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Beitrag veröffentlicht im “Jahr: 2006

[Terminator] STICHWORT BAYER 01/2006

CBG Redaktion

Bayer & Co. machen Druck

Das Terminator-Comeback

Nur massive öffentliche Proteste bewogen die Agromultis im Jahr 2000 zu einem Verzicht auf die Vermarktung von Terminator-Saatgut. Ihre Strategie, LandwirtInnen mittels gentechnisch steril gemachter Pflanzen an einer Wiederaussaat zu hindern und sie so zu stetigen Neukäufen zu zwingen, scheiterte einstweilen. Nun aber erscheint Bayer & Co. die Zeit reif für „Terminator II“. Die auch von der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN unterstützte Kampagne „Freie Saat statt tote Ernte“ will das Comeback vereiteln.

Von Jan Pehrke

Das 1991 vom Europäischen Patentamt in München bewilligte und neun Jahre später erweiterte Patent mit der Nummer „EP 41 2006 A 1991-02-06“ trägt den Titel „Pflanzen mit modifizierten Blüten, Samen oder Embryos“. Es spricht dem Antragsteller geistiges Eigentum an einem Gen für weibliche Sterilität zu, das unfruchtbare Samen produziert. Bei diesem „Schutzbrief“ handelt es sich nach Recherchen der Initiative „Kein Patent auf Leben“ um das erste Patent für Terminator-Saatgut. Mit dem Kauf von AVENTIS CROPSCIENCE im Jahr 2001 ging es in den Besitz von BAYER über, dem mittlerweile achtgrößten Saatgut-Konzern der Welt.
Die Entwicklung des Unfruchtbarkeitsgens bedeutete für die Agroriesen einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Weg, sich die Erde untertan zu machen und die sie bewirtschaftenden LandwirtInnen in ihre Abhängigkeit zu zwingen. Hatten diese über Jahrhunderte hinweg einen Teil ihrer Ernte einbehalten, um sie im Frühjahr wieder auszusäen, so verwehrte ihnen die sterile Labor-Schöpfung ein solches Vorgehen. Fortan hatten sie immer neues Saatgut zu kaufen. Einmal mehr war es den Konzernen gelungen, die agrarische Wirtschaftsweise zu unterminieren und mit ihrer eigenen kurzzuschließen. Robert Fraley, Manager des sich Mitte der 90er Jahre nach einer Geschäftskrise wieder stabilisierenden Agrar-Multis MONSANTO bekannte sich ganz offen zu dieser Strategie. „Was wir vor uns haben, ist nicht nur eine Konsolidierung von Saatgut-Unternehmen, sondern tatsächlich eine Konsolidierung der gesamten Nahrungskette“, schrieb er in der Farm Journal-Ausgabe vom Oktober 1996. Und die „European Seed Association“ als europäischer Pflanzenzüchter-Dachverband lässt auch keinen Zweifel daran, welches geschäftliche Interesse er vornehmlich verfolgt, nämlich dasjenige, den LandwirtInnen die Verfügungsgewalt über ihr Saatgut zu nehmen.
Einen wichtigen Durchbruch auf diesem Gebiet erzielte das Big Business bereits 1905 mit der Züchtung von Hybrid-Saatgut für Mais. Aus der Kreuzung einer weiblichen Linie, die unfruchtbares männliches Erbgut in sich birgt, mit einer männlichen Linie entstanden Inzucht-Produkte, die sich in der nächsten Generation wieder in die Ausgangssorten aufspalten. Von „geschlossenen Stammbäumen“ sprechen da die Agrar-IngenieurInnen. Bei einer Wiederverwendung müssen die LandwirtInnen erhebliche Ertragsverluste in Kauf nehmen. Alsdann sicherten sich die Konzerne durch Patente den privatwirtschaftlichen Zugriff auf die Natur. Nur durch Copyright-Rechte, die eine exklusive Vermarktung ermöglichen, können Pflanzen für BAYER & Co. nämlich zur Ware werden.
Den Global Players dieses Recht zu gewähren, hieß, die Ansprüche der LandwirtInnen zu beschneiden. So fiel 1991 das Landwirte-Privileg, das den Bauern und Bäuerinnen das unbeschränkte Recht über das Saatgut gewährte. Ab 1997 schließlich stand das Wiederaussäen sortengeschützter Ackerfrüchte sogar unter Strafe, sollten die LandwirtInnen keine Nachbaugebühren an die Saatgut-Firmen zahlen.
Aber all das reichte der Agrarindustrie noch nicht. Die Gewinnung von Hybrid-Saatgut gestaltete sich ihnen zu aufwändig. Die Züchter waren gezwungen, lange Reihen mit weiblichen Pflanzen neben solchen mit männlichen Pflanzen anzulegen und auf die Bestäubung zu warten. Bei der „Ernte“ mussten dann die Samen mühsam aus den weiblichen Blüten herausgeklaubt werden. Das war arbeits- und kostenintensiv, weshalb dabei nicht nur die Zulieferer von BAYERs indischer Saatgut-Tochter PROAGRO auf Kinderarbeit zurückgriffen (SWB 4/05). Darüber hinaus setzten besonders die FarmerInnen in der „Dritten Welt“ aus Mangel an ökonomischen Alternativen die hybriden Samen trotz magerer Ernten immer wieder aus.
Auch die Nachbau-Gebühren flossen nicht eben reichlich. Bauernschläue fand immer wieder eine Möglichkeit, sie zu umgehen und die alten Traditionen fortzusetzen. Und vor einem Bauernpolizeistaat auf dem flachen Lande schrecken die Multis dann doch zurück, zumal bereits die Lizenzzahlung für das Saatgut bei den Betroffenen unangenehme Assoziationen an längst vergangene feudale Zeiten weckten, wo die LandwirtInnen den Gutsherren noch Zehnten zu entrichten hatten.
Vor all dieser Unbill schützt die Konzerne das sterile Saatgut „ab Werk“. Die Terminatoren schließen einen Nachbau nämlich von vornherein aus. Insbesonders für die FarmerInnen der „Dritten Welt“ hat das fatale Konsequenzen. Kaum über Kapital verfügend, greifen 90 Prozent von ihnen auf Saatgut aus eigener Ernte zurück. In der Bundesrepublik tun dies nach Angaben der ARBEITSGEMEINSCHAFT BÄUERLICHE LANDWIRTSCHAFT immerhin noch 35 bis 50 Prozent. Entsprechend groß war die Empörung über die kalte Enteignung. Diese zwang die Gengiganten schließlich dazu, Abbitte zu leisten. Andernfalls hätten sie womöglich die ohnehin schon von Akzeptanz-Problemen geplagte „grüne Gentechnik“ ganz abschreiben müssen. Der freiwilligen Selbstverpflichtung zum Verzicht auf das sterile Saatgut folgte im Mai 2000 ein bindendes Gebot. Die Biodiversitätskonferenz der Vereinten Nationen verfügte ein Moratorium, bis Klarheit über die gesundheitlichen, entwicklungs- und umweltpolitischen Implikationen der Terminator-Technologie besteht. Eine von ihr eingesetzte ExpertInnen-Kommission sollte dafür sorgen.
In den Laboren von BAYER & Co. ging die Arbeit trotz der verkündeten Abstinenz munter weiter. Die Agrar-IngenieurInnen entwickelten mit den „t-Gurts“ sogar eine neue Terminator-Generation. Sie verfügen über einen eingebauten Ein- und Ausschalter für Fruchtbarkeit, der über einen äußeren Reiz, etwa durch ein Antibiotikum, umgelegt werden kann. Auch der Leverkusener Multi hatte etwas in petto, weshalb er gemeinsam mit anderen Konzernen über ihren internationalen Saatguthersteller-Verband „International Seed Federation“ Druck machte, um eine Aufhebung des Moratoriums zu erreichen. BAYER plant nämlich, Pflanzen gentechnisch zu kleinen Chemiefabriken umzurüsten. Aus diesem Grund hat der Agroriese erst im Januar die auf diesem Gebiet arbeitende Firma ICON GENETICS aus München gekauft, die unter anderem ein Patent auf Arzneistoffe und Feinchemikalien produzierende Pflanzen hält. Und für einen kommerziellen Anbau dieser BAYER-Botanik führt an der Terminator-Technologie kein Weg vorbei, ansonsten würde der Pollenflug aus den Äckern veritable Apotheken und Chemie-Lager machen.
Perfiderweise werben die Multis bei ihrer neuerlichen Produkteinführungskampagne gerade mit diesem Sicherheitsargument. Das ist zwar Zynismus pur, hat aber Methode. Hatten die Agroriesen einst die Gentechnik als Allheilmittel gegen die Überdosis Chemie und andere Risiken und Nebenwirkungen der zuvor von ihnen eifrig betriebenen „grünen Revolution“ gepriesen, so verkaufen sie jetzt die Terminator-Technologie als Patentrezept gegen die Einkreuzungen von Gen-Pflanzen in konventionelle Sorten, eine Tatsache, die Konzerne zuvor immer heftig bestritten hatten.
Auf solch fadenscheinige Begründungen allein mochten BAYER & Co. dann auch nicht vertrauen. Sie sicherten sich stattdessen mal wieder politischen Beistand. Die erste Adresse, die mit dem Agro-Business in vielfältiger Weise verbandelte US-Regierung, stand diesmal als Ansprechpartner nicht zur Verfügung, da die Vereinigten Staaten das Biodiversitätsabkommen der Vereinten Nationen nicht mit unterzeichnet hatten und somit von den weiteren Verhandlungen ausgeschlossen waren. Aber Bush tat trotzdem alles in seiner Macht stehende und bat Kanada um Nachbarschaftshilfe. Das Land kam dem Ersuch gerne nach und legte sich mächtig ins Zeug. Schon Monate vor den UN-Konferenzen bearbeiteten seine DiplomatInnen vor allem die PolitikerInnen der „Entwicklungsländer“. Sie wedelten mit viel Geld und sicherten bei entsprechendem Wohlverhalten tatkräftige Unterstützung bei der Implementierung der Terminator-Technologie zu. Darüber hinaus gelang es Kanada, die sehr kritisch ausgefallene Risikofolgenabschätzung der UN-ForscherInnen auf das institutionelle Abstellgleis zu schieben. So blieben die Warnungen der WissenschaftlerInnen vor einer Bedrohung der Nahrungsmittelsicherheit, einem Absterben der Artenvielfalt auf den Feldern und vor dem Verschwinden traditioneller Ackerwirtschaft ebenso ungehört wie die inzwischen auch publik gewordenen beunruhigenden Hinweise von MedizinerInnen das allergene Potenzial der Terminator-Pflanzen betreffend.
Noch in diesem Jahr entscheidet sich, ob Kanada als Klassensprecher der Konzerne „Terminator II“ durchzusetzen im Stande ist, oder ob es der Kampagne „Freie Saat statt tote Ernte“ und ihren internationalen Kooperationspartnern gelingt, den Start des Sequels zu verhindern. Ein erstes Zusammentreffen auf der Biodiversitätskonferenz im spanischen Granada endete mit einem Punktsieg der Antiterminatoren. Die Konferenz empfahl eine Beibehaltung des Moratoriums, ließ den Gentech-Unternehmen mit Formulierungen wie einem „Fall zu Fall-Risikomanagement“ allerdings einige Hintertüren offen. Ob BAYER & Co. durch diese schlüpfen und sie als Lizenz für Freisetzungsversuche interpretieren können, wird vielleicht schon das nächste Meeting Ende März, spätestens aber die Vollversammlung der Unterzeichnerstaaten der Biodiversitätskonvention im Mai zeigen. Vor der „Freie Saat“-Initiative, welche die bundesdeutschen PolitikerInnen zum ersten Mal im Januar mit einer Aktion vor dem Reichstag für ihre Ziele zu gewinnen suchte, liegt also noch viel Arbeit.

Weitere Informationen: www.freie-saat.de; www.banterminator.org

[Leverkusen] Eine Großstadt ohne Mittelstand

CBG Redaktion

Von Siegfried Grass, Handelsblatt

Jahrzehntelang profitierte Leverkusen davon, schließlich entpuppte sich die Monokultur als Nachteil: Die Stadt am Rhein ist abhängig vom Wohl und Wehe eines einzigen Unternehmens: des Chemiekonzerns Bayer. Wenn Bayer keine Gewerbesteuern mehr zahlt, gehen in dem einst reichen Leverkusen die Lichter aus.

HB LEVERKUSEN. „Der Leverkusener Chemiekonzern Bayer profitiert von der Globalisierung. Doch die Stadt Leverkusen bleibt lokal.“ Was der Stadtkämmerer Rainer Häusler mit prägnanten Worten formuliert, bedeutet für den Haushalt der Chemiestadt am Rhein ein Desaster. Weil die Gewerbesteuereinnahmen der einst so reichen Gemeinde seit 2001 dramatisch eingebrochen sind, kann der Stadtrat praktisch keine Beschlüsse mehr fassen, die mit Ausgaben verbunden sind. Das Zahlenwerk, das einen Etat von rund 500 Mill. Euro beschreibt, hat die Überschrift „Nothaushalt“. Statt einst 125 Mill. Euro Gewerbesteuereinnahmen muss Leverkusens Finanzwart mit 40 Mill. Euro kalkulieren. Mit über 14 Prozent Arbeitslosenquote liegt Leverkusen über dem Landesdurchschnitt.

Angesichts solcher Zahlen wirkt das Ergebnis einer Studie, wonach Leverkusen unter den produktivsten Standorten Deutschlands den zweiten Platz (nach München-Land) belegt, wie Hohn. Aber genau die dramatischen Restrukturierungs- und Sanierungsmaßnahmen der Weltunternehmen am Ort – der Bayer AG und der Bayer-Ausgliederung Lanxess AG – haben zu dem guten Platz in der Hitparade der ergiebigsten Standorte geführt. Der Abbau der Arbeitsstellen in Zahlen: 16 000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse sind in Leverkusen verloren gegangen. Das brachte der Rheingemeinde den wenig rühmlichen Titel „Stadt der Jobkiller“ ein.

Die meisten Stellen fielen bei Bayer weg, wenn die Betroffenen in der Regel auch mit ordentlichen Abfindungsangeboten meist komfortabel in den vorzeitigen Ruhestand geschickt wurden. Allerdings sind auch Firmen wie Agfa, Eumuco, Wuppermann oder Textar von der Leverkusener Bildfläche verschwunden bzw. haben kräftig Jobs gestrichen. Und noch immer verschwinden jährlich rund 2000 Jobs in der Chemiemetropole. Etwa, wenn die Deutsche Bahn ihr Ausbesserungswerk im Stadtteil Opladen dichtmacht. Verständlich, wenn dann der oberste Kassenwart im Leverkusener Rathaus beklagt, dass die Stadt im Rahmen des Solidarausgleichs an die neuen Bundesländern alleine über 100 Mill. Euro in den letzten Jahren überwiesen hat: „Wenn man dann noch liest, dass die Hälfte dieses Geldes am Bedarf vorbei läuft, dann kann man angesichts unserer eigenen Nöte schon aufgebracht sein.“

Leverkusens jahrzehntelanger Vorteil wurden binnen weniger Jahre zum folgenschweren Nachteil: die Monokultur. Bayer hat seine größte Umbauphase und seinen größten Skandal („Lipobay“) gerade hinter sich. Während wesentlich kleinere Gemeinden in der Nachbarschaft über Jahre wehmütig auf den Krösus blickten, können sie dank ihrer mittelständisch geprägten Wirtschaft heute mit ihren kontinuierlich fließenden Gewerbesteuereinnahmen kalkulieren. Leverkusen muss dagegen sparen. Gutachter des Beratungsunternehmens Kienbaum nahmen in der Stadt ohne Mittelstand – und ohne richtiger Stadtmitte – alles unter die Lupe und stellten einen umfangreichen Streich- und Sparkatalog zusammen. Die Leverkusener müssen sich von über Jahre lieb gewonnenen Einrichtungen verabschieden. Angesichts eines aktuellen Schuldenstandes von 150 Mill. Euro macht der Kämmerer keine Hoffnung auf Besserung: „Ende des Jahres werden wir wohl 200 Mill. Euro erreicht haben.“

Kinderarbeit

CBG Redaktion

Presse-Mitteilung des Eine Welt Netz NRW zur Bayer Hauptversammlung

Kritischer Bericht zu Kinderarbeit bei Bayer-Zulieferern in Indien

Köln, 28.04.2006 Das Eine Welt Netz NRW protestiert auf der heutigen Jahreshauptversammlung von Bayer dagegen, dass auch in der letzten Erntesaison indische Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren auf Baumwoll-Farmen arbeiten mussten, die für die BAYER-Tochter ProAgro Saatgut produzieren. Bayer hatte im Vorfeld der Jahreshauptversammlung 2005 versprochen, mit einem Aktionsplan dafür zu sorgen, dass keine Kinder mehr auf besagten Baumwoll-Farmen arbeiten müssen. Dies wurde noch nicht zufriedenstellend umgesetzt, wie der Wissenschaftler Dr. Davuluri Venkateswarlu vom Glocal Research Institut in Hyderabad bestätigte. Nach der aktuellen Erhebung vom Januar 2006 arbeiten noch 450-500 Kinder auf den Feldern. Sie müssen bis zu 12 Stunden am Tag in der Sonne arbeiten und dürfen selbst dann nicht vom Feld gehen, wenn giftige Pestizide versprüht werden.
Das Thema BAYER und Kinderarbeit zieht immer weitere Kreise: Einige Finanzinstitute wie Ethix und SAM, zuständig für den Dow Jones Sustainability Index, mehrere kirchliche Investoren, wie die Schwedische Kirche, sowie der Norwegian Government Petroleum Fund, der nach eigenen Angaben 0,77% der BAYER-Aktien hält, wandten sich mit kritischen Nachfragen zum Thema Kinderarbeit an Nichtregierungsorganisationen, einige auch direkt an BAYER. Eine Beschwerde gegen BAYER wegen Verletzung der OECD-Leitlinien für multinationale Konzerne im Fall Kinderarbeit wird zur Zeit beim Bundeswirtschaftsministerium bearbeitet.
Das Eine Welt Netz NRW steht seit längerem zum Thema Kinderarbeit mit BAYER im Dialog. „Nach unseren Erfahrungen ist das Engagement der Konzerne umso ernsthafter, je mehr sich die Öffentlichkeit für die Lebenssituation der Produzenten und Zulieferer in fernen Ländern interessiert“, sagt Jens Elmer vom Eine Welt Netz NRW. „Die bereits erfolgte Reduzierung der Kinderarbeit bei Bayer-Zulieferern ist auf den Druck von Nichtregierungsorgnisationen aus Deutschland zurückzuführen“ so Dr. Davuluri Venkateswarlu.
Eine Studie von Dr. Davuluri Venkateswarlu und der Universität Oxford vom Oktober 2005 untersucht den Zusammenhang von Kinderarbeit und Abnahmepreisen, die Bayer den Farmern zahlt: BAYER ist bereit, 5 Prozent mehr zu zahlen. Doch eine Steigerung der Abnahmepreise um 37 Prozent wäre nötig, damit Farmer Erwachsene einstellen und den Arbeitern Mindestlöhne zahlen könnten. Recherchen der Studie zufolge ließen die hohen Gewinnmargen in der Branche diese Steigerung auch zu. BAYER lehnt eine weitere Erhöhung der Abnahmepreise mit dem Argument ab, es gebe keinen Zusammenhang zwischen Abnahmepreisen und der Abschaffung der Kinderarbeit. Die Studie dagegen sieht in den niedrigen Abnahmepreisen den Hauptgrund für die Kinderarbeit. Ohne die Zahlung höherer Abnahmepreise bestehe die Gefahr, dass weitere Maßnahmen des Aktionsplanes wie Aufklärungsarbeit und unangemeldete Kontrollen wirkunglos seien.

Weitere Informationen: Jens Elmer: 0163 / 588 26 38, Udo Schlüter: 0251 / 28 46 69-11

[Fußball] Fußball-Abteilung

CBG Redaktion

26.04.2006 - Stern

Bundesligist Bayer Leverkusen macht weiter Verluste

Hamburg (ots) - Der skandalgeplagte Erstligist Bayer 04 Leverkusen
macht weiter Verluste. Das berichtet das Hamburger Magazin stern in
seiner neuen Ausgabe. Im Geschäftsjahr 2005 schrieb die
Fußballabteilung des Pharmakonzerns Bayer AG operativ ein Minus von
knapp fünf Millionen Euro. Mit diesem Ergebnis liege die
Fußball-Firma allerdings „voll im Fünf-Jahres-Sanierungsplan“, sagte
Bayer-04-Manager Wolfgang Holzhäuser zum stern. Nach seinen Angaben
sollen spätestens mit der Saison 2007/2008 wieder schwarze Zahlen
erwirtschaftet werden.
Bayer 04 Leverkusen, gegen dessen langjährigen Manager Reiner Calmund
derzeit die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue
ermittelt, war 2003 in eine schwere Krise geraten und konnte wohl nur
durch hohe zusätzliche Finanzspritzen des Mutterkonzerns Bayer AG vor
dem finanziellen Kollaps gerettet werden. Wie Bilanzunterlagen des
Vereins zeigen, schloss die Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH ihr
Geschäftsjahr 2002/2003 mit einem Verlust von gut 42 Millionen Euro
ab. Die Bankschulden lagen derzeit bei 60,6 Millionen Euro.
Erst durch eine Umschuldung der Millionenkredite innerhalb der Bayer
AG, die Vorveräußerung künftiger potenzieller Transfer-Erlöse an eine
Bayer-Tochter für 37,3 Millionen Euro, sowie die Abgabe der
Namensrechte an dem Stadion an das Pharma-Unternehmen für rund 36
Millionen Euro konnte der Fußball-Betrieb aufrecht erhalten werden
„Wir mussten von den Krediten runter, bevor die Überschuldungsfrage
sich stellte“, gibt Manager Holzhäuser heute zu. Alle
„Sondermaßnahmen zur Sanierung“, hätten rund 100 Millionen Euro
betragen.
Pro Saison zahlt der Sponsor Bayer AG ohnehin schon 25 Millionen Euro
als so genanntes Imagegeld an die Kicker-Abteilung. Dieser Zuschuss
soll auch in Zukunft bestehen bleiben.

[Schering] STICHWORT BAYER 01/2006

CBG Redaktion

BAYER + SCHERING = - 6.000 Jobs

Pharmadeal mit Nebenwirkungen

Ende März 2006 kaufte der Leverkusener Multi den Berliner Pillen-Produzenten SCHERING für 16.3 Milliarden Euro. Und wie im Wirtschaftsleben üblich, ist das neue Pharma-Ganze weniger als die Summe seiner Teile: BAYER-Chef Werner Wenning kündigte als „Synergie-Effekt“ den Wegfall von 6.000 der 60.000 Arbeitsplätze an.

Von Jan Pehrke

Mit immer weniger Beschäftigten machen die DAX-Unternehmen immer mehr Profit. Durchschnittlich um 30 Prozent stiegen ihre Erlöse im Geschäftsjahr 2005. BAYER lag noch über 100 Prozent darüber und erhöhte den Gewinn von 0,685 Millarden auf 1,597 Millarden Euro. Da fragt sich natürlich: Wohin mit dem Geld? Der Leverkusener Multi tat es EON, LINDE und BASF nach und ging erst einmal auf Shopping-Tour. Ende März erstand er den Berliner Arznei-Hersteller SCHERING. Er überbot den ebenfalls interessierten MERCK-Konzern um 1,7 Milliarden und bekam für 16,3 Milliarden den Zuschlag. Soviel zahlte der Leverkusener Multi noch nie in seiner Firmengeschichte für eine Übernahme.

Im Zuge des LIPOBAY-Skandals hatte er zur Stärkung der angeschlagenen Pillen-Sparte schon einmal einen SCHERING-Kauf erwogen. Der Vorstand entschied sich dann aber doch für ein defensives Krisenmanagement und begann mit dem Rückbau des Gesundheitsbereiches zu einem „mittelgroßen europäischen Pharma-Unternehmen“. Mit dem neuen Deal ist diese Strategie passé. Zum Umsatz von 3,8 Milliarden mit ASPIRIN & Co. kommen jetzt noch 9,1 SCHERING-Milliarden dazu, womit die Arzneimittel-Abteilung sich zur größten innerhalb des Konzerns auswächst und BAYER von Rang 14 auf Rang 12 der Global Player in diesem Segment vorrückt.

Die Berliner machten ihr Geld als die globale Nr. 1 im Markt-Segment „Verhütungsmittel“ sowie mit den umstrittenen Hormon-Präparaten für Frauen in den Wechseljahren und hatten unter anderem Mittel zur Behandlung von Krebs, Mulipler Sklerose, Herz- und Blutkrankheiten im Angebot. Rückschläge in der Forschung hatten den Aktienkurs fallen lassen und SCHERING zu einem Übernahme-Kandidaten gemacht. Die Vorstandsetage legte als Reaktion darauf ein Kostensenkungsprogramm auf und strich 2.000 Arbeitsplätze. Aber wie so oft zahlte sich dieses Opfer für die Belegschaft nicht aus. Die Bosse verkauften schließlich doch, und Wenning als neuer Hausherr kündigte als erste Amtshandlung weitere Rationalisierungsmaßnahmen an. 6.000 der 60.000 Stellen will er streichen. MERCK hätte sich mit einem Minus von 3.000 bis 4.000 Stellen begnügt, aber die von vielen ExpertInnen als überhöht angesehenen Kosten für den Deal haben halt ihren Preis ...

Die SCHERING-Beschäftigten reagieren entsprechend. „Die Stimmung ist beschissen. Wie soll sie auch sein, wenn angekündigt wird, dass 6.000 Stellen gestrichen werden sollen“, sagte ein beim Gebäudemanagement-Mitarbeiter einem Journalisten der „Welt am Sonntag“. Für den Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Norbert Deutschmann stehen die Gewinner und Verlierer ebenfalls fest. „Die Gewinner sind die Besitzer großer Aktienpakete, diejenigen, die zuletzt noch spekulativ eingestiegen sind, und die Investmentbanken. Verlierer werden erst einmal die Arbeitnehmer sein, in beiden Unternehmen“, so Deutschmann gegenüber der Berliner Zeitung. Sein BAYER-Kollege Thomas de Win stimmte dem Deal dagegen zu: „Wir begrüßen die Transaktion“. Er bezeichnet die Arbeitsplatzvernichtung zwar als „großes Problem“, bekundet aber, damit leben zu können, zumal BAYER die Abwicklung „sozialverträglich“ gestalten will. Nicht einmal das ist allerdings gesichert. In einem Interview ließ Wenning die Frage unbeantwortet, ob es zu betriebsbedingten Kündigungen komme.

Die BELEGSCHAFTSLISTE, eine alternative Gruppe innerhalb der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) im Wuppertaler BAYER-Werk enthielt sich in ihrer Presseerklärung einer eigenen Stellungnahme. Sie sondierte stattdessen die Gemütslage der Beschäftigten und machte ein Meinungsspektrum aus, das von Zustimmung bis zu Ängsten reicht. Zu denen sahen angesichts der Stellenstreichorgie auch die BELEGSCHAFTLER Anlass. Sie fürchten um das Überleben der bislang 19 Produktionsstandorte im Allgemeinen und um das Wuppertaler Pharmazentrum im Besonderen, da das Management eine Verlegung des Health-Care-Hauptsitzes nach Berlin angekündigt hat. Deshalb fordert die Liste von BAYER eine Bestandsgarantie für Wuppertal sowie die Zusage, bis Ende 2012 auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten.

Die BASIS-BETRIEBSRÄTE, eine andere alternative IG-BCE-Gruppe, haben unter den Beschäftigten sowohl Optimismus als auch Besorgnis und sogar Panik ausgemacht und reihen sich in die Fraktion der Besorgten ein. Um der Belegschaft eine Möglichkeit zum Austausch und vielleicht sogar zum gemeinsamen Handeln zu bieten, haben sie MitarbeiterInnen-Treffs eingerichtet.

Die dritten im Alternativ-Bunde, die KOLLEGEN UND KOLLEGINNEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, veröffentlichen in ihrem Flugblatt vom März 2006 keinen Artikel zum SCHERING-Thema, geben aber einem Beschäftigten Gelegenheit, seiner Verärgerung über den Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Thomas de Win Ausdruck zu verleihen. „Also was macht unser oberster Interessensvertreter? Zuerst begrüßt er mit dem obersten Boss des Unternehmens dessen Absichten, um uns die Suppe auslöffeln zu lassen, die er uns eingebrockt hat. Das ist keine Interessensvertretung, sondern Co-Management, wie es im Buche steht“, ereifert sich der Mann. Dieser Kritik schließt sich eine Beschäftigte im Internet-Forum der BASIS-BETRIEBSRÄTE an. „Die Politiker Merkel und Wowereit schreien auf, weil es wieder 6.000 Arbeitsplätze mehr gibt, und was macht unser Betriebsratsvorsitzender de Win? Der jubelt mit Wenning und sagt: ‚Wir machen weiter wie bisher und bauen sozialverträglich ab‘“, schreibt die Frau.
Nach Schätzungen der IG BCE plant Bayer, hierzulande „auf die nette Art“ 600 Jobs zu streichen - eine sehr optimistische Schätzung. Die vom Unternehmen angegebenen Baustellen für den Kahlschlag, Verwaltung und Forschungseinrichtungen, sind nämlich zum großen Teil in der Bundesrepublik angesiedelt und entsprechend gefährdet. Zudem will der Global Player zur Finanzierung der Übernahme seine Gesellschaften HC STARCK und WOLFF WALSRODE abstoßen. Nach Lage der Dinge werden wohl bei einem Finanzinvestoren landen, wobei kaum alle aus der Belegschaft an Bord bleiben dürften.

Diese Aussichten bewogen sogar Angela Merkel, einzugreifen. Sie ersuchte Werner Wenning um ein Gespräch und appellierte schon im Vorfeld an ihn, die „Anpassung“, wie die Bundeskanzlerin die Arbeitsplatzvernichtung nennt, doch bitte nicht zu Lasten bundesdeutscher Arbeitsplätze vorzunehmen.

Wie patriotisch oder unpatriotisch BAYER den Stellenabbau letztendlich vornimmt, dürfte allerdings nur Standort-PolitikerInnen interessieren. Auf die Beschäftigten kommen in jedem Fall harte Zeiten zu. Ihnen steht im Zuge der Fusionskonfusion ein gnadenloser Ausscheidungswettkampf bevor. Er vergiftet das Betriebsklima, lässt so die Arbeitsleistungen sinken, produziert 6.000 Überflüssige und setzt die Übriggebliebenen einem erhöhten Druck aus.

Aber die Belegschaften sind nicht die einzigen Übernahme-Verlierer. Auch die Finanzminister schauen in die Röhre, denn BAYER & Co. dürfen hierzulande steuerfrei einkaufen. „In Deutschland können als einzigem Industrie-Land der Welt alle Ausgaben (auch Schuld-Zinsen für Beteiligungen) de facto voll steuerlich abgesetzt werden“, lüften Lorenz Jarass und Gustav M. Obermair in ihrem Buch die „Geheimnisse der Unternehmenssteuern“. BAYERs Finanzabteilung hat auch schon mal durchgerechnet. Mit jährlichen Abschreibungen in Höhe von 800 Millionen bis 2016 will sie die Finanzämter düpieren. Am Stammsitz Leverkusen schreibt der Kämmerer den Multi schon seit einiger Zeit ab. Dank des Erwerbs der rezeptfreien ROCHE-Medikamente und der Landwirtschaftssparte von AVENTIS zaubert der Konzern Verlustvorträge und Ähnliches aus dem Hut und zahlt dort seit fünf Jahren kaum noch Gewerbesteuer.

Bei solchen Steuergesetzen, die überdies zu einem Gutteil hausgemacht sind - BAYERs ehemaliger Finanzchef Heribert Zitzelsberger war unter Rot-Grün als Eichels Staatssekretär so nett - musste der Konzern natürlich zugreifen. Der Multi hat auch nicht viele Wachstumsalternativen. Nirgendwo außer in China tun sich neue Absatzmärkte auf, in den Hochpreis-Pillenparadiesen Japan und Vereinigte Staaten sieht sich der Konzern politischem Druck gegenüber, und aus den eigenen Arznei-Laboren hat er auch keine Blockbuster zu erwarten. So entschloss er sich einfach, Umsatz dazuzukaufen und die Profite durch Rationalisierungsmaßnahmen zu erhöhen. Von 19 auf 25 Prozent will Wenning die Umsatzrendite bei dem neu zusammengesetzten Pharmariesen steigen sehen.

[Schering] Übernahme Schering

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
Presse-Info vom 24. März 2006

Verkaufs-Verhandlungen von Bayer und Schering:

„Keine Übernahme zu Lasten der Belegschaft“

Hintergrund: Pharmadeal mit Nebenwirkungen

Kritiker des Bayer-Konzerns lehnen den Kauf der Schering AG ab, sofern dieser zu Lasten der Belegschaft geht. Axel Köhler-Schnura von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Wir lehnen steigende Profite auf Kosten von Arbeitsplätzen ab. Die Pharma-Industrie sollte sich darauf konzentrieren, wirksame und ungefährliche Produkte anzubieten.“ Bayer-Chef Wenning hat im Fall einer Übernahme von Schering den Wegfall von 6.000 Stellen angekündigt - dadurch soll der Gewinn vor Steuern von 19% auf 25% steigen. „Das Geld für die Übernahme nimmt BAYER auch aus den Rationalisierungsprogrammen der vergangenen Jahre, die gerade im Pharma-Bereich Tausende Arbeitsplätze gekostet haben“, so Köhler-Schnura weiter. Insgesamt ist die Zahl der Beschäftigten des Bayer-Konzerns in den letzten zehn Jahren von über 140.000 auf heute knapp 94.000 gefallen.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren dokumentiert seit 25 Jahren Mißstände, die von dem Leverkusener Konzern ausgehen. In den Gegenanträgen des Vereins zur Bayer-Hauptversammlung am 28. April wird insbesondere die seit Jahren zu beobachtende Ausgliederung und Schließung von Betriebsteilen kritisiert.

In der Kritik stehen auch risikoreiche und unnütze Pharmaprodukte des Unternehmens. So gehen laut einer kürzlich veröffentlichten Studie von dem Bayer-Präparat Trasylol erhebliche Gesundheitsgefahren aus - die Nebenwirkungen reichen von Nierenversagen über Schlaganfälle bis zu Herzinfarkten. Der Verzicht auf die Arznei könnte laut Aussage der Autoren jährlich rund 10.000 Menschen den Ausfall der Nieren ersparen. Eine Reihe weiterer Bayer-Pharmazeutika wie Glucobay, Adalat, Lipobay und Phenylpropanolamin werden als weitgehend überflüssig bewertet bzw. mussten wegen tödlicher Nebenwirkungen vom Markt genommen werden.

28.03.06, dpa

„Bürde für die Arbeitnehmer“

Schering-Übernahme: Betriebsrat legt sich quer

Die Mitarbeiter-Vertretung des Pharmakonzerns fordert wegen des drohenden Stellenabbaus bei einer Übernahme durch Bayer Klarheit für die Beschäftigten.
„Der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen wäre ein positives Signal„, heißt es in einer Erklärung. Die von Bayer angedeutete Streichung von weltweit 6000 Stellen sei eine „Bürde für die Arbeitnehmer“. Die Bundesregierung will mit Blick auf einen Erhalt der Standorte und Arbeitsplätze „zu gegebener Zeit im Gespräch mit den beiden Unternehmen sein“, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm.

Hohe Finanzierungskosten durch Übernahme
Wenn der Vorstand unter dem Dach von Bayer eine gute Zukunft sehe, „müsse das für die Mitarbeiter anfassbar werden„, sagte der Chef des Betriebsrats am Berliner Schering-Stammsitz, Norbert Deutschmann. Mit Sorge sähen die Arbeitnehmervertreter die hohen Finanzierungskosten, die durch Einsparungen wieder hereingeholt werden müssten. „Mit Befremden stellen wir fest, dass die eigentlichen Nutznießer dieses Übernahmepokers Besitzer großer Aktienpakete, Spekulanten und Investmentbanken sein werden.“ Zudem sei der „Wunschtraum unserer Mitarbeiter, die Unabhängigkeit zu erhalten“ nun ausgeträumt.


Frankfurter Rundschau

Globale Kür, lokale Pflicht

Schering-Übernahme kostet 6000 Arbeitsplätze, lautete die Schlagzeile in der vergangenen Woche. Man könnte hinzufügen, 6000 Arbeitslose kosten Staat und Steuerzahler etwa zwölf Millionen Euro pro Monat. Nun bedeutet der erwähnte Synergieeffekt der geplanten Übernahme durch Bayer nicht unbedingt, dass genau so viele Fusionsopfer im Nürnberger Melderegister auftauchen. Mancher junge Spezialist mag sofort eine neue Stelle finden, mancher altgediente Experte findet im Vorruhestand seine Alternative zum Berufsleben. Doch ob Arbeitslosen- oder Rentenversicherung - stets ist die öffentliche Hand mit dabei, wenn es gilt, die Risiken und Folgen unternehmerischen Handelns zu sozialisieren.

Seit Anfang des Jahres häufen sich die Meldungen über geplante Elefantenhochzeiten in der Preisklasse über fünf Milliarden Euro. Ob Eon, BASF oder Linde - keiner will beim Schweinsgalopp der Gigantomanen zurückbleiben. Die Reservespeicher der Konzernbilanzen sind voll wie Onkel Dagoberts Geldbunker. Mit den Moneten in Arbeit schaffende Erweiterungen zu investieren, liegt aber nicht im Interesse der machtmaximierenden Manager.

Fusionen vernichten und schaffen Jobs - der Saldo ist offen. Wenn dadurch Absatz im Ausland akquiriert wird, mögen die inländischen Belegschaften auch davon profitieren, wenn aber das konzerninterne Standort-Messen die billigste Belegschaft sucht, ziehen die “Mitarbeiter" den Kürzeren. Globales Denken ist die Kür der Kosmopoliten in den Multis - ein neuer Arbeitsplatz in Asien ist für sie ebenso gut wie einer in good old Germany - nur billiger. Neben der Kür der Globalisierung gibt es aber noch die Pflicht.

Sie besteht sowohl gegenüber den Beschäftigten als auch gegenüber den fünf Millionen Arbeitslosen hier zu Lande. Die deutsche Wirtschaft hat fast alles, was sie sich wünscht: eine ihr genehme Regierung, tarifpolitisch
saft- und kraftlose Gewerkschaften, eine niedrige Steuerquote und dicke Gewinne zumindest in der Firmen-Oberklasse. Was fehlt, ist ein Stück Verantwortung für das lokale Gemeinwohl. VON ROLAND BUNZENTHAL

[CO2 Emissionen] STICHWORT BAYER 01/2006

CBG Redaktion

BAYER: weiterhin hohe Treibhausgas-Emissionen

Mogelpackung Klimaschutz

Der BAYER-Konzern untermauert sein vorgebliches Umwelt-Engagement mit seinen Anstrengungen für den Klimaschutz. Das Unternehmen habe „die Emissionen in den vergangenen 15 Jahren weltweit um über 60 Prozent reduziert“ heißt es in den Umweltberichten. Eine genauere Analyse zeigt jedoch, dass die Senkung des CO2-Ausstoßes größtenteils auf den Verkauf einer Unternehmensbeteiligung und den gestiegenen Fremd-Bezug von Energie zurückzuführen ist. Dies schönt die Konzernbilanz, hilft aber dem Klima in keinster Weise. BAYER lenkt davon ab, dass das Unternehmen nach wie vor zu den größten Produzenten von Treibhausgasen in Deutschland gehört und wenig für realen Klimaschutz getan hat.

von Philipp Mimkes und Prof. Jürgen Rochlitz

Seit den 70er Jahren kritisieren UmweltschützerInnen die von dem BAYER-Konzern ausgehenden ökologischen Probleme. Neben den Emissionen in Luft und Wasser, der Abfall-Produktion und dem gewaltigen Verbrauch von Wasser und Energie gefährden langlebige Produkte wie PCB, Pestizide, Weichmacher und Chlororganika die Umwelt.

Um das zwischenzeitlich stark gesunkene Ansehen in der Öffentlichkeit aufzubessern, wurde der Konzern in verschiedenen Bereichen aktiv. So startete BAYER Kooperationen mit „glaubwürdigen Partnern“ wie den Vereinten Nationen, der Weltgesundheitsorganisation, der UN-Umweltbehörde UNEP, Universitäten und medizinischen Einrichtungen. Der Multi wurde Mitglied in „grünen“ Unternehmerverbänden wie dem World Business Council for Sustainable Development, der Business Action for Sustainable Development oder dem Forum Nachhaltige Entwicklung. Spenden von BAYER gehen an WissenschaftlerInnen, karitative Einrichtungen, Selbsthilfegruppen und sogar Umweltverbände. Der Konzern flankiert all diese Aktivitäten mit umfangreicher Öffentlichkeitsarbeit, um besonders solche Bereiche, in denen das Unternehmen in der Kritik steht, positiv zu besetzen.

Die gesamten Ausgaben für solche goodwill-Aktivitäten liegen bei einigen Millionen Euro jährlich und damit im Promillbereich des Konzerngewinns – wobei zu beachten ist, dass BAYER seine Steuerlast in den vergangenen Jahren durch „kreative Buchhaltung“ um Milliardenbeträge gedrückt hat.

Vorreiter beim Klimaschutz?
Nachdem BAYER längere Zeit bei seiner Außendarstellung die Mitwirkung im UN Global Compact in den Vordergrund rückte, wird in den Publikationen des Konzerns seit rund zwei Jahren der „nachhaltige Beitrag zum Klimaschutz“ an erster Stelle genannt. Weder im Geschäftsbericht noch auf der homepage sowie in zahlreichen Pressemitteilungen fehlt der Hinweis auf die „Vorreiterrolle bei der Reduktion der Emissionen, durch die der Konzern sowohl die nationalen als auch die internationalen Zielvorgaben bereits heute übertroffen hat“.

Präzisiert wird dies im Bayer-Nachhaltigkeitsbericht 2004 , wo es heißt: „Konzernweit wurde die direkte Emission klimarelevanter Gase seit 1990 deutlich über 60% reduziert“ – von 15,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent (1992) auf 5,4 Mio Tonnen (2003). Der CO2-Ausstoß sank von 10,1 auf 5,2 Mio Tonnen, darüber hinaus wurde die Emission klimaaktiver Gase (im wesentlichen Lachgas Distickstoffoxid oder N2O) stark reduziert. Damit habe „der Bayer-Konzern das Ziel einer 50-prozentigen Verringerung der direkten Emission von Treibhausgasen von 1990 bis zum Jahre 2010 bereits Ende 2002 übertroffen“. Die Datenerhebung sei zudem „von unabhängigen Gutachtern überprüft und attestiert worden“.

Rechentricks durch Auslagerungen
Bei genauerer Betrachtung der Daten zeigt sich jedoch, dass der Rückgang der Emissionen im wesentlichen auf drei Entwicklungen beruht, von denen nur eine tatsächlich ökologisch relevant ist:

1. Im Jahr 2001 wurde eine 50%-ige Beteiligung an der EC Erdölchemie verkauft. Die Erdölchemie hatte fast ein Viertel der Produktionsmenge des BAYER-Konzerns ausgemacht und war für einen CO2-Ausstoß von 3,1 Mio to pro Jahr verantwortlich. Diese Emissionen wurden also nicht eingespart, sondern nur umgebucht - auf das Konto des neuen Besitzers BP.
2. Der Fremdbezug von Energie ist im Berichtszeitraum stark gestiegen - während BAYER im Jahr 1992 noch 83 Prozent seines Energiebedarfs in Form von Elektrizität und Dampf selbst erzeugte, waren es zehn Jahre später nur noch 58 Prozent. Die restlichen 42 Prozent bezog der Konzern von externen Anbietern, weshalb die bei der Erzeugung anfallenden CO2-Emissionen auch nicht mehr in BAYERs Klimabilanz auftauchen.
3. Noch 1990 emittierte der Konzern jährlich rund 16.000 Tonnen des extrem klimaschädlichen Lachgases. Diese Menge konnte er bis heute um 90% reduzieren.

Nur die von Umweltschützern seit langem geforderte Reduktion des Lachgas-Ausstoßes ist also tatsächlich ökologisch hilfreich. Die Emissionen der Erdölchemie fallen weiterhin an, ebenso die der Energie-Zulieferer. Die von Unternehmens-Sprechern behauptete Verringerung der Emissionen beruht also zum größten Teil auf Umstrukturierungen und veränderter Buchhaltung - was dem Klima zwar nichts nutzt, aber die BAYER-Bilanz besser aussehen lässt.

Kritik auch von Unternehmensberatung
Sogar die – eigentlich konzernfreundlichen – Unternehmensberatungen ARTHUR D. LITTLE und DR. HARDTKE monieren die geschönte Darstellung in ihrer Beurteilung des BAYER-Nachhaltigkeitsberichts: „Zusätzlich zum Energieverbrauch werden auch die CO2-Emissionen berichtet. Allerdings ist diese Information von begrenzter Relevanz, weil Emissionen aus der Produktion extern erzeugter Energie nicht berücksichtigt werden und die berichtete Reduzierung zum Teil aus dem zunehmenden „Out-sourcing“ der eigenen Energieerzeugung resultiert.“

Erst beim näheren Hinsehen erschließt sich also, was BAYER mit dem Ausdruck „direkte Emissionen“ meint. Die für den Klimaschutz einzig relevante Größe – der CO2-Ausstoß in der gesamten Produktionskette – wird nicht angegeben und lässt sich aus den bereitgestellten Daten auch nicht ermitteln. Gegenüber der Presse wird die sprachliche Unterscheidung zwischen „Emissionen“ und „direkten Emissionen“, die den meisten LeserInnen sowieso unklar ist, denn auch häufig fallen gelassen – so spricht Unternehmenssprecher Michael Schade mehrfach von „60% reduzierten Emissionen von Treibhausgasen“ – eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit.

Berechnung tatsächlicher Emissionen
Der absolute Ausstoß von Klimagasen (BAYER-Werke plus Energie-Zulieferer) geht aus dem BAYER Nachhaltigkeitsbericht nicht hervor und lässt sich nur überschlagsmäßig berechnen.

Um die Entwicklung von 1990 bis 2002 näher analysieren zu können, muss zunächst eine vergleichbare Betriebsgröße betrachtet werden, denn der Verkauf des 50%-Anteils an der Erdölchemie hat nichts mit Klimaschutz zu tun. Für die weitere Betrachung lösen wir daher die CO2-Emissionen der Erdölchemie aus dem Zahlenwerk heraus. Nimmt man an, dass der Klima-Ausstoß der Erdölchemie in etwa konstant bei 3,1 Mio Tonnen jährlich blieb, so verringerten sich die CO2-Emissionen des Rest-Konzerns (BAYER minus Erdölchemie) von 1990 bis 2002 von 7,0 auf 5,2 Mio Tonnen.

Für eine ernstzunehmende Darstellung müssen nun noch die Emissionen der Energie-Zulieferer addiert werden. Laut BAYER Nachhaltigkeitsbericht verdoppelte sich der Fremdbezug von Energie von 28 Petajoule 1990 auf 57 Petajoule 2002 (Strom: 25 auf 35 Petajoule, Dampf: 3 auf 22 Petajoule). Dieser Energieverbrauch lässt sich im Prinzip in eine CO2-Bilanz umrechnen, dafür müsste aber der Strommix und der Typ der Lieferkraftwerke (Kohle, Gas, Einsatz von Kraft-Wärme-Kopplung, etc) bekannt sein.

Im Fall relativ klimafreundlicher Erdgaskraftwerke entstehen bei der Herstellung von einem Petajoule elektrischer Energie rund 160.000 Tonnen CO2 . Selbst wenn man den stark gestiegenen Bezug von Dampf vollkommen unberücksichtigt lässt, ergibt sich somit ein Anstieg der CO2-Emissionen der Energie-Zulieferer von 4,0 Mio to (1990) auf 5,6 Mio to (2002). Addiert man diese Zahlen zu den „direkten“ Emissionen, so sieht man, dass der CO2-Ausstoß in der gesamten Zulieferkette des BAYER-Konzerns lediglich von 11,0 Millionen Tonnen (1990) auf 10,8 Millionen Tonnen (2002) fiel.

Diese Rechnung ist wegen der unzureichenden Datenbasis notwendigerweise ungenau. Sollte der von BAYER bezogene Strommix ganz ohne Kohlekraftwerke auskommen (was an den BAYER-Standorten in NRW unwahrscheinlich ist) und stattdessen vermehrt aus Kraft-Wärme-Kopplung stammen, so könnten die Zahlen etwas günstiger liegen. In jedem Fall aber verdeutlicht die Analyse, dass die tatsächliche Klimabilanz von BAYER keineswegs eine Erfolgsgeschichte ist, sondern der CO2-Ausstoß der fortgeführten Betriebsteile auf weiterhin hohem Niveau stagniert und lediglich leicht zurückgegangen ist. Dem Konzern ist vorzuhalten, dass er in seinem immerhin 140-seitigen Nachhaltigkeitsbericht die essentiellen Angaben zu seinen Energie-Zulieferern verschweigt und so eine genaue Berechnung unmöglich macht.

Emissionen bleiben auf höchstem Niveau
Dass es ehrlicher geht, macht ausgerechnet die Konkurrenz aus Ludwigshafen vor. Der größte Chemiekonzern der Welt, die BASF, emittierte 2004 mit 20,7 Mio Tonnen beinahe die doppelte Menge Kohlendioxid. Allerdings hatte es der Chemiegigant nicht nötig, seine Bilanz derart schönzurechnen wie bei BAYER geschehen - die extern bezogene Energie wurde mitberücksichtigt. Im Umweltbericht der BASF heißt es, dass „bei den energiebedingten CO2-Emissionen sowohl die direkten Emissionen der Strom- und Dampferzeugung als auch die indirekten Emissionen durch Import und Export von Strom und Dampf bilanziert werden“.

Es ist instruktiv, die Höhe der Emissionen bei BAYER und BASF mit dem gesamten CO2-Ausstoß in Deutschland zu vergleichen. Dieser beträgt rund 834 Millionen Tonnen jährlich (2004), etwa ein Viertel der europäischen Emissionen. Allein die beiden größten Chemie-Konzerne sind also für knapp 4% der Klimagase in Deutschland verantwortlich, die Chemie bleibt hierzulande nach Strom- und Metallproduktion der Klimaschädiger Nr. 3. Insgesamt kommt die deutsche Industrie auf rund 550 Millionen Tonnen und nimmt in Europa den Spitzenplatz ein. Wirklicher Klimaschutz wäre nur mit einer drastischen Reduktion dieser industriellen Emissionen möglich.

Prima Klima für BAYER
BAYER versteht es trefflich, sich mit der geschönten Klimabilanz in Szene zu setzen. Der Konzern wurde kürzlich in den Climate Leadership Index aufgenommen, den „ersten weltweiten Klimaschutz-Aktienindex“. Auch in den schmucken „Nachhaltigkeits-Fonds“ Sustainability World Index und Dow Jones STOXX Sustainability Index ist der Konzern aufgrund seiner Klimabilanz registriert. Im vergangenen Dezember wurde BAYER im Zuge des Klimagipfels im kanadischen Montreal sogar mit dem „Low Carbon Leaders Award“ ausgezeichnet. Die Presse berichtete ausführlich - stets mit dem Hinweis auf die „um 60 Prozent reduzierten Klima-Emissionen“.

Auch Politik und Behörden übernehmen die Aussagen von BAYER unreflektiert. Die UN-Umweltbehörde UNEP verbreitet die Behauptung der um 60% gesunkenen Treibhausgas-Emissionen ebenso wie die NRW Landesregierung. Den Vogel abgeschossen hat Reinhard Loske, grüner MdB und Mitglied im Umweltausschuss, in einer Rede im Bundestag: „Bevor ich gerade hierher kam, habe ich einen Brief an die Bayer AG geschrieben, der in Montreal ein Preis - der „Low Carbon Leaders Award“ - verliehen wurde. Bayer wurde damit als eines der Unternehmen ausgezeichnet, die sich weltweit am meisten für den Klimaschutz einsetzen. Dazu sage ich nur: Chapeau! Weil mein Wahlkreis in Leverkusen ist, habe ich dem Unternehmen geschrieben; denn ich finde das, was Bayer in diesem Bereich tut, prima.“

Klima-Rollback der Industrie
Welchen Stellenwert die CO2-Minimierung für BAYER tatsächlich besitzt, zeigt ein internes Positionspapier des Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zum Klimaschutz, das der Deutschen Umwelthilfe im vergangenen Dezember zugespielt wurde . Darin fordert der BDI eine Abkehr vom Kyoto-Protokoll und die Streichung verbindlicher CO2-Reduktionsziele nach US-amerikanischem Vorbild. Sogar der Ausbau von Autobahnen und Flughäfen wird vom BDI als Beitrag zum Klimaschutz bezeichnet.
Interessant ist das Strategiepapier, das nicht zur Veröffentlichung gedacht war, vor allem deshalb, weil es rund 80 Kommentare von BDI-Mitgliedern enthält. Während selbst der Stromversorger E.ON und der „Verband der Mineralölwirtschaft“ die Aufgabe des Kyoto-Prozesses als falsch bezeichnen, begrüßen BAYER und BASF die Initiative uneingeschränkt (BAYER: „Wir stimmen mit den wichtigsten Kernaussagen der Entwurfsfassung des BDI-Positionspapiers überein“; BASF: „Wir begrüßen den Entwurf, weil sich die Industrie schon sehr bald Fragen jeder neuen Bundesregierung stellen muss, aber auch die Industrie bei diesem für sie wichtigen Thema auf jede neue Bundesregierung zugehen sollte“). Die Deutsche Umwelthilfe bezeichnet die Initiative der Industrie, von der sich sogar Kanzlerin Merkel explizit distanzierte, denn auch treffend als „Rauchzeichen aus der klimapolitischen Steinzeit“.

Fazit
Die BAYER AG hat einige Anstrengungen zum Klimaschutz unternommen – diese reduzieren sich aber bei genauer Betrachtung größtenteils auf die Verminderung des Lachgas-Ausstoßes. Die von BAYER publizierten Daten zu CO2-Emissionen werden unredlich präsentiert, zentrale Informationen über die Umweltauswirkungen von fremdbezogener Energie werden der Öffentlichkeit vorenthalten. Die Kernaussage eines um „60% reduzierten Ausstoßes von Klimagasen“ ist unhaltbar.
Um das Klimaziel eines bis 2050 um 80% verminderten CO2-Ausstoßes zu erreichen, muss BAYER substanzielle Schritte zur Minimierung des Energieverbrauchs einleiten. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN fordert den Konzern auf, seinen Nachhaltigkeitsbericht zu korrigieren, vollständige Daten vorzulegen und effektive Schritte für eine reale Reduzierung der CO2-Emissionen einzuleiten. Aus den sogenannten Nachhaltigkeits- und Ethik-Fonds sollte BAYER folgerichtig ausgeschlossen werden.

CO2-Emissionen

CBG Redaktion

Coordination gegen BAYER-Gefahren
Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Landesverband NRW
Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU)
Klimaschutz e.V.
Business Crime Control

Presse-Information vom 17. März 2006

BAYER: Mogelpackung Klimaschutz

CO2-Emissionen auf Zulieferer verlagert / tatsächlicher Ausstoß kaum gesunken

Umweltverbände fordern den BAYER-Konzern auf, irreführende Aussagen zum Thema Klimaschutz zu unterlassen und belastbare Zahlen zum CO2-Ausstoß des Unternehmens vorzulegen. BAYER behauptet in seinen Publikationen, die „Emission von Treibhausgasen seit Beginn der 90er Jahre um mehr als 60 Prozent reduziert“ zu haben. Der Konzern unterschlägt jedoch, dass die vermeintliche Reduktion zum größten Teil auf den Verkauf einer Tochterfirma sowie den gestiegenen Fremd-Bezug von Energie zurückzuführen ist. Betrachtet man die komplette Produktionskette inklusive der Zulieferer, so sind die Kohlendioxid-Emissionen kaum gesunken.

Dirk Jansen, BUND-Geschäftsleiter: „Der BAYER-Nachhaltigkeitsbericht beinhaltet viel heiße Luft und ist eine klimaschutzpolitische Mogelpackung. Aktive Klimaschutzbemühungen sind kaum ersichtlich, stattdessen wird die CO2-Bilanz mit Hilfe von Rechentricks schön gerechnet. Wenn BAYER Glaubwürdigkeit für sich beanspruchen will, gehören die absoluten Kohlendioxid-Emissionen entlang der gesamten Produktionskette auf den Tisch.“ Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Mit buchhalterischen Tricks lässt sich die Erderwärmung nicht stoppen. Wir fordern den Konzern auf, die bewusste Irreführung der Öffentlichkeit zu unterlassen und den Ressourcen-Verbrauch drastisch zu senken.“

Die Kritik der Umweltverbände wird von der Unternehmensberatung Arthur D. Little untermauert. In einer Evaluierung des BAYER Nachhaltigkeitsberichts heißt es: „Zusätzlich zum Energieverbrauch werden auch die CO2-Emissionen berichtet. Allerdings ist diese Information von begrenzter Relevanz, weil Emissionen aus der Produktion extern erzeugter Energie nicht berücksichtigt werden und die berichtete Reduzierung zum Teil aus dem zunehmenden „Out-sourcing“ der eigenen Energieerzeugung resultiert.“

BAYER nutzt die frisierte Klimabilanz gezielt für die Öffentlichkeitsarbeit. Der Konzern wurde kürzlich in den Climate Leadership Index aufgenommen, den „ersten weltweiten Klimaschutz-Aktienindex“. Auch in „Nachhaltigkeits-Fonds“ wie dem Sustainability World Index ist das Unternehmen aufgrund seiner Klimabilanz enthalten. Im Dezember wurde BAYER gar mit dem „Low Carbon Leaders Award“ ausgezeichnet. Die Presse berichtete ausführlich - stets mit dem Hinweis auf die angeblich „um 60 Prozent reduzierten Klima-Emissionen“.

In der Realität bleibt die Chemische Industrie hierzulande nach Strom- und Metallproduktion der Klimakiller Nummer 3. Allein BAYER emittiert inclusive der Zulieferer rund 10 Millionen Tonnen Kohlendioxid jährlich. Prof. Jürgen Rochlitz, Mitglied der von der Bundesregierung eingesetzten Kommission für Anlagensicherheit: „BAYER will augenscheinlich davon ablenken, dass das Unternehmen nach wie vor zu den großen Klimasündern in Deutschland gehört. Nicht einmal der Konkurrent BASF, wahrlich kein Vorbild in Sachen Umweltschutz, rechnet seine Bilanz derartig schön. Aufgrund der irreführenden Behauptungen zum Klimaschutz muss BAYER aus allen Nachhaltigkeits- und Ethik-Fonds ausgeschlossen werden.“

Lesen Sie hier eine ausführliche Analyse zum Thema

Gegenanträge

CBG Redaktion

13. März 2006
Presse-Info der Coordination gegen BAYER-Gefahren

Kritiker reichen Gegenanträge zur BAYER-Hauptversammlung ein

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren reicht heute Gegenanträge zur BAYER-Hauptversammlung am 28. April ein. Zu der Versammlung werden zahlreiche Kritiker aus dem In- und Ausland erwartet. Schwerpunkte der Protestaktionen vor den Kölner Messehallen werden gentechnisch veränderte Nahrungsmittel, Kinderarbeit bei indischen Zulieferern sowie Kartellabsprachen mit Konkurrenz-Unternehmen sein.
Die Gegenanträge im vollen Wortlaut:

Gegenantrag zu TOP 2: Der Vorstand wird nicht entlastet

Begründung: Der BAYER-Konzern verursachte im vergangenen Geschäftsjahr eine Vielzahl von Missständen. Der Vorstand trägt hierfür die Verantwortung.

· BAYER wurde im vergangenen Geschäftsjahr erneut illegaler Preisabsprachen überführt. Allein wegen Kartellverfahren in den USA musste das Unternehmen 275 Mio Euro zurückstellen. Zusätzlich verhängte die EU-Kommission gegen BAYER eine Strafe von 58,9 Millionen Euro wegen Preisabsprachen bei Gummichemikalien. Auch portugiesische und brasilianische Behörden überführten BAYER der Kartellbildung. Nicht besser war es im Geschäftsjahr 2004, als Kartelle für Kautschuk-Chemikalien und Kunststoff-Vorprodukte aufflogen; die Strafen beliefen sich auch hier auf dreistellige Millionenbeträge. Diese Praxis wird vom Vorstand augenscheinlich gedeckt, ein Unrechtsbewußtsein scheint nicht vorhanden zu sein. Es ist zu befürchten, dass die Mehrzahl dieser kriminellen Handlungen unentdeckt bleibt - die Rechnung zahlen Verbraucher und die öffentliche Hand.

· Im November protestierten 3.500 Mitarbeiter der Bayer Industrial Services (BIS) gegen Arbeitszeit-Verlängerung, weitere Ausgliederungen und eine Aushebelung des Tarifvertrags. Bei BAYER ist seit Jahren zu beobachten, dass Betriebsteile, die zwar profitabel sind, jedoch nicht den Rendite-Erwartungen des Vorstands entsprechen, heruntergewirtschaftet und anschließend ausgegliedert, verkauft oder geschlossen werden. So geschehen bei Dystar, Agfa, Lanxess und nun BIS. Tausende Arbeitsplätze wurden bereits vernichtet, zahlreiche Mitarbeiter fürchten um ihre Existenz – bei gleichzeitigen Milliardengewinnen des Mutter-Konzerns.

· Nach einer im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie gehen von dem BAYER-Präparat TRASYLOL erhebliche Gesundheitsgefahren aus. Die lebensgefährlichen Nebenwirkungen reichen von Nierenversagen über Schlaganfälle bis zu Herzinfarkten. Der Verzicht auf die Arznei bei Herz-OPs würde laut Aussage der Studie jährlich rund 10.000 Menschen den Ausfall der Nieren und eine Dialysepflicht ersparen. Peter Sawicki vom „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ schätzt die Zahl der Todesopfer allein in der Bundesrepublik auf 300 pro Jahr. In den USA bereiten Anwälte Sammelklagen vor. BAYER trägt für die hohe Zahl von schwersten körperlichen Schäden und Todesfälle die Verantwortung. Der Konzern muss sicher stellen, dass seine Produkte gefahrlos sind und sie ansonsten umgehend vom Markt nehmen.

· BAYER will weiterhin hochgefährliche Pestizide direkt am Menschen testen. Das Unternehmen ging sogar juristisch gegen die US-Umweltbehörde vor, die solche Versuche als „unnötig und unethisch“ bezeichnet hatte. Ein Bericht amerikanischer Kongressabgeordneter kam im vergangenen Sommer zu dem Ergebnis, dass bei früheren Tests von BAYER unerwünschte Ergebnisse verschwiegen, Probanden mangelhaft auf Risiken hingewiesen und Testpersonen gesundheitlich geschädigt wurden. BAYER will mit den Versuchen langfristig weniger strenge Grenzwerte für Pestizide in Nahrungsmitteln durchsetzen.

· Die von der Coordination gegen BAYER-Gefahren im Jahr 2003 veröffentlichte Studie „Kinderarbeit im indischen Baumwollanbau“ enthüllte, wie internationale Saatgut-Konzerne von Kinderarbeit profitieren. BAYER kündigte an, bei seinen Zulieferern die Kinder durch erwachsene Arbeitskräfte ersetzen zu lassen. Trotzdem arbeiteten auch in der Pflanz-Saison 2005 rund 500 Kinder in der Zulieferkette von BAYER. Die Kinder sind giftigen Pestiziden ausgesetzt und erhalten weniger als einen Euro Lohn pro Tag. Ohne Schulbildung haben sie keine Chance, jemals dem Armutskreislauf zu entrinnen. Es ist nicht hinnehmbar, dass BAYER dieses Problem nicht in den Griff bekommt und weiterhin von der Ausbeutung von Kindern profitiert.

· Die US-Gesundheitsbehörde FDA hat BAYER irreführende Werbung für sein Blutgerinnungsmedikament Kogenate FS vorgeworfen. Insbesondere wurden Briefe an Patienten und Ärzte, in denen ein kostenloses Ausprobieren des Medikaments vorgeschlagen wurde, moniert. Die Werbeaktionen des Konzerns enthielten weder ausreichende Informationen über Risiken noch Hinweise zur Einnahme des Präparats. BAYER habe somit laut FDA eine unsichere Anwendung des Medikaments in Kauf genommen.

· Am 18. Juni 2005 starb im BAYER-Werk Baytown ein Monteur nach einer Explosion. Die US-Arbeitsschutzbehörde OSHA leitete eine Untersuchung ein und stellte „ernsthafte Verstöße“ gegen Sicherheitsbestimmungen fest. Nach Aussage der OSHA gab es eine „hohe Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls oder ernsthafter körperlicher Schäden“. Die Werksleitung „kannte die Risiken oder hätte diese kennen müssen.“ BAYER wurde zweimal vorgeladen und erhielt eine Geldstrafe. Auch in deutschen Werken wird an der Sicherheit gespart; in Wuppertal löste BAYER beispielsweise die Werksfeuerwehr auf.

Gegenantrag zu TOP 3: Der Aufsichtsrat wird nicht entlastet

Begründung: Der Aufsichtsrat kommt seiner Kontrollfunktion nur ungenügend nach und soll daher nicht entlastet werden. Es folgen Beispiele einer umweltfeindlichen Konzernpolitik, die vom Aufsichtsrat mitgetragen werden:

· Seit Jahrzehnten ist die hormonelle Wirkung von Bisphenol A bekannt – trotzdem verharmlost BAYER als größter deutscher Hersteller die Risiken und verhindert durch politische Einflussnahme ein Verbot risikoreicher Anwendungen. Eine im Dezember veröffentlichte Studie weist nach, dass schon kleinste Mengen der Chemikalie die Hirnentwicklung von Säuglingen stören können. Trotzdem findet sich Bisphenol A noch immer in Lebensmittel-Verpackungen und Babyflaschen.

· BAYER hält nach wie vor einen Antrag auf EU-Zulassung für den Import von genetisch modifiziertem Reis aufrecht. Die herbizidresistente Reissorte mit der Bezeichnung LL62 ist zum Verzehr bestimmt und stellt ein unbekanntes Risiko für die menschliche Gesundheit und die Umwelt dar. Eine Zulassung von Gen-Reis in Europa würde es BAYER und anderen Biotech-Unternehmen ermöglichen, den Anbau von genmodifiziertem Reis gerade in Entwicklungsländern voranzutreiben. Dies könnte zu einer genetischen Kontamination bestehender Reiskulturen führen, die Bio-Diversität beeinträchtigen und somit die Hauptnahrungsquelle der Dritten Welt gefährden.

· Eine vom US-amerikanischen Edwards Institute veröffentlichte Untersuchung weist nach, dass BAYER das Diabetes-Mittel Glucobay mit Hilfe eines Bakteriums produziert, das aus dem kenianischen Ruiru-See stammt. Von dem jährlichen Glucobay-Umsatz von rund 280 Millionen Euro fließt jedoch kein Cent nach Ostafrika. BAYER verstößt hiermit gegen die UN Biodiversitäts-Konvention, die in solchen Fällen eine angemessene Beteiligung der Herkunftsländer an den Gewinnen vorschreibt.

· BAYER gehört zu den größten Wasser-Verschmutzern und –Verbrauchern in Deutschland. Das Unternehmen emittiert über das Abwasser jährlich rund 830 Tonnen Phosphor, 2.800 to Stickstoff, 1,0 Mio to anorganischer Salze, 73 to Chlororganika und 28 to Schwermetalle. Täglich verbraucht der BAYER-Konzern rund 2,3 Millionen cbm Wasser. Allein das Werk Leverkusen erzeugt doppelt so viel Abwasser wie die benachbarte Millionenstadt Köln. Die meisten Werke des Unternehmens entnehmen dem Boden hochqualitatives Grundwasser und leisten hierfür aufgrund „alter Wasserrechte“ nicht einmal Abgaben. Diese katastrophale Bilanz hielt BAYER nicht davon ab, im vergangenen Sommer gemeinsam mit National Geographic ein „Forschungsprogramm zum Gewässerschutz“ zu initiieren. Das Forschungsprogramm ist als Feigenblatt zu bewerten, mit dem das Unternehmen von seiner schlechten Umweltbilanz ablenken will.

· Die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hat im August 2005 das Tierantibiotikum Baytril für die Geflügelzucht verboten. Damit soll der zunehmenden Resistenz von Bakterien gegen Antibiotika Einhalt geboten werden. Schon vor fünf Jahren hatte die FDA gefordert, die fraglichen Tierarzneien vom Markt zu nehmen. BAYER war der Aufforderung als einziger Produzent nicht gefolgt. Die Resistenzbildung ist in der Zwischenzeit weiter vorangeschritten, hieran trägt die Firma BAYER durch ihre Verzögerungstaktik eine Mitschuld.

· Australische Behörden fanden in einer für den Export nach Japan vorgesehenen Raps-Lieferung die von BAYER hergestellte genveränderte Sorte Topas 19/2. BAYER hatte vor einigen Jahren im Bundesstaat Victoria Freilandversuche mit herbizidresistentem Raps durchgeführt. Australische Landwirte fürchten den Verlust von Absatzmärkten, da in weiten Teilen der Welt nur Gentechnik-freie Nahrungsmittel akzeptiert werden. BAYER weigert sich bislang, die volle Haftung für seine Produkte zu übernehmen und Export-Verluste der betroffenen Landwirte sowie Kosten für zusätzliche Tests zu übernehmen.

· Beschwerden von Ärzten haben dazu geführt, dass BAYER in Australien eine Kampagne für das Potenzmittel LEVITRA stoppen musste. Das Unternehmen hatte die Adressen von 1000 Ärzten online aufgelistet und Patientendaten an Ärzte weitergeleitet. Der Verband der australischen Pharma-Industrie, Medicines Australia, urteilte, dass die Ärzte nicht darüber aufgeklärt worden waren, dass sie Teil einer Marketing-Kampagne waren. Außerdem würden Patienten dahingehend beeinflusst, von ihrem Arzt eine Verschreibung von LEVITRA zu fordern, obwohl auch nicht-medikamentöse Behandlungsmethoden zur Wahl stünden. Medicines Australia sieht hierin einen Verstoß gegen den Verhaltenskodex des Verbands.

Gegenantrag zu TOP 5: Das Frage- und Rederecht der Aktionärinnnen und Aktionäre soll nicht weiter eingeschränkt werden

Begründung: Hauptversammlungen des BAYER-Konzerns sind alles andere als demokratische Veranstaltungen. Unangenehme Fragen bleiben größtenteils unbeantwortet, Kritiker werden als „unsachlich“ und „ideologisch motiviert“ diskreditiert, Fotos und Ton-Mitschnitte sind untersagt, Gegenanträge werden ohne eingehende Diskussion als „unbegründet“ zurück gewiesen. Die Tatsache, dass die Versammlung nicht von einer unabhängigen Person, sondern vom Aufsichtsrats-Vorsitzenden geleitet wird, zeigt, dass BAYER eine offene Debatte in seinen Hauptversammlungen unterbinden will.
Wenn der Konzern nun durch eine Satzungsänderung das „Frage- und Rederecht der Aktionäre zeitlich angemessen beschränken“ möchte, so steht zu befürchten, dass kritische Redebeiträge künftig noch stärker behindert werden sollen. Die Änderung ist daher abzulehnen.

Coordination gegen BAYER-Gefahren
Postfach 150418, D-40081 Düsseldorf

[BAYER HV 2006] Hauptversammlung 2006

CBG Redaktion

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren stellte am Tag der Hauptversammlung Strafanzeige gegen den BAYER-Vorstand wegen illegaler Kartell-Absprachen. Lesen Sie hierzu die Strafanzeige im Wortlaut, einen Artikel aus der Frankfurter Rundschau, einen Artikel aus der taz und unsere Presse-Info

Lesen Sie einen ausführlichen Bericht über die Gegenaktionen

Die Gegenanträge zur BAYER-Hauptversammlung 2006

Kritische Redebeiträge in der BAYER-Hauptversammlung

Die „taz“ berichtet über Kritische Aktionäre bei Bayer, Daimler und Co.

Die Rede des kritischen Aktionärs Axel Köhler-Schnura

[Trasylol] STICHWORT BAYER 01/2006

CBG Redaktion

Todesfälle durch TRASYLOL

BAYERs neuer Pharma-GAU

Nach einer im New England Journal of Medicine veröffentlichten Studie gehen von dem BAYER-Präparat TRASYLOL erhebliche Gesundheitsgefahren aus. Die lebensgefährlichen Nebenwirkungen reichen von Nierenversagen über Schlaganfälle bis zu Herzinfarkten. Peter Sawicki vom „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ schätzt die Zahl der Todesopfer allein in der Bundesrepublik auf 300 pro Jahr. In den USA bereiten AnwältInnen schon die ersten Sammelklagen vor. BAYER hingegen will von einem neuerlichen Fall „Lipobay“ nichts wissen. „TRASYLOL ist bei ordnungsgemäßer Anwendung ein sicheres und wirksames Medikament“, verlautet aus der Leverkusener Konzern-Zentrale.

Von Jan Pehrke

„Das ist eine ernste Situation“, sagt der Wissenschaftler Dennis Mangano mit Blick auf die bei 3.374 ProbandInnen zu den Risiken und Nebenwirkungen von TRASYLOL erhobenen Daten. Der Leiter der „Ischemia Research and Education Foundation“ mit Sitz in San Bruno hatte gemeinsam mit seinem Team die Wirkungsweise von blutstillenden Medikamenten bei Bypass-Operationen untersucht und im Fall von TRASYLOL ein hohes Gefährdungspotenzial ausgemacht. Das Risiko, einen Schlaganfallzu erleiden, erhöhte sich bei den PatientInnen im Vergleich zu der nicht mit Medikamenten behandelten Kontrollgruppe um 181 Prozent. Die Gefahr eines Nierenversagens verdoppelte sich ebenso wie die Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt oder die Gehirnkrankheit Enzephalopathie zu bekommen. Der Verzicht auf die Arznei mit dem Wirkstoff Aprotinin bei Herz-OPs würde jährlich fast 10.000 Menschen eine Dialyse ersparen, meint Dr. Mangano und findet unmissverständliche Worte zu dem BAYER-Mittel. „Ich frage mich, warum wir weiterhin reinen Gewissens Aprotinin verschreiben sollten, wenn es sicherere Alternativen gibt“, so der Mediziner.

TRASYLOL kommt hauptsächlich bei den mit hohen Blutverlusten einhergehenden Bypass-Operationen zum Einsatz. Es wirkt blutstillend und reduziert so die benötigten Transfusionen. Offenbar schießt das BAYER-Produkt bei der Gerinnungsförderung aber allzuoft über das Ziel hinaus und verdickt das Blut so stark, dass sich Klümpchen bilden, die Venen und Arterien verstopfen und auf diese Weise Nierenversagen, Herzinfarkte oder Schlaganfälle auslösen. Bei jedem 10. Eingriff traten Komplikation auf, bei jedem 50. tödliche. Peter Sawicki vom „Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“ beziffert die Zahl der TRASYLOL-Toten allein in der Bundesrepublik auf 300 pro Jahr. Die HerzchirugInnen hegten gegen den Gerinnungsförderer schon lange einen Verdacht, es fehlten ihnen jedoch empirische Belege. „Wir hatten keinen guten, belastbaren Zahlen, um es zu beweisen“, sagt Dr. O. Wayne Isom vom New Yorker Presbyterian Hospital.

Auch in der Bundesrepublik häuften sich die Indizien für von TRASYLOL verursachte Gesundheitsgefährdungen. „Gerüchteweise war auch immer wieder von Komplikationen die Rede“, so Friedhelm Beyersdorf von der Universitätsklinik Freiburg gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Die unabhängige Fachzeitschrift arznei-telegramm berichtete über zwei Todesfälle bei Hüftoperationen nach allergischen Schockreaktionen auf das Medikament. Darüber hinaus listete die Publikation Nebenwirkungen wie Herzinfarkte, Thrombosen, Lungenembolien und Blutgerinnungsstörungen auf. Die Hauptwirkungen ließen hingegen zu wünschen übrig. In vielen Fällen sank die Transfusionsmenge trotz TRASYLOL nicht. Da der Wirkstoff Aprotinin aus Rinderlungen gewonnen wird, ist zudem eine Übertragung von BSE nicht ausgeschlossen. Auf der Vierer-Skaler von „sehr gefährlich“ bis „ungefährlich“ ordnet das „Paul-Ehrlich-Institut“ Rinderlungen als „mäßig infektiös“ in die Kategorie III ein. Zumindest dieses Risiko will der Leverkusener Multi künftig mindern - durch Gentechnik.

Bei Herz-OPs erachtet das arznei-telegramm den Nutzen von TRASYLOL jedoch als belegt. Weitere Forschungsarbeiten zu diesem Thema seien überflüssig, schreiben die Autoren. Hier dürften Mangano & Co. sie eines Besseren belehrt haben.
BAYER hingegen erweist sich - wie schon zu Beginn des LIPOBAY-Falles - als beratungsresistent. „TRASYLOL ist bei ordnungsgemäßer Anwendung ein sicheres und wirksames Medikament“, verlautet aus der Konzern-Zentrale. Der Multi weigert sich wieder einmal strikt, seine Profit-Interessen der PatientInnen-Sicherheit zu opfern. Dafür fährt das Mittel zu hohe Gewinne ein. Auf der Topseller-Liste der Pharma-Abteilung nimmt es mit einem Umsatz von 171 Millionen Euro den sechsten Rang ein - mit aufstrebender Tendenz. Seit 1959 zur Behandlung von Bauchspeicheldrüsen-Erkrankungen genehmigt, erteilten die US-Behörden dem Mittel 1993 die Zulassung zur Anwendung bei Herz-Operationen, die bundesdeutschen zogen 1999 nach. Momentan versucht der Pharma-Riese, die Indikation auf OPs zum Einsatz künstlicher Hüftgelenke, zur Versteifung der Wirbelsäule und zur Tumor-Behandlung auszuweiten. Allein bis zum Oktober 2005 erhöhte sich der TRASYLOL-Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 35 Prozent auf 164 Millionen Euro, mittelfristig rechnet BAYER mit einer Steigerung auf 500 Millionen Euro per anno. Die Marketing-Abteilung hat es verstanden, dem Präparat einen regelrechten Wundermittel-Nimbus zu verschaffen. „Vom verknacksten Großzeh bis zur Schizophrenie hat man dem Mittel schon alles zugetraut“, so der Anästhesie-Professor Wulf Dietrich zur Süddeutschen Zeitung.

Wundersam sind allerdings vor allem die TRASYLOL-Kosten. Während die von der „Ischemia Research and Education Foundation“ getesteten Konkurrenz-Arzneien mit 10 bzw. 50 Dollar pro PatientIn zu Buche schlugen, bringt es das BAYER-Produkt auf stolze 1.000 Dollar. Der Konzern rechtfertigt das nach der Devise „viel hilft viel“ mit der effektiveren Blutstillung. Den Preis für die stärkere Wirkung bestimmte jetzt die Studie von Dennis Mangano: stärkere Nebenwirkungen. Womit der Fall „TRASYLOL“ eine weitere Parallele zum Fall „LIPOBAY“ aufweist.
Diese Nebenwirkungen haben mittlerweile die Behörden in den USA, der EU und der Bundesrepublik auf den Plan gerufen. Die US-amerikanische „Food and Drug Administration“ hat eine Überprüfung der Studienergebnisse angekündigt und die MedizinerInnen aufgefordert, einstweilen sehr vorsichtig mit dem Medikament umzugehen. Das „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte“ (BfArM) ist sich unterdessen „mit den anderen europäischen Arzneimittelbehörden einig, dass viele Fragen dringend geklärt werden müssen“, so der bei der Einrichtung für die Arzneimittel-Sicherheit zuständige Ulrich Hagemann. Das BfArM will es aber vorerst beim kritischen Dialog belassen. „Im Moment ist mit den vorliegenden Daten der Studie nicht die Situation gegeben, dass ein Verbot von TRASYLOL ausreichend begründet ist, meint Hagemann. Peter Sawicki hingegen tritt für Sofortmaßnahmen ein. „Ehe BAYER nicht die Sicherheit des Präparates in einer neuen Studie bewiesen hat, sollte TRASYLOL nicht mehr eingesetzt werden“, rät der Arzneiwächter. Einige Herzzentren haben derweil schon reagiert und erklärten, vorerst auf das BAYER-Produkt verzichten zu wollen.

Es herrscht also mal wieder Ausnahmezustand im Gesundheitswesen. Er ist allerdings nach den Skandalen um LIPOBAY, PPA, VIOXX und anderen Pharma-GAUs schon fast ein Normalzustand geworden und wird es auch bleiben, sofern die Politik sich nicht zu Reformen entschließt. Auf die Fragen, die zu stellen das BfArM jetzt als dringend geboten ansieht, hätte es schon im Zuge der LIPOBAY-Krise eine Antwort finden müssen. Sie hätte nur lauten können: strengere Zulassungsbedingungen und eine Kontrolle bereits auf dem Markt befindlicher Pharmazeutika, wie es die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN und andere Initiativen auch verlangt hatten. Die einer Arznei-Genehmigung zugrunde liegenden klinischen Erprobungen weisen nämlich aus Kostengründen eine viel zu geringe TeilnehmerInnen-Zahl auf, um Risiken und Nebenwirkungen umfassend aufzuspüren. Noch dazu sind die ProbandInnen in der Regel handverlesen, weil die Multis ein positives Ergebnis erzielen wollen. „Es ist eine Auswahl der Gesündesten unter den Kranken - und das entspricht nicht den klinischen Erfahrungen“, kritisiert Gerd Antes, der am „Deutschen Cochrane Zentrum“ die Qualität von Arznei-Tests untersucht, in einem Interview der Süddeutschen Zeitung. Aber hier haben BAYER & Co. nichts zu befürchten. Im Gegenteil: Die Politik hat sich ihren Forderungen nach „unbürokratischeren“ Verfahren gebeugt. CDU und SPD wollen laut Koalitionsvertrag das BfArM mittels Aufweichungen der Auflagen in eine „konkurrenzfähige Zulassungsagentur“ verwandeln und so die „Standort-Bedingungen“ für die Pillen-Produzenten weiter verbessern.

Der Fall „TRASYLOL“ wird sie nicht davon abhalten, zumal er keine allzu hohen Wellen geschlagen hat. Am Ausmaß der „Risiken und Nebenwirkungen“ lag das zu allerletzt. Mit geschätzten 300 Toten pro Jahr allein in der Bundesrepublik übersteigt das Gefährdungspotential des Mittels dasjenige von LIPOBAY sogar noch. Die Aufregung hält sich bislang allein aus dem Grund in Grenzen, weil das Präparat nicht den Bekanntheitsgrad des Cholesterinsenkers hat und in keinem häuslichen Medizinschrank steht. Die meisten Bypass-PatientInnen wissen vermutlich gar nicht, dass sie während ihrer Operation TRASYLOL verabreicht bekamen.

So reagierte bloß die Börse alarmiert, was sich am Tag der New England Journal of Medicine-Veröffentlichung in einem 2-prozentigen Kursverlust für die BAYER-Aktie niederschlug. Aber nicht die Zahl der Opfer hat die BörsianerInnen in Angst versetzt, sondern die Zahl möglicher Schadensersatz-Prozesse. „Noch glaube ich nicht an ein zweites LIPOBAY“, sagte etwa Ludger Mues von der SAL.-OPPENHEIM-Bank, „Aber was ist, wenn bei den US-Gerichten die ersten Klagen einlaufen?“ Sein Worst-Case-Scenario trat am 8. Februar ein, als die Rechtsanwaltskanzlei Lopez, Hodes, Restiano, Milman & Skikos die Vorbereitung einer Sammelklage bekannt gab. Vermutlich dürften aber nicht einmal schockierende Auftritte von TRASYLOL-Opfern oder deren Angehörigen vor Gericht die PolitikerInnen dazu bewegen, endlich die Verbraucherschutz-Interessen über die Profit-Interessen von BAYER & Co. zu stellen.