SWB 04/2003

Geheim-Operation Genfood

Konzertierte Aktion von Bayer, Metro & Monsanto

von Jan Pehrke

„What we do - in every sense of the words - is this: Change Minds“ heißt es in der Selbstdarstellung von Manning Selvage & Lee (MS & L), einer der weltgrößten Werbeagenturen. Als Instrumente dazu hat sie für potentee Kunden unter anderem folgendes im Angebot: Krisen- Kommunikation, langfristige Öffentlichkeitskampagnen, Kontakte zu Politikern, Unterstützung bei Klagen, das Schmieden von Allianzen und vorgebliche „Grassroots“-Aktivitäten.

Auf kaum einem Gebiet sind solche Gehirnwäsche-Praktiken so gefragt wie auf dem der „grünen Gentechnik“. Allen Umfragen zufolge lehnt die Mehrheit der VerbraucherInnen das Frankenstein-Essen ab. Darüber hinaus üben Gentech-KritikerInnen mit diversen Aktionen gehörigen Druck auf die Branche aus. So folgten bislang über 170 Firmen dem Appell von Greenpeace, keine Lebensmittel mit Zutaten aus gen- manipulierten Pflanzen herzustellen oder zu verkaufen, darunter Coca Cola, Lindt und Lidl. Allein bei der Metro, zu der unter anderem die Supermarkt-Ketten Real und Extra, Kaufhof und die Marke TIP gehören, gingen 6.000 Postkarten mit der entsprechenden Forderung ein. Aber der Konzern ignorierte sie - nicht umsonst sitzt mit dem Bayer- Aufsichtsratsvorsitzenden Manfred Schneider der Repräsentant eines der mächtigsten Gen-Multis im Metro-Aufsichtsrat. Auf dem kurzen Dienstweg einigte man sich daher, eine Gegen-Bewegung zu initiieren und MS&L damit zu beauftragen, die „öffentliche Meinung zu ändern“. Ein erstes Strategie-Treffen fand am 15. September in der Düsseldorfer Zentrale des Handelsriesen statt. Außer VertreterInnen von Metro,
Bayer und MS&L nahmen Abgesandte von Monsanto und der Dölle Unternehmensberatung sowie ein Emissär vom „Bund für Lebensmittel- recht und Lebensmittelkunde“ teil.

Zunächst ging man ans „Allianzen schmieden“. Die Runde entschied sich, Kontakte zu Aldi und Tengelmann herzustellen und das Genfood- Netz europaweit auszubauen. Bayer & Co. setzten sich zum Ziel, auf dem „Euro Commerce“-Meeting Mitte Oktober internationale Supermarkt-Ketten wie Carrefour und Tesco einzubinden. Den Genfood-Standort Bundesrepublik beabsichtigen sie bei der Sitzung der „Bundesvereinigung bundesdeutscher Handelsverbände“ entscheidend zu stärken. Die dafür nötige Überzeugungsarbeit solle ein Konzept leisten, das schlüssig darlegt, „wie zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine zielführende Kommunikation zum Verbraucher aufgebaut werden kann“. Darin wollen die Gentech-Verkäufer Fragen wie „mit welchen Argumenten wird gearbeitet?“, „welche Medien werden genutzt“ und „welche finanziellen Mittel müssen bereitgestellt werden“ klären.

Bevor die Kampagne jedoch so richtig ins Laufen kam, geriet sie schon ins Stocken, weil Greenpeace Sand ins Getriebe streute. Der Organisation war nämlich ein Protokoll der Strategie-Sitzung vom 15. September zugespielt worden. Sie ging damit sogleich an die Öffentlichkeit und führte eine publikumswirksame Aktion vor einem Düsseldorfer Real-Markt durch. „Metro macht sich zum Handlanger der Gen-Industrie und täuscht seine Kunden“, sagte Greenpeaceler Alexander Hissting zur Begründung des Protest-Aktes. Die Metro legitimierte den Verzicht auf den Genfood-Verzicht dagegen gerade mit Aufrichtigkeit. Lebensmittel ohne Gentechnik könne sie beim besten Willen nicht mehr garantieren. Ein Sprecher des Handelsunternehmens wies auf Angaben des Verbraucherschutz-Ministeriums hin, wonach „60 bis 70 Prozent der auf dem Markt befindlichen Lebensmittel in irgendeiner Weise mit der Gentechnik in Berührung gekommen sind“. Auf Nachfrage von Greenpeace allerdings gab die zuständige Ministerin Renate Künast an, die Zahlen stammten so nicht aus ihrem Hause. Die „Gentechnik ist überall“-Bekundungen erweisen sich somit also als Teil einer auf „Widerstand ist zwecklos“ setzenden Produkteinführungs-
kampagne - „Friss oder Stirb!“.

Die letzten Gen-GAUs sowie die Aufdeckung des Genfood-Komplotts, die auch den letzten Glauben an die „Transparenz“-Beteuerungen der Gen-Multis zerstört haben dürfte, lassen jetzt hoffen, dass die VerbraucherInnen sich weigern, die Gen-Suppe auszulöffeln, die ihnen Bayer & Co. einbrocken wollen.