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Beitrag veröffentlicht im Mai 2000

Pharma-Tests

CBG Redaktion

31. Mai 2000

Londoner Sunday Times berichtet:

Bayer verschwieg Risiken von Pharma-Tests

Nach Angaben der Londoner Sunday Times verschwieg der Bayer-Konzern mögliche Unverträglichkeiten eines Antibiotikums und gefährdete damit 650 Patienten in englischen Krankenhäusern. In einer klinischen Studie in sechs Hospitälern war das Medikament Ciproxin bei Operationen eingesetzt worden, obwohl dem Unternehmen Untersuchungen vorlagen, nach denen Ciproxin im Zusammenspiel mit anderen Pharmazeutika seine Wirksamkeit verlieren kann. Hierdurch stieg die Gefahr von Infektionen. Den beteiligten Krankenhäuser wurden die Risiken vor Beginn der Studie nicht mitgeteilt.
“Obwohl ich zu Beginn der Tests auf die Probleme hingewiesen habe, wurde die Studie im ganzen Land unverändert weitergeführt” kritisiert der Chirurg Stephen Karran. “Ich glaube, dass Patienten gelitten haben. Daher ist eine unabhängige Untersuchung notwendig”. Karran gehört zu den Wissenschaftlern, die bereits 1989 im Auftrag von Bayer das Zusammenspiel des Wirkstoffs Ciprofloxacin mit Schmerzmitteln, die bei Operationen eingesetzt werden, untersuchten. Nach mehreren erfolglosen Beschwerden wandte sich der Arzt an die Presse.
Bislang wurden nur die Testergebnisse aus einer Klinik in Southampton bekannt. Nach Angaben der Sunday Times erlitt mindestens ein Teilnehmer der Studie eine lebensbedrohliche Infektion. Die Resultate der übrigen fünf Krankenhäuser will Bayer aus Geheimhaltungsgründen nicht offenlegen.
Ciproxin, in Deutschland unter dem Namen Ciprobay auf dem Markt, ist in England seit 1993 für bestimmte Operationen zugelassen. Bayer strebt die Zulassung für weitere Gebiete an. Das Unternehmen räumte ein, dass die Probleme mit Ciproxin vor Beginn der Studie bekannt waren und dass die Testunterlagen keinen entsprechenden Hinweis erhielten. Im Verlauf der Studie seien die Protokolle jedoch ergänzt worden. Der staatliche National Health Service kündigte eine Untersuchung an.

Wuppertal

CBG Redaktion

26. Mai 2000

wegen des Unfalls im Werk Wuppertal im Juni 1999:

Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Bayer AG

Gutachten fordert Konsequenzen für Bayer-Vorstand

Die Staatsanwaltschaft Wuppertal hat wegen des Verdachts auf Luftverunreinigung Anklage gegen die Bayer AG erhoben und reagiert damit auf eine Strafanzeige des Vereins Coordination gegen BAYER-Gefahren. Die Umwelt-Initiative wirft dem Unternehmen ”schwere Gefährdung durch Freisetzung von Giften” und ”unerlaubten Umgang mit nicht zugelassenen Stoffen” vor. Das Verfahren wird am Amtsgericht Wuppertal vor einem Strafrichter geführt.
Axel Köhler-Schnura vom CBG-Vorstand: ”Es besteht der Verdacht, dass Bayer mit nicht zugelassenen und nicht dokumentierten Stoffen gearbeitet hat, für die nicht einmal Sicherheitsdatenblätter existieren. Wir sehen den dringenden Verdacht gegeben, dass dem Unfall ein strafbares Handeln zugrunde liegt.” Köhler-Schnura weiter: ”Der Konzern hat trotz der zahlreichen Unfälle in der Vergangenheit die Sicherheitslage nicht verbessert und erfüllt damit den Tatbestand der groben Fahrlässigkeit.”
Die CBG kritisiert, dass der Öffentlichkeit keine Katastrophenpläne bekannt waren, dass Menge und Zusammensetzung der ausgetretenen Stoffe nicht veröffentlicht wurden und dass die Unternehmenssprecher verharmlosend von einer ”Betriebsstörung mit Geruchsbelästigung” sprachen.
Bei der Explosion in Wuppertal waren am 8. Juni 1999 mehr als 100 Menschen verletzt worden. Eine systematische Untersuchung von Anwohnern und Verletzten wurde nicht vorgenommen, so dass eine Langzeiterfassung von Gesundheitsschäden nicht möglich ist. Ein offener Brief der Initiative an die Bayer AG blieb bis heute unbeantwortet. Zu einer Bürgerversammlung mit Bärbel Höhn schickte das Unternehmen keinen Vertreter – trotz einer Einladung der Umweltministerin.

Fußball

CBG Redaktion

20. Mai 2000

Zum heutigen Finale der Fußball-Meisterschaft:

Leverkusener Erfolg verdeckt Kehrseiten des Bayer-Konzerns

Anlässlich des Finales der Fußball Bundesliga äußern Kritiker des Unternehmens Bayer die Befürchtung, dass die Leverkusener Erfolge die vom Chemie-Konzern verursachten Probleme überdecken. Das sportliche Engagement drängt die Berichterstattung über Störfallrisiken, Umweltverschmutzung und giftige Produkte in den Hintergrund.
Hubert Ostendorf vom Vorstand der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG): ”Bayer betreibt das Sport-Sponsoring lediglich aus Werbegründen. Kein Verein in Deutschland forciert die Kommerzialisierung des Sports so rücksichtslos wie Bayer 04 – der Verein wurde mittlerweile sogar in eine GmbH umgewandelt”. Die Spieler der Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH kicken laut Eintrag im Handelsregister zum Zweck des Einsatzes als Werbeträger für die Bayer AG. Hierzu Ostendorf: ”Deutlicher kann man die Degradierung des Sports zum Imagefaktor nicht in Worte fassen.”
Die Unterstützung des Breitensports hat Bayer in den letzten Jahren deutlich eingeschränkt. Ab der kommenden Saison wird der Verein Trikotwerbung für die RWE-Tochter avanza betreiben und dann am Tropf der beiden größten Konzerne Nordrhein-Westfalens hängen. Ostendorf fordert die Offenlegung der finanziellen Unterstützung durch den Chemie-Multi sowie ein Verbot des Besitzes von Mannschaften durch Konzerne. Zahlreiche Initiativen werden am heutigen Samstag in der Leverkusener Innenstadt gegen die teilweise skrupellose Geschäftspolitik von Bayer demonstrieren.
Die CBG dokumentiert seit über 20 Jahren Probleme, die vom Bayer-Konzern in aller Welt verursacht werden. Zentrale Themen der Vereinsarbeit sind die Gefahren von Bayer-Pestiziden, Sicherheitsbedingungen in Bayer-Werken in der Dritten Welt, die Verschmutzung von Wasser und Luft sowie die bis heute ausgebliebene Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter durch die Chemische Industrie.

Demo Leverkusen

CBG Redaktion

18. Mai 2000

Für Entschädigung von Zwangsarbeitern und Abschaffung der Todesstrafe:

Demonstration in Leverkusen

Zahlreiche Organisationen aus Leverkusen und Köln rufen zu einer Demonstration am 20. Mai in der Leverkusener Innenstadt auf. Die Initiativen verlangen vom Bayer-Konzern, ehemalige Zwangsarbeiter und deren Hinterbliebenen individuell und unverzüglich zu entschädigen. Außerdem wird das Unternehmen aufgefordert, sich weltweit für die Abschaffung der Todesstrafe einzusetzen. Der Protestzug startet um 11 Uhr am Rathausvorplatz und wird zum Hauptgebäude der Bayer AG ziehen.
Philipp Mimkes, Geschäftsführer der Coordination gegen BAYER-Gefahren: “Bayer investiert bedenkenlos in China und anderen Ländern, die die Menschenrechte mit den Füßen treten. Das Unternehmen sollte seinen großen politischen Einfluss darauf verwenden, Demokratie und Grundrechte weltweit zu stärken.” Besonders in der Kritik steht die enge Kooperation des Unternehmens mit Thomas Ridge, Gouverneur von Pennsylvania/USA, der für die drohende Hinrichtung des Bürgerrechtlers Mumia Abu-Jamal verantwortlich ist. In Pennsylvania befindet sich die amerikanische Zentrale von Bayer. Ridge war im vergangenen Herbst vom Bayer-Vorstand in Leverkusen empfangen worden.
Die Veranstalter wollen das große öffentliche Interesse nutzen, das aufgrund der möglichen DFB-Meisterschaft von Bayer 04 Leverkusen auf die Stadt gerichtet ist. Durch die Demonstration soll verhindert werden, dass die sportlichen Erfolge die Probleme in den Hintergrund drängen, die von dem Unternehmen Bayer verursacht werden. Zu den Organisatoren der Demonstration gehören neben der CBG die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, antifaschistische Gruppen, die PdS und die DKP.

Ozon-Killer

CBG Redaktion

10. Mai 2000

Herstellung verbotener FCKW in die USA verlagert:

BAYER produziert Ozon-Killer trotz Verbots in Deutschland

Das Leverkusener Unternehmen Bayer produziert in den USA Chemikalien, die in Deutschland seit fast 10 Jahren verboten sind. Im texanischen Werk Baytown stellt der Konzern große Mengen Dichlordifluormethan (R12) und Trichlorfluormethan (R11) her, obwohl beide Stoffe zu den gefährlichsten FCKW gehören und die Ozon-Schicht schädigen. Seit dem Abkommen von Montreal ist die Herstellung von R11 und R12 international streng begrenzt. In Deutschland wurde die Produktion durch die FCKW-Halon-Verbotsverordnung von 1991 untersagt.
Prof. Dr. Jürgen Rochlitz, Chemiker an der FH Mannheim und Beirat der Coordination gegen BAYER-Gefahren: ”Die Herstellung von R11 und R12 durch das Unternehmen Bayer ist ein ungeheuerlicher Anschlag auf Umwelt und Gesundheit. Bayer missachtet bedenkenlos die von der Chemischen Industrie selbst gesetzten Regeln des responsible care. Wie verträgt sich dieses Verhalten mit der immer wiederkehrenden Behauptung, im Ausland würden keine Stoffe produziert, die in Deutschland verboten sind?” Rochlitz war Abgeordneter im Deutschen Bundestag und Mitglied der Enquète Kommission Schutz des Menschen und der Umwelt.
Im aktuellen Geschäftsbericht des Konzerns heißt es: ”In allen Ländern und Erdteilen gelten für Bayer die gleichen Maßstäbe”. Die Herstellung von R11 und R12 wurde bekannt, da in den USA strengere Regeln für die Offenlegung von Produktionskennzahlen gelten als in Deutschland. Die aktuellsten Daten betreffen das Jahr 1997. Das Unternehmen verweigert bislang Auskunft darüber, ob und in welchem Umfang R11 und R12 auch im laufenden Geschäftsjahr hergestellt werden und womit der Verstoß gegen die eigenen Grundsätze begründet wird.

[BAYER HV 2000] Hauptversammlung 2000

CBG Redaktion
Tod durch Pestizide: Skelette empfangen Aktionäre DIE ZEIT: Die Macht der Multis provoziert Widerstand. Besuche bei Konzerngegnern Kritische Aktionäre kündigen Protest an

Totentanz und das große Fressen

Aktionärinnen und Aktionäre gehen über „Leichen“

von Karl Henning Zwei in Skelettanzügen gekleidete Gestalten torkeln zwischen zehn symbolischen Gräbern. Auf den ”Grabsteinen” vor schwarzen Holzkreuzen steht in roten Lettern: ”BAYER-Pestizide töten Menschen”. Grablichter flackern im Wind. Die beiden Skelette vollführen einen gespenstischen Totentanz, versprühen symbolisch Ackergifte aus einer Spritze. Direkt vor den Toren der Köln- Deutzer Messehallen fallen sie wie tot zu Boden. Verendet im Giftnebel: Was als Auftakt der BAYER-Hauptversammlung am 28.4. von KritikerInnen szenisch umgesetzt wurde, ist in unzähligen Ländern insbesondere der ”Dritten Welt” trauriger Alltag. Nach Schätzungen der Weltgesund- heitsorganisation (WHO) sterben Jahr für Jahr über zwei Millionen Menschen an Pestiziden. Aktuelles Beispiel ist ein Fall aus den Philippinen. Hier erlagen mindestens 14 Menschen dem BAYER-Gift NEMACUR. Doch solche Zahlen interessieren viele der in Bussen angekarrten (Belegschafts-) AktionärInnen und BankenvertreterInnen nicht. Nicht einmal die Presse kommt ihrer berufsmäßig verordneten Neugier nach, der Verdacht auf Gleichschaltung drängt sich unweigerlich auf. Beide, Salonschreiber und Couponschneider, sind vielmehr an Bilanzen und Kursen interessiert. Entsprechend zielstrebig eilen sie in den Versammlungsraum, über die symbolischen Leichen hinweg, wo BAYER-Vorstands- chef Manfred Schneider sie mit angenehmeren Daten beglückt: ”Wir freuen uns, dass wir Ihnen für das Jahr 1999 einen guten Abschluss vorlegen können”, trägt er mit gewohnt monotoner Stimme vor. Der BAYER-Konzern habe seinen Gewinn um 24 % auf 2.002 Mio. Euro steigern können. Dies, obwohl oder gerade weil im letzten Geschäftsjahr 25.000 Arbeitsplätze ausgelagert bzw. vernichtet wurden. Trotz guter Geschäfte konnte sich der Chemieriese ”durch Bilanztricksereien” wie Erhöhung der Rückstellungen und verschärfte Abschreibungen erstmalig in seiner Geschichte an der Gewerbesteuer vorbeimogeln, wie die Bundestagsabgeordnete Ulla Lötzer (PDS) später in Ihrer Rede kritisierte. Auf ihre Frage, wann der BAYER-Konzern sich wieder an der Finanzierung kommunaler Aufgaben zu beteiligen gedenke, erhielt sie keine hinreichende Antwort. So erging es auch den anderen elf RednerInnen für die Coordination gegen BAYER- Gefahren, die nunmehr seit 18 Jahren den ”geordneten Ablauf der Hauptversammlung” mit ihren kritischen Beiträgen stören. Ihre zwei Dutzend Gegen- anträge wiegelte Schneider routiniert als ”unbegründet” ab, ihre Fragen beantwortete er ausweichend bis diffamierend. Die Rede von CBG-Gründungsmitglied Axel Köhler- Schnura etwa quittierte Schneider mit dem Hinweis: ”Ich will Ihre Ansichten nicht kommentieren, denn sie dienen ja lediglich der Selbstdartstellung.” Dabei hatte Köhler-Schnura erneut auf den fortwährenden Skandal nicht entschädigter NS-Zwangs- arbeiterInnen hingewiesen und BAYER-Chef Schneider in einer bewegenden Rede - wie im vergangenen Jahr - erneut aufgefordert, sich im Namen des Konzerns für zugefügtes Leid zu entschuldigen. Vergebens. Als CBG-Geschäftsführer Philipp Mimkes sich wenig später des Themas erneut annahm, stellte Aufsichtsrats- vorsitzender Hermann-Josef Strenger in seiner Funktion als Versammlungsleiter für kurze Zeit sogar das Mikrofon ab. Keine Spur von ”Chemie im Dialog”, wie in großspurigen Anzeigen immer wieder versprochen. Stattdessen gab es Brot und Spiele - eine Verpflegung, die für lange Schlangen an den Ausgabetheken sorgte und nach dem großen Fressen zu einer erheblichen Abwande- rung von Butterfahrts-AktionärInnen führte sowie dumpfbackige Speichelleckvorträge mit einem gewissen Unterhaltungswert von bestellten RednerInnen. So lobhudelte beispielsweise der Betriebsratsvorsitzende von Wuppertal über die ausgezeichnete Geschäfts- und Standortspolitik von BAYER und wetterte gegen die Reden der Kritischen AktionärInnen in einem Tonfall, den Vorstandschef Schneider sich auf diesem Niveau vermutlich nicht hervorzubringen getraut hätte. Doch auch dieser sparte nicht mit unsachlichen Ausfällen und persönlicher Herabsetzung seiner Gegner. Auf die Rede von CBG-Vorstandsmitglied Hubert Ostendorf, der die tausendfache Hepatitis-C-Infizierung von Blutern durch BAYER-Produkte sowie Bestechung von ÄrztInnen geißelte, entgegnete Schneider aus sicherer Entfernung vom hell erleuchteten Podium: ”Sie erwecken in Ihrem Vortrag den Eindruck, dass Sie Schwierigkeiten haben, das Thema richtig darzustellen.” Ähnlich reagierte er auf den Beitrag der niederländischen Milchbäuerin Aarlte Dijkstra, die den Tod Tausender Kühe durch einen BAYER-Impfstoff beklagte. Die Hauptversammlung sei nicht der Ort, derartige Dinge zu thematisieren. Im übrigen, so Schneider, sei BAYER in den Fällen, in denen ein Zusammenhang zwischen dem Tod der Kühe und dem Impfstoff nachgewiesen worden sei, der ”Schadensersatzpflicht nachgekommen.” Aarltje Dijkstra fühlt sich durch diese Darstellung der Dinge schlichtweg hinters Licht geführt. Nachdem die ersten Kühe gestorben seien, habe BAYER noch unbürokratisch entschädigt. Doch als dann offenbar wurde, dass die ganze Branche von der Katastrophe betroffen sei, habe der Konzern durch Untersuchungen feststellen lasen, dass in den meisten Fällen ”ein Zusammenhang nicht besteht” und die Zahlungen verweigert. Im übrigen, so die rebellische Bäuerin, stimme auch nicht, was Schneider als Kommentar zu ihrem Gegenantrag gesagt hätte. Ihre ”Aktionskampagne” sei keineswegs, wie behauptet, ”durch ein niederländisches Gericht untersagt” worden. Lediglich der Slogan ”Tot durch BAYER” wurde verboten, nicht aber der Hinweis ”Krank durch BAYER”. Was Schneider selbst nicht schaffte, erledigte zum Teil das Publikum. Zar gab es immer wieder Beifall für die Reden der Kritischen, aber auch gezielte Zwischenrufe vereinzelter aufgebrachter AnteilseignerInnen, die Aufsichtsratschef Strenger unverhohlen unterstützte und ermutigte: ”Ich habe volles Verständnis für Ihre Zwischenrufe.” Unter dem Eindruck dieser Verhöhnung betrat Christiane Niesel das Podium und fragte sichtlich erregt, wie man in Anbetracht ”unzähliger Toter durch die BAYER-Geschäfte zur Tagesordung übergehen kann”. Erneute Buhrufe aus dem Publikum, Zwischenkommentare von Strenger. Christiane Niesel wurde derart irritiert, dass sie frustriert auf die Beendigung ihrer sorgfältig vorbereiteten Ausführungen verzichtete. Henry Mathews vom Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre dagegen ergriff gleich mehrfach das Wort. Er beschwerte sich über die Diskriminierung seiner KollegInnen und kritisierte den hemmungslosen Antibiotika-Einsatz in der Tiermast. Und: Weil er mit der Antwort von BAYER-Chef Schneider nicht zufrieden war, ging er gleich wieder, und nach einer erneut unzureichenden Antwort zum dritten Mal zum Mikrofon. Die Hauptversammlung endete formal mit einem Abstimmungserfolg für den Vorstand und den Aufsichtsrat. Lediglich 0,1 % bzw. 285.000 Aktien entfielen auf die Anträge der KritikerInnen, Vorstand und Aufsichtsrat nicht zu entlasten und die Dividende für die Wiedegutmachung der durch BAYER angerichteten Schäden zu verwenden - bei einer fast 100%igen Kapitalkonzentration auf Banken und Versicherungen kein Wunder. ”Wenn wir einen Durchschnittsbesitz von 150 Aktien bei KleinaktionärInnen unterstellen, dann entspricht das einer Unterstützung von fast 2.000 Menschen”, rechnet CBG-Sprecher Köhler-Schnura vor. ”Angesichts von 6.000 TeilnehmerInnen gar kein so schlechter Erfolg”, sagt er und schmunzelt. Rede von Lars Neumeister (Pestizid Aktions-Netzwerk) auf der BAYER Aktionärsversammlung am 28. April 2000 Sehr geehrte Damen und Herren, am Anfang meiner Rede möchte ich aus dem Geschäftsbericht der BAYER AG aus dem Jahre 1995 zitieren. Im Abschnitt Arbeitsgebiet Landwirtschaft heißt es dort unter anderem: „Mit einem „Drei Punkte Programm“ haben wir uns hinsichtlich Forschung, Entwicklung und Vertrieb der Pflanzenschutz-Produkte klare Ziele für die kommenden fünf Jahre gesetzt, um wichtige Aspekte wie Umweltschutz und Produktsicherheit noch weiter voranzubringen. So werden wir die eingesetzte Produktmenge je Anwendung noch weiter reduzieren und Produkte der WHO-Toxizitätsklasse 1 schrittweise durch Präparate mit geringerer Giftigkeit ersetzen.“ An dieser Stelle möchte ich den Vorstand fragen, wie weit die Ziele des 3 Punkte Programms im Jahr 1999 umgesetzt wurden. Denn 5 Jahre später sind diese Wirkstoffe immer noch auf dem Markt und tragen zur Vergiftung von Mensch und Umwelt bei. Ein besonders schockierendes Beispiel wurde uns durch das Pestizid Aktions-Netzwerk in den Philippinen bekannt. Menschen und die Umwelt wurden dort durch Pestizide vergiftet. Unter anderem wurden dort die BAYER Wirkstoffe Fenamiphos und Carbofuran ausgebracht. Beide Wirkstoffe gehören zur höchsten Giftigkeitsklasse der Weltgesundheitsorganisation. Im Dorf Kamukhaan, das seit 19 Jahren von Bananen-Plantagen umgeben ist, klagen die BewohnerInnen über akute Vergiftungserscheinungen sowie chro-nische Krankheiten wie Krebs, Asthma und Anämie. Pestizide werden dort nach der Ausbringung oft direkt durch die Luft ins Dorf eingetragen. Die Flüsse und das Grundwasser sind verschmutzt und die wenigen verbliebenen Fische kontaminiert. Allein im Juli 1999 starben neun Menschen an den Folgen von Pestizidvergiftungen. Im Dorf geborene Kinder kommen häufig mit körperlichen Missbildungen und geistigen Behinderungen auf die Welt. Viele sterben während oder kurz nach der Geburt. Nicht nur die direkten Einwirkungen durch Pestizide schädigen die Bewohner des Dorfes. Alle wirtschaftlichen Grundlagen des Dorfes sind durch den Chemikalieneinsatz auf den Plantagen beeinträchtigt. Die Kokospalmen trugen keine Früchte mehr und mussten gefällt werden. In den Flüssen befinden sich kaum noch Fische. Auf den durch Agrochemikalien unfruchtbar gewordenen Böden ist es sehr schwierig geworden, Marktfrüchte anzubauen oder die Selbstversorgung zu sichern. Vieh und Geflügel zu erzeugen, ist fast unmöglich, weil die Tiere immer wieder durch die Pestizideinwirkung getötet werden. Durch die Vermarktung von Pestiziden der Giftigkeitsklassen „extrem gefährlich“ und „hoch gefährlich“ der Weltgesundheitsorganisation sind Produzenten wie die BAYER AG mit verantwortlich für die Gesundheits- und Umweltschäden in den Philippinen. Die Vorkommnisse in den Philippinen widersprechen den klaren Zielsetzungen BAYERs und ich frage Sie, ob Sie dazu Stellung nehmen können? Zum Abschluss meiner Rede möchte ich aus dem Geschäftsbericht der BAYER AG aus dem Jahr 1999 zitieren. In der Einleitung heißt es: „Die technische und wirtschaftliche Kompetenz des Unternehmens ist für uns mit der Verantwortung verbunden, zum Nutzen der Menschen zu arbeiten und unseren Beitrag für eine dauerhafte und umweltgerechte Entwicklung zu leisten.“ Wir stellen nun die Frage an den Vorstand: Wird BAYER dieser Verantwortung gerecht und das Ziel aus dem Jahr 1995, die „...Produkte der WHO- Toxizitätsklasse 1 schrittweise durch Präparate mit geringerer Giftigkeit ersetzen“ im Jahr 2000 erreichen? - Vielen Dank. Auf die Rede von Lars Neumeister (PAN Germany) äußerte der BAYER-Vorstand, das „Drei Punkte Programm“ verlaufe planmäßig, über die Vorkommnisse in den Philippinen sei ihnen nichts bekannt, man werde sich darüber aber informieren. [gallery]