SWB 01/2004 - Ticker

PROPAGANDA & MEDIEN

BAYER will sich selbst kontrollieren
BAYERs Pharma-DrückerInnen arbeiten mit allen Mitteln, um MedizinerInnen für die Produkte des Konzerns einzunehmen. Sie bestechen sie mit Geld, kostbaren Geschenken oder teuren Reisen. In Portugal bedachte der Leverkusener Chemie-Multi rund ein Zehntel der Ärzteschaft mit Urlaubstrips oder finanziellen Zuwändungen (SWB 4/01). Zeitungsberichte über diese Machenschaften ließen die Wellen der Empörung hochschlagen. Um eventuellen gesetzlichen Maßnahmen zuvorzukommen, kündigte der von BAYER gegründete “Verband der Forschenden Arzneimittel-Hersteller” (VFA) im Februar 2003 die Gründung des Vereins “Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittel- Industrie e. V.” an. Er hat einen Verhaltenskodex für den Umgang mit ÄrztInnen aufgestellt. Falls ein Unternehmen sich nicht an diese Regeln hält, drohen ihm Sanktionen. Mehr als ein PR-Coup stellt diese Initiative aber nicht dar, denn mit sauber verdientem Geld könnten BAYER & Co. ihre Rendite-Ziele kaum erreichen.

VFA startet PR-Offensive
Der von BAYER gegründete “Verband der Forschenden Arzneimittel- Hersteller” (VFA) startet eine groß angelegte PR-Offensive. Die ca. 30 Millionen Euro teure Kampagne soll nicht etwa die Gesundheitspolitik der Bundesregierung kritisieren. Die Initiative setzt auf das Positive. Sie will die angeblich großen Forschungsleistungen der Pharma-Riesen herausstreichen und so den Schulterschluss mit der “Innovationsoffensive” von Bundeskanzler Gerhard Schröder suchen. Dass Werbe-Fachleute das Image einer erfindungsreichen Branche kreieren müssen, hat einen Grund: Seit Jahren bringen BAYER & Co. nämlich kaum noch wirklich neue Präparate auf den Markt. Sie begnügen sich zumeist mit der Markt-Einführung von Schein- Innovationen, geringfügig in ihrer Rezeptur veränderten Medikamenten-Oldies.

“Tierfreundschaftsmonat” September
Gesundheitsaktionen im Verbund mit MedizinerInnen, Apotheken und Krankenkassen zu Themen wie “Diabetes” dienen dem Leverkusener Chemie-Multi zur Verkaufsförderung seiner Produkte auf dem jeweiligen Gebiet. Jetzt überträgt der Konzern diese Werbe-Strategie auch auf den Veterinär-Bereich. In Kooperation mit vielen Tierarzt-Praxen rief das Unternehmen den September 2003 zum “Tierfreundschaftsmonat” aus. Vier Wochen lang konnten Tier-BesitzerInnen ihre Lieblinge untersuchen lassen. Besonderes Augenmerk ließ der Gen-Gigant die Veterinär- MedizinerInnen dabei auf Ungeziefer-Befall legen, weil er hier die entsprechenden Gegenmittel bereit hält. Das Ganze war noch nicht mal kostenlos - eine von BAYER zugesicherte Spende an einen Tierschutzverein sollte die TierfreundInnen erweichen. Als werbe- wirksames Aushängeschild der Kampagne diente die TV-Moderatorin Alida Gundlach.

“Presse-Club” von BAYER HEALTH CARE
“BAYER schreibt, JournalistInnen sorgen für die Veröffentlichung”- so lautet die Devise von “Vita.vita”, dem “Presse-Club” von BAYER HEALTH CARE. Das Internet-Portal hält “alles Interessante” über die Sparte bereit, praktischerweise schon fertig in Geschichten verpackt. Die SchreiberInnen brauchen also nur noch downzuloaden, um sich Arbeit zu ersparen und BAYER kostenlose, als journalistische Beiträge getarnte Werbung zu ermöglichen. Zu allem Unglück will der Pharma-Riese darüber hinaus auch Treffen mit “MeinungsbildnerInnen” aus Medizin, Wirtschaft und Wissenschaft vermitteln und den Medien- VertreterInnen so “Impulse für die eigene Arbeit” geben - bis sie gar nichts Eigenes mehr haben.

BAYER & Co. schmieren JournalistInnen
Da die Pharma-Multis für verschreibungspflichtige Arzneien nicht werben dürfen, versuchen sie die Öffentlichkeit für ihre Produkte einzunehmen, indem sie die Berichterstattung lenken. Sie schmieren JournalistInnen, laden sie zu dreitägigen Trips an den Comer See ein (inklusive einem halbstündigen Vortrag über einen Hustensaft) oder zahlen Zeitungen Geld für den Abdruck von PR-Artikeln. Die Sendungen des ZDF-Doktors Dr. Günter Gerhardt “sponsoren” BAYER & Co. sogar mit jeweils mehreren zehntausend Euro. Die das ZDF mit dem Großteil der Medizin-Sendungen beliefernde Produktionsfirma MEDI-CINE geht ganz offen mit dieser Einflussnahme um. “Durch eine Kooperation mit starken Partnern (ZDF, Medizinische Fachgesellschaften, Ärzte-Verbände) und mit Unterstützung eines Pharma-Unternehmens soll ein Gesundheitsthema nachhaltig ins Gespräch gebracht werden”, zitiert die Süddeutsche Zeitung aus einem Konzept für einen Beitrag. Das ging dann sogar den Verantwortlichen im Sender zu weit. Chef-Redakteur Nikolaus Brender mahnte, Medizin-Sendungen sollten nicht “Ziel und Transportmittel von Werbung” sein und setzte das Thema auf die Tagesordnung des Fernsehrats.

Apotheken zeichnen BAYER aus
Der Leverkusener Chemie-Multi verwendet viel Mühe darauf, die ApothekerInnen möglichst eng an den Konzern zu binden. Da die Qualität der BAYER-Arzneien dafür nicht ausreicht, ködert er die PharmazeutInnen unter anderem mit günstig zu leasenden Autos für die Medikamenten-Auslieferung, preiswerten Handy-Verträgen, kostengünstigen Fahrrädern und Kaffee-Maschinen. Diese Arbeit zahlt sich aus. Im Oktober zeichnete der europäische Apotheken-Verband BAYER aus. Der Konzern biete die besten Arzneimittel, die der Apotheker gerne seinen Kunden empfehle, zitierte der Pharma-Riese aus der Laudatio.

Herz-Stiftung empfielt ASPIRIN
Großzügig unterstützt BAYER Selbsthilfe-Gruppen und Medizin- Organisationen (siehe auch SWB 3/01). Diese bedanken sich dann gerne durch Medikamenten-Empfehlungen für die Wohltaten. Obwohl die herzinfarkt-vorbeugende Wirkung von ASPIRIN unter Fachleuten umstritten ist, pries sie der als Vorsitzender der “Deutschen Herz- Stiftung” amtierende Professor Hans-Jürgen Becker an. “Als Vorsorge- Medikament ist und wird es von großem Nutzen sein”, so Becker.

Digitale LEVITRA-Werbung
BAYER nutzt das Internet intensiv, um seine Potenz-Pille LEVITRA zu bewerben. Unter der Web-Adresse “www.mann-intakt.de” veröffentlicht der Leverkusener Chemie-Multi konzern-finanzierte Studien mit den entsprechend positiven Ergebnissen und hält für MedizinerInnen einen “ExpertInnen-Rat” bereit. Der Pharma-Riese kaut den ÄrztInnen mit einem Leitfaden sogar vor, wie sie ein PatientInnen-Gespräch zu führen haben. Andere Interessierte können online einen Test zu Erektionsstörungen machen, die gemäß der BAYER-These ausfallen, 20 Prozent der bundesdeutschen Männer würden an Potenz-Störungen leiden. Von den Nebenwirkungen des Mittels wie Kopfschmerzen, Gesichtsrötungen, Nasenschleimhaut-Entzündungen, Grippe-Symptome und Verdauungsbeschwerden erfahren die SurferInnen auf der Seite hingegen nichts.

Ex-AgentInnen in BAYER-Diensten
BAYER & Co. haben das Chemikalien-Gesetz der EU, das über 70.000 niemals getestete chemische Substanzen erstmals auf ihre Gefährlichkeit hin untersuchen wollte, durch Extrem-Lobbying in entscheidenden Punkten abschwächen können. Um ein entsprechendes Vorhaben in den USA zu verhindern, will das “American Chemistry Council” (ACC), das in dem Land die Interessen von BAYER, BASF, DUPONT, MONSANTO und anderen vertritt, sogar einen “Informationskrieg” führen. Mit der Planung der Kampagne hat der Verband die Werbe-Agentur NICHOLS-DEZENHALL beauftragt, die eine Reihe ehemaliger FBI- und CIA-AgentInnen beschäftigt. Dementsprechend schreckt sie vor keinem schmutzigen Trick zurück: Bespitzelung von Umwelt-AktivistInnen, Gründung von Pseudo- Bürgerinitiativen, Einflussnahme auf JournalistInnen, Präsentation von verharmlosenden Umwelt-Studien usw. (siehe SWB 1/04).