SWB 04/2003

BAYER demontiert die Säulen "Chemie" und "Kunststoff"

"wichtigste Entscheidung der Unternehmensgeschichte"

Die Zäsuren folgen bei BAYER in immer kürzeren Intervallen. Vor zwei Jahren nannte der Vorstandsvorsitzende Werner Wenning die Umstrukturierung zu einer Holding einen "Umbruch, tief greifender als jeder andere in der BAYER-Geschichte". Mitte November nun bezeichnet er die Trennung von der Chemie- und Kunststoff-Sparte als "eine der wichtigsten Entscheidungen der Unternehmensgeschichte". Sie markiert in der Tat einen Einschnitt. Nicht weniger als 20 Prozent der Konzern-Substanz stellt der Konzern damit zur Disposition. Die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) stimmte trotz drohender Arbeitsplatzvernichtung zu.

Laut Wirtschaftswoche wollte Werner Wenning BAYER schon vor zwei Jahren zerschlagen. Aber damals konnte er sich noch nicht gegen den Amtsvorgänger und Aufsichtsratsvorsitzenden Manfred Schneider durchsetzen. Erst die Umsatz-Einbußen verursachende und den Börsengang in den USA gefährdende LIPOBAY-Krise ermöglichte es ihm, die Weichen in die beabsichtigte Richtung zu stellen. Wenning formte den Konzern zu einer Holding mit den vier eigenständigen Gesellschaften "Chemie", "Kunststoffe", "Pharma" und "Landwirtschaft" um. Diese Struktur machte es dem Unternehmen bedeutend leichter, Sparten in Joint Ventures einzubringen oder ganz zu verkaufen. Für den nicht den hohen Rendite-Erwartungen entsprechenden Chemie-Bereich kündigte der BAYER-Chef dann auch gleich Kooperationen an, wobei der Multi sich sogar mit der Rolle als Junior-Partner zufrieden geben wollte. Im November 2002 gab Wenning gleiche Pläne für die Pillen-Abteilung bekannt.

Es geschah jedoch erst einmal nichts, was den Druck auf BAYER von seiten der Pensionsfonds und Finanz-AnalystInnen erhöhte. Schließlich aber wusste Wenning wiederum eine Krise zu seinen Gunsten zu nutzen. Im dritten Quartal 2003 machte der Konzern einen Verlust von 123 Millionen Euro. Dazu trug vor allem das Geschäft mit Kunststoffen aus der Massen-Produktion für die Auto-Industrie oder deren Zulieferer bei. Preisdruck infolge der weltweiten Überproduktion, höhere Rohstoff- Kosten und ein ungünstiger Dollar-Kurs waren die Ursachen. Wenning kam aus der Deckung und verkündete die Trennung von der Chemie- Sparte und Teilen des Kunststoff-Bereiches, die insgesamt 20.000 MitarbeiterInnen beschäftigen und 20 Prozent zum Gesamt-Umsatz beitragen. Zu "NewCo" vereint, wollte BAYER sie an die Börse bringen. BeobachterInnen sehen in diesem Vorgehen ein Indiz dafür, dass es Wenning & Co. vorher nicht gelungen war, Kauf-Interessenten zu finden, weil die ganze Branche unter ähnlichen Problemen leidet.

Jetzt bleiben BAYER drei Unternehmensteile. Im "Plaste"-Bereich hat der Konzern vor, sich künftig auf hochwertige - und hohe Renditen abwerfende - Spezial-Kunststoffe und -Lacke zu beschränken. Die Pharma-Abteilung behält der Konzern gezwungenermaßen, weil sich trotz intensiver Bemühungen kein Partner fand. "Wir wollen unseren Pharma-Bereich als mittelgroßes europäisches Pharma-Unternehmen positionieren", sagt Wenning nun und erwägt sogleich das Aus für die Forschungseinrichtungen im japanischen Kyoto und im US- amerikanischen West Haven. Weniger Globalisierung also für GLUCOBAY, ASPIRIN & Co. Als drittes Standbein firmiert die Landwirtschaftssparte, umgetauft in "Ernährung", was nach Meinung der Manager appetitlicher klingt als "Pestizide" oder "Gen-Pflanzen". Dieses neue "New BAYER" soll dann erstmal Bestand haben. Der Konzern werde sich künftig "ohne Wenn und Aber" auf Gesundheit, Ernährung und hochwertige Materialien stützen, beteuert Wenning, der schon viel beteuert hat.

Die IG BCE hat die Veränderungen - mit dem inzwischen schon habituell gewordenen Zähneknirschen - abgesegnet. "Das Herz sagt nein, der Kopf sagt ja", bekundet der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Erhard Gipperich und stellt die Zustimmung zum kleineren Übel als alternativlos dar. "Hätten wir uns verweigert, wäre es nach 2004 zu Entlassungen gekommen - im großen Stil", meint er. Mit der Versicherung, die "Standortsicherungsvereinbarung" bis Ende 2007 zu verlängern und 1.500 Arbeitsplätze weniger abzubauen als geplant, wenn die MitarbeiterInnen sich zu einem Gehaltsverzicht in Höhe von zehn Prozent bereit erklären, machte BAYER ihnen die bittere Pille erfolgreich schmackhaft. So fiel das Votum im Aufsichtsrat einstimmig aus. Umstritten war es aber dennoch. Der Betriebsrat Klaus Hebert-Okon etwa zeigte sich mit der Entscheidung nicht einverstanden und forderte andere Lösungen - und einen anderen Vorstandsvorsitzenden.

An den Standorten löste die Nachricht einen Schock aus. In Leverkusen gingen BAYER-Beschäftigte auf die Straße und forderten einen Erhalt der Chemie-Sparte. Der Bürgermeister der Nachbar-Gemeinde Leichlingen, Ernst Müller (SPD), erboste sich über die Unternehmens-
politik. Die Konzern-Herren dächten vorwiegend an das wirtschaftliche Wohl der Aktionäre, der Mensch spiele eine zunehmend untergeordnete Rolle, zürnte Müller.

Die Aktionäre rieben sich dann auch die Hände. Nach den entsprechenden Presse-Meldungen stieg die Aktie um acht Prozent. Nicht nur der womögliche Wegfall des nur Misch-Konzerne treffenden Konglomeratsabschlages löste bei den BörsianerInnen Kurs-Fantasien aus. Auch die Entsorgung von 1,5 - 2 Milliarden Euro Schulden bei der "NewCo", die BAYER in den Augen der Rating-Agenturen kreditwürdiger macht, und der zu erwartende Erlös durch die Aktien-Verkäufe stimmten sie hoffnungsfroh. Schließlich verkleinert sich der Konzern nur dem Augenschein nach, das Grundkapital hingegen schrumpft nicht, es wächst höchstwahrscheinlich sogar noch.

Dennoch gab es auch kritische Stimmen. Die Maßnahme sei nur aus der Not geboren, meinten einige. Hätte sich BAYER zum selben Zeitpunkt wie HOECHST von Unternehmensteilen getrennt, hätte der Konzern viel mehr Geld erlösen können, gaben sie zu bedenken. Zudem scheint sich just zu dem Zeitpunkt, als der Leverkusener Chemie-Multi es den anderen nachzutun gedenkt, der Kerngeschäfte-Trend zu wenden. Die Faz schreibt: "Dass eine Konzentration auf einzelne Segmente nicht immer einfach ist, zeigt sich derzeit gerade im Pflanzenschutz. 'Wenn das Geschäft nicht läuft, sieht man schnell alt aus'; sagte BASF-Chef Jürgen Hambrecht Anfang Oktober dieser Zeitung. Einige Unternehmen denken deshalb schon wieder über eine zweites Standbein für schlechtere Zeiten nach." Und die Zeit macht in der Wirtschaft eine Tendenz zur Wiedereingliederung zuvor ausgelagerter Betriebsteile aus. Wer von diesen "Wirtschaftsweisen" mit seinen Prognosen auch Recht behält, die Verlierer der Verabschiedung vom Vier-Säulen-Modell stehen jetzt schon fest: es sind die einer Arbeitsplatzvernichtung im großen Ausmaß entgegensehenden BAYER-Beschäftigten.

Von Jan Pehrke