|
Wallraffs unerwünschte Recherchen
Chemie-Waffen: tödliche Tradition bei Bayer
Von Jan Pehrke
Günter Wallraff hat mal wieder für einen Skandal gesorgt - nach Meinung eines Großteils der Medien diesmal aber für einen in eigener Sache. Als
inoffizieller Mitarbeiter der Stasi „hat er auch die Bayer AG ausspioniert“, schreibt etwa die Rheinische Post. Der Schriftsteller bestreitet das und stellt klar, er und der Chemiker Jörg Heimbrecht hätten in
den 70er Jahren lediglich Material aus DDR-Quellen als Grundlage für eigene Recherchen zu Forschungen an chemiewaffen-fähigem Substanzen bei Bayer und an bundesdeutschen Hochschulen benutzt. Für die als Ergebnis
dieser Arbeit unter anderem in der Zeitschrift Konkret publizierten Artikel interessierte sich niemand. Wallraff selber soll der Skandal sein, nicht aber der Leverkusener Chemie-Multi mit seiner bis in den Ersten
Weltkrieg zurückreichenden Chemiewaffen-Tradition.
Lange Chemiewaffen-Tradition Triumphierend hält die Stasi-Beauftrage
Marianne Birthler den Presse-Fotografen die mit einem „secret“-Vermerk versehene CD-Rom vor die Linsen, auf der die Wallraff angeblich belastenden Rosenholtz- Dateien gespeichert sind. Ebenso genüsslich präsentieren
die Zeitungen die vermeintliche IM-Akte des Schriftstellers mit der Registrier-Nummer XV/485/68. Die von Günter Wallraff und Jörg Heimbrecht ans Tageslicht geförderten Dokumente über die Bayer- Patente mit den
Nummern 1109680 und 3014943, nach denen auch die US-amerikanischen Kampfstoffe VX, VE, VM, VS und 33SN hergestellt sind, veröffentlichte hingegen kein Presse-Organ. Dass ein Unternehmen selbst nach 1945 nicht
radikal mit seiner im Ersten Weltkrieg begründeten Chemiewaffen-Tradition gebrochen hat, erschien nicht einem einzigen Journalisten als Skandal.
Die Bayer-Forscher Ernst Schegk, Hanshelmut Schlör und Gerhard Schrader haben die Patent-Schrift 1957 in der Bundesrepublik und 1959 in den
Vereinigten Staaten eingereicht. Es umfasst eine allgemeine Formel zur Herstellung von Phosphorsäureester-Insektiziden zum Einsatz gegen Fliegen, Milben und Blattläusen und gibt einige Verbindungen an. Für Menschen
seien sie angeblich ungefährlich. „Am meisten überrascht ihre bemerkenswert geringe Giftigkeit gegenüber Menschen“, schreiben die Chemiker. Überraschend wäre es zweifellos, wenn eine Chemikalien-Gruppe, von der eine
Verbindung in der Kriegswaffen- Verordnung von 1969 auftaucht, auf den menschlichen Organismus nicht toxisch wirken würde. Zu überraschend. Der schwedische Chemiewaffen-Forscher Lars Erik Tammelin attestiert den
Phosphorsäureestern eine Toxizität, die diejenige von Sarin oder Tabun weit übersteigt. Eben diesen Tammelin zitiert Schrader dann auch in seiner Schrift „Die Entwicklung neuer Phosphorsäureester“. Detailliert führt
der Bayer-Forscher darin aus, wie man aus der allgemeinen Formel umstandslos Stoffe mit hoher „Warmblüter-Toxizität“ gewinnt.
Der Leverkusener Chemie-Multi räumte 1984 in seiner Hauszeitschrift Bayer intern dann auch ein, daß es „innerhalb dieses Bayer-Patentes
(...) eine Übereinstimmung von Formeln mit einigen US-amerikanischen Kampfstoffen gibt“. Der Konzern bestritt jedoch, nach diesen Formeln selber Chemie-Waffen hergestellt oder das Recht dazu dem US-Militär gegen die
Zahlung einer Lizenz-Gebühr abgetreten zu haben. Wie es dennoch zur Produktion von VX-Waffen kommen konnte, erklärte der damalige Unternehmenssprecher Jürgen von Einem mit einem Ausnahme-Passus im US-amerikanischen
Patent-Recht. Wenn ein übergeordnetes patriotisches Interesse bestehe, erlaube es den zwangsweisen Zugriff auf das geistige Eigentum Dritter, ohne diese zu informieren und zu entschädigen. In dem Film „Der würgende
Tod“ widerspricht der Münchner Patentanwalt Dr. Rolf Wilhelms dieser Ansicht. Die entsprechende Regelung existiere zwar, werde aber nur äußerst selten in Anspruch genommen und sehe außerdem sehr wohl eine
finanzielle Kompensation etwa in Höhe der sonst üblichen Lizenz-Gebühren vor. In irgendeiner Weise dürfte Bayer also doch Kapital aus der Erfindung Schraders geschlagen haben.
„eine typisch deutsche Waffe“ Dieser Gerhard Schrader ist auf dem Gebiet
der Chemie-Waffen ein ausgewiesener Experte. Er hat im Zweiten Weltkrieg die chemischen Kampfstoffe Tabun und Sarin erfunden. Als eine Meisterleistung deutschen Geistes rühmte der damalige Aufsichtsratschef der von
Bayer mitgegründeten IG Farben, Carl von Krauch, die Entwicklung. „Die chemische Waffe ist auch vom Standpunkt ihrer Anwendung eine typisch deutsche Waffe, da sie der besonderen naturwissenschaftlichen Begabung der
Deutschen entspricht. (Die gewisse bestehende Diffamierung ist ein Zeichen sentimentaler Kritiklosigkeit)“, schrieb er 1938 in einem „Vorschlag zur Nutzbarmachung der deutschen Chemie für die Landesverteidigung“ an
die „Reichsstelle für Wirtschaftsausbau“.
Nach dem Ende des Dritten Reiches unternahmen die Alliierten nichts, um die Wissenschaftler mit den tödlichen Begabungen ihrer gerechten Strafe
zuzuführen. Sie versuchten vielmehr, von ihrem gefährlichen Wissen zu profitieren und sie abzuschöpfen. Die Militärs zog die ganze Wissenschaftselite der Nazis auf Schloss Kransberg im Taunus zusammen. Schrader,
Heinrich Hörlein und die übrigen Kollegen von der Dyhernfurther Chemiewaffen-Fabrik der IG Farben, deren Unterlagen später auch sowjetische WehrwissenschaftlerInnen systematisch auswerteten, stellten dabei das
größte Kontingent. „Die chemischen Nervenkampfstoffe stießen bei den Engländern und Amerikanern auf größtes Interesse, Vergleichbares besaßen sie in ihren Arsenalen nicht. Schrader und Konsorten mussten deshalb in
Kransberg bis in die kleinsten Details Aufzeichnungen über die Synthese ihrer Ultragifte anfertigen“, schreiben Egmont R. Koch und Michael Wech in ihrem Buch „Deckname Artischocke“ (siehe auch Menschenversuche
für die CIA, junge Welt vom 6. März 2003).
Schrader war den US-Experten sogar so wertvoll, dass sie ihn mit in die Vereinigten Staaten nahmen. In Diensten des „Chemical Corps“ der
US-Streitkräfte tat er dann genau das, was er während der NS-Zeit auch gemacht hat. In den 50er Jahren kehrte Schrader dann in die Bundesrepublik zurück - und zu Bayer. Seine Vergangenheit stellte für den
Leverkusener Chemie-Multi kein Wiedereinstellungshindernis dar. Wie sollte sie auch. Die Chemiewaffen-Forschung bei Bayer begann nicht mit Schrader, ihre lange Tradition setzte im Ersten Weltkrieg mit der
Entwicklung von Chlorgas, Phosgen und Senfgas ein. Und der damalige Bayer-Chef Carl Duisberg zeigte sich schon genauso begeistert über die Forschungen aus den Todes-Laboren wie später Carl von Krauch. Eine besonders
giftige Mischung bezeichnete er zynisch als „am köstlichsten“ und an anderer Stelle pries er den auf leisen Sohlen daherkommenden Chemie-Tod durch Dimelylsulfat: „Die Gegner merken und wissen gar nicht, wenn Gelände
damit bespritzt ist, in welcher Gefahr sie sich befinden und bleiben ruhig liegen, bis die Folgen eintreten.“
Giftlieferung auch im Vietnam-Krieg Auch die Hunderttausenden, die
während des Vietnam-Krieges in Kontakt mit den 44 Millionen Litern versprühter Pestizide kamen, wussten nicht, in welcher Gefahr sie sich befanden. Der damalige Bayer-Chef konnte über die Kriegsverwendungsfähigkeit
des Chemie- Sortiments also genau so stolz sein wie einst Duisberg und von Krauch.
Zu besonders trauriger Berühmtheit gelangte in dem Krieg die Agro-Chemikalie AGENT ORANGE, bestehend aus 2,4-D und 2,4,5-D. Die US-Armee nutzte den
dioxin-haltigen Stoff als Entlaubungsmittel, um die sich im Dschungel verborgen haltenden Vietcong besser vor die Zielfernrohre zu bekommen. 200.000 Vietnamesen waren der Substanz auf diese Weise insgesamt
ausgesetzt. 3.500 starben direkt; Unzählige erlitten schwere Gesundheitsstörungen. Und da AGENT ORANGE fruchtschädigend wirkt, sollten Familien über Generationen hinweg an den Folgen des Chemie-Krieges leiden - bis
heute. Nicht einmal die eigenen Truppen verschonte das Total-Herbizid. Viele GIs gerieten in das „friendly fire“ aus den Chemie-Labors. 15.000 von ihnen verklagten den Staat später auf Schadensersatz. Zudem
vergiftete das Entlaubungsmittel Tiere, Pflanzen, Böden und Flüsse; noch heute übersteigt die Dioxin-Belastung von Enten den Normalwert um den Faktor 3.000.
Bayer produzierte in der fraglichen Zeit von dem AGENT ORANGE- Bestandteil 2,4,5-D jährlich 700 bis 800 Tonnen und verkaufte einen Teil der
Produktion an die französische Firma Prodil. Die wiederum verarbeitete es weiter und lieferte es nach Vietnam. Ein Akten-Notiz der ebenfalls mit Prodil Geschäfte machenden Boehringer AG belegt dies: „Bayer und
Prodil haben auf dem 2,4,5-D-Sektor seit Jahren (Vietnam) zusammengearbeitet“. Das 2,4,5-D, von dem das Pentagon 1967 und 1968 in den USA alle Bestände aufkaufte, fand zusätzlich noch im Reinzustand Verwendung in
Vietnam. AGENT GREEN lautete seine Bezeichnung. Der für eine Organisation AGENT ORANGE-geschädigter Vietnam-Veteranen arbeitende Martin H. Kroll nennt in seiner Aufstellung der 58 im Krieg eingesetzten Chemikalien
unter AGENT GREEN deshalb auch Bayer als Hersteller. Darüber hinaus taucht der Leverkusener Chemie-Multi auf der Liste als Produzent von Zineb und Dalapon auf.
Experten von Bayer und HOECHST standen der US-Army aber auch direkt vor Ort mit Rat und Tat zur Seite, wie Seymour M. Hersh in seinem Buch
„Chemical and Biological Warfare“ mit Berufung auf einen Artikel der Eastern World schreibt. Als medizinische Helfer getarnt, arbeiteten sie dem US-amerikanischen Planungsbüro für B- und C-Waffeneinsätze in
Saigon zu. Die transatlantische Kooperation konnte sich dabei auf alte Verbindungen stützen: Die Abstimmung zwischen den US- amerikanischen und bundesdeutschen Chemie-Firmen übernahm die ehemalige IG Farben-Tochter
GENERAL ANILINE AND FILM CORPORATION. Der Zeitung zufolge stellte Bayer überdies in Spanien und Südafrika selbst chemische Kampfstoffe her - die autoritären Regierungsformen beider Länder dürften bei der
Standort-Wahl für ein so heikles Unternehmen wohl eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben.
Anlagen in den Iran exportiert Selbst die alten Bayer-Formeln erfreuten
sich bei den Kriegsherren der Welt in den letzten Jahrzehnten noch großer Beliebtheit. Ägypten setzte im Jemen-Krieg Phosgen und Lost ein. Der Irak bekämpfte 1987/88 aufständische Kurden mit Tabun, Sarin und S-Lost.
Dieselben Substanzen verwendete das Land im Krieg gegen den Iran als Waffen.
Der Iran seinerseits begann in den achtziger Jahren mit Planungen zu einem großen Chemie-Komplex mit angeschlossener Pestizid- Produktion nahe der
Stadt Ghaswin - an das Anwendungsgebiet „Landwirtschaft“ haben die Politiker in den Kriegszeiten kaum vorrangig gedacht. 1984 verkaufte Bayer dem Iran Lizenzen zur Fertigung von Azinphos-Methyl und Fenitrothion,
einer chemiewaffen-fähigen Substanz aus der berühmt-berüchtigten Gruppe der Phosphorsäureester. Die Aufsichtbehörden genehmigten den Deal, rieten dem Konzern aber von weiteren Geschäften im Zusammenhang mit
Ghaswin ab. Der Leverkusener Chemie-Multi hielt sich nicht daran. Ab 1987 lieferte er eine Anlage zur Pestizid-Produktion in den Iran. Für alle Bauten konnte der für die technische Koordination in Ghaswin zuständige
LURCHI- Konzern Genehmigungen vorlegen, nur für die Bayer-Fabrik nicht - aus gutem Grund. „‚Das Endprodukt‘ könnte‚ auch zur Bekämpfung von Warmblütern‘ eingesetzt werden und ‚damit als Kampfgas dienen‘“, zitierte
der Spiegel aus einem Schreiben der Kölner Oberfinanz- Direktion (2). Die Behörden leiteten aus diesem Grund Ermittlungen ein. Ende 1989 führten Fahnder Razzien in den Dormagener, Leverkusener und Monheimer
Bayer-Niederlassungen durch und stellten drei Dutzend Ordner mit Konstruktionsplänen sicher. Der Staatsanwalt stellte das Verfahren später ein - wie so viele mit Bayer auf der Anklagebank.
Ein weiteres Verfahren droht dem Pharma-Riesen seit diesem Jahr. Der US-amerikanische Anwalt Ed Fagan kündigte eine Sammelklage von
Apartheidsopfern gegen Bayer und andere Chemie-Unternehmen an, weil sie dem Regime das AGENT ORANGE verkauften, das es gegen Mitglieder des Afrikanischen Nationalkongress (ANC) einsetzte. Bayer stritt ab, der
südafrikanischen Regierung die Chemikalie, die das Land zusätzlich noch in den Kriegen gegen Namibia, Angola und Mosambik versprühte, geliefert zu haben.
In anderen Zusammenhängen steht der Konzern freilich selbstbewusst zu seiner fast 100-jährigen Erfahrung auf dem Gebiet des Chemie-Todes. Mit dem
Slogan „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ bewarb er in Südamerika Pestizide. Diese „Meisterschaft“ hat Günter Wallraff lediglich mit ein paar Beispielen illustriert. Das reichte für eine beispiellose
Schmutz-Kampagne gegen ihn.
Zitate (1) Supergift Dioxin, Hans Dieter Degler (Hg.), S. 80
(2) Spiegel 48/1989
|