SWB 01/2004

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

seit langem tritt die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) gemeinsam mit den KRITISCHEN AKTIONÄRINNEN UND AKTIONÄREN sowie anderen Bündnis-Partnern für die Liquidierung der IG FARBEN und für die Verwendung des Firmen-Kapitals zur Entschädigung der ZwangsarbeiterInnen ein. Eigentlich sollte die IG FARBEN i. A. (in Auflösung) als Rechtsnachfolger des von BAYER, BASF und HOECHST gegründeten Mörder-Konzerns IG FARBEN schon kurz nach dem Krieg aufgelöst werden. Die Allierten spalteten die IG in ihre früheren Bestandteile auf und übertrugen der Rest-Gesellschaft nur den übrig gebliebenen Besitz. Diesen hatte das Unternehmen so schnell wie möglich zu verkaufen, um mit dem Erlös die 83.000 IG-ZwangsarbeiterInnen zu entschädigen. Aber die Abwicklung wurde eine unendliche Geschichte. Die Liquidatoren fanden immer neue Wege, vermeintliche Rechtsansprüche geltend zu machen und mit Klagen die Auflösung hinauszuzögern. Zudem nutzten sie das Firmen-Konstrukt für windige Privat-Geschäfte und bereicherten sich damit an dem eigentlich den ZwangsarbeiterInnen zustehenden Geld.

Im November 2003 meldeten die Zeitungen dann das Ende der IG FARBEN i. A.. Hat die Kampagne also letztlich doch Erfolg gehabt? Das ist leider nicht der Fall, denn die IG hat Insolvenz angemeldet. Damit werden die ehemaligen Sklaven-ArbeiterInnen leer ausgehen, denn der Konkurs-Verwalter dürfte das Rest-Vermögen zur Schulden-Tilgung verwenden. Darüber hinaus bestehen berechtigte Zweifel daran, dass die Gesellschaft nicht in irgendeiner Form weiterbesteht.

Makabererweise könnte ausgerechnet die von der IG FARBEN zur Entschädigung der KZ-Opfer gegründete Stiftung, die noch keinen Cent ausgezahlt hat (!), das Überleben der Firma sichern. Die Stiftung ist nämlich nicht von der Insolvenz betroffen. Und wie der Spiegel meldete, wollen IG-AktionärInnen sie als Rechtsform dazu nutzen, finanzielle Ansprüche gegenüber der schweizer UBS-Bank geltend zu machen. Als einen dieser Unermüdlichen nennt das Magazin den extrem rechten Düsseldorfer Millionär Bolko Hoffmann. Er ist Herausgeber des Effekten-Spiegel und hat unlängst zusammen mit dem Hamburger Rechtsaußen Roland Schill die Partei "Pro Deutsche Mitte/Schill" gegründet. Eine bisher nicht näher bekannte Aktionärsgruppe hat im Februar den als Vertreter von ZwangsarbeiterInnen bekannt gewordenen US-Anwalt Edward Fagan beauftragt, Klage gegen die UBS einzureichen. Von den reklamierten 35 Milliarden Dollar sollen die ZwangsarbeiterInnen dann ein Drittel bekommen. Die IG FARBEN i. A., die im Faschismus 83.000 ZwangsarbeiterInnen geknechtet und sich stets erfolgreich Entschädigungsansprüchen verweigert hat, instrumentalisiert jetzt also die KZ-Opfer zur Bemäntelung ihrer Profit-Interessen! Eine nun schon mehr als 60 Jahre währende Kontinuität der Menschenverachtung.

Jan Pehrke, Coordination gegen BAYER-Gefahren