerInnen scheut der Leverkusener Chemie-Multi vor keinem Mittel zurück. So verklagte er den 76-Jährigen Bienenzüchter Maurice Mary, der ehemals
Vize-Präsident des französischen ImkerInnen-Verbandes war, wegen „Verunglimpfung“. Aber der Konzern hatte die Rechnung ohne das Gericht von Châteauroux gemacht. Es sprach den Imker frei. Marys Forderungen nach
Schadensersatz und Veröffentlichung des Urteils wiesen die RichterInnen allerdings ab.
„MediCaid“-Rabatte bald 20 %?
Das US-amerikanische Arznei-Programm für sozial Schwache, „MediCaid“, stellt als Groß-Abnehmer von Medikamenten einen großen Umsatz-Faktor für die
Pharma-Riesen dar. BAYER und andere Unternehmen haben diese Einnahmen durch falsche Abrechnungen mit den „MediCaid“ gewährten Rabatten noch gesteigert (SWB 4/02). Nicht zuletzt deshalb könnte es für BAYER & Co.
mit den goldenen „MediCaid“-Zeiten bald vorbei sein. Der US-Bundesstaat Maine zog vor Gericht, um den Multis Abschläge auf den Großhandelspreis der Pharmazeutika in Höhe von 20 Prozent abzuverlangen - und bekam
erst-instanzlich Recht. Das Handelsblatt befürchtet schon „heftige Verluste“ für „Big Pharma“, sollten die weiteren Instanzen das Urteil bestätigen.
ADALAT-Streit: Gutachten stützt BAYER
Spanische GesundheitspolitikerInnen haben Arznei-Preise festgelegt, die deutlich unter denen in anderen europäischen Staaten erhobenen liegen, um
eine kostengünstige Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten sicherzustellen. Die Pharma-GroßhändlerInnen des Landes profitierten davon und exportierten unter anderem BAYERs ADALAT zu günstigen Konditionen ins
Arznei-Hochpreisland Großbritannien. Daraufhin belieferte der Leverkusener Chemie-Multi diese nur noch mit geringen Mengen. Die HändlerInnen klagten dagegen, und die EU-Kommission gab ihnen Recht. Sie belegte den
Konzern mit einer Strafe in Höhe von fast drei Millionen Euro ( Ticker 2/00). Ende Oktober 2000 hob der Europäische Gerichtshof dieses Urteil auf (Ticker 1/01). Die EU-Kommission legte Berufung ein. Der Gutachter
beim Europäischen Gerichtshof, Generalanwalt Antonio Tizzano, hat jetzt dafür plädiert, den Einspruch abzulehnen. Die RichterInnen brauchen dem Experten-Rat zwar nicht unbedingt zu folgen, haben dies aber bisher
zumeist getan.
Über 10.100 LIPOBAY-Klagen
Der BAYER-Cholesterinsenker LIPOBAY ist für den Tod von über 100 Menschen verantwortlich. Die Zahl der durch die Nebenwirkung „Muskelschwäche“
Geschädigten geht in die Zehntausende. Darum steigt die Zahl der Klagen ständig. Über 10.100 Schadensersatz-Forderungen sind bereits bei den Gerichten eingegangen.
FORSCHUNG & LEHRE
Mehr Markt-Forschung
Für Grundlagen-Forschung gibt es bei BAYER immer weniger Raum. Im Zuge der Umstrukturierungsmaßnahmen hat der Konzern auch die
Forschungsabteilungen in die Tochter-Gesellschaften BAYER CHEMICALS, BAYER CROPSCIENCE, BAYER POLYMERS und BAYER HEALTHCARE integriert. Dadurch „werden sie noch fokussierter und vor allem markt- und
kunden-orientierter ausgerichtet arbeiten können“, schreibt BAYERs Forschungschef Udo Oels in einem Beitrag für den Wirtschaftskurier. Die wissenschaftliche Basis-Arbeit sollen hingegen staatliche Institutionen für
den Leverkusener Chemie-Multi leisten. Grundlagen-Forschung wolle man zukünftig weitgehend über universitäre Einrichtungen laufen lassen, lässt sich dazu BAYER POLYMERS-Chef Hagen Noerenberg in der Fachzeitschrift
Process vernehmen.
SPORT & MEDAILLEN
Fußballer müssen sparen
Die Fußballer von BAYER LEVERKUSEN zeigten in der letzten Saison schlechte Leistungen und erreichten keinen europäischen Wettbewerb. Darum muss der
Verein nun 25 Millionen Euro einsparen. Den beim Club für die Finanzen zuständigen Wolfgang Holzhäuser hat die Konzern-Spitze als Spar-Kommissar vorgesehen. Eigentlich wollte dieser Präsident von Eintracht Frankfurt
werden, aber BAYER erteilte ihm keine Freigabe. Stattdessen stärkten die Konzern-Bosse seine Position gegenüber Reiner Calmund, dessen Krisen-Management bei den diversen Trainer-Wechseln zu Unmut in der Chef-Etage
geführt hatte.
KURZ VOR SCHLUSS
Schneider als Moralist
In einem Interview mit dem Handelsblatt äußerte sich der BAYER-Aufsichtsratschef Manfred Schneider kritisch zu den im „Corporate-Governance-Kodex“
zusammengefassten Benimm-Regeln für Konzerne. „Ethik und Moral müssen beim Management vorhanden sein. Wenn kriminelle Energien am Werk sind, hilft auch der beste Kodex nichts“, so Schneider. Damit spielte er
allerdings nicht auf BAYERs Unternehmenskriminalität an, wie sie sich zuletzt beim Betrug des US-Arzneiprogrammes für sozial Schwache, „MediCaid“, gezeigt hatte (SWB 4/02), der ehemalige BAYER-Chef bezog sich
vielmehr auf die US-amerikanischen Konzerne ENRON und WORLDCOM.
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