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Veröffentliche Beiträge von “CBG Redaktion”

[Auschwitz] STICHWORT BAYER 03/2005

CBG Redaktion

BAYERs Menschenversuche in Auschwitz

„Tiere sind teuer, aber Menschen kosten nichts“

8-jährig kam Eugen Muszynski nach Auschwitz. Er musste dort als Zwangsarbeiter das IG-FARBEN-Werk in Buna mit aufbauen und sich Menschenversuchen mit BAYER-Präparaten unterziehen. Vom Leverkusener Multi hat er dafür nie eine Entschädigung erhalten. Auf der diesjährigen Hauptversammlung des Agro-Riesen konfrontierte er die Vorstandsriege direkt mit seinem Schicksal. Aber BAYER-Chef Werner Wenning sah weiterhin keine Veranlassung, sich der Konzern-Vergangenheit zu stellen.

Von Jan Pehrke

Eugen Muszynski geriet als 8-Jähriger in das Konzentrationslager Auschwitz. Aber kein Massentransport brachte ihn in das KZ, ein Auto der Gestapo lieferte ihn ab. Er war weder Jude noch gehörte er einer anderen der bekannten Opfergruppen an. Sein „Verbrechen“ waren seine Eltern. Die Gestapo nahm diese 1941 fest, weil sie Mitglied einer sozialdemokratischen Widerstandsgruppe waren. „Die Gestapo behandelte mich mit Samthandschuhen“, erinnert sich der heute 70-Jährige. Sie lockte ihn mit Kakao, Bonbons und Schokolade und setzte ihm dicke Alben mit Fotos vor. Ob er jemanden darauf erkenne, fragten die Geheimpolizisten den Kleinen. „Ich kenne diesen Onkel, wir waren bei ihm“, antwortete der Junge arglos und zeigte noch auf viele andere Personen. Wenn er sich nach seinen Eltern erkundigte, hieß es nur, sie seien auf Dienstreise. Von dieser sollten sie nie zurückkehren: Im Mai 1943 verurteilte der Volksgerichtshof das Ehepaar Muszynski wegen Hochverrates zum Tode.

Als die Beamten Eugen abgeschöpft hatten, übergaben sie ihn dem Lebensborn, der Kinderzuchtanstalt der SS. Dort durften die Zöglinge noch nicht einmal über Vater und Mutter reden. Aber das Kind konnte an nichts anderes denken. Er wandte sich an einen Leidensgenossen: „Weißst Du was, wir gehen jetzt unsere Eltern suchen!“ und scharte schnell eine ganze Gruppe um sich. Sie kam gerade mal ein bis zwei Kilometer weit, bis die NS-Pädagogen sie wieder einfingen. Die Unruhe verließ den kleinen Eugen Muszynski jedoch nie, weshalb er bald als unverbesserlicher Querulant galt. Seine Strafe hieß schließlich: Auschwitz.

Dort angekommen, steckten die Nazi-Schergen den Jungen in den gestreiften Drillich und beorderten ihn als Zwangsarbeiter nach Monowitz, wo die von BAYER mitgegründete IG FARBEN ein großes Werk baute. Den Belastungen war das Kind kaum gewachsen. „Auch die Hilfsarbeit war für mich zu schwer“, sagt Eugen Muszynski. Dazu mussten die Gefangenen noch die Willkürakte der SS-Männer erdulden. Ein Aufseher machte sich einen Ulk daraus, während der Zubereitung der Mahlzeiten in den Kochtopf zu urinieren. Wenn er den KZ-Häftlingen dann später beim Essen zusah, amüsierte er sich ein zweites Mal köstlich. Andere zitierten gern einen Sklavenarbeiter zu sich, warfen ihre Mütze weg und warteten auf das „Apportieren“. Das brachte die KZ-Opfer in eine verzweifelte Zwangslage. Folgten sie der Aufforderung, so hatten sie sich von ihrem Arbeitsplatz entfernt, worauf die Todesstrafe stand. Folgten sie der Anweisung aber nicht, konnte sie der Wachmann wegen Befehlsverweigerung erschießen. Egal, wofür sie sich letztendlich entschieden, viele überlebten das Todesspiel nicht. Die Nazis liebten es, die KZ-Insassen durch solch abgründige Späße zu verhöhnen und zur Verzweiflung zu treiben. So spielte im Morgengrauen zum Ausrücken auf die Baustelle stets ein Orchester auf, das die Gefangenen am Abend auch wieder empfing, wenn sie mit den am Tag Gestorbenen im Schlepptau zurückkehrten. „Tod mit Musik“ - das ist deshalb für Eugen Muszynski die Quintessenz von Auschwitz.

Um dem Jungen wenigsten einen Teil dieser körperlichen und geistigen Höllenqualen zu ersparen, wandte sich eine Bekannte seiner Mutter im Dezember 1942 an das IG-Vorstandsmitglied Dr. Max Ilgner. In einem Brief bat sie ihn inständig, Eugen die Zwangsarbeit zu ersparen. Aber Ilgner kannte kein Erbarmen. „Es tut mir wirklich leid, dass ich nicht in der Lage bin, Eugen Muszynski (...) aus der Arbeitspflicht zu befreien. Bitte, verstehen Sie, auch die Arbeit für das Vaterland ist die allgemeine Pflicht unseres Volkes. Heil Hitler!“

Die IG FARBEN hat den Jungen dann sogar noch einem weiteren Martyrium unterworfen. Der BAYER-Konzern, dessen Name laut der offiziellen Unternehmensgeschichte „Meilensteine“ „zum Markenzeichen der I.G.-Pharmazeutika“ wurde, hat nämlich Menschenversuche mit Eugen Muszynski durchgeführt. Der seit 1938 beim Pharmariesen arbeitende und 1941 zur Wehrmacht abgestellte, aber immer noch auf der Gehaltsliste des Konzerns stehende Dr. Hellmuth Vetter hat den kleinen Eugen in Auschwitz mit dem Typhus-Erreger infiziert, um das in Leverkusen entwickelte Gegenmittel B 1034 zu erproben. Die Suche nach einem geeigneten Impfstoff war militärisch von einiger Bedeutung, da sich die Krankheit an der Ostfront in den besetzten Gebieten ausbreitete, auf die Truppen überzugreifen und die Wehrkraft zu zersetzen drohte.

Eugen Muszynski und den anderen menschlichen Versuchskaninchen sagte Dr. Vetter lediglich, sie erhielten ein Mittel „zur Stärkung“. Die „Stärkung“ sorgte bei Eugen sofort für einen heftigen Fieberschub und löste eine Ohnmacht aus. Hätten sich unter den Häftlingen nicht Ärzte befunden, die sich selbstlos um den Jungen kümmerten, so wäre er gestorben. Eine zweite Spritze, für die der 8-Jährige ursprünglich vorgesehen war, hätte er aber trotz ihrer Hilfe nicht überlebt. Nur durch einen Zufall blieb sie ihm erspart. „Diese eine Spritze hat mir mein Leben schon so kaputt gemacht, dass ich bis heute krank bin“, sagt der alte Mann bitter. Von Herz-Kreislauf-Problemen und Diabetes über chronische Bronchitis und Magenerkrankungen bis zu seelischen Störungen wie dem posttraumatischen Belastungssyndrom reicht die Liste seiner Leiden.

Weder die heftigen „Nebenwirkungen“ und zahlreichen Todesfälle noch die absolute Wirkungslosigkeit des B 1034 hemmten Vetters Forschungsdrang. „Er hat Lust gehabt, mit uns zu spielen, und er hat gespielt“, so Eugen Muszynski. Immer wieder forderte Vetter Nachschub an. „Ich bitte Sie auf jeden Fall bereits jetzt, den Versand von 20.000 Tabletten à 0,25 Gramm und 5.000 Ampullen à 1 Gramm B 1034 nach Auschwitz zu veranlassen“, schrieb er im April 43 an BAYER. Einen Monat später erstattete er der Pharmazie-Schaltzentrale der IG in Leverkusen persönlich Bericht über seine Experimente. Obwohl er offen über die Todesopfer und den ausbleibenden Heilerfolg sprach, schickte ihm der Konzern weiter B 1034 und andere Substanzen. Er konnte Muszynski zufolge nach Belieben schalten und walten, denn „Tiere sind teuer, aber Menschen kosten nichts“. Begeistert schrieb Hellmuth Vetter deshalb seinen BAYER-Kollegen: „Beim Vergleich mit der jetzt hinter mir liegenden Zeit komme ich mir hier wie im Paradies vor“. Den KZ-Häftlingen aber bereitete er in Tateinheit mit anderen Medizinern die Hölle auf Erden. „Die SS-Ärzte Dr. Richter und Dr. Vetter mordeten kranke Häftlinge nahezu bis zum letzten Tag der Dauer des Lagers ...“, schreibt Hans Marsalek in seinem Buch „Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen“. Den Leverkusener Pharmariesen hinderte das 1946 nicht, Vetter ein gutes Zeugnis auszustellen. „Herr Dr. Vetter hat seinen Aufgabenkreis mit guter Sachkenntnis und energisch angefasst. Er befriedigte uns in seinen Leistungen vollkommen“, heißt es dort. Das amerikanische Militärgericht kam zu einem anderen Urteil und sprach im August 1947 das Todesurteil aus.

Eugen Muszynski ist nach der Befreiung in Polen geblieben. Der damals 10-Jährige hatte auch keine andere Wahl: „Nach mir hat niemand gefragt“. Er wuchs in einer Einrichtung des Militärs auf, machte Abitur, studierte Medizin und praktizierte als Arzt. Aber ein richtiger Pole wurde der „Sauerkraut“ nie. Als der Mediziner sich 1968 an den Studentenprotesten beteiligte, verhaftete die Polizei ihn. „Ich sollte dahin gehen, wo ich hingehörte“, so Muszynski. Er ging in die USA, fühlte sich jedoch auch dort nicht zugehörig. So kam Eugen Muszynski 1982 nach Deutschland.

Er hatte seine KZ-Zeit zwar nie vergessen, aber durch seine jetzt beginnenden Erfahrungen mit dem NS-Nachfolgestaat holte ihn seine Vergangenheit doch in unerwartet massiver Form ein. Die Bundesrepublik verweigerte dem mittlerweile in Bonn lebenden Eugen Muszynski die Verleihung der deutschen Staatsangehörigkeit und erteilte ihm keine Arbeitserlaubnis. Sein Antrag auf Einbürgerung läuft bereits seit zwei Jahren. Obwohl der Arzt alle Hebel in Bewegung setzte, um in den Kriegswirren verschollene Dokumente zu beschaffen, reichten den Behörden die Belege nie. Nicht einmal markante Narben akzeptierten sie als eindeutiges Identitätsmerkmal. „Sie bekommen nie die deutsche Staatsangehörigkeit!“, sagte ihm ein Beamter einmal auf den Kopf zu. Auf die Gegenfrage: „Warum?“, antwortete er knapp: „Weil ich es sage“. Eugen Muszynski hat für dieses Verhalten nur eine Erklärung: „Ich vermute, es hat ihm schon gereicht, als er vom KZ, von Auschwitz und vom Hochverrat meiner Eltern hörte“.

Die verweigerte Staatsangehörigkeit ist für den alten Mann mit großen finanziellen Einbußen verbunden. Das Sozialamt hat seine vom polnischen Staat gezahlte, 270 Euro hohe Rente für KZ-Opfer in seine Altersgrundsicherung eingerechnet, weshalb er nur 730 Euro zum Leben hat. Da er nicht gesetzlich krankenversichert ist, muss er davon die Kosten für medizinische Behandlungen und Medikamente tragen. Wofür das Geld nicht reicht: Statt der erforderlichen vier Dosen Insulin am Tag kann Eugen Muszynski sich nur jeden zweiten Tag Spritzen leisten. „So leben ehemalige KZ-Häftlinge in Deutschland“, sagt er bitter.

Mitte der 90er Jahre begann Muszynski Briefe an BAYER mit der Bitte um eine Entschädigung für die grausamen Menschenversuche zu schreiben. Die förmliche Antwort lautete: „Auf ihr neuerliches Schreiben vom 21.12.1995 teilen wir ihnen mit, dass jedenfalls nicht die BAYER AG für die von ihnen beschriebenen Verfehlungen verantwortlich ist“. Der Agromulti konzedierte lediglich: „Unbestritten ist die kollektive Schuld, die mit den tragischen Ereignissen der nationalsozialistischen Diktatur und des Weltkrieges in Zusammenhang steht“. Einzig im Kollektiv mit anderen Unternehmen war der BAYER-Konzern später dann zumindest symbolisch bereit, seiner moralischen Verpflichtung gegenüber den ZwangsarbeiterInnen nachzukommen. Ohne die Angst vor einem den Absatz in den USA gefährdenden Imageschaden wäre der Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft allerdings nie zustande gekommen. 7.500 Euro erhielt Eugen Muszynski aus diesem Topf - aber wiederum erst nach einer entwürdigenden Odyssee durch bundesdeutsche Amtsstuben. „Ich habe den Fonds verflucht“, sagt der Rentner deshalb, „Alles zu erklären - das hat mir gesundheitlich mehr geschadet und mir mehr Probleme bereitet, als das Geld aufwiegen kann“.

Die Summe selbst bezeichnet er als blanken Hohn: „7.500 Euro Entschädigung. Kann man das überhaupt Entschädigung nennen? Ein Abteilungsleiter von BAYER verdient das in einem Monat, und ich habe das für drei Jahre KZ erhalten, für pseudomedizinische Versuche, (...), für umgebrachte Eltern, für das Verpfuschen meines ganzes Lebens, für die Vernichtung meiner Kindheit!“ Aber seine Verbitterung macht sich nicht an der Höhe des Betrages fest. „Das Geld ist nicht so wichtig. So etwas wie eine moralische Unterstützung - das gibt es hier nicht. Ein bisschen Geld und Haß noch dazu“, empört sich Eugen Muszynski.

Eine moralische Unterstützung gab es für ihn auch auf der diesjährigen BAYER-Hauptversammlung nicht, wo er als Vorsitzender des VERBANDES DER IM KINDESALTER INHAFTIERTEN FRÜHEREN HÄFTLINGE DER NATIONALSOZIALISTISCHEN KONZENTRATIONSLAGER eine Gegenrede hielt. Nach ein paar pflichtschuldig geäußerten Worten des Bedauerns über Muszynskis trauriges Schicksal war BAYER-Chef Werner Wenning bald wieder bei der offiziellen Sprachregelung „BAYER ist kein Rechtsnachfolger der IG FARBEN“ angelangt. Darüber hinaus besaß er noch die Kühnheit, die willigen Mediziner in Konzern-Diensten von jeglicher Mitschuld an den Menschenversuchen freizusprechen, indem er auf die Freisprüche im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß verwies, die allein dem Feindbildwechsel in den Zeiten des Kalten Krieges geschuldet waren. Über den Kollegen Vetter verlor er selbstverständlich auch kein Wort. Aber mit Menschen vom Schlage Wennings hat der alte Mann sowieso abgeschlossen. Er setzt auf die kommenden Generationen. „Deutschland wird sich ändern. Da brauchen wir vielleicht noch die nächsten 50 Jahre“, meint Eugen Muszynski. Hoffentlich täuscht er sich nicht.

[Sozialraub] STICHWORT BAYER 03/2005

CBG Redaktion

CBG-Jahrestagung zu “Sozialabbau”

Auslaufmodell “BAYER-Familie”

Aus gegebenem Anlass widmet sich die Jahrestagung der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) am 12. November dem Thema “Konzernmacht und Sozialraub - BAYER & Co. entfesseln den Kapitalismus”. Die ReferentInnen werden eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation vornehmen, die ökonomischen Ursachen für die Kürzungsorgien analysieren und Möglichkeiten des Widerstandes gegen das Verarmungsprogramm erörtern. Stichwort BAYER schafft mit einem am Beispiel “BAYER” orientierten Blick zurück auf die wechselvolle Geschichte der betrieblichen Arbeits- und Sozialpolitik schon einmal eine mögliche Diskussionsgrundlage.

Von Jan Pehrke

Ende der 70er Jahre stieß die keynesianische Wirtschaftspolitik der sozialliberalen Koalition an ihre Systemgrenzen. Es war der Regierung unter Helmut Schmidt nicht mehr möglich, der wachsenden Arbeitslosigkeit durch staatliche Investitionsprogramme Einhalt zu gebieten, weil die Verschuldung die Währungsstabilität zu gefährden drohte. So schlugen SPD und FDP einen Sparkurs ein und leiteten die Ära der Sozialkürzungen ein. Damit begann der bis heute anhaltende Siegeszug des Neoliberalismus, der die Kräfteverhältnisse deutlich zu Gunsten der Konzerne verschob. BAYER wusste daraus - im wörtlichen Sinn - Kapital zu schlagen. Die verschiedenen BAYER-Chefs erwiesen sich als wahre Meister darin, ArbeiterInnen gegen ArbeitslosInnen auszuspielen. 1997 bespielsweise schlug der damalige Vorstandsvorsitzende und heutige Aufsichtsratschef Manfred Schneider in einem Interview vor: “Wir würden unsere Situation in Deutschland auch dann deutlich verbessern, wenn diejenigen, die Arbeit haben, zum Verzicht auf einen Teil der freiwilligen sozialen Leistungen der Unternehmen bereit wären”. Er präzisierte auch gleich seine Vorstellungen: “Zum Beispiel muss man sich ernsthaft die Frage stellen, ob wir nicht den sozialen Standard spürbar reduzieren sollten. Warum reichen nicht 25 Urlaubstage statt der bisherigen 30 Urlaubstage? Warum kann nicht jeder Krankenversicherte eine Selbstbeteiligung zahlen - wie bei der Autoversicherung? Warum kann man die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nicht mit dem Urlaubsgeld verrechnen? Warum kann das Arbeitslosengeld nicht abgesenkt werden?”.
Rot-Grün gab mit der Gesundheits“reform” und der Agenda 2010 die erwartete Antwort. Der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) zeigte sich dann auch zufrieden. Nur hätte es für ihn gerne noch ein bisschen mehr “weniger” sein können. Der BAVC-Geschäftsführer Hans Paul Frey empfand die Sozialhilfe-Sätze als “immer noch zu hoch” und forderte Einschränkungen bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und beim Kündigungsschutz.
Der Leverkusener Multi wartete aber nicht einfach ab, bis die Mühlen der Politik zu mahlen begannen. Der Konzern ließ den markigen Worten Schneiders gleich Taten folgen. BAYERs damaliger Peter Hartz, Meinholf Stindt, baldowerte als Leiter der Abteilung “Arbeits- und Sozialrecht” den “Eingliederungsvertrag für Langzeitarbeitslose” aus, der die Wirtschaftskreise entzückte. “Löhne unter Tarif, kein Kündigungsschutz und niedrige Personalzusatzkosten - das alles ist jetzt möglich, wenn Unternehmer bereit sind, Langzeitarbeitslosen einen Job zu geben”, jubilierte das Kapital-Blatt Impulse. Ob das Vertragswerk wirklich wieder Leute in Lohn und Brot brachte, interessierte die Konzernherren dabei herzlich wenig, sie betrachteten es lediglich als Einfallstor, um soziale Errungenschaften zu demontieren. “Wenn dieses vereinfachte Arbeitsverhältnis ankommt, ist das wirklich der Beweis dafür, dass die hohen arbeitsrechtlichen Hürden generell Beschäftigung verhindern”, frohlockte ein Unternehmenssprecher.

Der Standort-Vertrag
Aber nicht nur die hohe Arbeitslosigkeit wussten BAYER & Co. zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie lancierten eine Debatte um den “Standort Deutschland” und seine angeblichen Nachteile, die zu Produktionsverlagerungen ins Ausland zwängen, wenn sie nicht behoben würden. Die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) ließ sich diese Diskussion aufzwingen und schloss mit BAYER Ende 1997 den so genannten Standortsicherungsvertrag ab. Damit willigte sie in Arbeitsplatzvernichtung, Lohnkürzungen und den Abbau von sozialen Leistungen ein, während der Konzern lediglich vage Investitionen an den bundesdeutschen Standorten zusagte und betriebsbedingte Kündigungen ausschloss. Wobei er sich im Kleingedruckten noch so einige Möglichkeiten offen hielt, Arbeitsverhältnisse doch vorzeitig zu beenden und diese später auch nutzte. Im Einzelnen besiegelte das “Bündnis zur Standortsicherung” eine Einordnung vieler Beschäftigter in niedrigere Lohngruppen, eine Reduzierung der Bonuszahlungen um 63 Millionen Euro, die Streichung von Wechselschichts- und Treueprämien sowie eine weitere Flexibilisierung der Arbeit.
Die erste Bilanz fiel dementsprechend verheerend aus. Nach einer Umfrage der IG BCE im Vorfeld der Verhandlungen zu einer Verlängerung der Vereinbarung beurteilte die Belegschaft das Abkommen überwiegend negativ. Nach Ansicht der BAYER-WerkerInnen haben ihrem Verzicht auf Lohn und soziale Errungenschaften keine Gegenleistungen von seiten BAYERs entsprochen, die Investitionen hätte der Konzern auch so vorgenommen. Damit übernahmen sie den Standpunkt der KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR EINE DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine oppositionelle Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk, die den Standort-Vertrag im Allgemeinen und die zugesagten Aufwändungen an den Standorten im Besonderen kritisiert hatten, weil diese sich lediglich im Rahmen der Instandhaltungskosten für die Anlagen bewegten. Die Gewerkschaft stimmte trotzdem einer Neuauflage der Standortsicherungsvereinbarung zu und opferte so weitere Rechte der MitarbeiterInnen. Ähnlich defensiv ging sie in die kommenden Tarifverhandlungen - und holte jeweils nur 2 bis 3-prozentige Lohnerhöhungen heraus. Dieser Verzicht brachte auch auf längere Sicht nichts ein. BAYER vernichtete fleißig weiter Arbeitsplätze - vor allem durch die Abstoßung von Sparten wie HAARMANN & REIMER, AGFA und jüngst Teilen des Chemie-Geschäfts. Die Belegschaft sank so von 144.600 im Jahr 1997 auf bis dato unter 100.000.
Für den Agro-Riesen ging die Rechnung allerdings auf. Seine Profite stiegen ins Unermessliche, während die Lohnstückkosten sanken. Von 1994 bis 1999 erhöhte sich der Umsatz pro MitarbeiterIn um 40 Prozent. Lag der Anteil der Lohnkosten am Umsatz 1995 bei 18,1 Prozent, so betrug er 1999 nur noch 16 Prozent. Heutzutage dürfte er weiter abgenommen haben.

Die Rolle der Gewerkschaften
Die IG BCE hat diese Umverteilung von unten nach oben klaglos mitgetragen. Traditionell die konservativste Industriegewerkschaft in der Bundesrepublik, begreift sie sich nicht als Verteidigerin der Rechte der Belegschaft gegenüber den Konzernherren, sondern als eine Art von “Co-Management”. Ihre Funktionäre wie Günter Schölzel können es gar nicht mehr verstehen, wenn einzelne Betriebsräte “Konfliktsituationen dazu nutzen, eine Gegenposition zum Management aufzubauen und sich bei Veränderungen warnend vor die Mitarbeiter zu stellen”. Der Betriebsratsvorsitzende des Dormagener BAYER-Werkes, Karl Josef Ellrich, schreitet in solchen Fällen lieber als “Change-Manager” ein und betätigt sich als sozialer Friedensstifter in von BAYER & Co zunehmend unfriedlicher gestalteten Zeiten. Willenlos kapitulieren Ellrich und seine KollegInnen vor dem Kapital und reden der Chef-Etage nach dem Mund. “Wer heute kollektiv und ohne Kompromissbereitschaft an Besitzständen festhält, besitzt bald gar nichts mehr”, gab etwa BAYERs Gesamtbetriebsratschef Erhard Gipperich in reinstem BAYER-Sprech zum Besten.
Von solchen VertreterInnen haben die BAYER-MalocherInnen nichts zu erwarten, und der Einfluss der alternativen Gewerkschaftsgruppen ist zu schwach, um Widerstand organisieren zu können. So stehen die Beschäftigten der Offensive der Konzerne machtlos gegenüber. Was für die Manager “Senkung der Lohnstückkosten” heißt und die Sektkorken knallen lässt, bedeutet für sie mehr Arbeitsverdichtung. Der Stress, der durch zusätzliche Überwachungsaufgaben, wechselnde Arbeitsplätze im Werk, stärkere Konkurrenz und die Verlängerung der Arbeitszeit entsteht, sah der ehemalige Leiter von BAYERs Ärztlichem Dienst, Dr. Manfred Albrod, schon im Jahr 2000 als Hauptbelastungsfaktor für die Gesundheit der MitarbeiterInnen an - und nicht mehr die Gefährdungen durch Giftstoffe. Dabei zerrt nicht nur die Arbeit zunehmend an den Nerven, sondern auch die bange Aussicht, vielleicht bald keine mehr zu haben. “Die Angst sei da, bei so vielen, sie sei Tag für Tag deutlich zu spüren - bei der Arbeit, in der Mittagspause und auch noch in der Familie daheim”, gab die WZ die Worte eines Beschäftigten im Wuppertaler Pharmaforschungszentrum wieder.

Wie alles anfing ...
Aber bei BAYER verschlechterten sich nicht nur die unmittelbar die Lohnarbeit betreffenden Bedingungen. Auch die auf das weitere Umfeld des Werkes zugeschnittene Sozialpolitik des Konzerns veränderte sich. Der Multi verkaufte seine Werkswohnungen, gliederte seine Betriebskrankenkasse aus und übergab seine Kindergärten dem “Deutschen Roten Kreuz”. Zudem trennte er sich von seinem Kaufhaus, schloss die Werksbibliothek, fuhr das Kulturprogramm zurück und kürzte die Sportförderung. Dieses ganze Gefüge hatte einst nicht nur die Arbeit, sondern das halbe Leben dieseits des Werkstores stattfinden lassen. Von der “BAYER-Familie” sprach deshalb der von 1912 bis 1925 als Generaldirektor des Unternehmens amtierende Carl Duisberg gerne. “Die vornehmste Pflicht eines Unternehmers habe ich immer darin erblickt, das soziale Problem der Lösung näher zu bringen”, schrieb er in seinen Memoiren. Allzu vornehm waren seine Motive dabei allerdings nicht; sie entsprangen praktischen Erwägungen. So geschwächt nämlich die Position der Beschäftigten heutzutage in Zeiten des neoliberalen Dogmas und hoher Arbeitslosigkeit scheint, so stark war die in der Anfangszeit der Chemischen Industrie. BAYER hatte damals gehörige Schwierigkeiten, geeignete MitarbeiterInnen zu gewinnen. Das Arbeitskräfte-Reservoir im Einzugsgebiet Leverkusens hatte sich bald erschöpft, so dass der Konzern Anwerber bis nach Schlesien und Polen ausschickte. Für die Chemiearbeit waren die zumeist aus ländlichen Regionen stammenden Neulinge jedoch nicht unbedingt geschaffen. Dazu bedurfte es einer langwierigen Erziehungsarbeit. Viele hielten es nicht lang in den Produktionshallen aus. Wegen der großen Gesundheitsgefahren hatte besonders die Chemieindustrie unter eine hohen Fluktuation zu leiden. Der Multi leitete deshalb diverse Maßnahmen ein. Arbeiter, die von anderen Chemie-Werken kamen, stellte er aus Prinzip nicht ein, und Wanderarbeiter, die schon dreimal in Leverkusen angeheuert hatten, brauchten bei einer erneuten Verpflichtung eine Sondergenehmigung der Direktion. Um Belegschaftsangehörige langfristig an sich zu binden, startete der Chemie-Riese seine “Familienpolitik”. Mussten die Neuankömmlinge aus Polen und Schlesien anfangs neben den Schmelzöfen nächtigen, entfaltete BAYER später eine rege Bautätigkeit. Aber das vergleichsweise kostengünstige Wohnen hatte seinen Preis: Wer seinen Job kündigte, war auch die Wohnung los. Die freien Gewerkschaften und die SPD protestierten vehement gegen dieses Koppel-Geschäft. Darüber hinaus führte BAYER 1873 eine Unterstützungskasse für Krankgewordene ein - “zehn Jahre vor Bismarcks erstem Sozialgesetz”, vermerkt die Unternehmenschronik “Meilensteine” stolz. “Dem patriarchalischen Denken der Zeit entsprechend”, saß ihr allerdings stets ein BAYER-Boss vor, weshalb die Arbeitervertreter in der Kasse “ein Knebelinstrument des Unternehmers sahen”, wie die “Meilensteine” einräumen müssen. Eine fürsorgliche Belagerung der Belegschaft stellten auch die vom Konzern ins Leben gerufenen Berufsvereine dar. Fortbildungsmaßnahmen, Vorträge und Ausflüge sollten Betriebsführer und Arbeiter der einzelnen Sparten einander näher bringen und die Beschäftigten von dem dummen Gedanken abhalten, einer freien Gewerkschaft beizutreten. Der Festigung des korporatistischen Geistes diente auch die Gepflogenheit der Oberen, den Werktätigen höchstpersönlich ihren Lohn auszuzahlen. Als die zunehmend vermittelten Beziehungen dies im entwickelten Kapitalismus nicht mehr zuließen, setzte die Führungsetage Sozialsekretäre und Fabrikpfleger als Wahrer des sozialen Friedens ein. Zudem initiierte der Chemie-Multi eine Reihe von “vertrauensbildenden Maßnahmen”. Er richtete ein Kaufhaus ein, schuf Kindergärten, Kulturclubs, Gesangskreise, gründete eine Bibliothek und Sportvereine. Die “BAYER-Familie” musste so gut wie gar nicht mehr außer Haus. Die Gewerkschaftler durchschauten das Manöver: “(Es) soll unter Anwendung aller äußeren und inneren Methoden der modernen Pädagogik und der angewandten Psychologie, mit Hilfe von Werkschulen, Lehrlingswerkstätten, Lehrlingsvereinen, Unterstützungskassen, Werkskasinos, Werkswohlfahrtseinrichtungen, Sportklubs und anderem mehr die Arbeiterschaft in eine ganz enge innere, seelisch verankerte Verbindung mit dem Betrieb gebracht werden, so dass sie mit der Zeit alles Interesse an ihren Berufs- und Industrieverbänden verlieren soll. Daneben geht man mit Propaganda-Broschüren, Werkzeitungen und anderen, der modernen Reklame-Psychologie entlehnten ‘Aufklärungsmitteln’ darauf aus, die Arbeiter vor dem marxistisch-sozialistischen Geist in den Gewerkschaften graulich zu machen. Fritz Fricke analysierte die Sozialpolitik der Unternehmen auf diese Weise in seinem 1927 erschienenen Buch “Sie suchen die Seele”. Zu diesem Zeitpunkt bekam das traute Familienleben aber schon Brüche. 1916 hatte der Staat die Gewerkschaften anerkannt. Damit war das Arbeitsverhältnis nicht länger bloß eine Sache zwischen dem Arbeiter und dem Werk. Die Gewerkschaften hatte das Recht, im Namen aller Beschäftigten einer Branche die Löhne auszuhandeln, womit das individuelle Vertragsprinzip zu einem kollektiven überging. 1920 folgte dann das Betriebsrätegesetz. Die Weimarer Republik regierte noch in einen anderen zentralen Bereich hinein. Im Interesse des Mietschutzes wollte sie die Verschränkung von Wohnen und Arbeiten nicht länger hinnehmen. So nahm sie den Wohnungsbau von BAYER & Co. von Förderprogrammen aus und gewährte den Konzernen keine günstigen Hypothekenzinsen mehr. Heute kaum mehr vorstellbar, wehrten sich die Unternehmen vehement gegen die Verstaatlichung ihrer Sozialpolitik. Aber sie mussten sich den Zeichen der Zeit beugen. “Die Unternehmen verloren die Konkurrenz mit dem Staat um die gesellschaftliche Einbindung der Arbeiter, das partikulare Sicherungssystem unterlag dem zentralen Wohlfahrtsstaat. Im Kaiserreich, und noch in den ersten Jahren der Weimarer Zeit, hatten die großen Unternehmen den gesellschaftlichen Orientierungsrahmen setzen wollen, indem sie möglichst viele Lebensbereiche erfassen und patriarchalisch gestalten wollten. Die soziale Sicherung mit Hilfe von Konsumanstalt, Haushaltungsschule, Kindergarten, Werkskranken-, unterstützungs- und -sparkasse, Werkswohungsbau und betrieblichen Vereinen etc. bezahlten die Arbeiter mit gesellschaftlicher Unmündigkeit und mit dem Verzicht auf die Durchsetzung von Interessen bei Konflikten”, resümiert Historiker Günther Schulz.

Volks- und Betriebsgemeinschaft
Bei den Nationalsozialisten ging es jedoch wieder “familiärer” zu. Was im Großen die Volksgemeinschaft darstellte, sollte im Kleinen - auf der Ebene der Unternehmen - die Betriebsgemeinschaft sein. Gewerkschaften und Betriebsräte standen dem beschworenen Gemeinschaftsgeist im Weg. Deshalb verbot die NSDAP diese kurzerhand und setzte die “Deutsche Arbeitsfront” an ihre Stelle. Deren Gründungsvater war Robert Ley, der von 1921 bis zu seiner Entlassung im Jahr 1927 bei BAYER als Chemiker arbeitete. Seine Erfahrungen mit der “Familienpolitik” des Multis haben dann auch seine Konzeption der faschistischen Arbeits- und Sozialpolitik stark beeinflusst. Die VerfasserInnen der “Meilensteine” irrten mit ihrer Einschätzung, Duisbergs “patriarchalische Wohlfahrt” sei seiner Zeit weit voraus gewesen, weniger, als ihnen lieb sein mochte.
BAYERs Aktivitäten auf sozialem, kulturellem und sportlichem Gebiet dienten Ley in vielem als Vorbild für sein “Kraft durch Freude”-Programm. Deshalb lud er zur Jungfernfahrt des Ausflugsschiffes “Robert Ley” nach Madeira auch die Tanzschar der BAYER-Kulturabteilung persönlich zur Mitgestaltung des Unterhaltungsprogramms an Bord ein, und die Gattin des damaligen Werksleiters Dr. Kühne war ebenfalls mit von der Bootspartie. Immer wieder kehrte die Nr. 5 der NSDAP-Hierarchie an seine alte Wirkungsstätte zurück. 1938 hielt Ley die Festrede zum 75-jährigen Bestehen des Leverkusener Werkes. Vom genius loci inspiriert, nutzte er die vom Rundfunk übertragene Ansprache zugleich dazu, das Sparmodell vorzustellen, das die ganze Volksgemeinschaft binnen vier Jahren in den Genuss des Volkswagens, auch “KdF-Wagen” genannt, bringen sollte.
Darüber hinaus fanden Duisbergs Zukunftsinvestitionen zum langfristigen Erhalt der Arbeitskraft der Beschäftigten, die ihren Ausdruck in dem Bemühen fanden, ihnen durch großzügige, helle, saubere und luftige Arbeitsplätze gute Bedingungen zur optimalen Verwertung der Arbeitskraft einzuräumen, Eingang in die NS-Politik. Ley schuf das Amt “Schönheit der Arbeit”, das den Betrieben Anregungen in puncto Belüftung, Beleuchtung und Farbgestaltung gab. Wer dann das “schönste”, also das “sozialste” Unternehmen im ganzen Reich war, ermittelte ab 1936 der “Leistungskampf” um die zweifelhafte Auszeichung zum “NS-Musterbetrieb”.

Fazit
Der historische Rückblick zeigt also, wie sehr die betriebliche Sozialpolitik eine Befriedungsstrategie war, welche die Beschäftigten von dem Gedanken abbringen sollte, dass die Interessen von BAYER & Co. eventuell nicht ihre Interessen sein könnten. Als diese ihre Mission erfüllt hatte und das Gespenst des Kommunismus endgültig gebannt schien, machte der Leverkusener Multi sich an die Abwicklung seines kleinen Wohlfahrtsstaates. So spricht heutzutage niemand mehr von der “BAYER-Familie” und die IG BCE steht politisch sprachlos vor dem Scherbenhaufen und beschränkt sich auf Schadensbegrenzung, weil die Langzeitwirkungen der “fürsorglichen Belagerung” aus der Gewerkschaft die konservativste Beschäftigungsvertretung in der Bundesrepublik gemacht haben. Die hohe Arbeitslosigkeit und die Macht des neoliberalen Dogmas haben die Belegschaften zusätzlich in die Defensive geraten lassen. Die Parteien wollten diese Situation vor der Bundestagswahl schon eiskalt ausnutzen und bereiteten mit dem kurzen Hinweis auf die Globalisierung und andere vermeintliche Sachzwänge schon neue Einschnitte vor, da tauchte plötzlich die Linkspartei auf. Allein ihre Existenz zwang die große neoliberale Koalition, ihre Verzichtsethik weniger großmäulig zu predigen. Die SPD nahm sogar einige programmatische Änderungen vor. Wie immer man zu der neuen Partei im Einzelnen stehen mag, sie hat den Mühseligen und Beladenen wieder eine Stimme gegeben, ihr Selbstbewusstsein gestärkt und dem der etablierten PolitikerInnen einen Dämpfer versetzt. Nicht nur die objektive Lage bestimmt also die politischen Kräfteverhältnisse, sondern auch der Grad der Bereitschaft, sie hinzunehmen oder zu bekämpfen.

[Ticker 03/2005] STICHWORT BAYER 03/2005 – Ticker

CBG Redaktion

AKTION & KRITIK

Berkeley: Ausgliederung gestoppt
Die BAYER-Niederlassung im kalifornischen Berkeley plante, ihre Pförtnerdienste auszugliedern und 54 Angestellte zu entlassen, um sie durch billigere VertragsarbeiterInnen zu ersetzen. Aber die Gewerkschaft INTERNATIONAL LONGSHOREMAN‚S WAREHOUSE UNION kündigte Proteste an und hatte Erfolg. „BAYER wurde klar, dass wir bis zum Streik gehen würden, deshalb sind die Pläne jetzt vom Tisch“, sagte Donald Mahon. Lohneinbußen müssen die PförterInnen künftig nicht hinnehmen, auf die Details der Verhandlungen zwischen Gewerkschaft und Betriebsführung wollte Mahon jedoch nicht eingehen.

FarmerInnen fordern Rechtshilfe
In einer australischen Raps-Lieferung nach Japan fanden sich Spuren der von BAYER CROPSCIENCE hergestellten, genveränderten Raps-Sorte „Topas 19/2“ (siehe auch SWB 3/05), weshalb die Behörden die Ladung beschlagnahmten. Den LandwirtInnen entstand ein beträchtlicher finanzieller Verlust. Das NETWORK OF CONCERNED FARMERS (NCF) appelliert deshalb an die Regierung ihres Landes, gesetzgeberisch tätig zu werden. „Die Politik muss strikte Haftungsregeln einführen, damit der Verursacher für den Schaden aufkommt, nicht die Betroffenen“, so Julie Newman vom NCF.

BUKO für unabhängige Forschung
Die BUKO-PHARMAKAMPAGNE hat in einer Stellungnahme zum geplanten Forschungsrahmen-Programm der EU eine Stärkung industrie-unabhängiger medizinischer Untersuchungen gefordert. „Da sich kommerziell finanzierte Forschung naturgemäß auf Medikamente ausrichtet, müssen verstärkt auch nicht-medikamentöse Ansätze in der Forschung berücksichtigt werden“, heißt es in dem Positionspapier.

BUKO für strengere Arzneiprüfungen
Am 23. Juni 2005 veranstaltete das Bundesgesundheitsministerium einen Workshop zur Pharmapolitik, an dem PolitikerInnen, ÄrztInnen, PharmakritikerInnen und Industrie-EmissärInnen teilnahmen. Ein Vertreter der BUKO PHARMAKAMPAGNE forderte in der Runde mit Verweis auf die von LIPOBAY und VIOXX ausgelösten Arzneimittelskandale strengere Zulassungsprüfungen. Er stieß damit auf Unverständnis bei den TeilnehmerInnen. Die große Pillenkoalition gab zwar zu, dass die Risiken von neuen Mitteln größtenteils nicht bekannt seien, sprach sich aber trotzdem für die Beibehaltung des alten Brauchs aus, die gesamte Bevölkerung zu Versuchskaninchen zu machen.

BUKO schreibt der WHO
Die BUKO-PHARMAKAMPAGNE und andere Initiativen haben in einem Offenen Brief an die Weltgesundheitsorganisation WHO einen Richtungswechsel bei der Entwicklung und Vermarktung von Arzneimitteln gefordert. Die Gruppen sprachen sich gegen die preistreibenden Patentschutz-Regelungen aus, weil sie die Präparate für arme Länder unerschwinglich machen und überdies weitere Forschungen erschweren. Demgegenüber traten die Gruppen für eine Pharmakologie ein, welche Gesundheit als ein öffentliches Gut betrachtet und Medikamente im Interesse der Allgemeinheit produziert.

Anti-Umweltpreis an BAYER
Das Grundwasser in der Umgebung des im südafrikanischen Durban gelegenen BAYER-Werks ist stark durch Krebs erregende Chrom-Verbindungen belastet (siehe auch SWB 4/04). Darum haben Umweltverbände des Landes dem Leverkusener Multi wegen fehlender Verlässlichkeit und Verantwortung den „Accountability and Liability Sucks-Preis“ zugesprochen.

Petition gegen Ohioer Werksleitung
Im US-amerikanischen Addyston, dem dieses Jahr von LANXESS übernommenen BAYER-Standort, ereignen sich permanent Störfälle. Erst im Herbst 2004 trat zweimal in kurzen Abständen das Krebs erregende Gas Acrilonitril aus. Die Initiative OHIO CITIZEN ACTION hat deshalb in einer Petition die Ablösung der Werksleitung gefordert. 425 der 790 AddystonerInnen unterzeichneten sie.

Hoppe gegen Arznei-Agentur
Die Bundesregierung plant, das „Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte“ durch die „Deutsche Arzneimittel-Agentur“ zu ersetzen und gibt damit Forderungen von BAYER & Co. nach. Die Agentur soll sich durch die Gebühren der Hersteller für die Arznei-Zulassungsverfahren finanzieren und nach Akkord arbeiten: Je mehr Pillen sie in kurzer Zeit auf Verträglichkeit und Heilwirkung hin überprüft, desto mehr Geld nimmt sie ein (siehe auch POLITIK & EINFLUSS). Die Wahrscheinlichkeit von Pharma-Skandalen, wie sie z. B. BAYERs Cholesterin-Senker LIPOBAY auslöste, steigt damit stark an. Entsprechend alarmiert reagierte Bundesärztekammer-Präsident Jörg Hoppe. „Bei einer solchen Agentur, die sich im Wettbewerb mit europäischen Zulassungsbehörden behaupten soll, besteht zwangsläufig die Gefahr, dass Anträge nicht ausreichend geprüft werden und Wirkstoffe vorschnell zugelassen werden“, meint Hoppe. Zudem kritisierte er die unverhohlen marktwirtschaftliche Ausrichtung der Agentur scharf. „In dem Referentenentwurf des Bundesgesundheitsministeriums ist ohne Umschweife vom Wirtschaftsstandort, von hoher Wertschöpfung, Exportquoten und Wettbewerbsfähigkeit die Rede. Die Zulassung von Arzneimitteln wird als Kerngeschäft bezeichnet. Die Begriffe Patient und Arzt kommen bemerkenswerterweise in der Begründung kein einziges Mal vor“, so der Ärzte-Sprecher.

ISDB kritisiert Arznei-Sicherheitsstandards
Die europäische Sektion der Medizinzeitschriften-Organisation INTERNATIONAL SOCIETY OF DRUG BULLETINS (ISDB) hat sich kritisch zum Stand der Arzneimittelsicherheit geäußert und ausführliche Verbesserungsvorschläge gemacht. Sie fordert eine lückenlose Dokumentation der in klinischen Tests beobachteten Nebenwirkungen und eine Verbesserung des Meldewesens, so dass - wie im Falle LIPOBAY geschehen - nicht zunächst die Börse über Pharma-GAUs informiert wird und dann erst die Öffentlichkeit. Zudem tritt die ISDB dafür ein, MedizinerInnen mit Industrie-Kontakten künftig die Mitarbeit in Kontrollgremien zu verwehren. Darüber hinaus verlangt die Organisation von BAYER & Co., die Sicherheitsüberwachung bei ihren pharmakologischen Prüfungen zu verbessern und die VerbraucherInnen rechtzeitig und umfassend über unerwünschte Arznei-Effekte zu informieren.

CDU-Anfrage wg. Phosgen
Mit der Erweiterung der Kunststoff-Fertigung im Uerdinger BAYER-Werk ist auch die vermehrte Produktion des hoch giftigen Gases Phosgen verbunden (SWB 1/03). Das ist nicht einmal der Uerdinger CDU so ganz geheuer. Die Fraktion der Bezirksvertretung Süd erbat sich von der Stadtverwaltung in einer Anfrage sicherheitsrelevante Informationen. Sie wollte wissen, ob die Verantwortlichen die Stadt an dem Genehmigungsverfahren beteiligt haben und ob es eine Umweltverträglichkeitsprüfung gab. Zudem erkundigten die PolitikerInnen sich danach, wie die Stadt das Risiko-Potenzial der aus Produktionsgründen ständig im Werk gelagerten Menge von 34 Tonnen Phosgen einschätzt und ob sie auf eine weit ungefährlichere „just in time“-Herstellung oder gar eine phosgen-freie Kunststofffertigung drängt. Darüber hinaus verlangten die CDUlerInnen nach Informationen über Katastrophenpläne für den Ernstfall. Fragen ähnlicher Art hatte die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) bereits einmal dem Staatlichen Umweltamts in Krefeld gestellt, aber trotz monatelanger Wartezeit nur unzureichende Antworten bekommen.

CBG ißt gegen BAYER
Am 11. September fand die bundesweite Aktion „tafeln! für Bio - gegen Gentechnik“ statt. An 118 Orten kamen AktivistInnen zu einer Mahlzeit aus ökologischen Lebensmitteln zusammen und protestierten genüßlich gegen das Genfood von BAYER & Co. Allein in Berlin folgten 6.000 Menschen dem Aufruf des BUNDES FÜR ÖKOLOGISCHE LEBENSMITTELWIRTSCHAFT und anderer Verbände. Für die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) kochte und aß am Kölner Heumarkt Geschäftsführer Philipp Mimkes mit und fand zwischen den einzelnen Gängen noch genug Zeit, um Interessierte über den Gen-Giganten BAYER zu informieren.

Immer mehr Regionen ohne Gentech
Die Zahl der ländlichen Gebiete in der Bundesrepublik, die auf Gentechnik verzichten wollen, steigt immer mehr. Mittlerweile haben sich VertreterInnen von 66 Regionen zu einer Landwirtschaft ohne Gentechnik bekannt.

Meacher warnt vor Pestiziden
Nach Meinung des ehemaligen englischen Umweltministers Michael Meacher schützt die britische Regierung die Bevölkerung nur unzureichend vor den gesundheitlichen Gefahren, die von Pestiziden ausgehen. Mit dem Hinweis auf zahlreiche Studien, die einen Zusammenhang zwischen Agrochemikalien und Krankheiten wie Asthma, Krebs und Parkinson (siehe auch PESTIZIDE & HAUSHALTSGIFTE) sehen, kritisierte er die laxe Zulassungspraxis des „Pesticide Safety Directorate“, die der finanziellen Abhängigkeit von BAYER & Co. geschuldet ist.

AKTION & REAKTION

Anerkennung aus Italien
Die italienische Zeitung Il Golem L‘indensabile, zu deren Herausgebern unter anderem der Schriftsteller Umberto Eco gehört, hat im Rahmen eines Artikels über das in Italien weitgehend unbekannte Phänomen der Kritischen AktionärInnen insbesondere die regelmäßigen Aktionen und Gegenreden der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) auf den BAYER-Hauptversammlungen als beispielhaft gewürdigt.

Romy Quijano ausgezeichnet
Dr. Romy Quijano hat für die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) auf philippinischen Bananenplantagen Recherchen zu der gesundheitsgefährdenden Wirkung von BAYER-Pestiziden gemacht. Nicht einmal von Klagen der Bananen-Barone hat er sich dabei abschrecken lassen. Für dieses Engagement hat der Mediziner in den USA nun einen Umweltpreis erhalten.

KAPITAL & ARBEIT

Wirbel um LANXESS-Betriebsrat
In BAYERs Chemie-Abspaltung LANXESS ist innerhalb der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) eine Kontroverse um den Posten des Gesamtbetriebsratschefs entbrannt. Im Vorfeld der Trennung hatte der Betriebsrat des „Mutterhauses“ Ralf Deitz für diese Position auserkoren. Die LANXESSer fügten sich dieser Entscheidung allerdings nicht und wollten Werner Czaplik an der Spitze ihres Betriebsrates sehen. Darüber waren die BAYER-GewerkschaftlerInnen so erbost, dass sie ihrem Mann trotz gewonnener Wahl das Mandat entzogen. „Ein Machtkampf dieser Dimension ist bislang ohne Beispiel in der IG BCE“, kommentierte die Financial Times Deutschland. Offensichtlich spiegelt sich darin die Unzufriedenheit der permanent von Arbeitsplatzvernichtung bedrohten LANXESS-Beschäftigten mit der Gewerkschaft wider, welche der Herauslösung der Chemie-Sparte weitgehend tatenlos zugesehen hatte.

Arbeitsplatzvernichtung bei LANXESS
Wieder einmal Arbeitsplatzvernichtungen bei LANXESS: Ende Juni 2005 hat sich BAYERs Chemie-Abspaltung ihr Werk im französischen La Wantzenau für Rationalisierungsmaßnahmen auserkoren. Der Vorstand will dort Einsparungen in einem Volumen von 11 Millionen Euro realisieren und 86 Jobs dafür opfern.

Rationalisierungen bei LANXESS
BAYERs Chemie-Abspaltung LANXESS hat am spanischen Standort Tarragona ein Kostensenkungsprogramm gestartet, das unter anderem Flexibilisierungsmaßnahmen und eine Erhöhung der Jahresarbeitszeit vorsieht. Um den Beschäftigten die Verschlechterungen schmackhaft zu machen, kommt auch die obere Etage nicht ganz ungeschoren davon: Die MitarbeiterInnen in Führungspositionen müssen auf ein bis drei Prozent ihres Jahresbonus verzichten.

LANXESS sucht Kunstfaser-Käufer
BAYERs Chemie-Abspaltung LANXESS plant, sich von seinem Kunstfaser-Geschäft zu trennen und damit viele Arbeitsplätze zu vernichten. LANXESS-Boss Axel Heitmann verhandelt bereits mit einem Interessenten, der die Sparte ganz oder teilweise - im Rahmen eines Joint Ventures - übernehmen will.

AGFA: Spaltprozess geht weiter
Trennt sich ein Unternehmen von einem Geschäftsbereich, setzt das oft einen Teilungsprozess bis zum bitteren Ende in Gang. Die von BAYER 1999 an die Börse gebrachte AGFA ist dafür ein Beispiel. Ende 2004 verkaufte die Gesellschaft ihre Leverkusener Fotosparte an Finanzinvestoren weiter, im Juni 2005 stellte diese einen Insolvenzantrag. Im September gab die Geschäftsleitung der AGFA AG nun eine weitere Aufspaltung bekannt. Die Bereiche „Medizintechnik“, „Grafische Systeme“ und „betriebliche Altersversorgung“ firmieren nun als eigenständige Gesellschaften. Nach Beendigung dieses Prozesses geht die Muttergesellschaft AGFA AG in Liquidation, ihre Aktien werden an der Frankfurter Börse nur noch bis zum 18. November 2005 gehandelt. Die strategische Leitung übernimmt dann der belgische Unternehmensteil AGFA GEVAERT NV. Eine ähnliche Entwicklung könnte dem von BAYER in die Selbständigkeit entlassenen LANXESS-Konzern bevorstehen.

Nur noch 500 Jobs bei AGFA-FOTO
Die ehemals zu BAYER gehörende Fotosparte von AGFA stellte Ende Mai einen Insolvenzantrag. Seither verhandelt der Insolvenzverwalter Andreas Ringstmeier mit Investoren. Ging er zunächst davon aus, 850 der ursprünglich 1.787 Arbeitsplätze erhalten zu können, hat er im September die Erwartungen zurückgeschraubt: Es bleiben lediglich 500 Jobs übrig. Wenn der interessierte Finanzinvestor den Zuschlag erhalten sollte, sind die Tage des Standortes Leverkusen gezählt. Dieser Anleger hat es nämlich vornehmlich auf AGFAs Laborgeräte abgesehen, und die produzieren die Werke in München und Peiting.

Verringerung des Sortiments
BAYER CROPSCIENCE plant, sich auf neue und deshalb renditeträchtigere Ackergifte zu konzentrieren und will ältere Agrochemikalien ausmustern. Bis 2008 soll das Sortiment um 20 Wirkstoffe auf 93 schrumpfen - und die Zahl der Arbeitsplätze dürfte da gleich mitschrumpfen.

Erweiterter Drogentest
Im Jahr 2002 hat der VEREIN ZUR FÖRDERUNG DES ÖFFENTLICHEN BEWEGTEN UND UNBEWEGTEN DATENVERKEHRS e.V. (FoeBuD) BAYER den BigBrotherAward verliehen, weil der Konzern bei BewerberInnen Drogen-Tests durchführt (SWB 4/02). Das hat den Leverkusener Chemie-Multi allerdings nicht davon abgehalten, die Nachweis-Technologie zu vervollkommnen. Seine Diagnostika-Apparaturen ADVIA 1650 und 2400 können nun auch Opiate, Barbiturate, Kokain sowie sechs weitere Drogenarten aufspüren.

Wieder nur 1.000 Lehrlinge
Um mehr als ein Drittel ist die Zahl der Ausbildungsplätze bei BAYER in den letzten fünfzehn Jahren zurückgegangen. Gab es 1990 in den Werken noch 1.600 Lehrstellen, so strich der Konzern diese bis zum Herbst 2005 auf rund 1.000 zusammen. Rund ein Viertel der Lehrlinge stehen dabei gar nicht mehr in den Diensten des Agromultis. Er bildet sie vielmehr im Auftrag von BAYERs Chemie-Abspaltung LANXESS aus, die selbst keinerlei Ausbildungsanstrengungen unternimmt.

Mehr Arbeitsplätze in China
BAYER investiert kräftig in China und schafft dort auch neue Arbeitsplätze. So plant der Konzern, die Zahl seiner MitarbeiterInnen in dem Land auf 5.600 zu verdoppeln.

Roncalli-Direktor bei BAYER
Um seinen Jung-ManagerInnen etwas zu bieten, kaufte BAYER zur Abschluss-Veranstaltung der Führungskräfte-Qualifizierung den Direktor des Zirkus Roncalli, Bernhard Paul, für das Unterhaltungsprogramm ein.

Widerstand gegen Verhaltensvorschriften
Die Niederlassung von BAYER CROPSCIENCE im französischen Lyon will ihre MitarbeiterInnen auf „gesetzmäßiges und verantwortliches Handeln“ verpflichten.. Die Richtlinie hält die Beschäftigten zu „Rechtstreue und ethischem Verhalten“ und zu einem verantwortlichen Umgang mit Chemikalien an. Zudem fordern die BAYER-Gebote von den Belegschaftsangehörigen, den Vorstand über alle eventuelle Verstöße zu informieren, bei Zuwiderhandlungen drohen Geldstrafen und andere Sanktionen. Darüber hinaus verlangt die Lex BAYER von den Angestellten, für die „Wahrung des guten Rufes des Unternehmens“ einzutreten, auch und gerade bei „politischen Aktivitäten“. Mit dem „Compliance Commitee“ hat der Multi sogar eine betriebsinterne Gerichtsbarkeit eingeführt. Die Geschäftsleitung führte die Benimmregeln ein, obwohl der Gesamtbetriebsrat das Vorhaben abgelehnt hatte. Die Gewerkschaft CGT gibt aber nicht auf und organisiert weiterhin Widerstand gegen die undemokratische „Hausordnung“.

Lustig ist das Betriebsratsleben?
Bei VW haben die Arbeitnehmer-VertreterInnen durch „Social Sponsoring“ der Geschäftsleitung auf großem Fuße gelebt. Den BAYER-Betriebsräten geht es aber auch nicht schlecht. So kann zum Beispiel der Dormagener Betriebsratsvorsitzende Karl-Josef Ellrich seinen Mercedes CLS 350 im Wert von 80.000 Euro - with a little help von BAYER - mittels günstiger Leasingbedingungen finanzieren. Seine Arbeit beeinflussen nette Gesten dieser Art nach eigenem Bekunden nicht. „Ich achte streng darauf, meine absolute Unabhängigkeit zu wahren“, behauptet Ellrich. Äußerungen in der Öffentlichkeit lassen an seiner Unabhängigkeit allerdings zweifeln. So betrachtete er in einem Interview mit der Neuß-Grevenbroicher Zeitung die Willfährigkeit der Gewerkschaft als Standortvorteil im internen Wettbewerb der einzelnen Niederlassungen um BAYER-Investitionen. Wenn in Fragen der flexiblen Arbeitszeit und der Bereitschaft zur Weiterbildung „alle Werke etwa gleich liegen, wird auch nach der Umgänglichkeit und Flexibilität des Betriebsrates gefragt. Da ist der Betriebsrat gefordert, sich einzubringen, so der sich selbst als “Change Manager„ bezeichnende Ellrich untertänigst. Deshalb vermutete dann auch ein Leser der Zeitung treffsicher, “dass die Konzernherren wahrscheinlich grinsend hinter der Gardine stehen, wenn Ellrich in seinem BAYER-geförderten Mercedes-Benz 350 CLS anrollt, um dort ‚absolut unabhängig‚ über Betriebsschließungen, die Streichung von betrieblichen Sonderzahlungen, die Ausgliederung von Betriebsteilen in billigere Tarifverträge oder gar in billigere Gegenden dieser Welt zu verhandeln„.

ERSTE & DRITTE WELT

Entwicklungshilfe à la BAYER
Die Bundesrepublik will nach Informationen von “www.german-foreign-policy.com„ die Entwicklungshilfe privatisieren und BAYER & Co. stärker in die konzeptionellen Planungen einbinden. Um “Chancen und Nutzen von Entwicklungspolitik für die deutsche Wirtschaft zu bestimmen„, hat die “Bundesagentur für Außenwirtschaft„ deshalb Ende August 2005 in Köln eine dreitägige “Weltkonferenz„ abgehalten, an der VertreterInnen von 100 Unternehmen teilnahmen. Entwicklungshilfe definierte der Wirtschaftsstaatssekretär Bernd Pfaffenbach bei dem Meeting “als wirtschaftliche Einstiegshilfe in sensible Regionen„. Die Politik hatte im Vorfeld bereits Forderungen der “Arbeitsgemeinschaft Entwicklungspolitik„ des “Bundesverbandes der Deutschen Industrie„ erfüllt und Staaten mit aussichtsreichen Märkten wie China, Brasilien, Mexiko und Südafrika zu “Ankerländern„ der Entwicklungszusammenarbeit erklärt.

POLITIK & EINFLUSS

Kahlschlag bei REACH
Die REACH genannte Chemikalien-Richtlinie der EU, die Tausende niemals getestete Substanzen erstmals auf ihre gesundheitsschädliche Wirkung hin untersuchen will, gerät unter dem Druck von BAYER & Co. immer industriefreundlicher. Im September 2005 einigten sich Ministerrat und EU-Parlament auf eine erneute Abschwächung. Für Stoffe, deren Produktionsmenge unter zehn Tonnen liegt, brauchen BAYER & Co. fortan nur noch detaillierte Datensätze vorlegen, wenn die Gefährlichkeit der Substanzen bereits bekannt ist. Die unbekannten Chemie-Wesen bleiben also weiterhin unbekannt. Folgerichtig sprach der “Verband der Chemischen Industrie„ nach der frohen Kunde aus Brüssel von einem “ermutigendem Zeichen für die Branche„.

Schröder bei BAYER
Anfang Juni 2005 besuchte Bundeskanzler Gerhard Schröder das Bitterfelder BAYER-Werk und den um die Niederlassung herum entstandenen Chemie“park„.

Wenning bei der CDU
Auf Einladung des Pforzheimer Wirtschaftsrates der CDU hielt der Vorstandsvorsitzende des Leverkusener Agro-Multis, Werner Wenning, einen Vortrag zur Lage der Nation unter besonderer Berücksichtigung der BAYER-Interessen. In routiniert düsterer Manier schilderte er den Zustand des Patienten “Deutschland„, um Zustimmung für eine Roßkur à la BAYER zu erheischen: Weg mit den Windrädern, weg mit den angeblich zu hohen Unternehmenssteuern und weg mit den Gentechnik-Restriktionen. Bei der CDU war er mit diesen Forderungen an der richtigen Adresse.

Wenning VCI-Vorsitzender
BAYER-Chef Werner Wenning hat im September 2005 für zwei Jahre den Vorsitz des “Verbandes der Chemischen Industrie„ (VCI) übernommen.

Wahlerklärung des Konventes
Dem “Konvent für Deutschland„ gehören neben dem BAYER-Aufsichtsratschef Manfred Schneider unter anderem Klaus von Dohnanyi, Roland Berger, Hans-Olaf Henkel, Roman Herzog und Oswald Metzger an. Das Gremium “berät„ PolitikerInnen und versucht sie besonders fürs kapitale Rucks in Sachen Bildung, Finanzen und Föderalismus zu erwärmen. Auch im Vorfeld der Bundestagswahlen meldete sich der Konvent zu Wort. Als dringlichste Aufgabe der neuen Regierung mahnte Herzog einen Kassensturz an, “der diese Bezeichnung wirklich verdient.„ Wortkarger gerieren sich die Konventler, wenn ReporterInnen Fragen nach der Finanzierung ihrer Arbeit stellen. “Da gibt sich der Konvent eher schmallippig, pocht aber auf seine Unabhängigkeit. Der Vermutung, dass die Geldgeber langfristig nichts gegen sichtbare Erfolge ihrer Investition in den Konvent haben würden, wird aber nicht sehr laut widersprochen„, kommentierte der dpa-Journalist Martin Bialecki süffisant.

Neues von der Schneider AG
BAYERs Aufsichtsratsvorsitzender Manfred Schneider hat dieses Amt auch bei LINDE inne und sitzt außerdem in den Kontroll-Gremien von ALLIANZ, DAIMLER CHRYSLER, METRO, RWE und TUI. Aufsichtsratsausschüsse mitgezählt, kommt Schneider auf 19 Mandate und führt damit die Präsenzliste der Industriekapitäne an. Der ehemalige BAYER-Chef und 17 weitere Top-Manager haben die Deutschland AG quasi unter sich aufgeteilt: Sie bekleiden insgesamt 158 Positionen in DAX- bzw. MDAX-Unternehmen.

Hasta la vista, BAYER
Zum Anlass der Eröffnung einer neuen KOGENATE-Produktionsanlage im US-amerikanischen Berkeley (siehe auch IMPERIUM & WELTMACHT) schickte der kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger dem Leverkusener Multi ein Grußwort. Darin bezeichnete er BAYER als “hoch geschätztes„ Unternehmen, welches beste klinische Forschung mit medizinischer Innovation zum Wohle des Patienten vereine. Und als ehemaliger Bodybuilder mit reichlich pharmakologischer Erfahrung muss Arni ja wissen, wovon er spricht.

SPDler besuchen BAYER
Die SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen aus Wenden besuchte das Leverkusener BAYER-Werk. Neben einer Besichtigung stand ein Treffen mit dem Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Erhard Gipperich auf dem Programm.

Für schnellere Arznei-Zulassungen
Während der 90er Jahre ist die Dauer der Zulassungsverfahren für Medikamente auf Druck von BAYER & Co. von drei auf anderthalb Jahren gesunken. Nicht einmal der LIPOBAY-Skandal mit seinen über 100 Toten hat der Bundesregierung intensivere Überprüfungen notwendig erscheinen lassen. BAYER tritt auf Bundes- und EU-Ebene sogar unverhohlen für eine weitere Deregulierung ein. Diesem Zweck diente auch eine Podiumsdiskussion der Fachgruppe Gesundheit im Leverkusener Veranstaltungszentrum “Baykomm„, an der im April 2005 WissenschaftlerInnen, Arznei-KontrolleurInnen und VertreterInnen von Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigung teilnahmen (siehe auch AKTION & KRITIK).

Extrem-Lobbying in den USA
Die USA stellen für BAYER und die anderen bundesdeutschen Konzerne den zweitgrößten Absatzmarkt der Welt dar. Deshalb gehören sie auch zur zweitgrößten ausländischen Lobbygruppe in den Vereinigten Staaten. 72 Millionen Dollar investierten sie in die politische Meinungsbildung auf Feldern wie Handels- und Steuergesetze, Gesundheit und Arbeitsrecht. BAYER ließ sich in diesem Jahr vor allem die “Überzeugungsarbeit„ zur Abwendung des Verbotes für das umstrittene Tierantibiotikum BAYTRIL (siehe auch RECHT & UNBILLIG) so einiges kosten.

BAYER in Berliner Landesvertretung
Im Juni 2005 hatte der Leverkusener Multi in der Berliner Landesvertretung Sachsen-Anhalts ein Heimspiel. Der Konzern richtete dort ein Symposion zur Zukunft des bundesdeutschen Gesundheitssystems aus. 100 AkteurInnen des Gesundheitswesens nahmen daran teil. Darunter befanden sich unter anderem der sachsen-anhaltinische Gesundheitsminister Gerry Kley und der BAYER seit längerem freundschaftlich verbundene Leiter des Münsteraner Arteriosklerose-Institutes, Professor Dr. Gerd Assmann. BAYERs Pharmachef Wolfgang Plischke nutzte die Veranstaltung, um mit Abwanderung zu drohen, falls es in der Bundesrepublik nicht bald zu einem Dreiklang zwischen Wirtschafts-, Forschungs- und Sozialpolitik komme.

PROPAGANDA & MEDIEN

Kooperation mit National Geographic
Hoch giftige Einleitungen, Dünnsäure-Verklappung in der Nordsee, Rückstände von BAYER-Pestiziden in fast allen größeren Flüssen - der Leverkusener Multi lässt kaum ein Wässerchen ungetrübt. Deshalb erscheint es besonders wichtig, sich ein Saubermann-Image zu verpassen. Zu diesem Zweck
fördert der Konzern via “Global Exploration Fund„ wissenschaftliche Arbeiten zur Schonung der Ressource “Wasser„ mit einer Summe von 250.000 Euro und lässt die frohe Kunde über das als Medienpartner der Aktion fungierende Magazin National Geographic in einer Auflage von 250.000 Exemplaren bei einer ökologisch sensiblen Klientel verbreiten. Die Zeitschrift findet nichts dabei, dem Multi bei dessen “Greenwashing„-Aktivitäten zu assistieren und den Brunnenvergifter BAYER als Wasserretter darzustellen, weshalb die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) gemeinsam mit anderen Initiativen einen Protestbrief an den Chefredakteur geschrieben hat (siehe auch SWB 3/05).

Greenwashing in Polen
BAYER verbindet nach alter Gewohnheit Marktoffensiven mit Imageoffensiven. Seit einiger Zeit setzt die Landwirtschaftssparte BAYER CROPSCIENCE stark auf Polen (siehe auch PESTIZIDE & HAUSHALTSGIFTE). Nun sind aber die Pestizide des Agromultis Gift für Mensch, Tier und Umwelt. Deshalb stellt sich der Konzern in dem Land medial als Umweltengel dar. Zusammen mit der größten polnischen Zeitung TV Polen hat er einen Foto-Wettbewerb zum Thema “Umwelt„ ausgelobt und die prämierten Arbeiten auf einer Ausstellung in Warschau präsentiert.

Propaganda-Preis für Heiner Springer
Den Beschäftigten des Leverkusener Chemie-Multis und der Öffentlichkeit eine Zerschlagung des Unternehmens mit der Vernichtung von 20.000 Arbeitsplätzen innerhalb des Konzernverbundes als Wohltat zu verkaufen, stellt eine schwere Aufgabe dar. BAYERs Kommunikationschef Heiner Springer hat sie nach Meinung der “Deutschen Public Relation Gesellschaft„ (DPRG) meisterlich gelöst. Sie zeichnete die flankierenden Maßnahmen von Springer & Co. zur Trennung vom Chemiegeschäft mit dem ersten Preis aus. Als äußerst gelungen betrachtete die DPRG auch die Darstellung der Greenwashing-Aktivitäten im Rahmen von BAYERs Kooperation mit den Vereinten Nationen und die mediale Aufbereitung des Börsenganges der Chemie-Abspaltung LANXESS.

Neue LEVITRA-Werbung
BAYER hat sich von dem Potenzmittel LEVITRA einen Umsatz von einer Milliarde per anno versprochen, im letzten Jahr lag er jedoch nur bei 200 Millionen. Jetzt soll eine neue Werbekampagne helfen, den Marktanteil von 11 auf 20 Prozent zu erhöhen.

Kooperation mit VITA
Die Medizinzeitschrift VITA macht unverhohlen Reklame für LEVITRA, BAYERs Lifestyle-Präparat gegen “Erektile Dysfunktion„ (ED). Ein Artikel über die Einstellung von Männern über 40 zur Sexualität nennt als Quellenangabe freimütig eine “Presseveranstaltung der BAYER HEALTH CARE AG„. Er präsentiert eine “Studie„, nach der sich 46 Prozent der Zielgruppe ein erfüllteres Sexualleben wünscht und weiß auch gleich ein Mittel. “Sie brauchen nur den nächsten Schritt zu tun - einen Arzt aufsuchen - und da es heute mit LEVITRA eine effektive, schnell wirkende ED-Therapie gibt, kann das frühzeitige Ansprechen des Themas eine Menge Stress ersparen„, zitiert das Blatt den Professor Siegfried Meryn, Leiter einer ominösen “International Society for Men‘s Health and Gender„.

Millionen für Hämophilie-Forschung
Seit Mitte der 80er Jahre starben Tausende Bluter an AIDS-verseuchten Blutplasma-Produkten von BAYER, weil der Konzern sich aus Profit-Gründen weigerte, die Präparate einer Hitze-Behandlung zu unterziehen. In der Folge brachten Hämophilie-PatientInnen Präparaten des Leverkusener Multis ein großes Misstrauen entgegen. Der Konzern versucht es durch unterschiedliche PR-Maßnahmen wieder abzubauen. So hat er ein Forschungsprogramm initiiert, das wissenschaftliche Arbeiten zur Bluterkrankheit fördert. Drei Millionen Dollar ließ der Pharmariese sich das in diesem Jahr kosten.

BAYER startet “Bayrad 2005„
Gemeinsam mit der “Deutschen Herzstiftung„ und einigen Krankenkassen hat BAYER die Aktion “Bayrad 2005„ ins Leben gerufen. Sie will auf den gesundheitsfördernden Effekt von sportlicher Betätigung auf dem Fahrrad hinweisen und zum In-die-Pedale-treten animieren. Die geschäftsfördernde Nebenwirkung: Das Unternehmen kann die verschiedenen Akteure des Gesundheitswesens enger an sich binden. Für jeden zurückgelegten Kilometer auf den über 60 im Bundesgebiet aufgestellten Standgeräten überweist der Pharma-Riese der Herzstiftung nämlich 33 Cent, womit er den Verein für seine industrie-freundliche Haltung belohnt. So pries dessen Vorsitzender Professor Hans-Jürgen Becker erst im letzten Jahr ASPIRIN als herzinfarkt-vorbeugend an, obwohl das unter Fachleuten höchst umstritten ist.

Bild kämpft für BAYER
Die Hallensesche Ausgabe der Bild-Zeitung widmete den Schreibtischen der einflussreichsten Manager aus Sachsen-Anhalt eine Serie und stattete dabei auch dem Bitterfelder BAYER-Boss Georg Frank einen Besuch ab. Der nutzte die Gelegenheit, auf seinem Arbeitsplatz gleich drei ASPIRIN-Schachteln vor die Linse des Fotografen zu schieben und Propaganda für die von vielen ExpertInnen bestrittene herzinfarkt-vorbeugende Wirkung des Medikamentes zu machen. “Eine ist gegen Kopfschmerzen, die andere gegen Erkältungen. Die ASPIRIN-PROTECT nehme ich täglich als Vorsorge gegen Herzinfarkt. Daran starb mein Vater„, public-relatete Frank etwas missverständlich.

“Jugend forscht„ bei BAYER
Im Frühjahr 2005 lud BAYER zum Finale des “Jugend forscht„-Wettbewerbs nach Leverkusen. “Es war schon immer ein erklärtes Ziel von BAYER, den Forschungsdrang von Kindern und Jugendlichen zu fördern„, erklärte ein Konzern-Mitarbeiter. Den Forschungsdrang seiner eigenen Beschäftigten schränkt das Unternehmen jedoch drastisch ein. So vernichtete es am Wuppertaler Pharmaforschungszentrum 440 der 3.000 Arbeitsplätze. Zudem fuhr der Multi die Investitionen zurück und engte den wissenschaftlichen Ehrgeiz der PharmakologInnen auf vier Krankheitsfelder ein.

PR-Arbeit in China
Seine Geschäftsabsichten im boomenden China flankiert BAYER auch mit PR-Maßnahmen. So gehört der Konzern zu den finanziellen Unterstützern der Organisation “MercyCorps„, die armen LandwirtInnen und FischerInnen Kredite gibt.

BAYER wäscht grüner
Die Zahl der Störfälle bei BAYER steigt beharrlich, Konzernchef Wenning wettert permanent gegen umweltfreundliche Technologien wie die Windkraft, und der Konzern findet nichts dabei, hierzulande wegen ihrer Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt längst verbotene Ackergifte in Ländern der Dritten Welt weiter zu vertreiben. Trotzdem erdreistet sich das Unternehmen, sich im Rahmen einer Kooperation mit den Vereinten Nationen als Hüter der Schöpfung aufzuspielen und UmweltbotschaftlerInnen auszubilden. 44 der Unglücklichen besuchten im August 2004 Leverkusen und erhielten aus unberufenem Munde Nachhilfe zum Thema “Nachhaltige Entwicklung„. Sogar zum Landesumweltamt führte sie der zum Gärtner gemachte Bock BAYER - “mit dem Ziel, den jungen Menschen ein umfassendes Verständnis für die Rollen und das Zusammenspiel von Industrie, Behörden und privaten Haushalten im Bereich Umweltschutz zu vermitteln„, wie es in der Zeitschrift Sicherheitsbeauftragter heißt. Dass zu diesem “Zusammenspiel„ auch gehörte, den damaligen Kölner Regierungspräsidenten Franz-Josef Antwerpes zu verklagen, weil dieser den Multi zu einer Direktübermittlung von Emissionsdaten an die staatlichen Aufsichtsämter zwingen wollte, vermittelte der Agroriese seinen BotschaftlerInnen vermutlich aber nicht.

Oberlehrer BAYER
Der Leverkusener Multi hat es geschafft, sich den unter knappen finanziellen Mitteln leidenden Schulen im Umfeld der Werke als eine Art naturwissenschaftliche Hilfsschule anzudienen. Ein kurzer Blick auf das Angebot genügt, um festzustellen, welche wirtschaftspädagogische Absicht hinter dem BAYER-Lehrplan steckt. “Spielzeug aus Kunststoff von BAYER„, “Unser Hund hat Flöhe - Was tun?„, und “Wie funktioniert eine Kläranlage„ bietet der Konzern als Projekte an, und ältere Semester können an Diskussionsforen zu den Themen “Gentechnik„, “Tierversuche„ und “Aktiengesellschaft„ teilnehmen.

Fuhlrott-Museum ohne BAYER
BAYER hat sein Publikumslabor aus dem naturkundlich ausgerichteten Fuhlrott-Museum in Wuppertal abgezogen und in sein Aprather Pharmaforschungszentrum verlegt. Nun richtet das Land dort einen außerschulischen Lernort ein - und änderte gleich den Lehrplan. Die Gentechnik, der BAYER durch seine “Museumspädagogik„ zu mehr Akzeptanz verhelfen wollte, ist künftig kein Hauptfach mehr.

Chinesisches Fußball-Projekt
BAYER begleitet sein Engagement im neu-kapitalistischen Eldorado “China„ mit zahlreichen PR-Maßnahmen. So startete der Konzern ein Fußball-Projekt für Jugendliche. Nach Auskunft des Multis ist die pädagogische Absicht dabei, “unsere Ziele wie Fairness und Teamplay zu vermitteln„. Wenn es nicht um die Ziele, sondern die real existierende Unternehmenspraxis ginge, hätte BAYER den jungen Chinesen das Rugby-Spiel näher bringen müssen.

BAYER fördert Vogelstation
BAYERs Pestizide bringen vielen Vögeln den Tod. Die US-amerikanischen VogelschützerInnen der AMERICAN BIRD CONSERVANCY treten deshalb beispielsweise schon seit langem für ein Verbot des Mittels FENTHION (europäischer Handelsname: LEBAYCID) ein. Um so wichtiger ist es für den Konzern, sich in der Öffentlichkeit als Vogelfreund darzustellen. Zu diesem Behufe fördert der Multi in Neuseeland jetzt eine Aufzuchtstation für Vögel.

Umweltprogramm in Neuseeland
BAYERs Greenwashing-Aktivitäten nehmen ein immer größeres Ausmaß an. Jetzt hat der Konzern in Neuseeland gemeinsam mit der “Royal Society„ für 120.000 Dollar auch noch das Jugendumweltprogramm “BAYERBOOST„ gestartet.

Global Reporting mit BAYER
Die Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen steht immer noch im Mittelpunkt von BAYERs Greenwashing-Bemühungen - keiner wäscht grüner als Kofi Annan. Darum ist der Leverkusener Multi jetzt auch noch Mitglied der “Global Reporting Initiative„ geworden. Sie kooperiert in Sachen “Nachhaltige Entwicklung„ mit dem UN-Umweltprogramm und dem “Global Compact„, einer weiteren zwecks Image-Aufpolierung mit den Vereinten Nationen verbandelten Organisation von BAYER & Co..

Partnerschaft mit medizinischer Vereinigung
Gewohnheitsmäßig lässt BAYER PatientInnen-Verbänden und medizinischen Vereinigungen große Spenden zukommen. Im Gegenzug erhält der Konzern dann Unterstützung bei der Vermarktung seiner Pillen. So hat die “American Heart Association„ ASPIRIN als Mittel zur Herzinfarkt-Prophylaxe empfohlen, obwohl die US-amerikanische Gesundheitsbehörde dem Leverkusener Multi eine Zulassung für diese Indikation verweigerte. Gleiches erwartet sich das Unternehmen nun von der “World Heart Federation„, mit der es eine dreijährige Zusammenarbeit vereinbart hat. Bereits auf dem “World Heart Day„ waren die Federation und BAYER gemeinsam im Einsatz.

Adolf Muschg in Leverkusen
BAYER hat sich als Festredner zur Eröffnung der neuen Spielzeit des Kulturprogrammes im September den Präsidenten der Berliner “Akademie der Künste„, den Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg, geangelt.

  • TIERE & ARZNEIEN

BAYTRIL verboten
BAYERs Antibiotikum BAYTRIL kommt in der Massentierhaltung massenhaft zum Einsatz. Als Folge davon bilden immer mehr Krankheitskeime Resistenzen gegen den Wirkstoff Fluorchinolon aus. Zu den Fluorchinolon-resistenten Krankheitserregern gehören u.a. Salmonellen- und Campylobacter-Stämme. In den Nahrungskreislauf gelangt, können sie beim Menschen schwere Magen-Darminfektionen auslösen, gegen die Human-Antibiotika auf Fluorchinolon-Basis wie BAYERs CIPROBAY dann machtlos sind. Deshalb treten die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) und andere Initiativen seit Jahren für ein BAYTRIL-Verbot ein. Im Sommer 2005 konnte die Kampagne einen Erfolg verbuchen. Die US-Gesundheitsbehörde FDA untersagte mit sofortiger Wirkung den Gebrauch von BAYTRIL in der Geflügelzucht.

ADVOCATE: präventive Wirkung?
Nichts lässt die Kassen der Hersteller so sehr klingeln wie regelmäßig eingenommene Präparate. Das gilt für menschliche und tierische PatientInnen gleichermaßen. Deshalb behauptet der Leverkusener Multi auch, ADVOCATE, sein neues Antiparasiten-Mittel für Hunde, würde bei permanenter Anwendung prophylaktisch wirken. Dabei dürften seine zwei Inhaltsstoffe Moxidectin und Imidacloprid allerdings nicht nur Parasiten schaden. ImkerInnen auf der ganzen Welt machen Imidacloprid als Wirksubstanz des Pestizides GAUCHO nämlich für ein Bienensterben in großem Ausmaß verantwortlich.

BAYER profitiert von Fischfarmen
Die Zahl der in Fischfarmen gezogenen Shrimps nimmt immer weiter zu. Im Jahr 2003 betrug die Jahresproduktion schon 1,8 Millionen Tonnen. Ohne Chemie geht deshalb in der industrialisierten Fischwirtschaft nichts. So verfügt BAYER HEALTH CARE über ein Sortiment von 30 Produkten für die Aqua-Kulturen, das unter anderem aus Desinfektionsmitteln, Antibiotika und speziellen Bakterien besteht. Allein in Vietnam stieg der Umsatz der Mittel von 2000 bis 2003 um das Fünfzehnfache.

DRUGS & PILLS

Arznei-Ausgaben: plus 19 %
Nach Berechnungen der Krankenkassen werden ihre Ausgaben für Arzneien in diesem Jahr um 19 Prozent gegenüber denen von 2004 steigen. “Nicht nachvollziehbare Mengenausweitungen bei neuen und teuren Arzneimitteln ohne therapeutischen Fortschritt„ nannte der Betriebskrankenkassen-Vorsitzende Wolfgang Schmeinck als einen Grund für die Kosten-Explosion. Aber nicht nur die Überredungskünste der Pharma-DrückerInnen von BAYER & Co. in den Praxen der Republik haben zu den Mehrausgaben geführt. Die Pillen-Produzenten profitierten auch davon, den Krankenkassen nicht mehr 16, sondern nur noch sechs Prozent Rabatt auf ihre Medikamente einräumen zu müssen.

GLUCOBAY hilft dem Herz nicht
Nach Aussage des Leverkusener Multis beugt das Diabetes-Präparat GLUCOBAY mit dem Wirkstoff Acarbose auch Herzinfarkten vor. Anzeigen-finanzierte Spezialzeitschriften wie Der Internist helfen dem Konzern bei der Verbreitung der Mär. So führte ein Artikel in der Augustausgabe 2005 gleich zwei neue Studie zum Beweis der BAYER-These an. Ein im industrie-unabhängigen Fachmagazin arznei-telegramm erschienener Forschungsbericht kam jedoch zu ganz anderen Ergebnissen. “Entgegen den Werbeaussagen der Firma BAYER ist auch bei Patienten mit gestörter Glukose-Toleranz (d. i. DiabetikerInnen, Anm. SWB) (...) kein Einfluss von Acarbose auf kardiovaskuläre Erkrankungen nachgewiesen„, heißt es in der Zeitschrift.

Magenblutungen durch ASPIRIN
Mit Vehemenz versucht BAYER seit geraumer Zeit, ASPIRIN als herzinfarkt-vorbeugendes Mittel zu bewerben. Jetzt hat eine neue Studie aus Australien mit 20.000 Männern und Frauen über 70 Jahren zwar einen Einfluss des Wirkstoffes Acetylsalicylsäure auf das Herz-Kreislauf-System festgestellt, aber zugleich auch gravierende Nebenwirkungen. Bei 321 Frauen und 398 Männern hat ASPIRIN das Herzinfarkt-Risiko und bei 35 Frauen und 19 Männern die Schlaganfall-Gefahr gesenkt. Dafür bekamen aber 572 weibliche Versuchspersonen und 499 männliche schwere Magen/Darm-Blutungen. Zudem diagnostizieren die ForscherInnen bei 60 ProbandInnen Blutungen in der Hirnregion.

6.500 Todesfälle durch ASPIRIN & Co.
Magenbluten stellt die gefährlichste Nebenwirkung von Schmerzmitteln wie ASPIRIN dar. Nach einer Untersuchung des Mediziners Michael Wolfe von der “Boston University School of Medicine„ sterben in den USA durch die von ASPIRIN & Co. verursachten Blutungen jährlich 6.500 Menschen.

Nierenschäden durch ASPIRIN & Co.
Schmerzmittel wie ASPIRIN schaden bei regelmäßiger Einnahme den Nieren. Nach Einschätzung des Nieren-Experten Professor Wolfgang Pommer müssen sich in der Bundesrepublik jährlich 400 PatientInnen einer Dialyse-Behandlung unterziehen, weil ASPIRIN & Co. ihnen ihre lebenswichtigen Organe zerstört haben.

Blind durch LEVITRA
Bei den staatlichen Stellen häufen sich Informationen über Sehstörungen nach der Einnahme von BAYERs LEVITRA und anderen Potenzmitteln. In den USA ist ein Mann durch die Lifestyle-Pille aus Leverkusen sogar blind geworden. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat auf die Entwicklung reagiert und die Pharma-Multis verpflichtet, auf ihren Beipackzetteln vor der Gefahr des Sehverlustes zu warnen. Auch die kanadische Gesundheitspolitik hat Maßnahmen eingeleitet und VertreterInnen des Pharmariesen einbestellt. Die BAYER-Verantwortlichen zeigen sich allerdings nicht gerade schuldbewusst. “Ein kausaler Zusammenhang zwischen der Einnahme von PDE-Hemmern wie LEVITRA und einer Sehnerv-Erkrankung konnte bisher nicht hergestellt werden„, so ein Unternehmenssprecher.

Kein Geld mehr für LEVITRA
Die für die Versorgung sozial Schwacher mit Medikamenten aufkommenden US-Gesundheitsprogramme “Medicaid„ und “Medicare„ übernehmen künftig nicht mehr die Kosten für LEVITRA und andere Potenzmittel. Damit drohen dem nicht nur in den Vereingten Staaten mit 193 Millionen Dollar jährlich ohnehin hinter den Umsatzerwartungen zurückbleibenden Mittel weitere Einbußen.

TRASYLOL bei Hüft-OPs?
Dem Leverkusener Multi mangelt es an neuen lukrativen Medikamenten, weshalb er nach neuen Verwendungsmöglichkeiten für die alten sucht. Das BAYER-Medikament TRASYLOL mit dem Wirkstoff Aprotinin soll aus diesem Grund künftig nicht nur bei Operationen am offenen Herzen zum Anwendung finden, sondern auch beim beim Einsetzen von künstlichen Hüftgelenken. Im Moment befindet sich das Präparat gerade in der Phase III der klinischen Tests für dieses Indikationsgebiet.

Neues KOGENATE
BAYER hat kaum neue Medikamente in der Entwicklung. Deshalb versucht der Konzern, die Pharma-Erträge durch geringfügige Veränderungen der bereits vermarkteten Arzneien zu steigern. Zu diesem Zweck hat er mit Erprobung einer länger wirksamen Spielart des Bluter-Präparates KOGENATE begonnen.

AVELOX bei Haut-Infektionen
Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat die Zulassung für das BAYER-Antibiotikum AVELOX erweitert. MedizinerInnen dürfen es fortan auch bei Weichteil- und Hautinfektionen verschreiben, die Bakterien ausgelöst haben.

3. Testphase für Thrombosemittel
BAYERs momentan in der Entwicklung befindliches Thrombosemittel geht im Herbst 2005 in die dritte und letzte Phase der klinischen Erprobung.

CIPROBAY BAYERs Nr.1
Mit einem Umsatz von 837 Millionen Euro ist das Antibiotikum CIPROBAY BAYERs umsatzstärkstes Medikament. Es folgen ADALAT (670 Millionen), ASPIRIN (615 Millionen), AVELOX (318 Millionen), GLUCOBAY (278 Millionen), LEVITRA (193 Millionen) und TRASYLOL (171 Millionen).

Erweitere Zulassung für Herz-Test
Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat die Zulassung für einen Herzschwäche-Test von BAYER erweitert. Diese gilt nunmehr nicht bloß für die Bestimmung einer Herzinsuffizienz, sondern auch für Prognosen über den Gesamtzustand des Organs und über die Überlebenschancen der PatientInnen. Das gentechnische Diagnose-Verfahren misst die Konzentration eines stress-anzeigenden Eiweiß-Spaltproduktes, des natriurethischen Peptides vom Typ B, und will darüber Aussagen über die Verfassung des Herzens treffen.

FDA lässt vier Hepatitis-Tests zu
Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA genehmigte im Jahr 2005 vier Hepatitis-Tests von BAYER: einen auf Hepatitis A, einen auf Hepatitis-A-Antikörper, einen auf Hepatitis-B-Antikörper und einen auf Hepatitis C. BAYER ist einer der weltgrößten Hersteller von Diagnostika-Geräten, die wegen ihrer Fehler-Anfälligkeit häufig in der Kritik stehen.

Pharma-Zukäufe möglich
BAYER plant, die Sparte mit rezeptfreien Medikamenten durch Akquisitionen auszubauen. So gehört der Konzern zu Kauf-Interessenten des entsprechenden Sortiments von BOOTS HEALTHCARE INTERNATIONAL.

Kooperation mit KEYNEUROTEK
Das Magdeburger Unternehmen KEYNEUROTEK hat ein Medikament für PatientInnen mit einem Schädel/Hirn-Trauma in der Entwicklung, das BAYER für profitträchtig erachtet, weshalb der Konzern mit der Firma einen Kooperationsvertrag geschlossen hat.

GENE & KLONE

Superunkraut durch Genraps
Englische ForscherInnen haben auf einem Versuchsfeld mit Genraps das Wachsen eines Superunkrauts beobachtet. Pollen des gentechnisch gegen ein Antiunkrautmittel resistent gemachten Raps' haben sich in eine Senfgras-Art eingekreuzt und die Herbizid-Resistenz “weitervererbt„, so dass gegen die Pflanze nunmehr kein Kraut mehr gewachsen ist. “Die Untersuchung hat uns die Möglichkeit des Entstehens von transgenen Superunkräutern vor Augen geführt - mit gravierenden Folgen für Landwirtschaft und Umwelt„, kommentierte Emily Diamand von FRIENDS OF THE EARTH die beunruhigende wissenschaftliche Entdeckung.

EU gegen BAYERs Genraps
Der Leverkusener Agromulti hat den EU-Genehmigungsantrag für gentechnisch verändertes Rapsöl-Saatgut zurückgezogen und ist damit einer absehbaren negativen Entscheidung der Kommission zuvorgekommen. Laut Auskunft der Sprecherin von Umweltkommissar Stavros Dimas gab es nämlich “Bedenken bei den EU-Regierungen, einige haben die Sicherheitsklausel beim Zulassungsverfahren für die Gen-Rapsölsaat gezogen„. Das mochte der Konzern in einer Stellungsnahme zu dem Rückzug natürlich nicht zugeben. “Wir sehen auf absehbare Zukunft aufgrund der politischen Lage keinen Anreiz für den Anbau und die Vermarktung von Genraps in der EU„, hieß es aus der Zentrale. Auf eine EU-Einfuhrgenehmigung für anderswo angebauten Genraps hofft der Gengigant allerdings weiterhin.

EU gegen BAYERs Genmais
Vor geraumer Zeit hatte die EU-Kommission beantragt, die herrschenden Verbote von genetisch verändertem Mais und Maissaatgut aufzuheben. Die UmweltministerInnen der Europäischen Union lehnten das jedoch ab. So müssen der T25-Mais und das Saatgut von BAYER sowie Sorten von MONSANTO und SYNGENTA vorerst in den Labors bleiben.

Gentech-Moratorium der EU
Der EU-Umweltkommissar Stavros Dimas hat ein Moratorium für die Zulassung von Genpflanzen verkündet, weil es bisher weder für das Nebeneinander von Gentech-Früchten und konventionell oder ökologisch angebauten Sorten noch für das Problem der Saatgut-Verunreinigungen befriedigende Lösungen gibt.

Mehr Gentech-Saatgut verkauft
Im Geschäftsjahr 2004 hat BAYER den Umsatz mit gentechnisch verändertem Saatgut um 14,8 Prozent auf 311 Millionen Euro gesteigert. Für das Ertragsplus sorgten vor allem Gen-Saaten für Canola-Raps und Baumwolle.

Lebensmittel gen-kontaminiert
Die Zeitschrift Ökotest hat 56 Lebensmittelprodukte untersucht und in einem Drittel von ihnen Gentech-Spuren gefunden, die sich zumeist in dem Bereich von 0,1 Prozent bewegten. Der Grenzwert, ab dem die Rückstände der Laborfrüchte von BAYER & Co. der Kennzeichnungspflicht unterliegen, beträgt 0,9 Prozent.

BAYER stiftet Professur
BAYER CROPSCIENCE finanziert der “Texas Tech University„ eine sich der “Molekulargenetik von Baumwolle„ widmende Stiftungsprofessur (siehe auch FORSCHUNG & LEHRE).

Biotech-Forschungen in Aprath
BAYERs Pharma-Zentrum in Aprath setzt verstärkt auf Forschungskooperationen. Allein im Bereich “Genmedizin„ gibt es zur Zeit vier solcher Projekte.

Individualisierte Gendiagnostik
Die individualisierte Medizin gilt als zukunftsträchtig. Die Pharmaunternehmen versprechen sich von der so genannten Pharmakogenetik ganz auf den/die EinzelneN abgestimmte Diagnose-, Therapie- und Präventionskonzepte - und damit auch weniger Nebenwirkungen. ExpertInnen wie Regine Kollek vom Hamburger “Institut für Technikfolgenabschätzung„ bleiben da skeptisch, weil nicht eine bestimmte Veranlagung, sondern Fehlverschreibungen und Arznei-Wechselwirkungen die unerwünschten Effekte verursachen. Von der Umsetzung der neuen Pharmakologie trennen BAYER & Co. ohnehin noch Welten, ganz real sind allerdings schon die Gefahren durch die “Zukunftstechnologie„. Immer mehr Biobanken sammeln alle verfügbaren Gesundheitsdaten der Bevölkerung und kartographieren ihr Erbgut. Bei den PatientInnen mit Erbkrankheiten steigt deshalb die Angst vor einer Ausgrenzung. Bei einer Umfrage unter Mitgliedern der “Deutschen Huntington-Hilfe„ gaben 80 Prozent der unter dieser erblichen Gesundheitsstörung leidenen an, bereits Erfahrungen mit Diskriminierungen gemacht zu haben. BAYER stört sich daran nicht. Das Unternehmen wittert einen neuen Markt und hat von den Firmen DXS und BTG Lizenzen für Gentech-Tests erworben, die es angeblich ermöglichen, die Wahrscheinlichkeit eines Krankheitsausbruches vorherzusagen und eine speziell auf den/die PatientIn zugeschnittene Behandlungsart zu entwickeln.

Diagnostika-Lizenz gekauft
BAYER hat von dem Unternehmen ERAGEN BIOSCIENCES eine Lizenz für ein auf Gentechnik beruhendes Diagnoseverfahren zum Nachweis der zystischen Fibrose erworben.

Zulassungsantrag für Sorafenib
Der Leverkusener Multi hat für das gemeinsam von ihm und ONYX gentechnisch entwickelte Krebsmedikament Sorafenib eine Zulassung zur Behandlung von Nierenkrebs im fortgeschrittenen Stadium beantragt. Darüber hinaus strebt der Konzern Genehmigungen für die Therapiefelder Haut- und Leberkrebs an.

BAYER will Gentech-Kraftstoffe
Der Leverkusener Multi versucht der grünen Gentechnik einen neuen Markt zu erschließen. In Zeiten steigender Ölpreise entwirft BAYER CROPSCIENCE-Chef Friedrich Berschauer die Vision der Produktion von Biokraftstoff durch gentechnisch veränderte Pflanzen. Vorzeigbares hat der Konzern da zwar noch nicht aufzuweisen, aber darum ging es Berschauer bei seinem Auftritt vor der “Wirtschaftspublizistischen Vereinigung„ auch gar nicht. Da die grüne Gentechnik den Nachweis ihrer Nützlichkeit bis heute schuldig geblieben ist und deshalb an Akzeptanzproblemen leidet, wollte Berschauer den JournalistInnen die Risikotechnologie nur einmal zumindest virtuell als Problemlöser schmackhaft machen.

WASSER, BODEN & LUFT

Produktionsstopp wg. Rita
Mit den aus den Schornsteinen der BAYER-Werke jährlich aufsteigenden 6,1 Millionen Tonnen Kohlendioxid trägt der Konzern maßgeblich zur Klimaerwärmung und damit auch zum vermehrten Auftreten von Wirbelstürmen bei. In den USA hat der Multi die Auswirkungen seines verantwortungslosen Handelns zum ersten Mal am eigenen Leib zu spüren bekommen. Er musste wegen des herannahenden Hurrikans “Rita„ die Produktion des Werkes im texanischen Baytown stoppen. Zur einer Änderung seiner Klimapolitik dürfte diese Erfahrung den Multi aber wohl kaum bewegen.

Giftfracht aus Holland
Als würde der konzerneigene Giftmüll nicht schon reichen, steigt BAYER zunehmend ins Entsorgungsgeschäft ein. So kann sich die Deponie in Bürrig über 10.000 Tonnen Altlasten des niederländischen Unternehmens ATM freuen. Die Rückstände aus der Farb- und Lackproduktion sowie der Bodenaufbereitung kommen binnen der nächsten zwei Jahre zur Klärschlammverbrennung nach Leverkusen.

Pro Tonne 48 kg Sondermüll
Bei der Herstellung von BAYER-Produkten fallen pro Tonne 48 kg Schadstoff-belastete Abfälle an; 1992 waren es sogar noch 123 kg. An flüssigen Giftfrachten hat allein das Dormagener Klärwerk täglich 60.000 Kubikmeter zu bewältigen.

BAYTRIL ist überall
Die in der Massentierhaltung massenhaft verwandten Antibiotika wie BAYERs BAYTRIL (siehe auch TIERE & ARZNEIEN) machen Krankheitserreger immun gegen die Mittel. Durch den Verzehr von industriell produziertem Fleisch in den menschlichen Organismus gelangt, können diese dort Krankheiten auslösen, gegen die kein Kraut mehr gewachsen ist. Nach einer Studie der Universität Paderborn stellen die Antibiotika aber auch eine Gefahr für die Umwelt dar. Über die als Dünger verwandte Gülle aus Schweinemastbetrieben verseuchen sie Gewässer, Böden und Pflanzen, die oft als Tierfutter dienen und BAYTRIL & Co. so wieder in die Nahrungskette einspeisen.

BAYER-Zulieferer in der Kritik
Ein mexikanisches Unternehmen, das BAYER mit Agrochemikalien beliefert, verschmutzt die Umwelt mit seinen Produktionsrückständen in so hohem Maße, dass die mexikanischen Sektionen von GREENPEACE und dem PESTIZID-AKTIONS-NETZWERK die Schließung des Werkes fordern.

Verseuchter Klärschlamm
Bei der Abwasseraufbereitung der Klärwerke fällt Schlamm an, den die Landwirtschaft teilweise weiterverwertet. Da sich in diesen Klärrückständen eine Vielzahl der von BAYER & Co. stammenden Schadstoffe wie Chemikalien und Schwermetalle tummeln, kam eine vom Land Nordrhein-Westfalen durchgeführte Untersuchung zu dem Schluss, diese Art von “Recycling„ “im Hinblick auf die Schutzgüter Boden und Grundwasser sowie die Nahrungsmittelproduktion teilweise als kritisch anzusehen„.

PESTIZIDE & HAUSHALTSGIFTE

Pestizid-Vergiftungen in Indien
In Indien leiden zahlreiche Menschen unter Vergiftungen durch Pestizide, wie eine Studie der Universität Wageningen dokumentiert. Das Versprühen der Ackergifte auf den Feldern löst bei 39 Prozent der Kleinbauern und -bäuerinnen leichte Vergiftungserscheinungen wie Kopfschmerzen, Atembeschwerden und brennende Augen aus. 38 Prozent der LandwirtInnen zeigen mittelschwere Symptome wie Muskelkrämpfe oder Erbrechen. Bei 16 Prozent der untersuchten Personen stellten die WissenschaftlerInnen schwere Vergiftungserscheinungen wie Bewusstlosigkeit oder Anfälle fest. Die inkriminierten Wirkstoffe wie Endosulfan, Aldicarb, Monocrotophos und Imidacloprid finden sich vielen BAYER-Produkten, aber auch Generika-Hersteller vermarkten sie. Das in der Bundesrepublik längst verbotene Monocrotophos lässt der Leverkusener Multi in Fabriken der Region Vapi herstellen, wo es keinerlei Umwelt- und Sicherheitsauflagen gibt und sich entsprechend oft Chemie-Unfälle ereignen (siehe auch SWB 1/04).

Immer mehr Pestizide
Im Jahr 2004 stieg der Verbrauch von Pestiziden auf bundesdeutschen Äckern gegenüber 2003 um 4,6 Prozent. Auch weltweit brachten die LandwirtInnen mehr Agrochemikalien aus, was für BAYER und die anderen Agromultis eine Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr von 13 Prozent auf 32,2 Milliarden Dollar bedeutete.

Immer mehr Pestizid-Altlasten
In Lateinamerika gibt es weit mehr ungesichert gelagerte Altpestizide als bisher angenommen. Ging die Ernährungs- und Landwirtschaftorganisation der UN, die FAO, immer von ungefähr 10.000 Tonnen aus, so schätzt sie die Zahl jetzt auf 30.000 bis 50.000 Tonnen. Die FAO-ExpertInnen fanden Agrochemikalien in unmittelbarer Nähe von Wohngebieten oder von Gewässern. In Kolumbien machten sie sogar auf einem Gelände, auf dem eine Armensiedlung entstehen sollte, 5.000 Tonnen verscharrter Agrochemikalien dingfest. Zu den Altpestiziden gehörten auch Wirkstoffe von BAYER wie z. B. das von der WHO als extrem gefährlich eingestufte Parathion-Methyl, der Inhaltsstoff von ME 605 Spritzpulver. Überall auf der Welt verseuchen solche BAYER-Altlasten Mensch, Tier und Umwelt, zuletzt sorgten GREENPEACE-Funde im Nepal für einen handfesten Skandal. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) fordert den Konzern deshalb auf, sich an den Kosten für eine fachgerechte Entsorgung zu beteiligen.

Immer mehr Pestizid-Rückstände
Nach einer Untersuchung des “Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit„ nimmt die Belastung von Lebensmitteln mit Pestiziden zu. 57 Prozent aller geprüften Proben wiesen Rückstände auf - eine Steigerung von 5,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dabei fanden sich im importierten Obst und Gemüse mit einer Quote von 61,4 Prozent mehr Ackergiftspuren als in bundesdeutschen Produkten (46,5 Prozent). In acht Prozent der Fälle überschritten die Rückstände der Agrochemikalien von BAYER & Co. die zulässigen Grenzwerte.

Chlorpyrifos in Erdbeeren
Das “Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart„ untersuchte Erdbeeren und wies in 96 Prozent aller Früchte aus deutschen Landen Pestizidrückstände nach. Durchschnittlich fanden sich Spuren von vier Agrochemikalien in den Proben. Importierte Ware war zu 93 Prozent belastet, einige Erdbeeren aus Italien und Spanien lagen sogar über dem zulässigen Grenzwert. In ihnen war am häufigsten der Wirkstoff Chlorpyrifos am Werk, der in mehreren BAYER-Produkten enthalten ist, unter anderem in dem Madenstreumittel RIDDER, dem Anti-Insektenmittel BLATTANEX und in dem Haushaltsschaben-Köder PROFICID.

Aus für Aldicarb?
Die US-amerikanische Umweltbehörde EPA erwägt, BAYER die Zulassung für den uralten Pestizidwirkstoff Aldicarb zu entziehen. Der Konzern hat gleich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das zu verhindern und sogar Baumwoll-FarmerInnen für seine Ziele einspannen können.

Grünes Licht für Menschenversuche
Seit Jahren drängt BAYER die US-amerikanische Umweltbehörde EPA, die Ergebnisse von Pestizid-Tests an Menschen bei den Zulassungsverfahren für Agrochemikalien zu berücksichtigen. Die Untersuchungen schätzen das Gefahrenpotenzial der Mittel nämlich deutlich niedriger ein als bisherige wissenschaftliche Arbeiten und müssten deshalb nach dem Kalkül des Leverkusener Multis zu einer Lockerung der Grenzwerte führen. Die EPA beugte sich schließlich dem Druck der Pestizid-Produzenten, obwohl eine jüngst veröffentlichte Studie bei den Menschenversuchen gravierende Verstöße gegen medizinethische Standards festgestellt hat. Anfang nächsten Jahres will die Behörde die genauen Regularien für solche Versuchsreihen bekannt geben.

Kooperation bei Reis-Pestizid
BAYER und das japanische Unternehmen SUMITOMO wollen gemeinsam ein Pestizid gegen die Reis-Bräune entwickeln, das im Jahr 2010 auf den Markt kommen soll.

Parkinson durch Pestizide
Pestizide wirken auf das Nervensystem ein. Deshalb stoßen mmer mehr Untersuchungen auf einen Zusammenhang zwischen dem Ausbruch der Parkinson-Krankheit (Schüttellähmung) und einem Kontakt mit Agrochemikalien (siehe auch Ticker 3/03). Eine neue Studie mit 767 Parkinson-PatientInnen und ca. 2.000 gesunden ProbandInnen hat bei Personen, die mit Ackergiften umgingen wie z. B. LandwirtInnen, ein um 43 Prozent erhöhtes Krankheitsrisiko festgestellt.

Gute Geschäfte in Osteuropa
Seit der EU-Erweitung betreiben die osteuropäischen Länder eine intensive Landwirtschaft. Da dies mit einem intensiven Pestizid-Verbrauch verbunden ist, laufen die Geschäfte für BAYER gut. “Wir haben im vergangenen Jahr ein sehr gute Entwicklung in Polen, Rumänien, Tschechien und auch Ungarn verzeichnen können„, freut sich der BAYER CROPSCIENCE-Chef Friedrich Berschauer. Der Umsatz in den zehn neuen EU-Mitgliedsstaaten stieg zwischen 2001 und 2004 von 50 auf 160 Millionen Euro; in Polen kommt BAYER mittlerweile schon auf einen Marktanteil von 25 Prozent.

Hohe Erwartungen in China
Der Pestizid-Verkauf in China lässt für BAYER noch zu wünschen übrig. Die dortigen LandwirtInnen setzen meistens billige Nachahmer-Produkte ein, die Patent-Bestimmungen werden oft verletzt und mit den Zulassungsverfahren haben es die Agro-Multis auch nicht so ganz einfach. “Wir sehen aber durchaus Bestrebungen seitens der chinesischen Regierung, vergleichbare Zulassungsstandards wie in den USA oder der EU auch in China zu etablieren„, freut sich BAYER CROPSCIENCE-Chef Friedrich Berschauer. Auf anderen Gebieten sieht der Konzern die Industrialisierung der Landwirtschaft ebenfalls auf einem guten Wege - und damit auch die Profit-Aussichten steigen. So hat der Gouverneur der Provinz Fujian laut BAYER Report 1/2005 ein millionen-schweres Landwirtschaftsprogramm aufgelegt, das die kleinbäuerlichen Strukturen zerschlagen und die Erträge der Äcker erhöhen will.

CHEMIE & BELASTUNG

Chemie in der Muttermilch
Eine vom BUND FÜR UMWELT UND NATURSCHUTZ DEUTSCHLAND (BUND) in Auftrag gegebene Studie hat in der Muttermilch 300 verschiedene Schadstoffe nachgewiesen. Mit Weichmachern, Flammschutzmitteln, Duftstoffen und anderen Substanzen war fast die gesamte Produktpalette von BAYER & Co. vertreten. Die ForscherInnen spürten in der Milch sogar längst verbotene Chemikalien auf. Die Initiative wertet die Ergebnisse der Untersuchung als erneuten Beleg dafür, wie wichtig ein strenges, dem Druck von BAYER & Co. standhaltendes EU-Chemikaliengesetz zum vorbeugenden Gesundheitsschutz ist.

PLASTE & ELASTE

Ölpreis-Kosten
Bei der Kunststoff-Produktion ist Öl ein wichtiger Rohstoff. Eine Verteuerung um 10 Dollar pro Barrel verursacht für BAYER Mehrkosten in Höhe von 1,4 Milliarden Euro. Da der Konzern sich seit der LANXESS-Abspaltung auf die Herstellung veredelter Spezial-Kunststoffe konzentriert, kann er das nach den Worten des Vorstandsvorsitzenden Werner Wenning jedoch “durch Preiserhöhungen kompensieren„.

Mehr MAKROLON
Das Absatz des Kunststoffes MAKROLON boomt. Deshalb will BAYER die Produktion ausweiten. Bis zum Jahresende sollen die Werke bis zu eine Million Tonnen herstellen können.

Kooperation mit PTS
BAYER und die PTS PLASTIC TECHNOLOGY SERVICE GmbH haben eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung von thermoplastischen Kunststoffen vereinbart.

STANDORTE & PRODUKTION

75 Jahre Leverkusen
Der BAYER-Standort Leverkusen begeht in diesem Jahr mit großem Aufwand sein 75-jähriges Jubiläum. Auf die wenig feierliche Geschichte von BAYER-Town machte die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) in einer Presseerklärung aufmerksam. So hat der Chemie-Multi sich Leverkusen einst nur auserkoren, weil er dort ungehindert Schadstoffe ausstoßen konnte, was am alten Stammsitz Wuppertal massive Proteste verhindert hatten. Zudem ergaben sich für den Stadtteil Wiesdorf durch die rasche Expansion der Niederlassung zahlreiche Probleme. Die nötigen Investitionen in die Infrastruktur und kommunale Einrichtungen wie Schulen sorgten für eine immense Schuldenlast der Gemeinde. Und heutzutage treibt die “kreative Buchführung„ des Konzerns Löcher in den Haushalt, weil durch sie die Gewerbesteuergelder gar nicht mehr oder nur noch spärlich fließen.

Neuer Chef in Dormagen
Dr. Walter Leidinger folgt Walter Schulz als Leiter des Dormagener Chemie“parks„ nach.

Neuer Chef in Bitterfeld
Am 1. Oktober 2005 hat Hans-Joachim Raubach Dr. Georg Frank als Geschäftsführer der Bitterfelder BAYER-Niederlassung abgelöst.

Ausbau von Bitterfeld
BAYER plant, sein Werk in Bitterfeld auszubauen, weil sich die Arzneiproduktion nach die Übernahme der ROCHE-Sparte für rezeptfreie Medikamente ausweitet und der Konzern von den Billiglöhnen im Osten profitieren will.

Schneller Bauen in China
Um schneller Anteil am Wirtschaftsboom in China zu haben, beschleunigt BAYER den Bau einer Makrolon-Anlage in Shanghai. Statt 2009 soll er nun schon 2007 abgeschlossen sein.

Weniger Geld für Kunstverein
BAYER hat die Zuschüsse für den Dormagener “Kunstverein Galerie-Werkstatt„ um die Hälfte gekürzt. Die Initiative hat nun beträchtliche Schwierigkeiten, den Betrieb im Kloster Knechtsteden, wo MalerInnen, GrafikerInnen, FotografInnen und BildhauerInnen arbeiten, aufrecht zu erhalten. Sie sah sich zu drastischen Einsparmaßnahmen und zu einer Erhöhung der jährlichen Mitgliedsbeiträge von 118 auf 153 Euro gezwungen. Schon in der Vergangenheit hat der Leverkusener Agro-Multi seine Kulturförderung erheblich reduziert. So schloss er Werksgalerie und -bibliothek und strich die Unterstützung für Kleinkunst-Veranstaltungen.

Feuerwehr: Wer zahlt?
In Wuppertal hat BAYER die Werksfeuerwehr abgeschafft (Ticker 2/05), stattdessen rückt die kommunale Feuerwehr ein. Von den 32 Werksfeuerwehr-Männern bleiben nur 12 übrig, die künftig gemeinsam mit ihren städtischen Kollegen Dienst schieben. Der - nicht zuletzt wegen der nur spärlich fließenden Gewerbesteuer von BAYER - defizitären Wuppertaler Stadtkasse spült der Deal einiges Geld in die Kasse. Aber er könnte sie auch einiges kosten. So streiten die LokalpolitikerInnen sich momentan mit dem Konzern darüber, wer den neuen, speziell für Chemieunfälle ausgerüsteten Feuerwehrwagen kaufen muss, wenn es der alte mal nicht mehr tut.

IMPERIUM & WELTMARKT

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Griesheimer Werk verkauft
BAYER hat sein Werk im Griesheimer Industrie“park", das Pestizidwirkstoffe herstellte, an CLARIANT verkauft. Der neue Besitzer übernimmt 16 Beschäftigte, die übrigen 20 Mitarbeiter bleiben beim

[NRW] STICHWORT BAYER 03/2005

CBG Redaktion

Neue NRW-Regierung:

Schwarz-Gelb auf BAYER-Kurs

Nur eine rot-grüne Regierungskoalition hat Kriegseinsätze der Bundeswehr und drastische Sozialkürzungen beschließen können, ohne die innere Sicherheit durch Massenproteste zu gefährden. Aber jetzt haben SPD und Grüne für BAYER & Co. ihre Schuldigkeit getan. In Nordrhein-Westfalen, dem Homeland des Chemie-Multis, begann mit dem Wahlsieg von Jürgen Rüttgers der Anfang vom Ende für Rot-Grün.

Von Hubert Ostendorf

Die neue schwarz-gelbe NRW-Landesregierung hat, wie nicht anders zu
erwarten, einen industrie-freundlichen Kurs eingeschlagen. Nicht zuletzt
der BAYER-Konzern als größtes Chemie-Unternehmen im Land kann sich
darüber freuen. Mit dem Bauern Eckhard Uhlenberg haben die
Christdemokraten in der Umweltpolitik endlich wieder einen Bock zum
Gärtner gemacht. Der neue Umwelt- und Landwirtschaftsminister doziert
wie aus einem Strategiepapier der Leverkusener Zentrale: „Sinnvolle
Investitionen sollen nicht mehr von einer restriktiven Umweltpolitik
blockiert oder verhindert werden.“ Die rot-grüne Vorgänger-Regierung
habe den Umweltschutz als Wachstumsbremse in Misskredit gebracht. Ganz
im Sinne von BAYER dürfte auch sein, dass die neue Landesregierung die
Gentechnik in der Landwirtschaft weiter stärken will. Um die Chancen der
Gentechnik auf dem Acker zu verbessern, will die Landes-CDU eine
bundesweite Änderung des Haftungsrechts erwirken. Nach der bisherigen
Regelung haften LandwirtInnen für Schäden, die durch Pollenflug
gentechnisch veränderter Pflanzen entstehen. Ohne Änderung werde sich
kein deutscher Landwirt an diesen Bereich, der europaweit enorme
Zuwächse verspreche, heranwagen, so Uhlenberg. Er schlägt daher einen
Haftungsfonds vor, in den Staat und Industrie einzahlen.

Nur logisch, dass Rüttgers Club darüber hinaus plant, das ohnehin nur
schlecht verankerte Klagerecht von Verbänden einzuschränken. Die Grünen
sehen darin schon jetzt einen „Angriff auf den Naturschutz und die
Mitwirkungsrechte der Naturschützer“.

Rückwärts gerichtet sind auch die schwarz-gelben Vorstelleungen zur
Massentierhaltung: Den „Schweinehaltungserlass“, der den Tieren in den
Ställen ein Mindestmaß an Würde garantieren will, hat Uhlenberg als
„Arroganz pur“ gebrandmarkt und sofort gestoppt, weil er angeblich weit
über EU-Recht hinausgehe. Die Massentierhaltung dürfte künftig also noch
massiver werden - und die damit verbundenen Krankheiten auch, was
wiederum die Absatzchancen für BAYERs Veterinärprodukte erhöht.
Auch beim Hochwasserschutz und den erneuerbaren Energien vertritt
Uhlenberg Konzern-Interessen. Überschwemmungsgebiete für den Rhein
sollen wieder landwirtschaftlich genutzt werden. „Ein Restrisiko bleibt
immer“, so Uhlenberg dreist. Auch gegen die scheinbare „Verspargelung
der Landschaft“ durch Windkraftanlagen zieht er zu Felde und macht sich
damit eine BAYER-Position zu Eigen. Der Konzern kämpft nämlich schon
seit Jahren gegen Windräder. „So sollten wir uns fragen, ob es
tatsächlich sinnvoll ist, Windkrafträder bis 2010 mit zehn Milliarden
Euro zu subventionieren - eine erwiesenermaßen ineffiziente
Energiequelle“, mahnte BAYER-Chef Werner Wenning auf der diesjährigen
Hauptversammlung des Unternehmens Und der ehemalige Leiter des
Brunbütteler Werkes, Willy Schiwy, hat sogar schon einmal genau
ausgerechnet, dass den Chemie-Multi die Windrad-Förderung über das
„Erneuerbare-Energien-Gesetz“ (EEG) 2,5 Millioen Euro im Jahr kostet.
Obwohl der neue Minister auf seiner heimischen Scholle selbst eines
stehen hat, beabsichtigt er, die Vorschriften zur Errichtung neuer
Windkraftanlagen in bevölkerungsstärksten Bundesland deutlich zu
verschärfen. Als flankierende Maßnahme will sein fürs Bauen zuständiger
Ministerkollege Oliver Wittke in Berlin gegen die „Überförderung“ der
Windenergie durch das EEG Stimmung machen. „Ganz im Sinne des
Energie-Riesen RWE, der dieses Regelungswerk schon seit vielen Jahren
vehement bekämpft. Nach einer Berechnung des Essener Konzerns, welche
die Landesregierung unverblümt übernimmt, werden nach dem EEG derzeit
rund neun Cent pro ins Netz eingespeister Kilowattstunde vergütet und
auf den Strompreis umgelegt. Dass Schwarz-Gelb die Förderung der
Windkraft nun zurückfährt, passt auch zu ihrer Ankündigung im Falle
eines Wahlsiegs im Bund die Restlaufzeiten der Atomkraftwerke zu
verlängern.

Ganz im Sinne von BAYER & Co. agiert die liberal-konservative Koalition
auch in ihrer Chemiepolitik. Bei der Ablehnung der geplanten
Chemie-Richtlinie der europäischen Union (REACH), die Tausende niemals
getestete Substanzen erstmals auf ihre gesundheitlichen Risiken hin
untersuchen will, stützt sich Uhlenberg geradezu auf die Vorgaben des
Leverkusener Chemiemultis. Seit Jahren bekämpft die Chemie-Industrie,
BAYER vorneweg, diese Neuregelung im Interesse des
VerbraucherInnenschutzes. REACH müsse deutlich abgespeckt werden, sagt
NRW-Europaminister Michael Breuer (CDU) und übernimmt das demagogische
Zauberwort der Industrie: „Die Chemie-Politik REACH darf nicht zu einem
Jobkiller werden.“ Die Richtlinien, die nach den bisherigen Planungen
2007 in Kraft treten soll, wünscht sich Breuer „pragmatisch,
praxisgerecht und kosteneffizient“. Und der Europa-Minister ist
zuversichtlich, dass das EU-Parlament einen Kompromiss findet, der auch
„von den betroffenen Betrieben mitgetragen werden“ könne. Dies bedeutet
eine die Abkehr von den ursprüngliche Zielen des REACH-Projektes, das
anstrebte, Gefahrenpotenziale von Chemikalien in Bau- und Werkstoffen,
Nahrungsmitteln und Textilien zu untersuchen. BAYER ist in fast allen
dieser Bereiche tätig und wird sich freuen. Auf den Konzern und die
gesamte Unternehmerschaft trifft offensichtlich nicht zu, was
Ministerpräsident Jürgen Rüttgers als Leitlinie seiner neuen Politik
herausgegeben hat: „Jeder muss Opfer bringen.“

CBG protestiert gegen Konzernmacht
Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) protestiert gegen die neue
Umwelt- und Industriepolitik der schwarz-gelben Landesregierung.
CBG-Vorstandssprecher Axel Köhler-Schnura: „Die Konzerne setzen
rücksichtslos ihre Profitinteressen durch und gefährden damit die Umwelt
sowie die Interessen der ArbeitnehmerInnen. Wir fordern eine umwelt- und
arbeitnehmerfreundliche, menschengerechte Politik unter demokratischer
Kontrolle.“ Wir bitten alle LeserInnen von STICHWORT BAYER, gegen die
industriefreundliche Politik zu protestieren. Postkarte oder E-mail an
die CBG, wir leiten die Kritik an die Landesregierung weiter.

Fußball

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 30. Juni 2005

Neue Zahlen zum Fußball-Sponsoring der Bayer AG:

„Sportliche Erfolge sollen Störfälle und giftige Produkte in den Hintergrund drängen“

Der Kölner Express enthüllte Anfang der Woche den Umfang des Sponsorings der Bayer AG zugunsten des Werks-Clubs Bayer 04 Leverkusen. Demnach überwies der Konzern in den vergangenen vier Jahren rund 200 Millionen Euro und gab zudem zinsgünstige Kredite in Höhe von 75 Millionen. Mit einem jährlichen „Imagegeld“ von 25 Mio bleibt Bayer auch künftig größter Einzelsponsor der Bundesliga.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG): „Bayer ist für eine endlose Liste von Skandalen verantwortlich. Im Schwarzbuch Markenfirmen wurde Bayer gar als „übelstes Unternehmen“ bezeichnet. Das umfangreiche Sport-Sponsoring ist ein durchsichtiger Versuch, das durch Störfälle und hochgefährliche Produkte verursachte Negativ-Bild des Konzerns zu verbessern.“ Mimkes kritisiert, dass Bayer den beliebtesten Sport der Welt zu einem bloßen Imagefaktor degradiert.

Bayer 04 Leverkusen ist neben Bayern München der Motor für die voranschreitende Kommerzialisierung des Fußballs. Der Club war der erste, der in eine Kapitalgesellschaft umgewandelt wurde, hierfür mussten 1998 eigens die DFB-Statuten geändert werden. Seitdem kickt die Mannschaft laut Handelsregistereintrag ”zum Zweck des Einsatzes als Werbeträger für die Bayer AG”. Gleichzeitig stellt BAYER immer weniger Geld für den Breitensport bereit. „Wenn sich das Unternehmen für das Gemeinwesen einsetzen wollte, müsste BAYER als erstes angemessene Steuern zahlen" so Philipp Mimkes weiter. Dank bilanztechnischer Tricks hat die Bayer AG in den vergangenen Jahren kaum Steuern abgeführt - trotz gleichzeitiger Milliardengewinne.

Letztlich ist den Verantwortlichen im Konzern der sportliche Aspekt gleichgültig. Selbst die bei den Fans langersehnten Meisterschaft ist zweitrangig - wichtig ist allein das Erreichen der lukrativen Champions League. Die Bundesliga ist schließlich nur eine Komponente im „Marketing-Mix“ des Konzerns, zu dem auch Sponsoring für die Olympischen Spiele sowie die Fußball Weltmeisterschaft gehören.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren tritt für eine konsequente Besteuerung von Konzerngewinnen sowie ein Verbot von Sponsoring ein. Der Verein überwacht den Konzern seit 25 Jahren.

[Lev Anzeiger] Kampagne Landesgartenschau

CBG Redaktion

24.06.05, Leverkusener Anzeiger

Landesgartenschau-Gelände musste geräumt werden

Die Senioren der St.-Johannes-Gemeinde aus dem sauerländischen Sundern formieren sich zum Zählappell. Nacheinander kommen weitere Mitglieder der Reisegruppe durch die Drehtür am Haupteingang der Landesgartenschau. Die Gesichter sind betreten. Ein Ausflugstag ist ins Wasser gefallen, man organisiert die Rückreise ins Sauerland und offen bleibt die Frage: „Wer bezahlt uns das alles?“

Die gut 30 Reisenden haben eine Evakuierung hinter sich, nachdem gegen 13.35 Uhr aus bislang ungeklärter Ursache am Rohr eines Produktionsbetriebs des Bayer Chemieparks ein Leck aufgetreten und laut Bayer-Sprecher Jörg Brückner „geringe Mengen Chlor“ ausgetreten waren. Entsprechend sei es auf dem Gartenschaugelände und in der unmittelbaren Nachbarschaft zu Geruchsbelästigungen gekommen.
Daraufhin informierte man die Feuerwehr und die Geschäftsführung der Landesgartenschau und setzte ein Sicherheitskonzept in Gang, das laut Brückner vorsichtshalber „ein paar Stufen höher“ angesetzt worden sei.

Wie die sauerländische Reisegruppe berichtete, wurde man in die oberen Stockwerke eines Gebäudes gebracht, dessen Fenster abgeriegelt waren. Später sei man gebeten worden, das Gelände zu verlassen. Vorsorglich wurden auch die öffentlichen Straßen bis hin zum Kreisverkehr an der Rheinallee und sogar bis hin zur Dhünnstraße gesperrt.

An der „Wacht am Rhein“ hatte die Berufsfeuerwehr derweil ihre liebe Not, Passanten und Radfahrer aufzuhalten, die sich über die Gefahren eines möglichen Chemieunfalls offenbar nicht ganz im Klaren waren und munter weiter liefen und radelten. Laut Brückner empfahl man um 15.20 Uhr, die Sperrungen wieder aufzuheben.

Erstmals zeigte sich, dass das Gelände in der Nachbarschaft der Industrieanlagen unmittelbar betroffen war. Doch Brückner hält Ängste für unangebracht. Die Messungen hätten ergeben, dass keine gesundheitsgefährdenden Belastungen in der Luft gelegen hätten. Gut eine Stunde brauchte es, um den Schaden am Rohr zu beheben.
VON JAN STING

[National Geographic] Offener Brief

CBG Redaktion

Offener Brief an National Geographic:

Umweltverbände protestieren gegen Kooperation mit dem BAYER-Konzern

Klaus Liedtke
Chefredakteur National Geographic Deutschland
Kehrwieder 8
20457 Hamburg

23. Juni 2005

Sehr geehrter Herr Liedtke,

mit Verärgerung haben wir die Kooperation zwischen National Geographic Deutschland und der Bayer AG bei der Gründung des Global Exploration Fund „Süßwasser“ zur Kenntnis genommen. Wir sind der Meinung, dass das sinnvolle Anliegen, Forschung zum Schutz des Trinkwassers zu befördern, durch die Zusammenarbeit mit einem der größten Wasserverschmutzer Deutschlands diskreditiert wird.

Fabriken und Produkte des Bayer-Konzerns belasten Grund- und Oberflächenwässer in aller Welt. Sie sollten dem Unternehmen nicht gestatten, dies durch einen Griff in die Portokasse zu kaschieren.

Zur Problematik „Wasserverschmutzung durch den Bayer-Konzern“ einige Beispiele:
* Bayer gehört zu den 10 größten Direkteinleitern von Schadstoffen in Deutschland. Das Unternehmen emittiert über das Abwasser jährlich rund 600 Tonnen Phosphor, 3.400 to Stickstoff, 1,5 Mio to anorganischer Salze, 73 to Chlororganika und 29 to Schwermetalle (Werte für 2002 bzw. 2003). Das Grundwasser rund um Bayer-Werke ist häufig stark belastet – so wurden kürzlich in der Nachbarschaft der Bayer-Fabrik in Durban/Südafrika bis zu 4800 mg Chrom pro Liter Grundwasser gefunden.
* Bayer ist der weltweit größte Pestizid-Hersteller. Agrogifte belasten in aller Welt Böden und Grundwasser. Allein in Deutschland werden jährlich mehr als 30.000 to Pestizide versprüht, rund 30% des Grundwassers sind dadurch belastet. Die Wasserwerke müssen jährlich dreistellige Millionenbeträge ausgeben, um das Trinkwasser frei von Pestiziden zu halten.
* Täglich verbraucht der Bayer-Konzern rund 2,1 Millionen cbm Wasser. Allein das Werk Leverkusen erzeugt doppelt so viel Abwasser wie die benachbarte Millionenstadt Köln. Die meisten Werke des Unternehmens entnehmen dem Boden hochqualitatives Grundwasser und leisten hierfür aufgrund „alter Wasserrechte“ nicht einmal Abgaben.
* Jahrzehntelang gelangten aus der Dhünnaue, einer der weltweit größten Chemie-Deponien, hohe Mengen Schadstoffe in den Rhein. Der Bayer-Konzern hatte in der Dhünnaue mehrere hunderttausend Tonnen Chemiemüll ungesichert gelagert.
* Seit vielen Jahren fordern Umweltgruppen die Veröffentlichung der Einleiterdaten der Bayer-Werke. Das Unternehmen verweigert dies. Als der „Verein zum Schutze des Rheins und seiner Nebenflüsse“ die Daten für das Werk Leverkusen einsehen wollte, rief Bayer sogar die Gerichte an. Es wollte seine in die Flüsse eingeleiteten Schadstoffmengen per Urteil zum Betriebsgeheimnis erklären lassen, kam aber mit seinem Ansinnen nicht durch. „Chemie im Dialog“ sieht anders aus.
* Zahlreiche Produkte des Unternehmens belasten noch nach Jahrzehnten die Umwelt. So gehörte Bayer zu den weltweit größten PCB-Herstellern – auch dann noch, als die Risiken Polychlorierter Biphenyle durch Gesundheitsbeeinträchtigungen in den Produktionsanlagen allgemein bekannt waren. Das Hafenbecken von Oslo ist beispielsweise stark mit PCB aus Schiffsanstrichen verseucht, größtenteils durch Lacke von Bayer.

Der Konzern sucht seit Jahren Kooperationen mit glaubwürdigen Organisationen (z.B. UNEP, WHO, Umweltverbänden). Dabei wählt Bayer gezielt solche Bereiche aus, in denen das Unternehmen in der Kritik steht. Solche „best practice“-Projekte verstellen jedoch den Blick darauf, dass Chemie-Unternehmen für eine große Zahl von Umweltproblemen verantwortlich sind.

Wir fordern Sie auf, die Zusammenarbeit mit der Bayer AG einzustellen. Diese Kooperation schadet dem Umwelt- und Trinkwasserschutz.

In Erwartung Ihrer Antwort verbleiben wir mit freundlichen Grüßen,

Prof. Dr. Jürgen Rochlitz, Chemiker, Mitglied der Störfallkommission
Philipp Mimkes, Coordination gegen BAYER-Gefahren
Harald Gülzow, Verein zum Schutz des Rheins und seiner Nebenflüsse
Dirk Jansen, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland NRW
Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany)
Peter Willers, Aktionskonferenz Nordsee
Udo Buchholz, Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU)
Henry Mathews, Dachverband Kritischer Aktionärinnen und Aktionäre
Nikolaus Geiler, Ak Wasser im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU)

Presseerklärung der Aktionskonferenz Nordsee e.V.

Schmutziges Geld für saubere Ziele?

Bremen, 22.06.2005. Die National Geographic Society Deutschland hat dieser
Tage bekannt gegeben, dass ihre renommierte und ehrwürdige Institution ggemeinsam mit dem Chemieriesen Bayer AG ein Forschungsprogramm zum Gewässerschutz zu fördern beabsichtigt. Gefördert werden sollen speziell
Wissenschaftler im deutschsprachigen Raum. Das Programm wird mit 250.000 Euro ausgestattet.

Es steht außer Frage, dass der Mangel an Süßwasser weltweit zu einem der größten Menschheits- und Umweltprobleme geworden ist. Für die Aktionskonferenz Nordsee (AKN) allerdings stellt sich der Umstand, dass ausgerechnet die Bayer AG als einer der größten globalen Gewässerverschmutzer diese Forschung sponsert, als eine schamlose Public-Relations-Kampagne dar.

AKN und andere nationale und internationale Umweltorganisationen weisen schon seit Jahrzehnten auf die skrupellose Verschmutzungspraxis von Bayer hin. In politischen Verhandlungen ist es Bayer und den Chemieverbänden jedoch immer wieder gelungen, notwendige Neuregelungen zum Gewässerschutz zu hintertreiben.

Forschung und Forschungsförderung sind wichtig, das ist unbestritten. Wenn Bayer jedoch - wie sie betonen - am schonenden Umgang mit Wasser wirklich gelegen wäre, könnte das Unternehmen mit nachhaltiger Wirkung im eigenen Hause anfangen.

AKN hat National Geographic gebeten, seine fragwürdige Kooperation noch einmal zu überdenken. Und an die Wissenschaft, unter anderem den Bremer Meeresgeologen Professor Gerold Wefer, appelliert AKN, Forschung nicht mit schmutzigem Geld aus der Portokasse von Bayer zu finanzieren und sich nicht zu nützlichen Idioten der Chemieindustrie machen zu lassen.

lesen Sie hierzu auch einen Artikel aus „Telepolis“

Pestizidtests

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 18. Juni 2005

Bayer, Shell, Cheminova: Pestizidtests an Menschen

Bericht von US-Kongressabgeordneten: „Verletzung ethischer Standards“

Die amerikanischen Abgeordneten Harry Waxman und Barbara Boxer üben scharfe Kritik an der Praxis von Chemieunternehmen, hochgefährliche Pestizide direkt an Menschen zu testen. Die US-Administration hatte im vergangenen Jahr ein Moratorium von Präsident Clinton gekippt und solche Tests bei der Risiko-Bewertung von Agrogiften zugelassen. Die Pestizid-Produzenten erhoffen sich hierdurch eine Lockerung von Grenzwerten in Lebensmitteln und im Wasser.

Waxman und Boxer legten gestern einen Report vor, in dem sie 24 Studien von Pestizid-Herstellern analysieren. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Studien ethische Standards systematisch verletzen. Unter anderem wurden unerwünschte Ergebnisse verschwiegen, Probanden mangelhaft auf Risiken hingewiesen und Testpersonen gesundheitlich geschädigt.

Der deutsche BAYER-Konzern, größter Pestizid-Hersteller der Welt, drang jahrelang auf eine Zulassung solcher Menschenversuche und ging juristisch gegen die US-Umweltbehörde vor, die Tests an Menschen als „unnötig und unethisch“ bezeichnet hatte. Drei Studien des Unternehmens werden nun in dem Untersuchungsbericht genannt. In einer Studie schluckten acht Testpersonen über einen Monat das Organophosphat Azinphos-Methyl - die WHO stuft dieses Insektizid als „hoch gefährlich„ ein. Alle Probanden äußerten Gesundheitsbeschwerden, diese wurden in der abschließenden Bewertung jedoch verschwiegen. Die Informationen, die BAYER zuvor zu Verfügung gestellt hatte, gingen in keinster Weise auf drohende Gesundheitsrisiken ein.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Das Vorgehen von BAYER und anderen Pestizidproduzenten ist unmoralisch und scharf zu verurteilen. Die Gesundheit der Probanden wird vorsätzlich aufs Spiel gesetzt. Weitere Testreihen sind zu befürchten – entweder in Ländern der Dritten Welt oder unter Ausnutzung materiell benachteiligter Menschen.“

Erik Olson, Sprecher des amerikanischen NATURAL RESOURCES DEFENCE COUNCIL kritisiert: “Es verwundert nicht, dass bei den Testpersonen keine Spätfolgen entdeckt wurden - schließlich gab es keinerlei Langzeituntersuchungen, die solche Schäden hätten feststellen können.“

Bruce Turnbull aus Edinburgh/Schottland war Teilnehmer einer weiteren Versuchsreihe mit Azinphos-Methyl. Er dachte, er würde an einem Pharmatest teilnehmen: „Die Krankenschwestern sprachen immer von einem Medikament. Vor dem Test erhielt ich zwar Informationsmaterial, aber die Fachausdrücke darin habe ich nicht verstanden.“ Turnbull eine von 50 Testpersonen gewesen, die für einen Lohn von rund 1000 Euro eine Pille mit Azinphos-Methyl schluckten und daraufhin sieben Tage lang beobachtet wurden. „Wer vor Ablauf der Woche nach Hause ging, musste eine Strafe zahlen. Danach habe ich nie wieder von dem Forschungsinstitut gehört, weitere ärztliche Untersuchungen wurden nicht angestellt.“ Auch der Auftraggeber der Testreihe wurde den Probanden nicht mitgeteilt. Erst drei Jahre später wurde Turnbull von Journalisten auf die Hintergründe der Versuche hingewiesen.

Nach dem „Nürnberger Kodex“ von 1947 sind Tests an Menschen nur legitim, wenn „Ergebnisse für das Wohl der Gesellschaft“ zu erwarten sind – wozu die Lockerung von Grenzwerten kaum zählt. Die Testpersonen müssen Ziele und Risiken erfahren und verstehen. Die „Helsinki Deklaration" der World Medical Association fordert zudem, dass solche Tests der Bevölkerungsgruppe, aus der die Teilnehmer stammen, zugute kommen müssen.

weitere Informationen: Artikel aus Spiegel Online, Übersichtsartikel aus den USA

Der vollständige Report: www.democrats.reform.house.gov/Documents/20050616110407-47162.pdf

[HV Lanxess] Lanxess

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 16. Juni 2005

Hauptversammlung der Lanxess AG: Entlastung verweigert

„Ausgliederung geht zu Lasten von Belegschaft und Umwelt“

Anlässlich der heutigen Hauptversammlung der Lanxess AG in Düsseldorf monieren Kritiker den Sparkurs des neuen Unternehmens. Dieser gehe zu Lasten von Belegschaft und Sicherheit. Axel Köhler-Schnura von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Die Chemie-Produktion bei BAYER war keinesfalls defizitär - sie genügte nur nicht den Profitzielen der Kapitaleigner. Die Zeche für die Ausgliederung zahlt nun die Belegschaft“. Lanxess kündigte Anfang Juni an, knapp 1000 Arbeitsplätze zu vernichten und die Gehälter zu kürzen. Das Lanxess-Werk in Dormagen soll größtenteils geschlossen, der Bereich Kunstfasern zudem verkauft werden. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) fordert, Vorstand und Aufsichtsrat wegen der unsozialen Geschäftspolitik nicht zu entlasten.

Auch die Sicherheitslage in den teilweise hochgefährlichen Werken hat sich durch die Ausgliederung nicht erhöht - im Gegenteil. Im spanischen Murcia brannte ein Werk fast vollständig ab, die Produktion ruht seitdem. Im Leverkusener Werk gab es im Januar einen Großbrand. Unter besonderer Kritik steht auch die Lanxess-Fabrik im südafrikanischen Durban, in deren Nähe hochgefährliches Chrom im Grundwasser gefunden wurde - Lanxess musste für die Sanierung eine Rückstellung von 40 Millionen Euro bilden. Die CBG fordert, die zurückgestellten Gelder für eine gründliche Dekontamination des Geländes und eine Entschädigung aller Vergiftungsopfer zu verwenden.

Proteste gibt es zudem gegen die hohe Zahl von Störfällen im Lanxess-Werk Addyston/USA. Dort war mehrfach das krebserregende Acrylnitril ausgetreten. Ruth Breech von Ohio Citizen Action, einem Umweltverband mit 100.000 Mitgliedern: „Das Werk befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft von einem Kindergarten und einer Grundschule. Allein im letzten halben Jahr gab es 16 Unfälle, neun Mal traten giftige Chemikalien aus.“ Ohio Citizen Action fordert anlässlich der Lanxess-Hauptversammlung eine Entlassung der Werksleitung von Addyston und ein sofortiges Ende der Vergiftung der Nachbarschaft des Werks.

Philipp Mimkes von der CBG ergänzt: „Die Vernachlässigung von Gesundheit und Umwelt zugunsten von Konzernprofiten hat bei BAYER und Lanxess System. Durch die angekündigten weiteren Sparmaßnahmen wird die Sicherheitslage in den Lanxess-Werken noch prekärer. Die Produktion gefährlicher Stoffe wie Acrylnitril oder Phosgen hat nichts in der Nähe von Wohngebieten zu suchen“.

[Phosgen] CDU Duisburg

CBG Redaktion

Stadt Duisburg, Bezirksvertretung Süd - 12.05.2005 - öffentlich
Tagesordnungspunkt 22 - Drucksache Nr. 05-1681

Ausweitung der Phosgenproduktion bei der Firma Bayer Uerdingen

Anfrage der CDU-Fraktion

II/97-11 Schmoock, 7134

Anfrage
Die kürzlich bekannt gewordene Ausweitung der Phosgenproduktion im benachbarten Krefeld hat bei der Bevölkerung in den angrenzenden Stadtteilen des Duisburger Südens große Angst ausgelöst.
Prof. Dr. Jürgen Rochlitz, Mitglied der deutschen Störfall-Kommission, sagt, dass die Phosgenproduktion zu den risikoreichsten Anlagen in NRW zählt. Bayer hat die Produktion auf 60.000 t pro Jahr erhöht. Berüchtigt ist Phosgen aus dem 1. Weltkrieg, wo es als tödliches Kampfgas eingesetzt wurde. Heute wird Phosgen als Vorprodukt bei der Kunststoffproduktion verwendet.
Die Genehmigung der Anlagen datieren aus den Jahren 1963 bzw. 1984. Also aus heutiger Sicht alte Anlagen. Zur Aufrechterhaltung der Produktion dient eine Menge an Phosgen von 34 t.

Aufgrund der hohen Mortalität von Phosgen und vor dem Hintergrund, dass bei einem Störfall bei vorherrschendem Westwind im Duisburger Süden die Hauptbetroffenen leben, bitten wir den Oberbürgermeister folgende Fragen zu beantworten:

1. Welche Informationen liegen der Stadt bezüglich des
Genehmigungsverfahrens nach § 10 BimSchG vor?
2. Wurde die Stadt als Nachbargemeinde beteiligt? Wenn ja, wie?
3. Liegen dem Umweltamt Daten einer durchgeführten
Umweltverträglichkeitsprüfung vor? Wenn ja, welche?
4. Wenn nein, wurde eine solche Prüfung durchgeführt?
5. Wie wird die Sicherheit des „Hold ups“ von 34 t Phosgen gewährleistet?
6. Welche Informationen liegen über die Notwendigkeit zur Vorhaltung in
einem solchem Umfang (34 t) vor?
7. Wurden seitens der Stadt angeregt, nur kleinere Mengen vorzuhalten?
Wenn nein, warum nicht?
8. Wurde angeregt, eine phosgenfreie Produktion von Makrolon und
Isocyanaten zu wählen? Wenn nein, warum nicht?
9. Welche Maßnahmen zur Sicherung der Bürger wie z.B. die Einführung von
Sirenen (Beispiel Krefeld) sind in den betroffenen Duisburger Stadtteilen
vorgesehen?
10. Welche Maßnahmen sollen im Einzelnen Störfälle verhindern?
11. Wurde von Seiten der Stadt angeregt, die Anlage mit einem Containment
ähnlich wie bei DOW in Stade zu versehen?

Beratungsergebnis
Die Verwaltung sagte eine Beantwortung zu

Hauptversammlung

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 29. April 2005

Proteste auf der heutigen BAYER-Hauptversammlung in Köln

„Vorstand muss Entlastung verweigert werden“

Kritiker des BAYER-Konzerns attackieren auf der heutigen Hauptversammlung in Köln die Geschäftspolitik des Unternehmens. Im Mittelpunkt der Proteste stehen die Arbeitsplatzvernichtung bei BAYER, umweltschädliche Chemikalien, illegale Kartellbildung sowie Kinderarbeit bei Zulieferern des Unternehmens.

Daniela Rosche vom europäischen Netzwerk Women in Europe for a Common Future bemängelt den anhaltenden Widerstand der deutschen Industrie gegen eine verbesserte EU-Chemikaliengesetzgebung (REACH): „Ist ihnen die Gesundheit ihrer Familie, ihrer Arbeitnehmer und der nachkommenden Generationen wirklich egal? Warum sonst setzen sie sich in Brüssel für Veränderungen am REACH-Vorschlag ein, die ihnen und uns allen nur Nachteile bringen, da sie keinerlei Beitrag zum Gesundheitsschutz leisten werden?“, so Rosche an die Adresse des BAYER-Vorstands.

Jan Pehrke von der Coordination gegen BAYER-Gefahren kritisiert den anhaltenden Abbau von Arbeitsplätzen bei gleichzeitiger Erhöhung der Vorstandsbezüge: „Die vier Vorstandsmitglieder strichen im vergangenen Geschäftsjahr gut zwei Millionen Euro mehr ein als 2003, allein BAYER-Boss Werner Wenning genehmigte sich eine Lohnerhöhung von 48 Prozent. Gleichzeitig vernichtete der Konzern an den deutschen Standorten 2.400 Arbeitsplätze. Dieses Jahr fallen weitere 750 Stellen weg.“

In seinen Gegenanträgen weist der Verein auch darauf hin, dass sich BAYER seit Jahren an illegalen Kartellen beteiligt. „Allein im vergangenen Jahr wurde BAYER vier Mal bei Preisabsprachen erwischt, die Strafzahlungen liegen bei über 100 Millionen Dollar. Seit Jahren ändert sich nichts an dieser Praxis, Kontrollmechanismen oder auch nur ein Unrechtsbewußtsein scheinen im BAYER-Vorstand nicht zu existieren“, so Pehrke weiter.

Ein weiterer Kritikpunkt in der Versammlung: Mehr als 1.500 Kinder arbeiteten im abgelaufenen Geschäftsjahr für indische Zulieferer des BAYER-Tochterunternehmens ProAgro. Auf öffentlichen Druck hin räumte das Unternehmen die Mißstände ein und legte in dieser Woche einen Aktionsplan vor. „Wir freuen uns gemeinsam mit unseren indischen Partnern, dass BAYER jetzt mit neuen Plänen auf die Proteste reagiert“ sagt Udo Schlüter, Geschäftsführer des Eine Welt Netz NRW: „Es kommt zukünftig darauf an, dass BAYER seine Versprechen ernsthaft umsetzt und dass die Ursachen für Kinderarbeit beseitigt werden.“

An den Protesten beteiligen sich auch Imker, da das BAYER-Pestizid Imidacloprid für das großflächige Bienensterben in Europa mitverantwortlich ist. Die Kritiker fordern wegen der Fülle von Problemen, die durch die Geschäftspolitik von BAYER verursacht werden, die Nicht-Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat (siehe den Gegenantrag im vollen Wortlaut).

taz

CBG Redaktion

taz vom 16.4.2005

Gefährliche Düngemittel

Umweltgruppen wollen anlässlich der heutigen Eröffnung der Landesgartenschau in Leverkusen daran erinnern, dass Bayer das Gelände als Giftmülldeponie genutzt hat

KÖLN taz Uwe Friedrich ist empört: „Mit Hilfe der Landesgartenschau soll vergessen gemacht werden, dass der Bayer-Konzern über Jahrzehnte die Gefahren der Dhünnaue verharmlost hat.“ Wenn Ministerpräsident Peer Steinbrück (SPD) und Landesumweltministerin Bärbel Höhn (Grüne) heute in Leverkusen die Landesgartenschau (LaGa) eröffnen, wird auch Uwe Friedrich dabei sein - als Demonstrant.

Friedrich ist Mitglied der Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG), die mit Vertretern weiterer Umweltgruppen ab 14 Uhr am „Eingang Mitte“ daran erinnern wird, dass die LaGa auf dem Gelände einer bis in die 60er Jahre genutzten Giftmülldeponie des Bayer-Konzerns angelegt wurde. Unter dem Motto „Kein Feigenblatt auf der Dhünnaue“ wollen Demonstranten auf die Gefahren hinweisen, die nach wie vor von dieser Altlast ausgehen, und verhindern, dass die vom Bayer-Konzern verursachten, gravierenden Umweltbelastungen in Vergessenheit geraten.

Uwe Friedrich zufolge habe die Deponie „das Grundwasser vergiftet und die Gesundheit zahlreicher Anwohner geschädigt“. Auf der Deponie lagern hoch gefährliche Schadstoffe wie die Schwermetalle Chrom und Blei sowie giftige organische Verbindungen.

Die Umweltverbände argumentieren, dass trotz einer 110 Millionen Euro teuren Sanierung des Geländes keine nachhaltige Sicherung erfolgt sei und bei Hochwasser weiterhin Giftstoffe in den Rhein gelangen könnten. Die Sprecherin der Landesgartenschau, Irmgard Schenk-Zittlau, sagte dazu: „Die Vorwürfe gehen an der Realität vorbei.“ Sie verwies darauf, dass die technische Sicherung des Geländes auf dem neuesten Stand und somit der bestmögliche Umgang mit der ehemaligen Deponie erfolgt sei. Es hätte auch keine Möglichkeit bestanden, den Giftmüll an eine andere Stelle zu schaffen.

Eine fortdauernde Gefährdung von Mensch und Umwelt schloss die LaGa-Sprecherin aus. Sie merkte an, dass die Anwohner dies auch so sähen. Auch der Kritik, wonach Bayer seine Verantwortung durch das Entstehen eines Vorzeigeprojektes kaschiere, trat sie energisch entgegen, da die LaGa die Geschichte der Dhünnaue eindeutig dokumentiere. HANS-CHRISTIAN MÜLLER

Dhünnaue

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 15. April 2005

„Kein Feigenblatt auf der Dhünnaue“

Proteste zur morgigen Eröffnung der Landesgartenschau in Leverkusen

Anlässlich der morgigen Eröffnung der Landesgartenschau in Leverkusen üben Umweltorganisationen scharfe Kritik an dem „Feigenblatt auf der Dhünnaue“. Unter dem Gelände der LaGa liegen mehrere hunderttausend Tonnen Giftmüll aus dem BAYER-Werk Leverkusen, darunter hochgefährliche Schwermetalle und Chlorverbindungen. Mehrere Gruppen werden morgen am „Eingang Mitte“ der Landesgartenschau protestieren. Ab 14 Uhr spielen Jugendliche mit der BUNDjugend NRW Straßentheater und greifen in einem selbst erarbeiteten Stück die Problematik der Giftmülldeponie auf.

Uwe Friedrich von der Coordination gegen BAYER-Gefahren: „Mit Hilfe der Landesgartenschau soll vergessen gemacht werden, dass der BAYER-Konzern über Jahrzehnte hinweg die Gefahren der Dhünnaue - der größten bewohnten Giftmülldeponie Europas - verharmlost hat. Die Deponie vergiftete das Grundwasser und schädigte die Gesundheit zahlreicher Anwohner. Nur teilweise abgesichert soll nun im wahrsten Sinne des Wortes Gras über den Skandal wachsen.“

Dirk Jansen, Geschäftsleiter des Bund für Umwelt und Naturschutz NRW, ergänzt: „Ich halte es für bedenklich, dass eine Altlast von BAYER zur Kaschierung des Skandals in ein Vorzeigeprojekt veredelt wird - und das auch noch mit öffentlichen Geldern.“

Von einer nachhaltigen Sicherung der Deponie kann nicht gesprochen werden: Das verseuchte Erdreich wurde weder abgetragen noch vollständig umschlossen. Teile des Geländes wurden nur mit einer oberflächlichen Abdeckung versehen. Nach unten ist die Müllkippe weiterhin offen, daher müssen stündlich 750 Kubikmeter verseuchtes Wasser abgepumpt und gereinigt werden. „Bei Hochwasser können noch immer Gifte ausgespült werden und in den Rhein gelangen“, so Uwe Friedrich weiter.

Auf der Dhünnaue wurden in den 50er Jahren 300 Wohneinheiten, eine Schule, ein Altersheim und ein Kindergarten errichtet. Medizinische Gutachten zeigten bei hunderten von Anwohnern Veränderungen des Blutbilds. In der Hauptschule Adolfsstraße, die am Rand des Geländes lag, traten laut SPIEGEL 15 Krebserkrankungen und fünf Todesfälle auf - viel mehr, als statistisch zu erwarten wäre (s. Artikel unten). Die Gesamtzahl der Opfer ist jedoch unbekannt. Weder BAYER noch die Stadt Leverkusen erfassten die Erkrankungen im Umfeld der Deponie systematisch.

In einem Gutachten hatte das „Landesamt für Abfall und Wasser“ schon 1987 festgestellt: „Die untersuchten Boden-Eluate zeigen eine mehr oder weniger hohe, teilweise extreme Belastung des Bodens mit Schadstoffen. Die Schadstoffe sind bereits so weit in den Untergrund eingedrungen, dass auch das Grundwasser davon betroffen ist. Dieser Umstand ist äußerst bedenklich, vor allem im Hinblick auf eine mögliche Gefahr für das Trinkwasser (...) Eine Kontamination z. B. spielender Kinder oder weidendem Vieh ist nicht auszuschließen“.

Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) fordert eine vollständige Sicherung des Geländes auf Kosten des BAYER-Konzerns sowie einen Gedenkstein für die Opfer der Dhünnaue auf dem Gelände der Landesgartenschau. Uwe Friedrich von der CBG: „Der Premium Sponsor BAYER darf die Geschichte der Dhünnaue nicht umschreiben. Die Landesgartenschau hat nur dann eine Berechtigung, wenn sie die Gefährdung von Umwelt und Bevölkerung durch die Chemie-Industrie umfassend thematisiert.“

„DER SPIEGEL“ 13/1992, S. 80 bis 85

Bitterfeld am Rhein

Leverkusen erlebt einen beispiellosen Chemieskandal. Bei Menschen, die auf einer Giftmüllkippe leben, häufen sich Krebserkrankungen.

Von 1968 bis 1987 hatte Bernward Prinz an der Gemeinschaftshauptschule im Leverkusener Stadtteil Wiesdorf unterrichtet. Als Werkkunstlehrer musste Prinz häufig in die Abstellräume im Keller, und da, erinnert sich der Pädagoge, „stank es schon mal“. Vor zwei Jahren, Prinz war als Konrektor an eine Kölner Schule gewechselt, spürte der 49jährige Schluckbeschwerden. Der sechste Arzt, den Prinz aufsuchte, stellte eine deprimierende Diagnose: „Tonsillen-Karzinom“, ein Krebs der Mandeln. Fünf schwere Operationen hat der Pädagoge seither durchlitten, nun erwartet er seine Zwangspensionierung.

Edwald Möller war Hausmeister an der Wiesdorfer Schule. Im Keller des Gebäudes trocknete er in seinen 20 Dienstjahren nach Rhein-Hochwassern „Pfützen mit Farben, so schillernd wie ein Regenbogen“. Hin und wieder fand der Pedell „bunte Ausblühungen hinter abbröckelndem Putz“. Im Jahr 1989, lange nach seiner Pensionierung, klagte der damals 70jährige über Schlaflosigkeit und Schweißausbrüche. Ärzte teilten dem Kranken mit, er leide an „chronisch-lymphatischer Leukämie“, einem Blutkrebs.

Der Ort, an dem Möller und Prinz jeweils 20 Jahre lang wirkten, lässt sich unwirtlicher kaum denken: Eine Aschenbahnlänge trennt die 1960 errichtete Schule an der Wiesdorfer Adolfsstraße vom dröhnenden Lärm der Autobahn Al im Norden. Im Westen schmiegen sich die Schulgebäude und ein benachbarter Kindergarten eng an den Autobahnzubringer Westring. Von Süden her grüßen die qualmenden Schlote des Chemieweltkonzerns Bayer (165000 Beschäftigte, über 40 Milliarden Mark Jahressumsatz).

An Abgase und Autolärm hatten sich die Anrainer der sogenannten Dhünnaue in Leverkusen wohl oder übel gewöhnen müssen. Einen Schock aber löste bei vielen die Mitteilung aus, dass sie gleichsam auf einer gigantischen Müllkippe hocken: einer Deponie von 68 Hektar, auf der die Bayer AG zwischen den zwanziger Jahren und 1963 Schutt, Produktionsrückstände und andere giftigen Chemiemüll abgeladen hatte.

Wie in einem „Fortsetzungsdrama ohne Ende“, sagt Marianne Hurten, Grünen-Abgeordnete im Düsseldorfer Landtag, komme nun, nach und nach, die Wahrheit ans Licht.

Die Grünen-Politikerin, zugleich Betriebsrätin der Bayer-Werke, vergleicht die Dhünnaue mit der meistverseuchten Chemieregion im deutschen Osten: „Die Bitterfelder haben ihren Silbersee“, sagt sie, „in der Farbenstadt Leverkusen war alles etwas bunter - eben eine Farbkloake“.

Bereits im Mai 1989 hatte die „Beratende Ingenieursgesellschaft Dr.-Ing. Björnsen“ in einem Gutachten für die Stadt Leverkusen gefordert, die Dhünnaue südlich der Al „unverzüglich“ zu sichern und zu versiegeln: „Geeignete Maßnahmen“ seien von Nöten, um „die Kontaktmöglichkeit Mensch-Boden zu unterbinden“.

Auf dem bislang untersuchten Areal dürfe „keine landwirtschaftliche und gärtnerische Nutzung des Bodens“ mehr erfolgen. Die Altlast solle „nicht mehr als Lebensraum für Pflanzen und Tiere genutzt werden“.

Was die Bayer AG einst - im Einvernehmen mit der von ihr finanziell weitgehend abhängigen Stadt Leverkusen - alles in die Dhünnaue gekippt hat, ist heute nur noch zu erahnen. Bislang wurden lediglich Proben aus dem 25 Hektar umfassenden Gebiet südlich der Al und westlich der Schule Adolfsstraße entnommen. Allein hier hat der Chemiekonzern rund drei Millionen Tonnen Müll abgeladen.
Womöglich, warnte bereits der Düsseldorfer FDP-Landtagsabgeordnete Hans-Joachim Kühl nach Gesprächen mit Bayer-Beschäftigten, sei das „Gefährdungspotential“ der Dhünnaue-Deponie größer als die Bedrohung durch die Gifte „in der Erde von Bitterfeld“. Diese Befürchtung hätten ihm Mitarbeiter der Umweltschutzabteilung von Bayer anvertraut.

Die vom Ingenieurbüro Björnsen ausgewerteten Boden- und Wasserproben stützen das Szenario von einem Bitterfeld am Rhein: „Im Oberboden“ der Deponie fanden sich „auffällig hohe Konzentrationen“ von Schwermetallen und giftigen organischen Verbindungen wie Chlorbenzole, Chlortoluole und polychlorierte Biphenyle.
Der „eigentliche Deponiekörper“ ist sogar „mit einem erweiterten Spektrum an Schadstoffen und in deutlich höheren Konzentrationen belastet“; die giftigen Schwermetalle Chrom und Blei finden sich in schier unglaublichen Konzentrationen (22 beziehungsweise 34 Gramm je Kilogramm - g/kg), für Chlorbenzole wurden Werte bis zu 45 g/kg gemessen.

Das Grundwasser ist im gesamten Untersuchungsbereich durch deponiebürtige Stoffe deutlich belastet; „Kratzproben von Kellerfußböden in den Häusern der Siedlung Rheinallee belegen, dass die Deponie ihr Gift gleichsam ausschwitzt - nachgewiesen wurden Blei (21 g/kg), Chrom (20 g/ kg) und eine ganze Palette giftiger organischer Verbindungen.

Die Luft nahe dem Boden “außerhalb bebauter Flächen„ weist “relative Konzentrationen„ von Schadstoffen wie Benzol auf; im Laub von Pflanzen wurden “erhöhte Gehalte„ an Schwermetallen wie Blei, Chrom, Arsen und Cadmium entdeckt. “Mehr als 20„ der 57 in den Proben nachgewiesenen “Stoffe bzw. Stoffgruppen„ gelten als “kanzerogenverdächtig„ oder sind sogar “nachgewiesenermaßen krebserregend„.

Vollends zum Skandal wird der Fall Dhünnaue durch den Umstand, dass, allen Warnungen zum Trotz, noch immer 106 Familien auf der Giftmüllkippe zwischen Rhein und Al leben - in Häusern, die zwischen 1952 und 1953 errichtet wurden.
Und: Nach wie vor unterrichten Lehrer ihre Schüler an der Gemeinschaftshauptschule Adolfsstraße, tummeln sich Pennäler auf dem Schulhof, bringen Eltern ihre Kinder in den benachbarten Kindergarten. Den Betroffenen, so beschwichtigte noch vor vier Wochen der SPD-Landtagsabgeordnete Ludgerus Hovest, sei durch das “Verbreiten von Horrorgemälden„ nicht geholfen.

Nötig, so der SPD-Politiker, sei vielmehr die “Analyse des Problems, das Aufzeigen von Lösungen und deren Umsetzung„. Die “Altlast Dhünnaue„, bestätigte SPD-Umweltminister Klaus Matthiesen die Sicht des Genossen Hovest, sei “ein hochkomplexer und schwieriger Fall, zu dem es bundesweit bisher kaum eine Parallele gibt„.

Ruchbar wurde der Umweltskandal 1987, als für einen Teil der Dhünnaue zu Planungszwecken eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorgenommen wurde. Damals waren, unter anderem in Kellerräumen der Schule, alarmierende Konzentrationen von Giften wie Xylol entdeckt worden.

Was seither geschah, liest sich wie eine Chronik des Versagens: Die Stadt reagierte auf die Xylol-Funde von 1987 lediglich mit ein paar Empfehlungen -die Gartennutzung müsse eingeschränkt werden, Kinder dürften nicht mehr auf den Wiesen der Dhünnaue spielen, unbefestigte Wege und Freiflächen wurden mit einem “Begehungsverbot„ (Ordnungsstrafe: 200 Mark) belegt.

Im Februar 1988 bekannte sich Bayer zu seinen Altlasten und gelobte, sich an der Sanierung der Deponie zu beteiligen. Einen Monat später verlangten Leverkusener Ärzte, die Bewohner der Deponie aus medizinischen Gründen umgehend umzusiedeln. Juni desselben Jahres begann der medizinische Gutachter Hans Joachim Einbrodt mit der Untersuchung von 828 Betroffenen. Im Februar 1989 wurden Kinder aus der Adolfsstraße erneut überprüft.

Ergebnis: 25 Prozent der Probanden von 1988 wiesen “auffällige Befunde„ des Blutbildes auf. Bei 16 Prozent der untersuchten Schüler fanden sich Veränderungen am Blutbild. Eine “akute„ Gefährdung der Betroffenen vermochte der Gutachter zwar nicht zu erkennen, er riet gleichwohl dazu, die Schule zu schließen. Denn über eine mögliche “chronische Gefährdung der Probanden„, so Einbrodt, könne er keine Aussagen machen.

Im Februar 1990 mahnte schließlich auch das Gesundheitsamt die Politiker, “die Einrichtung Schule und Kindergarten aus Vorsorgegründen„ zu verlegen - doch wieder geschah nichts.

Den meisten Lehrern und Schülern der Adolfsstraße dämmerte erst später, in welchem Maße ihre Gesundheit womöglich durch die Giftmülldeponie bedroht wird. Letztes Jahr, so erinnert sich Barbara Ulbricht, Lehrerin der Schule Adolfsstraße, sei ein kranker Kollege von der Schulaufsicht angerufen worden: Er möge sich doch, wurde dem Pädagogen mitgeteilt, “mal vom Amtsarzt untersuchen lassen„.

Im Dezember letzten Jahres schließlich erfuhren die Lehrkräfte, dass es an ihrer Schule in den letzten 15 Jahren insgesamt 15 Krebserkrankungen gegeben habe, darunter fünf mit tödlichem Ausgang - weit mehr, als statistisch zu erwarten gewesen wäre. Und jetzt erst, so bestätigte die Staatsanwaltschaft Köln, wird “in Sachen Schule Adolfsstraße„ wegen des Verdachts der Gesundheits- und Körperverletzung ermittelt.

“Patentrezepte„, beschwichtigt nun die Stadt Leverkusen die verbitterten Bewohner und Anrainer der Giftdeponie am Rhein, habe es “für die Dhünnaue leider nicht gegeben„. Immerhin, lobten die Kommunalverwalter ihr eigenes Engagement, seien von den 259 Familien der Siedlung Rheinallee “heute 156 versorgt„ mit neuem Wohnraum; Ende dieses Monats “sollen es 189 sein„. Bis zum Oktober, verspricht die Stadt, werde “das Kapitel „neue Wohnungen“ abgeschlossen„ sein.
Ein anderes Kapitel des Skandals ist noch nicht einmal angegangen worden: Zwei Tage vor Weihnachten 1989 hatte die Firma Bayer, festtäglich gestimmt, versprochen, das Gelände mit ihrer Müll-Altlast mittels einer Spundwand abzusichern - geschätzte Kosten: 150 Millionen Mark.

Doch bis zum heutigen Tag ist nicht eine einzige Stahlplanke von der versprochenen Spundwand eingerammt worden. Dabei warnen Experten, dass Deponiegifte schon bei mittlerem Rheinwasserstand mit dem Grundwasser ins Landesinnere geschwemmt und bei ablaufendem Rheinwasser in den Strom gesogen werden.

Insgesamt zehn Verträge sind bislang zwischen der Bayer AG und der Stadt Leverkusen abgeschlossen worden. Dieser von der Stadt so genannte “partnerschaftliche„ Weg wurde eingeschlagen, weil es, wie Minister Matthiesen erläutert, “wegen der Unklarheit der Rechtslage nicht erfolgversprechend erschien„, gegen den Konzern mit “Ordnungsverfügungen vorzugehen„.
Zu den Betroffenen, die unter dem Hickhack leiden, zählen auch die Bewohner eines Altenheimes am Rande der Deponie. “Über den Fortbestand des Altenwohnheims„, so die Stadt, werde “in nächster Zeit in Abstimmung zwischen allen Beteiligten" eine Entscheidung gefällt.

Vor den Alten sind die Haustiere evakuiert worden: Der Verein für Deutsche Schäferhunde e.V., der das Gebiet der Deponie lange Zeit als Klub- und Übungsgelände nutzte, hat das giftbelastete Areal bereits verlassen.

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USA

CBG Redaktion

Pressemitteilung vom 6. April 2005

größte Hersteller: Bayer, Dow, GE Plastics

USA: Verbot von Bisphenol A in Babyflaschen gefordert

Die kalifornische Abgeordnete Wilma Chan fordert in einem Gesetzesentwurf ein Verbot der Chemikalie Bisphenol A in allen Produkten, mit denen Kleinkinder in Kontakt kommen. Chan ist Vorsitzende des Gesundheits-Ausschuss des kalifornischen Parlaments, vor zwei Jahren setzte sie bereits ein Verbot giftiger Flammschutzmittel durch.

“Die meisten Eltern wären sicherlich schockiert, wenn sie erführen, dass Plastik-Babyflaschen die Gesundheit ihrer Kinder schädigen können. Wenn man sich die wissenschaftlichen Untersuchungen ansieht, gibt es keinen Zweifel, dass diese Chemikalien in Babyprodukten verboten werden müssen“, so Wilma Chan.

Bisphenol A (BPA) wird bei der Herstellung von Plastikflaschen, der Innenbeschichtung von Konservendosen, in Lebensmittel-Verpackungen und in Zahnfüllungen eingesetzt. Die hormonellen Risiken der Chemikalie sind seit Jahrzehnten bekannt. Säuglinge, deren Hormonsystem noch nicht ausgereift ist, sind besonders gefährdet - Unfruchtbarkeit, Fehlbildungen und verfrühte sexuelle Reife können die Folge einer Exposition sein. Neue Studien zeigen, dass schon die Aufnahme geringster Dosen BPA die Entwicklung des Gehirns behindert. Untersuchungen ergaben zudem, dass BPA aus Babyflaschen, besonders nach längerem Gebrauch, in die Nahrung austritt.

Prof. Jürgen Rochlitz, Mitglied der Deutschen Störfallkommission und Beirat der Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.: „Bisphenol A und andere hormonaktive Substanzen haben in Produkten des täglichen Bedarfs absolut nichts verloren.“ Philipp Mimkes vom Vorstand des Vereins ergänzt: „Seit Jahrzehnten ist die hormonelle Wirkung von Bisphenol A bekannt – trotzdem verharmlost der größte deutsche Hersteller, der Leverkusener Bayer-Konzern, beharrlich die Risiken und verhindert durch politische Einflussnahme ein Verbot risikoreicher Anwendungen. Wir fordern ein sofortiges Verbot in allen Produkten, die mit Nahrungsmitteln in Kontakt kommen“. Auch das Umweltbundesamt möchte die Verwendung von Bisphenol A einschränken - kann sich jedoch nicht gegen die Wirtschaftslobby durchsetzen. In Japan hingegen wurde die Verwendung von Bisphenol A in Babyflaschen vom Gesundheitsministerium stark reglementiert.

In den USA werden jährlich über eine Million Tonnen BPA produziert, in Europa rund 700.000 to. Die größten Produzenten sind Bayer, Dow Chemicals und GE Plastics. Bayer produziert die Chemikalie in Baytown/USA, Uerdingen und Antwerpen. In den vergangenen Jahren hat Bayer neue BPA-Fabriken in Thailand und China eröffnet.

Lesen Sie zu dem geplanten Verbot in Kalifornien einen aktuellen Artikel des San Francisco Chronicle: http://sfgate.com/cgi-bin/article.cgi?f=/c/a/2005/03/31/BAGIOC13FM1.DTL

[MCS] STICHWORT BAYER 02/2005

CBG Redaktion

Chemie-Opfer klagen an

„Die sollten wissen, wie die Situation in diesem Lande ist!“

Der Fall des Ehepaars Fischer ist typisch für PatientInnen mit Multipler Chemikalien-Unverträglichkeit (MCS). Ebenso sehr wie unter ihrer Krankheit leiden sie darunter, dass diese nicht als eine solche anerkannt wird. BAYER & Co. haben erfolgreich alles darangesetzt, Chemie als Auslöser schwerster Gesundheitsstörungen aus den Medizin-Büchern zu tilgen. Die Betroffenen gelten deshalb als eingebildete Kranke. „Alles psychisch“- lautet die Diagnose stets. Das Düsseldorfer Gesundheitsamt leitete gegen Ellen Fischer sogar ein Entmündigungsverfahren ein.

Von Jan Pehrke

Im Sommer 1991 fiel Ruth Fischer plötzlich bewusstlos vom Fahrrad. Die mit ihrem Mann in der US-amerikanischen Kleinstadt Stuart lebende Frau kam sofort in ein Krankenhaus. Die ÄrztInnen versorgten die Deutsch-Amerikanerin, konnten sich ihren Zusammenbruch aber nicht erklären. Bald darauf zeigte ihr Körper weitere auffällige Reaktionen. Ruth Fischer erblindete kurzzeitig, bekam Schweißausbrüche und litt unter Schlaflosigkeit. Es begann eine Odyssee durch Praxen und Kliniken. Die Diagnosen entsprachen fast der Anzahl der konsultierten MedizinerInnen und reichten bis zu Darm- und Bauchspeicheldrüsen-Krebs. Erst nach einem Jahr fand ein Doktor die wahre Ursache ihrer Beschwerden heraus. Ein toxischer Schock hatte ihren Körper an dem Sommertag getroffen, ausgelöst durch Haushaltsinsektizide. Mit diesen war Ruth Fischer in Kontakt gekommen, weil die Verwaltung der Wohnanlage, in der sie mit ihrem Mann lebte, regelmäßig Kammerjäger in die Häuser schickte. Sie verspritzten hauptsächlich das von DOW ELANCO hergestellte - und inzwischen verbotene - Organophosphat DURSBAN mit dem Wirkstoff Chlorpyrifos, der sich auch in den BAYER-Produkten RIDDER, BLATTANEX und PROFICID befindet. Später wiesen die ExpertInnen im Hausstaub noch weitere Stoffe nach wie Permethrin, enthalten in ADVANTIX, BAYERs Anti-Flohmittel für Hunde. Die Insekten-JägerInnen hatten nämlich eigene Gift-Mixe angerührt, um die potentiellen Plagegeister nicht an eine Substanz zu gewöhnen. Allerdings gewöhnte sich auch der menschliche Körper nicht an die Biozide. „Es gibt kein gefahrloses Biozid“, erklärt der kurz nach seiner Frau ebenfalls an MCS erkrankte Siegfried Fischer, „Das sagt ja der Name schon: ‚Bio‚ für Leben und ‚zid‘ für Tod“.
Nach diesem Befund entschlossen sich die Fischers, in die Bundesrepublik zurückzukehren. Dort, wo BAYER-Forscher in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Pestizide entwickelt hatten, sollten doch auch die Behandlungsmethoden für die durch diese Substanzen hervorgerufenen Vergiftungserscheinungen am weitesten gediehen sein, dachte das Ehepaar - ein folgenreicher Irrtum. In BAYERs homeland kann nicht sein, was nicht sein darf. Nicht die Chemie stimmt nicht, sondern der Mensch. „Wer nach einer Organophosphat-Vergiftung nicht innerhalb von zwei Wochen gestorben ist, bei dem ist nach der deutschen amtsmedizinischen Meinung alles psychosomatisch“, zitiert Siegfried Fischer den MCS-Experten Müller-Mohnssen. Mit diesem Verdikt müssen auch die Fischers leben. Einer wahren Menschenverfolgung sehen die Fischers sich ausgesetzt, „weil der Industrie das Wort ‚Chemie' nicht passt“. Nicht auf ärztliches Unvermögen, sondern eindeutig auf den Druck von BAYER & Co. führt er die Ignoranz der Krankheit gegenüber zurück. Nur einmal schien sich eine Kehrtwende anzudeuten. Die SPD veranstaltete 1998 kurz vor der Bundestagswahl ein Hearing zum Thema „MCS“ und versprach, die Krankheit offiziell anzuerkennen. Später wollte die Partei nichts mehr davon wissen. „Die hat uns zu 100 Prozent verraten“, empört sich der Mann.
Dabei hat Fischer zufolge der Anschlag in der U-Bahn von Tokyo mit dem BAYER-Gift Sarin noch einmal eindeutig Aufschluss über MCS gegeben. Die unterschiedlichsten Reaktionsweisen zeigten sich. 12 Menschen starben sofort, einige konnten sich nicht mehr bewegen, bei nicht wenigen versagte das Sprachzentrum, andere wiederum blieben unversehrt. Welche Symptome sich herausbildeten, hing von der Konstitution der Einzelnen ab, dass sie aber alle auf das Sarin als Auslöser zurückgingen und nicht etwa dem subjektiven Faktor geschuldet waren, darin waren sich die Fachleute einig.
Aber auf die Wissenschaft hierzulande machte das wenig Eindruck. „Wäre rechtzeitig, z. B. in der Universität Düsseldorf, die Vergiftungsfolge überhaupt mal erwogen worden, man hätte uns noch helfen können“, klagt Siegfried Fischer. Jetzt bemüht der Rentner sich nur noch darum, den Gesundheitszustand seiner Frau so gut es geht stabil zu halten. Aber selbst dabei helfen ihm die medizinischen Einrichtungen nicht. Ellen Fischer ist inzwischen ans Bett gefesselt und zeigt bei der geringsten Dosis der in unserem Alltag allgegenwärtigen Chemie Besorgnis erregende Reaktionen. Deshalb ersuchte Fischer das Düsseldorfer Gesundheitsamt um Unterstützung bei der Isolation seiner Frau von der „chemischen Gesellschaft“, der Suche nach einer Wohnung ohne Gifte. Aber die Behörde scheute die Kosten. Sie war schnell mit der Diagnose „alles psychisch“ bei der Hand und leitete sogar ein Entmündigungsverfahren gegen Ellen Fischer ein, um das lästige Ehepaar loszuwerden. Siegfried Fischer zog vor das Amtgericht und bekam Recht zugesprochen. „Bei dem Betroffenen bestehen schwere neuro-toxische Schäden sämtlicher Organsysteme nach Vergiftung durch Organophosphate. Dies folgt aus dem Ergebnis der Beweisaufnahme, insbesondere aus dem Gutachten des Dr. Kiefer“, urteilten die Richter. Ein Verfahren vor den Sozialgerichten gegen die Krankenkasse läuft bereits seit drei Jahren. Sie weigert sich nämlich, Ruth Fischer von der Pflegestufe I in die Pflegestufe II zu setzen und spielt auf Zeit. Und die Gerichte spielen mit. Seinen Glauben an die Unabhängigkeit der Justiz hat Siegfried Fischer längst verloren: „Die Richter müssen tun, was die Mächtigen sagen“. Das Ehepaar hätte das Land längst verlassen, wenn Ellen Fischer transportfähig wäre, sagt der Mann verbittert.
In den USA haben nämlich Justizwesen und staatliche Institutionen gegenüber dem Einfluss der Chemie-Lobby eine gewisse Autonomie bewahrt, wie ein dort anhängiges Verfahren zeigt. DOW ELANCO haben die Fischers allerdings nicht auf die Anklagebank bekommen. Die Rechtsanwälte rieten ihnen von diesem Schritt ab. Das Unternehmen hätte sich sofort auf die Position zurückgezogen, nicht DURSBAN an sich, sondern lediglich eine falsche Anwendung hätte zu der Vergiftung geführt und damit wahrscheinlich auch Erfolg gehabt, prophezeiten die JuristInnen. So hat das Ehepaar Fischer den Kammerjäger, bzw. die Versicherung seiner Berufsvereinigung, verklagt. Seit acht Jahren läuft der aufwändige Prozess schon. Mehrmals reisten US-AnwältInnen und ExpertInnen nach Düsseldorf, um sich vor Ort ein Bild von dem Gesundheitszustand Ellen Fischers zu machen. Zudem hörten die RichterInnen zahlreiche WissenschaftlerInnen an. Bislang bestätigten alle Fachleute den Zusammenhang zwischen der Insektizid-Ausbringung und der Erkrankung - „mit Ausnahme der Deutschen“, bemerkt Siegfried Fischer. In den Vereinigten Staaten haben nämlich staatliche Einrichtungen wie das sich für Benachteiligte einsetzende Wohnungsamt „U.S. Department of Housing and Urban Development“ und die Umweltbehörde EPA MCS offiziell anerkannt. In einem Memorandum der EPA heißt es: „Chlorpyrifos und andere Insektizide stehen nach Berichten in Zusammenhang mit chronischen Schädigungen bei Menschen wie peripherale Neuropathie und chronischen, auf Nervenschädigungen zurückgehende Verhaltensstörungen (beides Nervenleiden, Anm. SWB) sowie einer Überempfindlichkeit gegenüber vormals keinerlei negative Reaktionen hervorrufenden Chemikalien“. Diese amtliche Beglaubigung von MCS ließ rund 70 Prozent aller Klagen vor den Sozialgerichten zugunsten der Opfer ausgehen. Auch Siegfried Fischer äußert Zuversicht: „Ich hab keine Bedenken, dass nicht zu unseren Gunsten entschieden wird“. Aber für ihn und seine Frau dürften die Mühlen der Justiz zu langsam mahlen. „Für uns bringt das nichts mehr, aber für die Nachwelt, da sind ja so viele Menschen, die sollten wissen, wie die Situation in diesem Lande ist“, ereifert sich Fischer. Darum bezeichnet er es als sein Hauptanliegen, die Öffentlichkeit zu informieren. So könnte er vielleicht wenigstens anderen das Schicksal ersparen, das er und seine Frau erleiden müssen.

[IG Farben] STICHWORT BAYER 02/2005

CBG Redaktion

Die IG FARBEN unterstützten die NSDAP massiv

Die Hitler-Macher

Eine große Geschichtsrevision greift um sich. Als via Sozialpolitik willig gemachte Helfer Hitlers begreift Götz Aly die ganze Bevölkerung, Guido Knopp und andere Fernseh-Historiker schreiben die ganze Macht des Nationalsozialismus den Verführungskünsten des Diktators zu und neuere Unternehmensgeschichten schreiben den Anteil der Industrie an der Machtergreifung klein. Stichwort BAYER hingegen demonstriert nochmal am Beispiel der von BAYER mitgegründeten IG FARBEN den Wahrheitsgehalt des Horkheimer-Satzes: „Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll vom Faschismus schweigen“.

Von Dr. Janis Schmelzer (Historiker)

Der Kurzschluss mit der Poltik hatte bei der IG FARBEN eine lange Tradition. Im Mai 1934 berief sich der Konzern in seinem Firmenkalender auf den Zusammenschluss der deutschen Chemiewerke zur IG am 18. August 1916: „Auch hier waren es im stärksten Maße volkswirtschaftliche, vor allem kriegswirtschaftliche Erwägungen, die zum Zusammenschluss führten. Die Front brauchte die deutsche Chemie nicht minder wie Stahl und Eisen“ (1). Neun Jahre nach dem endgültigen Zusammenschluss zur IG FARBEN AG vom 2. Dezember 1925 kann die Formulierung „auch hier“ nicht nur allein auf den Gründungsakt im 1. Weltkrieg bezogen ausgelegt werden. Immerhin galt während des Zweiten Weltkrieges das interne Motto des Kriegsverbrecherkonzerns: „Was an Rüstung des Soldaten nicht Eisen ist, ist Chemie - auch der Uniformrock.“ (2)
Nach Auffassung der IG FARBEN hat Deutschland den Krieg nur deshalb verloren, weil das wilhelminische Kaiserreich „die Bedeutung wehrwirtschaftlicher Arbeiten vor dem Kriege“ unterschätzt habe und korrigierende Maßnahmen erst während des 1. Weltkrieges „im Drange der Ereignisse improvisiert werden mussten“ (3). Das durfte sich nicht wiederholen. Die seit der Gründung der IG FARBEN 1925 mit den verbliebenen Generälen bestehende Zusammenarbeit war bis 1934 so weit gediehen, dass für den Tag X alles parat stand. Es fehlte nur noch eine politische Kraft, die gemeinsam mit den Militärs für die Realisierung der Kriegsziele des Konzerns garantieren konnte. Die Großkonzerne suchten nach dem „starken Mann“, der in der Weimarer Republik unter den konservativen Parteien auszuwählen war. Der Vorsitzende der BAYER AG, Carl Duisberg hatte 1931 eine Vision: „Fortwährend ruft das deutsche Volk nach einem Führer, der es aus seiner unerträglichen Lage befreit. Kommt nun ein Mann, der bewiesen hat, dass er keine Hemmungen hat, und der gesonnen ist, den Geist der Frontgeneration in friedlicher Befreiungsarbeit einzusetzen und zu verwirklichen, so muss diesem Mann unbedingt Folge geleistet werden.“ (4) Im September 1933, nach der Machtübergabe an Hitler bekannte sich Duisberg zu seiner Rede von 1931: „Meine auf der ersten großen Tagung des Reichsverbandes unter meinem Vorsitz dargelegte Meinung hat sich heute noch nicht geändert: Das Wichtigste für die Industrie ist ein starker Staat, eine machtvolle und energische Regierung.“(5) Offiziell konnte Duisberg die neue deutsche Regierung „unter dem Führer Adolf Hitler“ mit einem dreifachen „Sieg Heil“ bereits am 15. Juli 1933 aus Anlass der Einweihung des Schwimmbades in Leverkusen hochleben lassen.
Die ersten Beziehungen zwischen der NSDAP und den IG FARBEN liegen viel weiter zurück. Seit spätestens 1930 hatte Duisberg im Namen der IG FARBEN und als Vorsitzender des Reichsverbandes der Deutschen Industrie finanziell zu den Wahl-Erfolgen der NSDAP beigetragen. Der Polizeipräsident von Berlin informierte am 5. Januar 1932 den Minister des Innern, dass „in früheren Zeiten, auch noch vor der letzten Reichstagswahl“ die NSDAP Gelder erhalten habe. Genannt wurden seinerzeit Graf Helldorf, Geheimrat Duisberg und Dr. Keil (6). Später nahm die „Bosch-Fraktion“ maßgeblichere Kontakte zur NSDAP auf. Die direkten Kontakte zur NSDAP liefen über die „Zweite Reihe“ der IG-Führungselite, Gattineau, Ilgner, Bütefisch und Dr.Schieber.
1930 gründete Max Ilgner die Zentralfinanzverwaltung der IG FARBEN (Zefi) in Berlin, die den offiziellen Kontakt zu den Behörden und Parteien aufzunehmen hatte. Zur gleichen Zeit stieß der Duisbergs Privatsekretär Heinrich Gattineau, ein Studienfreund von Rudolf Heß, zum Büro Ilgner und unterstützte diesen bei der Pflege der Verbindungen zur NSDAP, die er seit 1923 hatte. Für den zur gleichen Zeit bestehenden Kalle-Kreis, dem „Kränzchen“ der IG FARBEN, schuf Gattineau den Kontakt zum wirtschaftspolitischen Pressedienst der NSDAP. Hitlers Wirtschaftsexperte für Kontakte zu Wirtschaftskreisen, der NS-Journalist Walter Funk, erhielt auf Anfrage seitdem monatliche finanzielle Unterstützung durch das neu geschaffene Büro Gattineau (7). Vor dem Sturz Brünings setzte sich das „Kränzchen“ mit Funk in Verbindung, um auszuloten, ob die NSDAP die Geldwährung in Ordnung bringen könne, wenn sie am Regierungssteuer säße. In der ersten Hälfte des Jahres 1932 fanden zwei Zusammenkünfte mit Funk statt, eine davon in der IG-FARBEN-Zentrale Unter den Linden. Einmal arrangierte Funk für Geheimrat Hermann Schmitz, Ilgners Onkel, eine Begegnung mit Hitler. Zur gleichen Zeit sind aus dem zentralen Fonds der IG Gelder an die NSDAP gegangen. Gattineau erklärte gegenüber Ilgner, er wisse, dass der Kalle-Kreis Spenden von 20.000 bis 30,000 Reichsmark an die NSDAP übergeben habe. Im Winter 1933/34 zeigte sich die IG-FARBEN-Zentrale mit ihrer Spende für die SA in Höhe von 200.000 RM großzügiger. Die Spitze erreichte die IG FARBEN mit ihrer „Wahlspende“ vom 20. Februar. Sie belief sich auf 400.000 RM - der größte Einzelbeitrag eines deutschen Konzerns für die vereinigte Rechte von NSDAP, DNVP und DVP. Göring hatte über 20 Repräsentanten aus der Wirtschaft und Hochfinanz in seine Wohnung eingeladen, darunter befanden sich allein vier Herren der IG FARBEN, u.a. Carl Bosch und Georg von Schnitzler.
Die weiteren, inhaltlich anders gelagerten Kontakte zur NSDAP im Jahre 1931 konzentrierten sich auf die Medienkampagne zur Herstellung synthetischen Benzins. Um den Angriffen der Nazi-Presse, vor allem im Völkischen Beobachter, entgegenwirken zu können, veranstaltete die IG FARBEN seit Oktober 1931 offene Führungen in Leuna (7b). Einladungen gingen an alle Parteien des Reichstages außer an die KPD sowie an JournalistInnen. Der Leiter der Wirtschaftspolitischen Abteilung der Reichsleitung der NSDAP, Otto Wagener erklärte nach einem IG-Imbiß, dass das Benzin-Projekt völlig mit den Zielen des Nationalsozialismus übereinstimme. Nachdem es erneut zu NS-Presseangriffen kam, entschloß sich Carl Bosch, direkt an Hitler heranzutreten. Gattineau, der über einen direkten Draht zur NSDAP-Führung verfügte, hatte über Haushofer ein Treffen der IG FARBEN mit Hitler für das Frühjahr 1932 arrangiert. Tatsächlich fand es aber erst im Juni 1932 statt. Gattineau, Bütefisch, Heß und Hitler trafen sich in München. Hitler versprach, die Angriffe auf das Hydrierungsprojekt in der NS-Presse zu stoppen und die Importzölle auf Erdöl aufrechtzuerhalten, wenn er an der Regierung sei. Die Herstellung synthetischen Benzins für die Motorisierung Deutschlands und den Bau von Autobahnen begrüße er (8). Bosch, der Organisator des Hitler-Treffens, betrachtete das Ergebnis des Treffens als Erfolg. Doch ihm ging es um mehr. Als Kernpunkt bezeichnete er die Haltung der deutschen Wehrmacht zum Benzin-Projekt. Der stellvertretende Vorsitzende der IG-eigenen Länderbank, Geheimrat Lederer, kannte den Leiter des Heereswaffenamtes, Exzellenz Bockelberg, der wie der Finanzminister besonders auf die Vorbereitung zu einem neuen Krieges hinwies. Darauf kam es zur Besichtigung der Leuna-Werke unter Leitung Ilgners, an der Bütefisch, Schmitz und Bockelberg teilnahmen. In den abschließenden Verhandlungen zwischen dem Heereswaffenamt und der IG in der ersten Hälfte des Jahres 1932 - bereits vor dem Treffen vom 25.Juni mit Hitler - ging es um die Garantie für die Weiterführung der kriegswirtschaftlichen Konzeption des Chemiekonzerns. Die IG FARBEN hatte bereits 300-400 Millionen RM an Forschungs-und Entwicklungskosten für Leuna investiert. Die IG FARBEN konnte nunmehr auf die beiden Säulen, die Wehrmacht und die NSDAP setzen. Zum im August 1931 gegründeten „Mitteleuropäischen Wirtschaftstag“ (MWT) gehörte neben dem „Stahlhof“ in Düsseldorf auch der spätere Vizepräsident Max Ilgner. Dieser Kern der großkapitalistischen Macht erwies sich als industrielle Schaltstelle zur Förderung des Hitler-Regimes. Als Gegenleistung erhofften sie sich unter anderem die Erfüllung des Duisberg-Traumes von einem „geschlossenen Wirtschaftsblock von Bordeaux bis Sofia“ (9), um die südosteuropäischen Rohstoffquellen erschließen zu können.
Die konkreten Summen, welche die IG FARBEN-Zentrale zur Unterstützung der NSDAP aufbrachte, konnten im Nürnberger IG-Prozeß nicht festgestellt werden, ebensowenig die von einzelnen Sparten der IG FARBEN zur Verfügung gestellten Gelder.
Bislang unbekannt ist die Tatsache, dass die IG FARBEN bereits Anfang 1932 Kontakte zu Mussolini, seiner faschistischen Partei und den italienischen faschistischen Gewerkschaften hatte und dass IG-FARBEN-Dokumente zum „Kampf um die Rückeroberung der Kolonien“ seit April 1932 vorliegen. Die Deutsche Kolonialgesellschaft erhielt von dem IG FARBEN-Spendenbüro im Auftrag von Duisberg seit 1925 beachtliche Geldbeträge (10).

Zusammenfassend lässt sich sagen:

- Die Führungseliten, die späteren Wehrwirtschaftsführer der IG FARBEN, haben lange vor Hitlers Machtübernahme eine Diktatur gewünscht, die ohne Rücksicht auf die Volksmassen „handeln“ konnte.

- Sie strebten die Beherrschung der europäischen Industrie, und wenn möglich außerhalb Europas an.

- Noch bevor die Macht an Hitler übertragen wurde, hatte die IG FARBEN Abmachungen für eine Regierungsunterstützung zur Ausdehnung ihrer Anlagen für synthetisches Benzin abgeschlossen.

- Die IG FARBEN arbeitete aufs Engste mit den militärischen Führern zusammen und nahm an der Planung für den Aufbau einer gigantischen deutschen Armee und Luftwaffe teil.

- Als Vorkämpfer für die unbegrenzte Wiederaufrüstung Deutschlands stellte sich die IG FARBEN mit ihrem gesamten Gewicht hinter Göring.

- Carl Krauch war führender Mann der gesamten chemischen Industrie Deutschlands und arbeitete bei der Umsetzung des Vierjahres-Plans der IG FARBEN eng mit Göring zusammen.

- Die Leiter der IG FARBEN wussten infolge ihrer strategischen Position auf dem Gebiet von Gummi, Benzin und Giftgas, dass die Wiederaufrüstung bei weitem jeden vorstellbaren Verteidigungszweck überstieg.

- Die Beratungen der IG FARBEN mit den militärischen und politischen Führern überstiegen bei weitem das Gebiet der technischen Angelegenheiten, waren äußerst aggressiv und in jeder Beziehung auf den Krieg gerichtet.

In diesem Zusammenhang hielt die US-Anklage folgendes Dokument fest, das in die Geschichte als „Krauch-Memorandum“ einging:
„Es ist unerlässlich für Deutschland, sein eigenes Kriegspotential, ebenso wie das seiner Verbündeten, so zu stärken, dass dieser Zusammenschluss praktisch den Kräften der übrigen Welt gleichkommt. Dies kann jedoch nur durch neue, starke und gemeinsame Anstrengungen aller Bundesgenossen erreicht werden, indem das Wirtschaftsgebiet zunächst friedlich auf den Balkan und auf Spanien ausgedehnt wird, entsprechend den verbesserten Rohstoffverhältnissen unserer Bundesgenossen. Wenn diesen Überlegungen nicht mit größter Eile Taten folgen, werden alle Blutopfer des nächsten Krieges umsonst sein und es wird uns das bittere Ende nicht erspart bleiben, das wir uns selbst durch unsern Mangel an Voraussicht und Ziellosigkeit beschert haben. (11)“
Dieser Krauch-Bericht an Göring vom April 1938 gilt als offizielles Dokument der Anklage des US-Militär-Tribunals zum Anklagepunkt I, Verschwörung zur Planung und Durchführung von Angriffskriegen.
In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass Duisbergs Annexions-Pläne aus dem 1. Weltkrieg nach 1933 wieder aktuell wurden. Während der Brest-Litowsker Friedensverhandlungen hatte die IG 3 Millionen Reichsmark für die Errichtung von Siedlungsgesellschaften im Baltikum zur Verfügung gestellt. Duisbergs Idee „Die Annexion unmittelbar an das Reich grenzender Gebiete schon unter dem Gesichtspunkt der Nahrungsmittelversorgung in einem zukünftigen Krieg“ sicherzustellen, wurde nach dem Diktatfrieden von Brest-Litowks nicht aufgegeben. Im Juli 1918 beteiligte sich Duisberg an der Gründung des „Osteuropa-Syndikats“ mit dem Ziel, eine dauernde Beherrschung Deutschlands über Rußland, die Ukraine und den Kaukasus zu erlangen. Die IG-FARBEN-Konzeption vom Großraum im Osten war eine Vorwegnahme der Hitlerschen Russland-Politik (12).

Anmerkungen

(1) Betriebsarchiv VEB Filmfabrik Wolfen
(2) Zit.nach Willi A.Boelcke, Die deutsche Wirtschaft 1930-1945. Interna des Reichswirtschaftsministeriums, Düsseldorf 1983,S.238, in: Günther Luxbacher, Roh-und Werkstoffe für die Autarkie, Textilforschung in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Berlin 2004, S.5.
(3) Vermittlungsstelle Wehrmacht, 11.02.1936, Betriebsarchiv Elektrochemisches Kombinat Bitterfeld S. 1087.
(4) Carl Duisberg, Abhandlungen, Vorträge und Reden aus den Jahren 1932-1933, Berlin 1933, S. 135.
(5) Carl Duisberg, Meine Lebenserinnerungen, Leipzig 1933, S.138.
(6) Martin Seckendorf, Fundst¸cke, Berliner Gesellschaft für Faschismus-und Weltkriegsforschung, 29.05.04, www.berliner-gesellschaft.org.
(7) Eidesstattliche Erklärung Dr.Heinrich Gattineau, Document NO. NI-4833 Office of Chief of Councel for War Crimes, in: Der Auschwitz-Prozeß, Hrsg. Fritz Bauer Institut Frankfurt/Main und Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau
(7b) Anfang 1932 hatte der VB zum Benzin-Projekt wohlwollend berichtet, doch erneuerte seine Anwürfe. Es wurden Zweifel geäu_ert, ob das Projekt und die Unterstützung durch die Regierung gerechtfertigt sei. Es handle sich doch um eine Firma, die unter dem Einfluß ausbeuterischer „internationaler Finanzherren“ stehe. Vor 1933 waren diese Auffassungen in der NSDAP verbreitet, später duldete die Parteiführung sie nicht mehr.
(8) Henry Ashby Turner, Jr., Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers, Siedler, Berlin 1985, S.302 ff.
(9) Carl Duisberg, Abhandlungen...a.a.O., S.173
(10) vgl. Janis Schmelzer, Aus der Geschichte der Filmfabrik Wolfen, Heft 10, IG-Farben stoßen nach Afrika, Bitterfeld-Wolfen, 1965; Heft 13. Die Herren Generale, Wolfen 1966; Heft 16. Die braune Box, Wolfen 1967
(11) Nuremberg Trials. War Crimes and International Law, Ergänzte Sonderausgabe, Übersetzung aus dem Englischen von Ruth Kempner, Zürich 1951, S. 92
(12)Thomas Portz, Großindustrie, Kriegszielbewegung und OHL, Siegfrieden und Kanzlersturz. Carl Duisberg und die deutsche Au_enpolitik, Lauf a.d.Pegnitz, 2000, S.280f

Die IG FARBEN, die Geldhäuser & die NSDAP

Eine Bank für Hitler

Ein Schlüsselrolle im Verhältnis der IG FARBEN und anderer Konzerne zur NSDAP kam der Kölner Bankiersfamilie von Schnitzler mit ihren vielfältigen Verbindungen zu. Der zu ihrem Clan gehörende Kurt Freiherr von Schröder war es, der Hitler in den Düsseldorfer Industrie-Club lud und ihn dort die Allianz von Faschismus und Kapitalismus besiegeln ließ.

Von Axel Köhler-Schnura

In welchem Umfang hat BAYER die Nazis und Hitler finanziert? Inwieweit haben die IG FARBEN - der Zusammenschluß von BAYER, HOECHST und BASF zum damals größten Wirtschaftsimperium der Welt - die Nazidiktatur finanziell und politisch in den Sattel gehoben? Welchen Anteil hatte BAYER-Chef Carl Duisberg daran? - Die Antworten auf diese Fragen sind noch heute nicht völlig klar. Die betroffenen Konzerne halten die Dokumente in ihren Archiven unter Verschluss, klare Auskünfte werden verweigert, entsprechende Feststellungen werden als „Beleidigung“, „Diffamierung“, „haltlos“ etc. zurückgewiesen.

Doch es gibt einen Zeugen der Anklage: Karl-Eduard von Schnitzler. Er ist Spross einer Bankiersfamilie aus Köln und mit drei Hauptakteuren verwandt, die seinerzeit das Scharnier zwischen dem zur Macht strebenden Hitler und der fest im Sattel der Macht sitzenden IG FARBEN bzw. BAYER/Leverkusen bildeten. Es handelt sich um:
- Richard von Schnitzler, Onkel von Karl Eduard von Schnitzler, I.H. Stein-Bank/Köln, Aufsichtsratsmitglied der IG FARBEN;
- Georg von Schnitzler, Vetter von Karl Eduard von Schnitzler, Mitglied des Vorstands der IG FARBEN;
- Kurt Freiherr von Schröder, ein weiterer Vetter von Karl Eduard von Schnitzler, Direktor der I.H.STEIN-BANK/Köln, Schwiegersohn von Richard von Schnitzler.

Im Zentrum des verhängnisvollen Geschehens steht die Familienbank I.H. STEIN. Über diese Bank schreibt Kurt Gossweiler in seinem Buch „Sturz ins Dritte Reich“: „Das Bankhaus I.H. STEIN war bereits 1921 ... mit den beiden tragenden Säulen des deutschen Imperialismus, der Ruhrschwerindustrie und der chemischen Industrie aufs Engste verbunden.“ Direktor der Bank war der oben erwähnte Kurt Freiherr von Schröder, der Schwiegersohn des ebenfalls erwähnten Richard von Schnitzler. Die Bank war nicht nur eine der Hausbanken von BAYER und der IG FARBEN, sondern saß bei dieser auch im Aufsichtsrat. Vertreten durch Heinrich von Stein und Richard von Schnitzler, Schröders Schwiegervater.

Direktor Kurt Freiherr von Schröder, Direktor der Hausbank von BAYER und der IG FARBEN, war auch der „Erfinder“ der Idee, für jede Tonne geförderter Ruhrkohle fünf Reichspfennige an die faschistische Harzburger Front zu zahlen. Damit wurde noch lange vor den üblichen direkten Industriespenden an die NSDAP Hitler direkt finanziert, denn der stärkste Partner der Harzburger Front war Hitlers NSDAP.
Es war aber auch eben dieser Direktor Schröder, der höchstpersönlich das alles entscheidende Treffen zwischen Hitler und der deutschen Industrie organisierte. Er machte es möglich, dass Hitler seine faschistischen Großmachtpläne einem handverlesenen Kreis von Generaldirektoren deutscher Banken und Konzerne im Düsseldorfer Industrieclub vortragen durfte. Bekanntlich kam es nach dieser Rede vor den Industriellen zu stehenden Ovationen. Die offizielle Einladung von Adolf Hitler in den Industrieclub sprach übrigens Jost Henkel vom Düsseldorfer HENKEL-Konzern aus. Auch hier sind die Bande zur IG FARBEN unübersehbar.

Und schließlich war es eben jener Schröder, in dessen Haus in Köln am 4. Januar 1933 das Treffen zwischen Hitler und dem Reichskanzler Papen stattfand, dessen Ergebnis die Machtübergabe an Hitler war. Schröder selbst sagte unter Eid vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal aus: „Bevor ich den Schritt (zu diesem Treffen, d. Verf.) unternahm, besprach ich mich mit einer Anzahl von Herren der Wirtschaft und informierte mich allgemein, wie sich die Wirtschaft zu einer Zusammenarbeit der beiden stellte. Die allgemeinen Bestrebungen der Männer der Wirtschaft gingen dahin, einen starken Führer in Deutschland an die Macht kommen zu sehen, der eine Regierung bilden würde, die lange Zeit an der Macht bleiben würde.“

Nun, „den starken Führer“ verlangte BAYER-Boss Carl Duisberg mit genau diesen Worten bereits in den 20er Jahren. Und so schließt sich der Kreis: Die Drahtzieher im Hintergrund, die Hitler bereits sehr frühzeitig finanzierten und die dem Faschisten den Durchbruch zur Macht verschafften, waren Carl Duisberg und seine IG FARBEN. So erklärt sich auch das unüberschaubare Meer faschistischer Traditionsfahnen und Nazi-Uniformen zu Carl Duisbergs Tod.

Nachbemerkung: Karl Eduard von Schnitzler hat sich von den „Hitler-Machern“ (K.E. v. Schnitzler) in seiner Familie getrennt und wurde Kommunist. Er trat mit seinen Informationen an die Öffentlichkeit, nachdem das ZDF im Jahr 1995 in einer skandalösen „historisch-fundierten“ Fernseh-Serie Hitler als Alleintäter präsentierte.

[Nachhalitigkeit] STICHWORT BAYER 02/2005

CBG Redaktion

Nachhaltig unökologisch: Der Bayer-Nachhaltigkeitsbericht 2004

von Prof. Dr. Jürgen Rochlitz, Mitglied der deutschen Störfallkommission

Nachdem Bayer sich in seinem vorangegangenen Nachhaltigkeitsbericht mit Kofi Annan und Ernst Ulrich von Weizsäcker schmückte, werden nun die künstlerischen Talente von Kindern werbewirksam vermarktet. Leider wissen diese Kinder noch nicht, wie sehr Bayer mit seiner gesamten Geschäftspolitik gerade ihre Zukunft verbauen und ihre Vorstellungen davon zerstören kann.

Wohin die Richtung dieser Geschäftspolitik weist, wird gleich im Anschluss an das Bekenntnis von Bayer zu den Prinzipien der Nachhaltigen Entwicklung („Sustainable Development“) und damit zur sozialen und ethischen Verantwortung und zur gleichrangigen Behandlung von Ökonomie, Ökologie und sozialem Engagement deutlich: „Es gilt, den Unternehmenswert nachhaltig zu steigern“. Damit wird die wahre aber perverse Auffassung von Nachhaltigkeit formuliert: nachhaltige Gewinn-Maximierung im Interesse der AktionärInnen. Alle anderen Aussagen dazu verdrehen die Wirklichkeit - wie in Orwells „1984“ vorgemacht.

Die Umstrukturierung des Konzerns, „schneller und nachhaltiger als jemals zuvor in der Unternehmensgeschichte“, wird als Beispiel für die verantwortliche Unternehmenspolitik des Konzerns verkauft. Tatsächlich dient die Neuorganisation von Bayer vornehmlich der Profitsteigerung. Die neue strategische Holding ermöglicht es mit ihrer unübersichtlichen Vielfalt, die Arbeitnehmer, die kontrollierenden Behörden, die Finanzbehörden und die Öffentlichkeit auszutricksen - z. B. mit nicht nachzuvollziehenden Statistiken. Mit dem in diesem Jahr vollzogenen Börsengang von LanXess, der Nachfolgegesellschaft mit Zuständigkeit für viele chemische Produktionen, wurde schon einer der Effekte der neuen Holding deutlich. Der Leverkusener Chemie-Multi nutzte die Trennung vom Chemie-Geschäft dazu, Schulden in Milliarden-Höhe bei LanXess zu entsorgen, welche die Chemie-Firma mit Kosteneinsparungen durch Arbeitsplatz-Vernichtung tilgt.

Bayer hat richtig erkannt, dass die Börse soziale und ökologische Engagements honoriert und prahlt mit guten Platzierungen in den entsprechenden Indices. Es zahlt sich also aus, wenn der Multi Nachhaltigkeit besonders betont und werbewirksam über ihre angebliche Verwirklichung berichtet - die tatsächliche Praxis überprüft ja niemand. Immerhin richtete das Unternehmen eigens ein Konzernvorstandsbüro speziell für die Planung der Bayer-Nachhaltigkeit ein. Wie sehr jedoch diese Bayer-Nachhaltigkeit gegenüber den Ursprungsideen pervertiert worden ist, zeigen die folgenden Beispiele:

1) Gesellschaftliches und soziales Engagement - eine der Säulen der Nachhaltigkeit - wird in diesem Nachhaltigkeitsbericht besonders betont. Und tatsächlich können einige Projekte und Projektchen in der Größenordnung von einigen Millionen Euro aufgeführt werden. Doch verblassen diese Renommierobjekte angesichts des ständigen Abbaus der Gesamtzahl der MitarbeiterInnen. Wenn die verwirrende Graphik-Darstellung nicht täuscht, wurden im Zeitraum von 1998 bis 2002 ca. 28.000 Arbeitsplätze weltweit abgebaut. Dies bedeutet für den Konzern eine Einsparung von Milliarden; speziell für die deutsche Gesellschaft ist es ein Beitrag zur Zerstörung der sozialen Marktwirtschaft, für die übrigen nationalen Gesellschaften an den Bayer-Standorten sind es deutliche soziale Einschnitte. Denn mit diesen 28.000 Arbeitsplätzen an den Bayer-Standorten sind wiederum sekundäre und tertiäre Arbeitsplätze verknüpft, die parallel entfallen sind. Bayer hat damit auch einen Beitrag zur weltweiten Massenarbeitslosigkeit geleistet, und der Konzern ist dabei, diesen Prozess weiterzutreiben. Die Umstrukturierung des Global Player hat hauptsächlich diesen Zweck. Eine solche unsoziale Geschäftspolitik ist alles andere als nachhaltig. Wenn in Jahren mit Rekordgewinnen immer weiter an der Schraube des Job-Abbaus gedreht wird, dann ist dies nicht nur unnachhaltig sondern unmoralisch.

2) Schutz der Biodiversität wird von Bayer auch in einigen Projekten betrieben, um das Aussterben bedrohter Tierarten zu verhindern. Selbstverständlich ehrenwert. Doch auch dieses Engagement verblasst angesichts des systematischen Angriffs auf die Artenvielfalt durch Bayer Cropscience. Vor allem der Einsatz von Pestiziden aller Art hat ganz besonders in Mitteleuropa dazu beigetragen, dass eine Todeszone der Artenvielfalt entstanden ist, in der viele Pflanzen, Insekten und andere Tiere auf den roten Listen gelandet sind, da sie entweder schon ausgestorben, vom Aussterben bedroht oder im Bestand gefährdet sind. Diese Geschäftspolitik ist ökologisch unverantwortlich und darf auf keinen Fall als Beitrag zur Nachhaltigkeit angesehen werden.

3) „Verantwortungsvoller Umgang mit der Gentechnik“ ist eine dreiste Behauptung, da in der sogenannten grünen Gentechnik, bei Bayer „Pflanzenbiotechnologie“ genannt, prinzipiell weder eine ökologische noch eine ökonomische Sicherheit existiert. Pflanzenanbau mit transgenen Pflanzen und verstärktem Pestizide-Einsatz ist ökologisch nicht zu verantworten wegen der Beeinträchtigung von Böden, Grundwasser, Artenvielfalt und wegen der Weiterverbreitung gentechnisch veränderter Organismen. Zudem ist völlig ungeklärt, welche human- oder tiertoxikologischen Wirkungen die gentechnisch veränderten landwirtschaftlichen Produkte besitzen. Ökonomisch ungesichert ist der Anbau, weil die Gefahr einer Verunreinigung benachbarter Grundstücke mit gentechnisch veränderten Organismen nicht auszuschließen ist. Die daraus resultierenden ökonomischen Schäden sind in keinem Fall absehbar und können den Gentechnik anwendenden Landwirt ebenso treffen wie den konventionell oder ökologisch arbeitenden in der Nachbarschaft. Besonders unverantwortlich war es, das Haftungsrisiko den Landwirten aufzubürden - ein Glanzstück des Lobbyismus. Die eigentlichen Verursacher der Schäden an den Schreibtischen in Leverkusen und in den Labors von Monheim wurden so vom Gesetzgeber geschont. Die grüne Gentechnik bietet der Chemie-Industrie den Einstieg in die totale Beherrschung der Landwirtschaft. Nicht nur die benötigten Industriedünger und Pestizide sondern auch das Saatgut sind nämlich im Gentech-Paket enthalten.

4) Die sogenannte ökologische Bilanz (Aufzählung der Emissionen in Luft und Wasser, Abfall, Energie) ist in diesem sonst als Anti-Nachhaltigkeitsbericht verfassten Pamphlet das einzig Erfreuliche - aber auch nur auf den ersten Blick. Die deutliche Senkung von Belastungen der Umwelt ist nämlich nur eine Folge der Betriebsstilllegungen und Arbeitsplatz-Vernichtungen. Zudem zählt heutzutage nicht mehr die Produktion zum Hauptbelastungsfaktor für Mensch, Tier und Umwelt, diesen Rang haben die Produkte eingenommen. Dazu gehören nicht nur die schon erwähnten Pestizide, sondern auch Weichmacher,Tenside und ihre Vorstufen. Die Produktionslinien, die ausgehend von der Chlorproduktion über Phosgen immer noch an diesen höchstgefährlichen Zwischenprodukten festhalten, sind als ganz und gar nicht nachhaltig zu bezeichnen.

Um die Nachhaltigkeit bei Bayer steht es also insgesamt betrachtet ziemlich schlecht. Nur mit großem journalistischem Aufwand auf der Basis Orwellscher Verdrehungen und Ausblendungen ist ein Bericht entstanden, der sowohl die Bayer-Aktie als auch die Bayer-AktionärInnen beflügeln soll. Nur der flüchtige Leser wird davon eingenommen, der kritische bemerkt dagegen schon bald die bloß dekorative Funktion des Nachhaltigkeitsbegriffs.

[Gaga Laga] STICHWORT BAYER 02/2005

CBG Redaktion

Gaga Laga

Heute erzähle ich euch mal ein Märchen. Es handelt von dem schönen Städtchen Leverkusen, jener großen Apotheke an der Stadtgrenze zu Köln. Also: Es war einmal vor ca. 80 Jahren in einer Zeit, als es noch keine Umwelt gab, aber dafür umso mehr Hochwasser. Da haben die in Leverkusen den ganzen Abfall der BAYER AG - die hieß damals noch IG FARBEN, aber das darf heute keiner mehr wissen - da haben die den ganzen Abfall einfach ans Rheinufer gekippt. Die haben sich gedacht: Lieber langfristig vergiftet als kurzfristig ersoffen. Und so ist am Rheinufer in Leverkusen die größte Giftmülldeponie der Welt zusammengekippt worden. Sage und schreibe drei Millionen Tonnen an Substanzen, von denen bis heute keiner weiß, was die eine mit der anderen so treibt.
Und nach dem Krieg, als die Deutschen wieder mehr Lebensraum im Westen brauchten, weil das im Osten bekanntlich nicht so richtig hingehauen hat, da hat man dann den ganzen Dreck mit ein bisschen Muttererde zugeschüttet und Häuser drauf gebaut. Und natürlich ein Krankenhaus. Für die Leute, die in den Häusern gewohnt haben.
Und 1987, als das Krankenhaus mittlerweile voller war als die Häuser, da hat man die Häuser dann wieder abgerissen. Und seitdem wurde da aufgeschüttet und abgedeckt und wieder aufgeschüttet und wieder abgedeckt, bis heute wurden insgesamt 110 Millionen Euro aufgeschüttet und abgedeckt.
Tja, und dann hat man das Ganze schön bepflanzt, und deshalb gibt es jetzt in Leverkusen die Laga, die Landesgartenschau. Und die produziert so putzige Schlagzeilen wie: „Das Rheinufer in Leverkusen hofft auf rosige Zeiten“. Na, dann wollen wir mal hoffen, dass die Zeiten am Ende nicht einfach nur rissig werden.

Der Kabarettist Wilfried Schmickler ist aus der TV-Sendung „Mitternachtsspitzen“ bekannt und schreibt in der taz Köln die Kolumne „schmickler macht ernst“, die Stichwort BAYER mit freundlicher Genehmigung der Zeitung nachdruckte.

[Störfälle] STICHWORT BAYER 02/2005

CBG Redaktion

Lanxess-Werk in Addyston/USA

Anwohner protestieren gegen Störfälle und Luftverschmutzung

Mehrere hundert Unfälle in neun Jahren, drei Giftwolken innerhalb weniger Monate – dies ist die Störfall-Bilanz der Chemiefabrik Addyston im US-Bundesstaat Ohio. Regelmäßig verheimlichte die Werksleitung den Austritt krebserregender Stoffe. Der Umweltverband Ohio Citizen Action protestiert gegen die Vergiftung der umliegenden Gemeinden und mobilisiert die Bevölkerung.

von Philipp Mimkes

107 meldepflichtige Unfälle allein im vergangenen Jahr. Drei Störfälle, bei denen große Mengen krebserregender Stoffe austraten, innerhalb von vier Monaten. Jährlich 700 Tonnen Emissionen von Schwefeldioxid, Stickoxiden, Kohlenmonoxid und Feinstäuben im „Normalbetrieb“ – dies sind die Eckdaten der täglichen Vergiftung rund um das Chemiewerk Addyston im Bundesstaat Ohio. Die Kunststoff-Fabrik wurde 1996 von der BAYER Corporation übernommen. Nach der Ausgliederung der Chemie-Sparte des Konzerns im vergangenen Herbst gehört sie nun zur Lanxess AG.

Ruth Breech von Ohio Citizen Action, einem Umweltverband mit mehr als 100.000 Mitgliedern: „Das Werk befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft von einem Kindergarten und einer Schule. Allein im letzten halben Jahr traten mindestens neun Mal giftige Chemikalien aus.“ Breech fordert die Firma auf, die Kontamination der Umgebung sofort zu stoppen und jegliche Störung sofort bekannt zu geben. Mitglieder des Verbands sandten rund 11.000 Briefe an das Unternehmen und forderten ein Ende der Verschmutzung von Luft und Wasser.

Die Proteste kulminierten, als Lanxess einräumen musste, dass bei einer Störung im vergangenen Herbst eine halbe Tonne Acrylnitril ausgetreten war. Obwohl zur selben Zeit in unmittelbarer Nähe ein Volksfest mit hunderten von Besuchern stattgefunden hatte, wurde die Öffentlichkeit erst Monate später informiert. Im Dezember traten erneut 700 Pfund der Chemikalie aus, eine großräumige Untersuchung der Gesundheit der Bevölkerung fand indes nicht statt. Acrylnitril ist krebserzeugend und kann die Lungen- und Nervenfunktion schädigen. Bei weiteren Unfällen traten Budadien, Styrol und organische Lösemittel aus.
Die Umweltbehörde des Bezirks Hamilton, in dem Addyston liegt, forderte die Werksleitung ultimativ aus, bis zum 18. April einen Plan vorzulegen, wie weitere Austritte von Acrylnitril ausgeschlossen werden können. Im Falle weiterer Gift-Austritte wurden Strafen angekündigt. Auch Die US-Umweltbehörde EPA nahm eine Untersuchung des Werks vor. Umweltschützer forderten den Rücktritt der Werksleitung, da diese trotz gegenteiliger Versicherungen die Unfallserie nicht beendete. „In einem Gespräch Anfang Dezember räumte die Werksleitung ein, dass der Acrylnitril-Unfall im Oktober nicht hinnehmbar sei. Zwei Groß-Unfälle in den vergangenen Monaten zeigen jedoch, dass sich nichts zum besseren gewandelt hat. Nun muss die Werksleitung ausgetauscht werden, genug ist genug“, so Ruth Breech weiter.

Axel Köhler Schnura von der Coordination gegen BAYER-Gefahren ergänzt: „Die Vernachlässigung von Gesundheit und Umwelt zugunsten von Konzernprofiten hat bei BAYER und LanXess System. Durch die angekündigten Sparmaßnahmen wird die Sicherheitslage in den Lanxess-Werken voraussichtlich noch prekärer. Die Produktion gefährlicher Stoffe wie Acrylnitril oder Phosgen hat nichts in der Nähe von Wohngebieten zu suchen". Die Coordination gegen BAYER-Gefahren, die seit den 80er Jahren einen Ausstieg aus der Chlorchemie fordert, sprach das Thema auch auf der BAYER-Hauptversammlung am 29. April an.