SWB 03/2003

Kurz vor Entscheidung über Zulassung von Gen-Pflanzen

Biotech-Industrie stürzt
britischen Umweltminister

Die USA drängen die EU, den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen zuzulassen. Als erstes europäisches Land könnte Großbritannien das Zulassungs-Moratorium aufheben. Der beliebte Umweltminister Michael Meacher, der eine kritische Haltung zur Gentechnik einnimmt, musste nun auf Druck von BAYER & Co. seinen Hut nehmen.

Von Philipp Mimkes

Die USA sehen in dem europäischen Moratorium für den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen einen Wettbewerbsnachteil für amerikanische Konzerne und haben bei der Welthandelsorganisation WTO Klage eingereicht. Ironischerweise dient dieses Vorgehen besonders den Interessen eines deutschen Unternehmens: dem Leverkusener BAYER-Konzern. BAYER ist seit der Übernahme von AVENTIS CROPSCIENCE größter europäischer Anbieter von Genpflanzen und selbst auf dem US-amerikanischen Markt die Nummer zwei (s. Tabelle).

Nach Angaben der britischen Zeitschrift Daily Telegraph hatte der Bayer-Konzern auch beim Sturz des britischen Umweltministers Michael Meacher Anfang Juni seine Finger mit im Spiel. Meacher, der als das "grüne Gewissen" der Regierung galt, war als profunder Kritiker genveränderter Nahrungsmittel bekannt und den Biotechnik-Firmen seit langem ein Dorn im Auge. Dr. Paul Rylott, Direktor der BAYER-Tochterfirma BIOSCIENCE und zugleich Vorsitzender der einflußreichen Industrievereinigung "Agricultural Biotechnology Council", hatte mit heftiger Kritik an seiner Amtsführung eine Diskussion um Meacher entfacht. Da Premierminister Tony Blair als uneingeschränkter Befürworter der Gentechnik gilt, hatte die englische Presse daraufhin offen über einen Sturz des Ministers spekuliert.

Meacher warf dem Regierungschef in einer ersten Reaktion vor, Hinweise auf Risiken gentechnisch hergestellter Lebensmittel systematisch zu ignorieren und zu vertuschen. "Niemand kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt garantieren, dass gentechnische Nahrungsmittel sicher sind - am allerwenigsten Tony Blair", so Meacher. Erst Anfang Juni hatte die britische Regierung einen "Gentechnikdialog" initiiert. Dieser soll bereits im Herbst eine Empfehlung darüber aussprechen, ob Großbritannien das erste europäische Land wird, in dem gentechnisch veränderte Pflanzen kommerziell angebaut werden dürfen. Die Entscheidung gilt, unabhängig vom Ausgang des WTO-Verfahrens, als richtungsweisend für den Umgang der EU mit Genpflanzen.

Der "Gentechnikdialog", der in ganz Großbritannien Diskussionsrunden zum Thema organisiert, wird von einem elfköpfigen Expertenteam geleitet - mit von der Partie: BAYER-Lobbyist Paul Rylott. Auch die Agriculture and Environment Biotechnology Commission, die die britische Regierung über Risiken der Gentechnik beraten soll, zählt BAYER-Funktionär Rylott zu ihren Mitgliedern.

Axel Köhler-Schnura von der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN: "Es ist kein Zufall, dass der Gentechnikkritiker Meacher just in dem Moment geschasst wird, in dem über die Zukunft gentechnisch veränderter Lebensmittel in England und in ganz Europa entschieden wird. Es ist erschreckend, dass die Macht des BAYER-Konzerns auch in England groß genug ist, um unliebsame Politiker auszubooten." Köhler-Schnura kritisiert, dass Industrievertreter in staatlichen Kommissionen sitzen, die über die Zukunft strittiger Fragen entscheiden. „Lobbyisten wie Paul Rylott sind demokratisch nicht legitimiert, daher dürfen sie auch keinen exklusiven Zugang zur Regierung besitzen“, so Köhler-Schnura weiter.

Auch Tony Jupiter, Direktor des größten britischen Umweltverbands "Friends of the Earth", kritisierte die Entscheidung Blairs: "Das Dialogforum zur Zukunft der Gentechnik in der Landwirtschaft ist noch keine drei Wochen alt - und schon wurde der einzige Minister entlassen, der für ein behutsames Vorgehen plädierte. Dieser Schritt nährt die Befürchtung, dass sich die Regierung über Bedenken in der Bevölkerung hinwegsetzen will." Die Mehrheit der britischen und europäischen Bevölkerung lehnt Gentechnik in Nahrungsmitteln ab. Die Bayer AG hingegen sitzt in den Startlöchern, um modifiziertes Getreide, Raps, Mais und Soja auf den Markt zu bringen.

Pflanze

gentechnische
Veränderung

Quelle
neuer Gene

Handelsname
Jahr der Zulassung

Raps

Resistenz gegen Herbizid Glufosinat

Bakterien
Viren

LibertyLink 2000

Raps

Sterilität zur Vereinfachung von Kreuzungen; Glufosinat-Resistenz

Bakterien

SeedLink 2000

Mais

Sterilität
Glufosinat-Resistenz

Bakterien
Virus

SeedLink

Mais

Glufosinat-Resistenz

Bakterien, Virus

LibertyLink

Mais

Glufosinat-Resistenz;
Einbau von Bt Toxin gegen Insekten (Europäischer Maisbohrer)

Baketerien
Virus

StarLink
1998 (nur für Viehfutter zugelassen)

Baumwolle

Resistenz gegen Herbizid Bromoxynil
Einbau von Bt Toxin gegen Insekten
 (cotton bollworm und tobacco budworm)

Bakterien

1998

Baumwolle

Resistenz gegen Herbizid Bromoxynil

Baketerien
Virus

BXN Cotton
1995

Soja

Glufosinat-Resistenz

Baketerien
Virus

1998

Zuckerrübe

Glufosinat-Resistenz

Baketerien
Virus

2000

In den USA zugelassene Gentech-Pflanzen von BAYER